• Bericht
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  • Claudia Wengert
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  • 08.01.2007

PJ-Tertial Innere in Ballinasloe, Irland

Irland soll an die 40 verschiedene Grüntöne besitzen. Dieser Eindruck bestätigte sich für Claudia, als ihr Flugzeug über dem Flughafen von Dublin kreiste. Grüne Weidenflächen knüpften sich wie bei einer Steppdecke aneinander. Für zwei Monate sollte die Insel ihre neue Heimat sein.

Alle Fotos: Claudia Wengert

 

Irland, die grüne Insel im nördlichen Atlantik, reizte mich schon immer. Der Nordwesten Irlands gilt als eine der spektakulärsten Küstenlandschaften Europas. Daher freute es mich besonders, als ich die Zusage vom Portiuncula Hospital in Ballinasloe Irland erhielt. Ballinasloe liegt an der Hauptstrasse Dublin-Galway. Der kleine Ort präsentiert sich auf einer Werbetafel als Tor zum Westen. Besucher können von Ballinasloe aus strahlenartig wichtige Touristenpunkte im westlichen Teil Irlands entdecken. Der Ort selber ist aber mit seinen etwa 7600 Einwohnern sehr klein.

Traditionell ist Irland ein Agrarland, doch mittlerweile bietet die Industrie die meisten Arbeitsplätze. Trotzdem bereitete ich mich auf ein Schafehüten und Trollevertreiben vor.

 

Sprachschwierigkeiten

Gegen 9.30 Uhr begann mein erster Tag im Krankenhaus. Ich war in das Team von Dr. Barton, Kardiologe, eingeteilt. Einer der Assistenzärzte holte mich am Eingang ab und führte mich gleich in den Coffeeshop. Hier saß das ganze Team um einen kleinen Tisch verteilt und trank Kaffee.

Schon in den ersten Minuten musste ich an meine Englischkenntnissen zweifeln, denn ich verstand von der laufenden Diskussion rein gar nichts. Am Abend vorher hatte mich schon meine Gastmutter, bei der ich übernachtete, mit dem schwerverständlichen irischen Dialekt konfrontiert. Doch hier bot sich mir eine noch größere Herausforderung. Eigennamen, die ich fälschlicherweise für Bezeichnungen bestimmter Krankheiten hielt, brachten mich ins Grübeln. Ich brauchte eine Weile, bis ich erkannte, dass hier nicht die Innere Medizin den Gesprächsstoff lieferte. Politik gilt als eine der häufigsten Diskussionsgrundlagen der Iren. Da sich Dr. Barton für die Wahl des Minister for Health im Mai 2007 aufgestellt hatte, war Gesundheitspolitik sein Lieblingsthema.

 

Eine fremde Umgebung

Das Portiuncula Hospital ist ein ehemals von Franziskanernonnen geführtes Kreiskrankenhaus. In Irland sind über 90% der Bevölkerung katholischen Glaubens. Kreuze, Madonnenstatuen und Heiligenbilder schmückten die Gänge und Zimmern. Um die Mittagszeit schreitet eine Schwester mit einer Glocke über die Stationen und verteilt Oblaten an die Gläubigen. Im hinteren Bau des Krankenhaus befindet sich eine Kapelle. Über die Zimmerfernseher können bettlägige Patienten die tägliche Messe verfolgen. Doch irritierte mich anfangs nicht nur der religiöse Touch des Krankenhauses. Überall haften Aufklärungstafeln z.B. über Hygiene und Händedesinfektionen an den Wanden. Die Gänge sind mit medizinischen Gerätschaften zugestellt, so dass es teilweise schwierig ist, mit dem Visitewagen durch zu kommen.

 

Portiuncula Hospital

 

Der Coffeeshop sollte sich übrigens zu einem Dreh- und Angelpunkt meiner täglichen Arbeit entwickeln. Morgens, mittags und gegen Abend fand sich unser Team dort regelmäßig für eine kleine Pause ein.

 

Visite

Das Team um Dr. Barton bestand aus fünf Ärzten und einem Studenten der Universität Galway. Mich überraschten die verschiedenen Nationalitäten der Ärzte. Mustaba und Hatim kamen ursprünglich aus Palästina, Dr. Karim aus Indien, Naning aus Malaysia und Sahra aus Irland. Im Portiuncula Hospital bildeten vier Teams die Innere Abteilung: Kardiologie, Geriatrie, Endokrinologie und Gastrologie.

