• Bericht
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  • Sharon Schönberg
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  • 27.07.2005

Chirurgie-Tertial im Sha’are Zedek Medical Center in Jerusalem

Wieso Israel?

Da ich das Land schon oft bereist und ich mich immer wohl gefühlt habe, entschied ich mich für ein PJ-Tertial in Israel.
Jerusalem ist eine ganz besondere Stadt, die nicht umsonst von allen Weltreligionen als heilig bezeichnet wird. Aber nicht nur Spiritualität, sondern auch ein völlig normales Alltagsleben hat hier seinen Platz und macht das Leben hier einzigartig.

Das Sh’are Zedek ist bekannt als "Krankenhaus mit Herz", welches seit Jahrzehnten nach jüdischen Werten und Traditionen geführt wird. Viele Freunde berichteten mir schon von guten Erfahrungen, die sie mit dem Krankenhaus gemacht haben, was mir die Entscheidung erleichtert hat.
Da auch die assoziierte Universität, die Ben-Gurion University of the Negev's Faculty of Health Sciences weltweit renommiert ist, stand für mich fest, dass es dieses Haus sein soll.

Bewerbung

Die Bewerbung war seitens des Krankenhauses überhaupt kein Problem. Ich habe mich ein halbes Jahr vorher beworben, aber auch spontanere Anfragen sind in Israel nie ein Thema.
Das Sha’are Zedek heißt Studenten durchaus willkommen. Eine sehr freundliche englischsprachige Sekretärin ist für die ausländischen Studenten verantwortlich und sehr hilfsbereit, auch wenn es um organisatorische Dinge geht.

 

 

Kunst am Eingang des Hauses - Alle Fotos von Sharon Schönberg 

 

Das größere Problem, welches sich mir bot, war, dem Landesprüfungsamt Nordrhein Westfalen verständlich zu machen, dass das Krankenhaus eine Institution von Weltstandard ist, das auch westliche Kriterien mehr als erfüllt. Dies bedeutete einen längeren Papierkrieg von mehreren Monaten. Jetzt ist allerdings das Sha’are Zedek offiziell in die Liste der akzeptierten Lehrkrankenhäuser aufgenommen und dies sollte damit auch für weitere Bewerber kein Hindernis darstellen.

 

Unterbringung

Leider kommt das Krankenhaus den ausländischen Stundenten mit der Unterbringung nicht entgegen, aber die Wohnungssuche gestaltet sich nicht so schwierig, da der Wohnungsmarkt relativ entspannt ist und im allgemeinen sehr viel umgezogen wird. Es ist hier üblich, dass alleinstehende Studenten sich private Wohnungen teilen. So habe auch ich ein Zimmer in einer Wohnung mit vier amerikanischen Studentinnen gefunden, was sehr gut geklappt hat und ich diese Möglichkeit auch weiterempfehlen würde.

Unter http://www.flathunting.com/

kann man seine Wünsche beschreiben, am besten gibt man die Nationalität an, das Alter, die Konfession, den Aufenthaltsgrund, das Geschlecht und ob man in einer gemischten WG leben möchte oder nicht. Es melden sich auf die Anfrage verschiedene Leute, mit denen man dann Kontakt aufnehmen kann. Für ein angemessenes Zimmer zahlt man zwischen 200 und 400 Dollar (Stand von 2005), je nach Lage und Anzahl der Mitbewohner.

 

Krankenhaus

Das Sha’are Zedek ist ein religiös nach jüdischer Tradition und Gesetzen geführtes Krankenhaus. Das bedeutet beispielsweise, dass an Shabbat (beginnt Freitag abends und endet Samstag abends) und allen jüdischen Feiertagen nur eingeschränkt gearbeitet wird und der Sonntag ein ganz normaler Arbeitstag ist. Man sieht viele traditionell gekleidete Patienten und einige religiöse Ärzte. In den Ärzteteams sind alle möglichen Nationalitäten vertreten, besonders viele kommen aus der ehemaligen UdSSR, aber es sind auch viele Amerikaner, Kanadier, Araber, usw. Die gebürtigen Israelis sind fast in der Unterzahl.

Das Krankenhaus ist assoziiert mit der Ben Gurion University of the Negev in Beer Sheva. Es hat 500 Betten und 10 Etagen, von denen drei sich unter der Erde befinden, sodass die OP Säle und der Emergency Room auch bei militärischen Angriffen funktionieren können.

 

Im Stadtteil Yemin Moshe

 

Arbeit im Krankenhaus

Den Studenten wird im Allgemeinen viel Freiheit gelassen, die Anwesenheit wird nicht wirklich überprüft, es verlangt also Eigeninitiative und Engagement zu erscheinen, auch wenn man nicht gezwungen ist.

Der Tag beginnt für die Ärzte um 6:45h mit den Blutabnahmen, was allerdings von den Stundenten nicht verlangt wird. Es folgt um 7:15h eine Frühbesprechung, die allerdings nur Sinn macht, wenn man fließend die Landessprache beherrscht. Anderenfalls erscheint man einfach um 8h zur Morgenvisite. Zwar wird auch hier hebräisch gesprochen, aber da alle Ärzte auch englisch sprechen, kann man auch Fragen stellen, die einem, je nach Geduld und Verfassung des Befragten mehr oder weniger gut beantwortet werden.

Dann beginnt der OP-Teil des Tages. Der Chefarzt, Professor Reismann, ist landesweit einer der besten Chirurgen für endoskopische Viszeralchirurgie und er ermutigt die Studenten immer, sich zu waschen und hautnah mit dabei zu sein.

