• Bericht
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  • Max von Karais
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  • 22.04.2009

Sizilien ist ein magisches Land

Erasmusprogramm in Palermo: September 2001 bis August 2002.

Motivation

Sizilien ist ein magisches Land.

Ohne selbst Sizilianer zu sein kann man diese Welt auch nie ganz ergründen. Doch wer echtes Interesse mitbringt; sogar ein wenig über das Land liest und vor allem die Menschenwirklich kennenlernen will, kann selbst in einem Jahr eine Offenbarung erleben.
So ist es mir nämlich ergangen.

Ich werde mein ganzes Leben nicht mehr aufhören, dorthin zurück zuwollen.
Seit ich auf der Welt bin, war ich immer äußerst eng mit Italien verwachsen; alsich noch sehr klein war habe ich viel Zeit in Italien verbracht. Darum ist für mich einTraum in Erfüllung gegangen, als ich nach Palermo gehen durfte. Denn zunächst ist Sizilieneben auch Italien. Zunächst.
Schon Goethe stellte fest, dass Italien nur dann in seinemGanzen begriffen werden kann, sobald man in Sizilien angekommen ist. Erst dort liegt derSchlüssel zum Erkennen. Echte Experten gehen sogar so weit, in dieser Insel die Synthese derganzen Welt zu sehen. Das klingt nach maßloser Übertreibung; wenn man über Sizilien spricht,fällt es aber schwer, maßvoll zu bleiben. So ist denn dort auch alles heftiger, schillernderund doch stimmiger als anderswo.
Wer einmal mit ganzem Herzen begriffen hat, was Palermoausmacht und was diese Stadt überhaupt bedeutet, wird sich diesem Zauber nicht mehrentziehen können.

Goethe landete dort also am Nachmittag des 2. April 1787 und was er sah, ergriff ihnsehr stark: "Mit keinen Worten ist die dunstige Klarheit auszudrücken, die um die Küstenschwebte, als wir am schönen Nachmittag gegen Palermo anfuhren. Die Reinheit der Konturen,die Weichheit des Ganzen, das Auseinanderweichen der Töne, die Harmonie von Himmel, Meer undErde. Wer es gesehen hat, der hat es für sein ganzes Leben."
Hier, in diesem Eindruckliegt die Quelle für den vielleicht schönsten deutschen Vers, der je über diemittelmeerische Landschaft geschrieben wurde:

  • Ein weißer Glanz ruht über Land und Meer, und duftend schwebt der Äther ohneWolken.

Da es sich bei meiner Unternehmung immerhin um ein Studienjahr gehandelt hat, solleneinige praktische Hinweise folgen.

 

Vorbereitung

Es muss eine Erasmus-Partnerschaft zwischen der Heimatuniversität und jener Palermosbestehen, um am regulären Erasmusaustausch teilnehmen zu können. Die Formalitäten sind dannso wunderbar kleingehalten, dass ich sie nicht beschreiben brauche. Im Wesentlichen handeltes sich nicht um viel mehr als das Ausfüllen zweier DIN-A 4 Formulare (sofern Plätze freisind). Das PJ und besonders Famulaturen dürften in Palermo überhaupt kein Problemdarstellen. Die Vorlaufzeit richtet sich hauptsächlich nach dem Andrang in beiden Ländern,an Erasmusprogramm teilzunehmen. Auch können Teilnahmebedingungen dementsprechend variieren- es gibt Universitäten, die Sprachtests durchführen.
Allerdings ist Palermo nach wievor zum Glück ein entlegener und verkannter Winkel Europas.
Das Erasmus-Programm istdurch einen europäischen Fond mit etwa 150,- EUR pro Monat bezuschusst. Meist wird das Gelden bloc am Anfang des Semesters überwiesen.
Studiengebühren werden keineerhoben.
Ein Visum ist für deutsche Staatsbürger in Italien nicht erforderlich.
Ichselbst hatte keine offizielle Aufenthaltsgenehmigung durch den italienischen Staat. Mit der Immatrikulation und Anmeldung im Erasmusbüro Palermos ist man polizeilich gemeldet und es dürften keine Schwierigkeiten auftreten.

