• Bericht
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  • Bijan Baten
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  • 18.12.2019

Famulatur im Shohada-Krankenhaus, Tehran

Motivation

Anfang 2017 entschloss ich mich, eine Famulatur in meiner zweiten Heimat, dem Iran, zu absolvieren. Ich habe das Land schon häufig bereist und wollte im Zuge meines diesjährigen Besuchs auch das Gesundheitssystem und die Medizin dort kennen lernen. Außerdem ist es für mich persönlich durchaus eine Option, später als praktizierender Arzt auch im Iran Menschen zu behandeln.

Bewerbung

Durch einen Bekannten meines Vaters, der Arzt an einem Lehrkrankenhaus der Universität ist, wurde recht kurzfristig (August 2017) ein Kontakt zu der Universität hergestellt. Benötigt wurde ein CV und ein Letter of Recommendation, der mir vom ZIB Med ausgestellt wurde. Auf dieser Webseite findest du unter „How to apply to SBUMS“ einen Leitfaden zur Bewerbung. Lass dich nicht von der Fülle der Voraussetzungen abschrecken, wie Publications, Professional Work Experience oder TOEFL-Test. Ich weiß nicht, warum die Universität derartig viele Punkte angibt. Sicher ist aber, dass du diese Voraussetzungen nicht (alle) erfüllen musst.

Ich bin mir da so sicher, weil ich mich vor meiner Bewerbung an der Shahid Beheshti University of Medical Scienes & Health Services (SBUMS) bei der Tehran University of Medical Sciences beworben hatte. Auf deren Internetseite wurden ebenfalls so viele Nachweise und Dokumente gefordert, dass mein beinahe das Gefühl hatte, sich eher für einen Facharzt als für eine Famulatur zu bewerben. Letztlich habe ich dann „nur“ einen CV, ein Motivationsschreiben, mein Physikumszeugnis, einen Transcript of Records sowie einen Letter of Recommendation (ausgefüllt von einem Dozenten meiner Wahl) abgeschickt und wurde für die Famulatur angenommen. Diese habe ich dann aber nicht angetreten, da dort ein Entgelt von 770$ fällig gewesen wäre – bei der SBUMS wird kein einziger Dollar verlangt. Zusammenfassend also: Schick alles ab, was untermauert, dass du ein fleißiger und guter Student in Deutschland bist und das rechtzeitig mit etwa 2-3 Monaten Vorlaufzeit. Dann wirst du mit Handkuss aufgenommen.

Vorbereitung

Vor der Reise sind die Standardimpfungen aufzufrischen, auch gegen Hepatitis A solltest du dich impfen lassen. Gegen Meningokokken-Erkrankungen, Typhus und Tollwut habe ich mich nicht impfen lassen.
Für die Reise nach Iran wird ein Visum benötigt. Hier erhältst du genauere Informationen über das Visum. Eine deutsche Krankenversicherung ist obligat. Solltest du im Zuge deiner Vorbereitung einen Sprachkurs machen wollen, kannst du diesen an der VHS absolvieren. Hier kannst du im 1. Semester Persisch sicherlich einige grundlegende Begriffe lernen und dich mit der Schrift vertraut machen. 

Unterkunft

Tehran, die Hauptstadt des Iran, ist eine riesige Stadt mit circa 14 Millionen Einwohnern und einem sehr chaotischen Straßenverkehr. Es kommt so gut wie nie vor, dass man nicht im Stau steht. Um große Nervenzusammenbrüche bei An- und Abreise zu vermeiden, ist es ratsam, eine Bleibe in der Nähe des Krankenhauses zu organisieren. Dabei hilft dir die Universität, wenn du in deiner Bewerbung darauf hinweist. Ich selbst habe während meiner Famulatur in unserem Heim in Tehran gewohnt und war somit nicht auf die Hilfe der Universität angewiesen.

Die Stadt Tehran

Das Shohada Krankenhaus liegt in Tajrish, einem Stadtteil im Norden Tehrans, bekannt für den Bazzar und zahlreiche Geschäfte. Schräg gegenüber vom Krankenhaus befindet sich der besagte Bazzar, der immer einen Besuch wert ist. Ob kulinarische Delikatessen wie Ab-talebi (frischer Honigmelonensaft) und Tschelo Kabab (Fleischspieße mit Reis) oder traditionelle iranische Kunst – hier gibt es wirklich für jeden etwas zu sehen.