Unsere Visite begann auf der Intensivstation, ein übersichtlicher Raum mit etwa 8 Betten. An einer Wand hing eine Tafel, die die einzelnen Patienten ihrem Ärzteteam zuwies. Jeden Tag begutachtete Dr. Barton bzw. einer der beiden Registrars in seiner Vertretung die EKGs auf der Intensivstation. Im Gegensatz zu deutschen Krankenhäusern betreute nicht ein Team seine Station, sondern die Patienten waren je nach Erkrankung auf die Teams aufgeteilt.

So mussten wir täglich durch alle vier Stationen gehen, um unsere Patienten zu visitieren. Zweimal in der Woche war der Chefarzt dabei, ansonsten führte die Visite einer der beiden Registrars. Mit dem gesamten Team warteten wir unseren Patienten auf. Der ranghöchste Arzt befragte und untersuchte den Kranken, während das restliche Team seine Anordnungen dokumentierte und Diagnostikmaßnahmen anmeldeten. Bei interessanten Fällen vergaß Dr. Barton aber nie seine Studenten. Er machte uns gegebenenfalls auf einen hohen JVP oder ein Herzgeräusch aufmerksam.

Mit mindestens 4-6 Betten waren die einzelnen Zimmer sehr groß. Die Privatsphäre der Patienten wird durch einen Vorhang sichergestellt, den wir bei Untersuchungen zuzogen. Auch die Konsile aus anderen Abteilungen bestritt das ganze Team gemeinsam während der Visistenrunde. Dabei war Dr. Barton immer ein grundlegendes pathophysiologisches Verständnis wichtig.

 

Studenten aus Galway im Coffeeshop

 

Aufnahme mit Kontrolle

Da es in Irland keinen niedergelassenen Kardiologen gibt, betreuten wir dienstags die Outpatientklinik. Darunter fielen sowohl neue Patienten, die von ihrem Hausarzt überwiesen wurden, als auch die Nachsorge bekannter Patienten. Die Termine für die Outpatientklinik waren sehr straff organisiert. Somit hatten wir immer viel zu tun. Dennoch müssen viele der Patienten etwa ein halbes Jahr auf ihre Untersuchung warten. Eine der Punkte, gegen die Dr. Barton in seiner Politik vorgehen möchte. "Privatkliniken werden von Steuergelder bezahlt. Und hier warten unsere Patienten 6 Monate auf einen Termin. Das ist eine fu... Ungerechtigkeit." erbostete er sich häufig.

Während der Outpatientklinik durfte ich die neuen Patienten aufnehmen und untersuchen. Diese stellte ich dann dem Chefarzt vor, der dann nochmals selbst das Herz abhörte. Auch die fertigen Ärzte sprachen viele Entscheidungen vorher mit Dr. Barton ab.

 

Der Unterricht

Dienstags besprach Dr. Darken, eine Endokrinologin, mit Assistenzärzten und Studenten gemeinsam MC-Fragen des amerikanischen Examens. Ähnlich wie unsere neuen Fallfragen, erarbeiteten wir uns an Patientenbeispielen die Lösung. Diesen Unterricht sponserte die Pharmaindustrie mit Kaffee und Muffins, so dass es uns leichter fiel, bis 18:00 Uhr aufzupassen. Dr. Barton gab regelmäßigen EKG-Unterricht und auch er ließ es sich nicht nehmen, uns hin und wieder zu einem Kaffee einzuladen. Freitag morgens fand für die gesamte Innere- und Chirurgische Abteilung eine Fortbildung statt. Zwei bis drei Ärzte referierten dabei über einen interessanten Patientenfall, den ihr Team betreute. Diese Fortbildung ist nicht nur für Ärzte gedacht. Auch Krankenschwestern und Physiotherapeuten besuchen regelmäßig die Vorträge.

