PJ am CMC - Mit dem Kopf wackelnd durch Indien

Aline war für ein halbes PJ-Tertial am Christian Medical College in Indien. Ob das Land der 1000 Farben die Reise wert war, wie die Arbeit im Krankenhaus aussah und was sie in ihrer Freizeit erlebte, erzählt sie hier.

 

Das Hauptgebäude des CMC Vellore

 

Motivation

Nach meinen bisherigen Erfahrungen mit Praktika im Ausland (Pflegepraktikum in den USA, zweimal Famulatur in Ruanda, Famulatur in China, Auslandssemester in Paris), fragten mich viele meiner Freunde zu Hause: warum nun auch noch Indien? Die Antwort darauf ist weder besonders einfach noch besonders originell: Ich wollte mich selbst davon überzeugen, was jeder, der schonmal in Indien war, sagt: „Das ist nochmal eine ganz andere Erfahrung und sowieso ein ganz anderes medizinisches Arbeiten“.

 

Kurzum: Ich war einfach neugierig. Leider hört man ja viel zu oft, dass vor allem. dass Chirurgie- Tertial in Deutschland das blödeste ist. Daher wollte ich dieses Tertial - zumindest zur Hälfte - gerne woanders verbringen.

 

Bewerbung

Ungefähr ein Jahr im Voraus habe ich mich bei verschiedenen Krankenhäusern weltweit via E-Mail beworben (die Krankenhäuser habe ich über die LPA- Liste NRW gefunden und die Mail-Adressen schließlich auf den einzelnen Homepages). Das Tolle am Christian Medical College (CMC) in Vellore ist, dass es eine eigene International Relations-Abteilung gibt: somit bekommt man meist innerhalb weniger Tage eine Antwort.

 

Vorbereitung

Für Indien benötigt man ein Visum. Es reicht ein Touristenvisum, das man ca. zwei Monate vorher beantragen sollte. Ich selbst habe das über „VisaFix“ machen lassen. Das kostet ein wenig mehr, ist aber dafür sehr bequem. Versichert bin ich über den Hartmannbund. Diese Versicherung ist während des Studiums kostenlos und deckt auch die Krankenhaushaftpflicht mit ab.

 

Für vier Wochen „elective“ am CMC muss man 8000 Rupien zahlen (umgerechnet ca. 100€). Für jede weitere Woche kommen 2000 Rupien dazu. Das fand ich im Verhältnis zu dem, was andere Krankenhäuser verlangen, noch vernünftig.

 

Angereist bin ich mit Lufthansa für ca. 700€. Den Flug habe ich im Juni gebucht. Über Abu Dhabi und Dubai gibt es wohl einige Verbindungen, die je nach Jahreszeit günstiger sind (ich bin am 26.12. geflogen, daher war alles relativ teuer). Das CMC bietet einen Abholservice an, der einen von Chennai (2400 Rupien) oder von Bangalore abholt.

 

Unterkunft

Im International Modale Hostel kommt man für 250 Rupien pro Nacht unter. Man teilt sich ein Zimmer zu zweit und hat ein eigenes Bad, was ich gar nicht erwartet hätte. Es gibt sogar Toilettenpapier;) Sollte das Modale voll sein, gibt es noch Platz im CHTC auf dem Campusgelände (350 Rupien pro Nacht) oder manchmal sogar in Gästehäusern des einen oder anderen Arztes für ähnliches Geld.

 

 

College Bus, der zwischen CMC Campus und Krankenhaus verkehrt.

 

Alles in allem haben mich die Unterkünfte hier sehr überrascht: sie sind einfach ausgestattet, aber absolut ausreichend und zufriedenstellend. Internet gibt es für 500 Rupien für vier Wochen. Der Campus liegt sehr schön, umgeben von ein paar kleinen Hügeln. Es ist grün und für indische Verhältnisse ruhig. Auf dem Campus gibt es eine Kantine, die von 7 Uhr bis 21 Uhr geöffnet hat und durchgängig warmes, aber leider sehr fettiges Essen serviert. Vom Campus in Bagayam kommt man in ca. 20 Minuten mit einem kostenlosen College Bus zum Krankenhaus in Vellore.

 

Im Krankenhaus

Der Krankenhauskomplex ist ein riesiges Gelände auf dem jede Fachrichtung vertreten ist. In jedem Haus gibt es eine Caféteria, in der man gut und günstig für 1-2 Euro essen kann. Ich selbst war in der Chirurgie eingeteilt, aber andere internationale Studierende haben Innere, Pädiatrie, Community Health, Neurologie, Gynäkologie, Emergency Medicine, Dermatologie … gemacht. Vor Ort sind die Leute sehr flexibel und man kann in viele Fächer auch einfach mal für 1-2 Tage reinschnuppern, wenn man es dementsprechend vorher abklärt.

 

 

Selfie in überdimensionaler OP-Kleidung

 

In der ersten Woche war ich im CHAD (Community Health and Development) und mit zwei Ärzten täglich in mehrere Dörfer gefahren, um Schwangere zu untersuchen und Medikamente zu verschreiben. Überrascht hat mich medizinisch betrachtet besonders, dass die größten Gesundheitsprobleme nicht Unterernährung oder Infektionskrankheiten sind, sondern dass auch in Indien mittlerweile Diabetes und Hypertonie (und ihre Folgeerkrankungen) einen Großteil des Patientenklientels betrifft.