Die Währungen im Iran sind Rial und Toman. 1 Euro entspricht etwa 4800 Toman, was für einen Europäer zunächst ein Schreck sein dürfte, bevor er merkt, bei einer Reise in den Iran mit Leichtigkeit Millionär sein zu können. Für uns Deutsche ist es also recht günstig im Iran: Köstliche Gerichte für 2-3 Euro sind garantiert, Taxifahrten sind ebenfalls super günstig (für 30 Minuten circa 3 Euro) und auch der Einkauf beim Supermarkt um die Ecke wird deinen Geldbeutel nicht schwer belasten.

In Tehran gibt es ein modernes, recht gutes Metronetz, das du auch ohne die persische Sprache/Schrift zu beherrschen, nutzen kannst. Eine Fahrt (egal wie lange) kostet 800 Toman, das sind etwa 16 Cent. Mit dem Taxi bist du ebenfalls günstig unterwegs, und solltest du morgens sehr früh im Krankenhaus anfangen, empfehlenswert. Ab 8 Uhr morgens und ab 16 Uhr nachmittags ist der Stau jedoch so schlimm, dass du, wenn du deine Nerven schonen möchtest, lieber auf die Metro ausweichst. Diese fährt in sehr regelmäßigen Abständen und man muss eigentlich nie länger als 3 Minuten warten. Das Shohada-Krankenhaus liegt schräg gegenüber der Metro-Haltestelle „Tajrish“.

Im Krankenhaus

An meinem ersten Tag in Tehran stellte ich mich zunächst bei der Universität vor, da ich in Deutschland noch kein Wunsch-Lehrkrankenhaus angegeben hatte. Da das Shohada-Krankenhaus nur 15 Minuten zu Fuß von meinem Zuhause entfernt ist, gab ich natürlich dieses als meine Präferenz an. Nach einem kurzen Anruf im Krankenhaus durch den Chancellor for International Affairs war ich im Krankenhaus angekündigt. Noch am selben Tag stellte ich mich bei der Sekretärin eines Arztes vor, die mich in eine Gruppe von 26 Studenten einteilte. Diese Studenten absolvierten ihre Clinical Rotation in Chirurgie im Zeitraum August bis Oktober. Somit waren alle Vorbereitungen abgeschlossen. Im Iran sind organisatorische Dinge etwas komplizierter als in Deutschland, und man muss wirklich Geduld haben. Versucht also, schon in Deutschland ein Lehrkrankenhaus zu organisieren und zeigt überall wo ihr seid die Bestätigung, dass ihr für eine Famulatur angenommen wurdet, vor.

Ein normaler Tag bei der Famulatur sah folgendermaßen aus: Morgens um 6:00 Uhr begann die Morgenrunde, von 7-8 Uhr gab es eine Konferenz der Ärzte über bestimmte Patienten, und von 8-9:30 Uhr wurde eine Vorlesung über ein chirurgisches Thema gehalten. Um 6 Uhr waren die wenigsten Studenten anwesend, und die die da waren, saßen sich erstmal in den Klassenraum und frühstückten, tranken Tee oder schliefen. Um 8 Uhr mussten aber alle anwesend sein, da dann eine Liste rumging, in die sich jeder Student eintragen musste (es sei denn, man hatte eine guten Freund, der für einen unterschrieb).
Nach der Vorlesung konnte man frei entscheiden, wo man hinging: es bestand die Möglichkeit zwischen Notaufnahme, Station, OP oder Tagesklinik. Ich persönlich habe mir alles zu Genüge angesehen, war aber überwiegend im OP, da ich großes Interesse daran hatte zu sehen, wie Chirurgie am Patienten im Iran praktiziert wird. Dort verbrachte ich den restlichen Vormittag, ging dann mit meinen Kommilitonen essen, und nachmittags begab ich mich wieder in den OP oder in die Notaufnahme. Die anderen Studenten hatten dann oft noch eine Vorlesung. Da ich aber bei meiner Vorstellung erwähnte, Chirurgie als Fach bereits in Deutschland gelernt zu haben, wurde ich für die zweite Vorlesung am Tag freigestellt. Die Notaufnahme besuchte ich des öfteren auch abends, da einfach mehr los war und interessantere Patienten eingeliefert wurden.