 

Keine Sonographie

Es gab für mich auch die Möglichkeit, einen der diensthabenden Ärzte in der Notaufnahme zu begleiten. Hier arbeiten ER-Doktoren, die sich alle Patienten ansehen und die Diagnostik einleiten. Nun kommen die diensthabenden Assistenzärzte hinzu, die wiederum den Patienten komplett untersuchen und entscheiden, ob eine Aufnahme in die Klinik notwendig sei oder nicht. Bleibt der Patient wird ein Oberarzt gerufen, der die endgültige Entscheidung fällt. Es überraschte mich, dass zu den Standartdiagnostik kein Ultraschall gehörte. Ein Röntgenbild dagegen war unumgänglich. Selbst eine schwangere Frau schickten die Ärzte ohne Diskussion ins Röntgen.

Mit den Ärzten ein Guinness trinken

 

Arbeiten in Irland?

Während meiner Zeit in Irland überlegte ich mir des Öfteren, ob ich mir ein Arbeiten als Ärztin dort vorstellen könnte. Die Arbeitsverträge werden immer für 6 Monate abgeschlossen. So können sich Ärzte zum 1.01. bzw. 1.07 in den Krankenhäusern bewerben. Assistenzärzte haben einen Anspruch auf Fortbildungsgelder, diese entsprechen etwa 700 Euro pro Halbjahr. Auch dürfen sie etwa 10 Tage Fortbildungsurlaub nehmen. In Deutschland müssen Jungassistenten teilweise z.B. ihren Sonographieunterricht selbst bezahlen und sich dafür auch noch Urlaub nehmen. Gerüchten zu Folge sollen ausländische Ärzte mit ihren Diensten in Irland um die 6000 Euro netto verdienen. Trotz der höheren Lebenserhaltungskosten eine gute Summe. Andererseits darf man dabei nicht aus den Augen verlieren, dass dies auf Kosten der Patienten geht: Während sich bei uns der Tumult um die 10 Euro Praxisgebühr noch nicht ganz gelegt hat, zahlen Iren mindestens 50 Euro, um einen Arzt zu sehen. Zweit- und Drittversicherungen ermöglichen den Patienten erst eine bessere und schnellere Betreuung. Ein Thema das Dr. Barton immer sehr aufregt.

Die vielen Rücksprachen mit den Chef- und Oberärzten ermöglicht vor allem Berufsanfängern einen entspannteren Einstieg. Trotzdem störte mich mit der Zeit dieser Mangel an Selbstentscheidung. Kontrollen sind zwar wichtig, doch gehen Entscheidungen hierbei durch zu viele Instanzen. Dies ist meiner Meinung nach weder effektiv noch patientenfreundlich - Patienten warten dadurch stundenlang auf ihre weitere Behandlung.

In Irland gelten noch die 32-Stunden Dienste. Ein weitere Grund für mich, dort zumindest nicht für immer arbeiten zu wollen.

 

Sneem - eine Stadt im Südwesten Irlands

Fazit

Abschließend möchte ich anmerken, dass Studenten in Irland sehr viel praktische Untersuchungen lernen können. Ich fand es erschreckend, dass meine Fähigkeiten in Untersuchungstechniken während meines Studiums so noch nie überprüft worden sind wie hier. Gesetzlich sind aber jegliche invasiven Tätigkeiten von Studenten verboten. Darunter fallen auch die Teils lästigen Blutabnahmen und das Braunülen legen. Wer gerne mehr machen möchte, wie ZVK´s legen oder Aszites punktieren, hat damit in Irland eher selten Glück. Doch fragen schadet nie, und die irischen Ärzte sind gerne bereit einem etwas beizubringen.

 

Kontakt

Eine Bewerbung für eine Famulatur bzw. einen PJ Platz im Portiuncula Hospital könnt ihr an folgende Adresse senden. Meist ist auch eine kurzfristige Bewerbung möglich.

Portiuncula Hospital
Health Service Executive
Ballinasloe
Co. Galway
Tel.: 0035 90 9648200

 

Mrs. Conlon bietet eine nette Unterkunft gegenüber vom Krankenhaus. Ansonsten gibt es auch weitere Adressen vom Krankenhaus aus.

Mrs. Conlon
Quarry House
71 Brackirnagh
Ballinalsoe
Co. Galway
Tel.: 0035 90 9642277

Ballinasloe ist ein sehr kleiner Ort. Ohne Auto ist es dort sehr schwierig etwas zu unternehmen. Dafür hat mir die Studentenstadt Galway sehr gut gefallen. Wer sich lieber dort bewerben möchte, sollte das über Internet auf der folgenden Seite machen.

 

Universität Galway

 

Einkaufsstraße in Galway

 

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