Ankommen und Herumkommen

Auto

Ich selbst bin mit dem eigenen Auto nach Palermo gefahren. Jedem, der keine Angst hatvor einem andersgearteten Verkehr im Gegensatz zum hiesigen, kann ich dies nur ernsthaft ansHerz legen. Italien ist ein Land, in dem wirkliche Unabhängigkeit nur mit dem eigenenVehikel "erfahren" werden kann. Der Verkehr funktioniert organischer und meinem Empfindennach menschlicher, weil er kommunikativer als bei uns ist. Leider ist das Verkehrsaufkommenrecht grotesk. Doch auch unsicherere Fahrer können sich schnell umstellen. Das Auto sollteman immer ganz leer lassen, das Handschuhfach offen, mit Wegfahrsperre oder sonstigereingeschalteter Diebstahlsicherung kann man sogar getrost die Fenster offen lassen.

Versicherungsmäßig reicht die sogenannte Grüne Karte völlig aus. Fahrzeugschein undFührerschein müssen stets griffbereit sein. Überhaupt muss man sich in Italien jederzeit undüberall ausweisen können.
Alkohol am Steuer wird mit erstaunlicher Großzügigkeitgesehen, sobald jedoch ein Stummel einer selbstgedrehten Zigarette im Aschenbecher gefundenwird, muss damit gerechnet werden, akribisch gefilzt und befragt zu werden. Allgemeinbegegnen Ausländer beim Zusammentreffen mit Staatsorganen vielfach einerlaisse-faire-Haltung, was bestimmt Ausdruck der den Sizilianern innewohnenden Fremdenliebeist. Untereinander lassen sie wiederum gerne unnachgiebigere Töne anschlagen.
Beianfallenden Reparaturen sollte dem Mechaniker mit einem Sizilianer an der Seiteentgegengetreten werden - gerade Automechaniker verlangen häufig überzogenes Honorar vonAusländern.
Wenn man sein Auto parken möchte, begegnen einem je nach Parkplatz manchmalsogenannte posteggiatori, selbsternannte Parkwächter, die verlangen, auf das Fahrzeugaufpassen zu dürfen - gegen ein von einem selbst zu bemessendes "regalino", einGeldgeschenk. Dies kann schon als anschaulicher Alltagsbeweis für typisches, klassischmafioses Verhalten gelten. Wer strikt die Zahlungspflicht ignoriert, kann manchmaltatsächlich nach längerer Zeit der Zahlungsverweigerung Schaden an seinem Fahrzeug erleiden.Es gilt, derartige Plätze zu vermeiden, oder sich mit kleinen Offerten hin und wiedererkenntlich zu zeigen.

Flüge

Es gibt keine Direktflüge von Deutschland nach Palermo. Umgestiegen wird in Mailandoder Rom. Allerdings besteht die Alternative, Charterflüge nach Catania zu bekommen, um vondort mit einem sehr preiswerten Bus nach Palermo zu kommen.

Es gibt besonders günstige Angebote vonPalermo nach Deutschland. Dazu unbedingt einen internationalen Studentenausweis beimReisebüro CTS (Centro Turistico Studentesco) beantragen, dort gibt es äußerst billigeFlüge.
Vom Flughafen fährt eine zuverlässige Bahn im 20-Minuten-Takt bis zumHauptbahnhof. Von dort empfiehlt es sich, abgeholt zu werden oder sofort ein Taxi zu nehmen,um nicht gepäckbehängt durch die Straßen zu irren.
Taxis gibt es übrigens nur amHauptbahnhof und an der Piazza del Politeama, ein Taxi aufzuhalten ist so gut wieaussichtslos, da es kaum welche gibt.

Zug

Zugfahren ist insofern eine recht schöne Variante, da man gut mitbekommen kann, wiedrastisch sich Italiens Kolorit gen Süden verändert und die eigene Seele auf diese Art ambesten mitreist. Innerhalb Siziliens sind Zugfahrten jedoch eher anstrengend.

Schiff

Zweifellos stellt der Seeweg die überwältigendste Erfahrung schlechthin dar, inPalermo zu "landen". Es gibt Schiffe von Neapel und Genua, schnelle und langsame, also teureund billige. Das Auto aufs Schiff mitzunehmen kostet allerdings viel, wobei sich dasKalkulieren hier schon lohnt, weil die Benzinkosten und die Mautgebühr auch beträchtlich zuBuche schlagen können.