Grundsätzlich ist zu sagen, dass die OP-Techniken der iranischen Ärzte sich sehen lassen und ich wirklich viel von ihnen lernen konnte. Studenten sind im OP-Saal gerne gesehen und können, wenn sie Interesse zeigen, auch häufig steril am OP-Tisch stehen, intubieren und nähen. Außerdem konnte ich zahlreiche chirurgische Bereiche sehen: von Allgemein-, Tumor-, Gefäß-, und Unfallchirurgie über Urologie und Frauenheilkunde bis hin zu Neurochirurgie und Stereotaxie habe ich überall wertvolle Eindrücke sammeln können und war sehr nah am Patienten dran. Als Medizinstudent aus Deutschland wird man sehr warm empfangen und auf Arzt- und Patientenseite besteht ein großes Interesse für das Leben und das Studium bei uns.
Viele Ärzte beherrschen auf Englisch medizinische Fachbegriffe, und der Großteil der Patienten spricht ausschließlich Farsi (Persisch). Dies sollte man, wenn man kein Farsi beherrscht, berücksichtigen, ist aber kein Ausschlusskriterium, da man im OP mit Englisch schon sehr weit kommt – schließlich sind alle Fachbegriffe und ein Großteil der Erkrankungen auf Englisch / Lateinisch. Man sollte aber einen eigenen Kittel sowie eigene OP-Kleidung mitbringen, da diese üblicherweise im Iran vom Krankenhaus nicht gestellt werden. Insgesamt ist man im Krankenhaus schon oft auf sich alleine gestellt, daher hilft es, sich an kompetenten Ärzten und seinen Kommilitonen zu orientieren. Die Ärzte und Angestellten sind sehr hilfsbereit und erklären viel, wenn man auf sie zugeht und fragt.

Auffällig war, dass in dem Krankenhaus, in dem ich famulierte, die pflegerische Versorgung gering ausfiel, und viel Pflege von Familienmitgliedern übernommen wurde. Dies ist im Iran und in einigen anderen Ländern des nahen Ostens kulturell so üblich. Ansonsten entsprach die medizinische Versorgung hinsichtlich Indikationsstellung für Operationen und Ausführung dieser einem guten Standard. Außerdem sind die Arbeitszeiten der Ärzte anders als in Deutschland: ein Assistenzarzt im 2. Jahr Chirurgie sagte mit, er arbeite bis zu 120 Stunden in der Woche.

Im Unterschied zum deutschen Studiensystem dauert das Medizinstudium im Iran 7 Jahre. Außerdem ist es viel schwieriger als bei uns, überhaupt für das Medizinstudium zugelassen zu werden. Nach der Schule lernen alle 1 Jahr lang für den sogenannten „Concours“, eine schriftliche Prüfung über eine riesige Menge an Stoff. Nur die Besten in diesem Test erhalten eine Zusage. Das Medizinstudium ist außerdem so aufgebaut, dass die Studenten in unseren Semesterferien ihre Rotationswochen haben, an deren Ende dann eine Klausur über das jeweilige Fach steht. Somit sind auch die Ferien der iranischen Studenten kürzer bemessen (circa 1 Woche pro Semester).

Freizeit

Der Iran bietet landschaftlich und kulturell viele Möglichkeiten an Freizeitaktivitäten. In Tehran gibt es zahlreiche Museen, Restaurants, Malls und Bazzars. Eine der Lieblingsbeschäftigungen junger Iraner ist es, sich in Coffeshops zu treffen, Tee oder Kaffee zu trinken und zu quatschen. Gegenüber Europäern sind sie sehr offen und interessiert. Die Leute insgesamt nehmen einen warmherzig auf und sind hilfsbereit. Auch eine Reise an das Kaspische Meer, circa 4 Stunden Autofahrt von Tehran, ist wärmstens zu empfehlen.

Fazit

Für mich war es eine tolle, bereichernde Erfahrung in einem iranischen Krankenhaus zu famulieren und mich mit der Medizin vertraut zu machen. Auch wenn ich persönlich eine starke Verbindung zum Iran habe, kann ich mir vorstellen, dass auch für Nicht-Iraner eine Famulatur dort sehr lehrreich und aufregend sein könnte. Wenn du berücksichtigst, dass dort gewisse (islamische) Regeln herrschen, an die du dich halten musst, steht einer tollen Zeit nichts im Weg. Der Iran ist landschaftlich, menschlich, geschichtlich und gesellschaftlich ein faszinierendes, sich im Wandel befindendes Land.

 

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