 

Morgens bin ich meistens mit dem 7.30Uhr-Bus zum Krankenhaus gefahren. So kam ich je nach Verkehrslage zwischen viertel vor und acht Uhr am CMC an. In den chirurgischen Abteilungen wird nur 2-3x pro Woche operiert, an den anderen Tagen sind entweder Out-Patient-Days oder Ward Rounds mit vorhergehenden Audits und academic sessions.

 

Da ich jede Woche in einem anderen Bereich eingeteilt war, konnte ich sehr viele verschiedene OPs sehen und mich mit den unterschiedlichsten Krankheitsbildern beschäftigen. Das fand ich super. Der Nachteil daran ist jedoch, dass man jede Woche montags neu beginnt, sich Leuten vorzustellen und man daher wenig selbst machen darf, weil sie dich einfach noch nicht gut genug kennen. Das muss einfach jeder selbst für sich entscheiden, was einem lieber ist.

 

Ärzte tragen hier keine Kittel, die Männer tragen Hemd und Anzughose und die Frauen tragen die typischen weiten Hosen und lange Oberteile, die den Po überdecken, meist aber sogar bis zu den Knien reichen. Im OP selbst gibt es Einheitsgrößen – (daher riesig groß) Baumwollkasaks. Man trägt im OP seine Straßenschuhe, aber hat Schuhüberzieher (entweder Einmal- oder Baumwoll-Überzieher).

 

Man wird überall angesprochen. So hatte man immer viel Kontakt zu Patienten (die englisch sprechen konnten), Studenten, Schwestern oder den Leuten auf den Straßen. Generell hat man in Indien selten seine Ruhe – sofern man nicht in seinem Zimmer ist.

 

Freizeit

Da wir meist mehrere internationale Studierende waren, sind wir an den Wochenenden je nach Interessenlage gemeinsam weggefahren und haben uns in der Umgebung umgesehen. In der Nähe (sprich 2-5 Stunden Fahrtzeit) von Vellore liegen Bangalore, Chennai, Pondicherry (mit Auroville), Mahabalipuram, Tiruvannamalai, …

Ich war zusätzlich ein verlängertes Wochenende in Kerala, auf den Andamanen und ein weiteres Wochenende in Pune. Andere Gruppen sind auch für ein langes Wochenende nach Agra zum Taj Mahal geflogen oder nach Goa. Langweilig sollte es einem also in Indien nicht werden.

 

 

Ein Mann türmt auf einem Markt das Pulver auf, das Inder auf der Stirn tragen.

 

Innerhalb der letzten Jahre habe ich immer wieder damit gerungen, ob es vernünftig ist, alleine als Frau in Indien ein Praktikum zu machen. Jetzt, am Ende meines halben PJ- Tertials, kann ich definitiv sagen, dass es eine gute und richtige Entscheidung war. Ich habe mich selten unsicher gefühlt. Es gibt immer Leute, die auf einen aufpassen: dass man nicht von komischen Männern angesprochen wird, dass man an der richtigen Haltestelle aus dem Bus steigt usw.

 

Aber man muss sich definitiv den indischen Gepflogenheiten anpassen: vielerorts darf man keine Schultern zeigen (außer in touristischen Orten), Frauen sollten auch immer lange Hosen tragen, die ihre Knöchel bedecken. Wenn man das nicht macht, darf man sich nicht wundern, dass man angesprochen oder evtl. sogar angefasst wird. Auch sollte man nachts nicht allein unterwegs sein. In Gruppen ist es wiederum kein Problem.

 

Fazit

Wieder zurück in Deutschland, habe ich gemerkt, dass ich mir das indische Kopfwackeln angewöhnt habe. Bei jeder Mahlzeiten möchte ich statt Besteck lieber die Hände nehmen und auf der Straße vermisse ich die Kühe. Auch wenn ich in den acht Wochen medizinisch nicht viel dazugelernt habe (was aber häufig im Ausland der Fall ist) so habe ich viele Vorurteile relativieren können (z.B. zum Thema arrangierte Ehe), spannende Menschen getroffen, einen Einblick in das medizinische System gewonnen, ein Stück von Indien kennen und verstehen gelernt und wurde fast täglich aufs Neue herausgefordert.

 

 

Aline im landestypischen Saree

 

Das sind meiner Meinung nach die Gründe, weshalb ich immer wieder ins Ausland will. Auch wenn es dieses Mal vielleicht ein wenig länger gedauert hat, das zu erkennen, so kann ich mittlerweile sagen, dass die Zeit in Indien eine absolut lohnenswerte Erfahrung war. Und es stimmt schon: Indien überrascht einen tatsächlich täglich aufs Neue mit Dingen, die man sich nicht hätte vorstellen können, sowohl im positiven, als auch definitiv im negativen Sinne. Damit übt es einen einmaligen Reiz aus, der einen sicher mal wieder nach Indien zurückziehen wird – zumindest mich.

 

Ms. Sheelas Email Adressse:
Princi@cmcvellore.ac.in

Sie ist diejenige, die alle internationalen electives organisiert und koordiniert.

Schlagworte
Mein Studienort

Medizinstudenten berichten aus ihren Unistädten

Werde Lokalredakteur Die Unistädte auf Google Maps
Medizin im Ausland

Erfahrungsberichte und Tipps aus über 100 Ländern

Erfahrungsbericht schreiben Auslands-Infopakete