Den letzten Monat des Tertials habe ich mich den Plastischen Chirurgen angeschlossen, was eine sehr gute Entscheidung war. Hier habe ich bei vielen spannenden OPs aus dem Bereich der Ästhetischen und Verbrennungschirurgie zusehen oder mitmachen dürfen und mir wurde häufig die Gelegenheit zum Nähen gegeben.

 

Sprache

Hebräisch ist keine Bedingung für einen Aufenthalt, da man mit Englisch sehr gut zurecht kommt. Weil ich bereits eine Sprachbasis hatte, hat sich mein Hebräisch zusehends verbessert, da ich meine Barriere, zu sprechen relativ schnell überwunden hatte.

Mehrmals in der Woche hält einer der Arzte einen kleinen Vortrag für alle Studenten (es gibt häufig eine Gruppe von Studenten im vierten Jahr aus Beer Sheva, die hier Praktikum machen). Ich wurde immer gefragt, ob es für mich angenehmer sei, den Vortrag in Englisch zu hören. Insgesamt nahmen die Leute Rücksicht auf meine etwas eingeschränkten Sprachkenntnisse, da es einfach so viele Neueinwanderer gibt und jedermann weiß, wie schwer es einem fällt, sich in die Sprache einzugewöhnen.

 

Freizeit

Blick in die Altstadt Jerusalems

 

Da man als Student große Freiheit besitzt, habe ich manchmal auch die Chance genutzt, den Nachmittag in Sightseeing zu investieren, was sich sehr lohnt, da Jerusalem viel zu bieten hat. In der über 4.000 Jahre alten Stadt kann man sehr viel Geschichtliches erfahren. Aber auch das lebendige Ausgehviertel ist immer ein Abend wert. Zwar ist die Diskolandschaft eher eingeschränkt, dafür gibt es aber viele preisgünstige Restaurants und nette Cafes.

Jerusalem ist eine Stadt der Gegensätze und ein großer melting-pot. Auf der einen Seite sehr orientalisch, hat es doch auch viele westliche und sehr moderne Einflüsse. Das Stadtbild ist sehr unterschiedlich: man trifft Touristen und Neueinwanderer aus allen Teilen der Erde, hier sieht man Punks neben Ultraorthodoxen und russisch orthodoxe Priester neben einer Horde amerikanischer lauter Teenager.
Da ich Israel schon oft bereist habe und diese Eindrücke schon kenne, fällt mir das schon gar nicht mehr auf. Wenn man allerdings zum ersten Mal hier ist, ist es sicher sehr interessant, vielleicht auch gewöhnungsbedürftig.

Es gibt von Jerusalem aus in das ganze Land ein sehr gut ausgebautes und sehr preisgünstiges Bus- und Zugnetz, wobei der Bus weitaus mehr genutzt wird. Eine Busstunde entfernt (6 Euro hin und zurück) liegt Tel Aviv. Dort kann man an den Strand gehen oder gut shoppen.

 

 Strand bei Tel Aviv

 

Das Land ein bisschen besser kennenzulernen, lohnt sich sehr: mal in den Galil und an den See Genezareth fahren, eine Tour in den Süden durch die Wüste an das Tote Meer machen oder nach Eilat reisen.

 

Versorgung

Am günstigsten ist das Essen auf dem Shuk, dem Markt, auf dem sich die Marktschreier Stimmbandknötchen holen und sich versuchen gegenseitig noch lauter zu übertönen. Es ist vielleicht nicht jedermanns Sache bei 35 Grad durch Menschengedränge auf die Suche nach den billigsten Gurken zu gehen, aber es ist sicher ein Erlebnis und auch meine einzige Quelle geworden, preiswerte unglaublich frische und gute Früchte und Gemüse zu bekommen.
Ansonsten kann man aber auch ganz nach westlicher Methode in den klimagekühlten Supermarkt gehen, von denen es hier wirklich reichlich gibt.

Das Land ist bekannt für seine phänomenalen Pitta Falafel, welche, wenn man nicht Acht gibt, zu explosiven Gewichtszunahmen führt. Da aber das restliche Essensangebot auch nicht schlechter ist, hat die Wage einfach keine Chance.

 

Telefonieren

Am besten nimmt man sein Handy von zu Hause mit und kauft sich hier eine Karte zum Aufladen (Orange Big Talk, Talkman...). Um günstiger ins Ausland zu telefonieren kann man Telefonkarten kaufen, deren Guthaben vom Festnetz abtelefoniert werden kann.

 

Fazit

Dies war sicher nicht mein letzter Israelaufenthalt, es gibt hier eine Menge zu erleben und ich habe nicht nur auf dem medizinischen Sektor viel mitgenommen.

Israel ist ein faszinierendes Land voller Überraschungen und viel Spontaneität. Die Menschen hier sind, wenn auch etwas rau im Umgang, bekannt für ihre Offenheit und Herzlichkeit, so dass man hier schnell mit den Einwohnern in Kontakt kommt und keine Angst vor dem Alleinsein haben muss.
Nicht um sonst werden die gebürtigen Israelis Sabra genannt, eine Kakteenfrucht, die außen stachelig ist, innen aber süß und weich.

 

Massada und das Tote Meer

 

Links und Adressen 

Homepage des Krankenhauses

News online

Wohnungssuche

Jerusalem municipality - Infos zu allen Events, Museen, Konzerten

Tel Aviv municipality

 

Adresse des Studentenbüros:
Judy Shaham
Foreign Medical Student’s Program
Sha'are Zedek Medical Center
POB 3235, Jerusalem
Israel 91031    

medstudents@szmc.org.il

 

 

 

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