Wohnen

Hotel Confort

Ein paar Anmerkungen zu diesem merkwürdigen Auffangbecken fürErasmus-Neuankömmlinge.
Ich habe die ersten zwei Wochen dort sehr genossen, da sichgleich Kontakte zu Menschen aus aller Herren Länder ergeben haben. Das ist gerade am Anfangwichtig, um Anschluss zu bekommen. Schon bald habe ich aber den großen Drang verspürt, etwasfür mich selbst zu finden, und zwar aus folgenden Gründen:
Es ist zwingend, sich dieZimmer mit mindestens einer anderen Person zu teilen. Abgesehen von einem gesundem Maß anPrivatsphäre ist an Studieren schon gleich gar nicht zu denken, die Zimmer verfügen nichteinmal über ein dafür wirklich dienliches Mobiliar.
Zwischen zwei und sieben Uhr nachtsbleibt die Haustür verschlossen - hartnäckige Ausgänger kommen aber nach mehrmaligemKlingeln und gekünstelten Ausreden auf der einen und klassenzimmermäßigen Rügen auf deranderen Seite auch während dieser peinlichen Klausurstunden ins Haus. Auf kniefälligesBitten hin bekommt man manchmal vom Padrone "Don Nicola" den Schlüssel des Tors vor demAusgehen ausgehändigt.
Wer auszieht, muss immer mindestens den ersten vollen Monat nachEinzug an das Hotel Confort bezahlen.
Im Hinblick auf die Wohnungssuche sei daraufhingewiesen, dass die Lage immer dann knapper wird, wenn der Oktober und somit derSemesterbeginn näherrückt. Im Grunde genommen ist es aber nicht allzu schwierig, eingünstiges Zimmer in einer Studentenwohnung ausfindig zu machen, verglichen mit denSchwierigkeiten, denen Studenten in deutschen Großstädten ausgesetzt sind.
Im CorsoVittorio Emanuele (sog. Cassaro) bergauf, gleich nach den Quattro Canti auf der linken Seitegibt es eine Wohnung mit vielen Zimmern, die nur an Studenten vermietet werden.
Sonstführen oft Anschläge an Hauswänden zum Erfolg.
Das "Giornale delle Pulci", die dortigeKleinanzeigenzeitung sollte unbedingt konsultiert werden.

Wasser

Das Wasser, das aus dem Hahn kommt, ist - abgesehen von seiner Knappheit - prinzipielltrinkbar. Trotzdem habe ich aus mangelndem Vertrauen in meine eigene körperliche Resistenzimmer gekauftes Wasser aus Plastikflaschen getrunken. Jedes Haus besitzt Wassertanks, die inregelmäßigen Abständen mit Wasser beliefert werden, meistens jeden zweiten Tag. An den Tagendazwischen muss man mit dem zuvor gelieferten Wasser haushalten.

Ruhestörung

Ein Lieblingswort der Deutschen. Italiener, in Sonderheit diejenigen des Südens habeneine andere Empfindung des öffentlichen wie privaten Raums. Geräusche jeglicher Naturgehören in deren Welt glücklicherweise unabdingbar zum Leben.
Ich selbst habe einkleines Ein-Zimmer-Appartment bewohnt, auf dem Dach eines Palazzo aus dem 18. Jahrhundert,mit Terrasse und Blick auf Meer und Stadt. Es ist also durchaus möglich, als Fremder denMittelmeerzauber in seiner ganzen Kraft zu spüren. Ein Balkon ist leicht zu haben (die Stadtist ziemlich balkonreich) und sollte deshalb immer dabei sein.

Medizin und Studium

Die Universität von Palermo ist zwar nicht die älteste Siziliens, jedoch einealtehrwürdige Institution, die, was die medizinische Lehre angeht, nach Padua, Bologna undNeapel in Italien einen respektablen Ruf genießt. Als Mediziner in Palermo ist mancampusartig ganz vom übrigen Uni-Leben abgeschnitten. Das Universitätsgeschehen kann nunauch sehr chaotisch sein, angesagte Prüfungstermine mit unentschuldigt ausbleibenden Prüfernsind Palermos Studenten gewöhnt. Studenten mit deutschem Hang zur Genauigkeit sollten sichalso zweimal überlegen, nach Palermo zu gehen, um sich empörtes Kopfschütteln zu ersparen.Wie bei den meisten Auslandserfahrungen ist Geduld und hohe Anpassungsfähigkeiterforderlich, denn nur mit Entspanntheit kommt man in den Genuss der Fremde und eins istsicher: In so gut wie allen Fachbereichen (außer Arbeitsmedizin, Psychosomatik und wenigeandere Exoten) können Scheine gemacht werden, die in Deutschland anerkannt werden.

Der Erasmus-Student aus hat zwei Möglichkeiten, sein Studium dort zugestalten:
Einerseits existiert selbstverständlich die klassische Form des Studierens,also das regelmäßige Besuchen von Vorlesungen, auf die manchmal kleine praxisorientiertebed-side-teachings folgen, wenn auch in recht großen Gruppen von bis zu 15 Studenten. DieAnwesenheit wird manchmal geprüft, fast immer jedoch bemerkt. Zu Ende jedes Semesters findeteine mündliche Prüfung über alles in der Vorlesung behandelte statt. Die Form einer solchenPrüfung erscheint uns fremdartig hinsichtlich unseres Schamgefühls: Alle Studenten müssen imHörsaal Platz nehmen und darauf warten, einzeln nach unten ans Pult gerufen zu werden, wosie dann mündlich von meistens zwei Dozenten befragt werden. Aufgrund der Weitläufigkeit desSaals und der Redseligkeit der italienischen Studenten hört man kaum mit, was untengesprochen wird, dennoch erstaunte mich der Öffentlichkeitscharakter. Je nach Tagesform undSprachveranlagung des Professors kann die Prüfung manchmal sogar in Englisch abgelegtwerden.
Auf der anderen Seite werden nur für die Erasmus-Stipendiaten besondereMini-Famulaturen angeboten. Diese Variante des Studierens ist höchst interessant. Auf dieseArt lernt man nützliches Hand Anlegen, riecht echte palermitanische Krankenhausluft undspricht ausgiebig mit den stets aufgeschlossenen und freundlichen Ärzten. Es sollte jedochsichergestellt sein, dass die dort insgesamt in einem Blockpraktikum absolvierte Stundenzahlmit derjenigen übereinstimmt, die in der Heimatuniversität durch Ableisten deranwesenheitspflichtigen Kurse im entsprechenden Fach angehäuft werden, andernfalls kann dasdortige Zertifikat in Deutschland nicht als Äquivalent anerkannt werden! Man kann selbstentscheiden, ob man nach einer Mini-Famulatur geprüft werden will. Möglicherweise variierenhierbei wieder die Anforderungen unter den deutschen Universitäten.

Der die Mediziner betreuende Fachbereichs-Koordinator ist Prof. Assennato (sofern erdieses Amt dann noch bekleidet, Ämter in Sizilien können wechseln), ein herzlicher aberetwas zerstreuter Mann. Sicherlich hat man mit ihm das große Los gezogen - indem er seineguten Kontakte einsetzt, vermittelt er eigentlich jeden Praktikumsplatz. Um zu vermeiden,immer wieder vertröstet zu werden, was sehr lästig werden kann, sollte man immer versuchen,ihm mit Bestimmtheit zu begegnen. Er ist ein vielbeschäftigter Herz-Kreislauf-Spezialist,der gewiss an viele Dinge gleichzeitig denken muss.
Der Zustand der medizinischenVersorgung ist selbstverständlich nicht mit mittel- und nordeuropäischen Standards zuvergleichen. Grundsätzlich, wie fast alles in Sizilien, spielt eine typische innere Haltungund Einstellung gegenüber der eigenen Person, der Familie und letztlich der (Außen)welt eineübermächtige Rolle.
Die fahrlässige Missachtung hygienischer Grundregeln ist leider eineder augenfälligsten Fragwürdigkeiten süditalienischer Medizinpraktik. Bei aller Liebe zurAusgelassenheit erschrak ich immer wieder, wenn beispielsweise die Spitze einerAbszessdrainage mit nichtsterilen Handschuhen berührt wurde, bevor sie eingeführt wurde.Auch das Tragen von Atemmasken während OP´s wird von manchen nur halbherzig, nur über demMund, durchgeführt. Die Ausbildung der Fachärzte ist nicht ganz ernst zu nehmen, zumindestam Anfang ihrer Ausbildung, weil Fachärzte in spe fast nur zuschauen dürfen. So ist dietheoretische Bravour nach meiner Einschätzung im Allgemeinen sehr hoch, wirkliche technischeFertigkeiten dagegen eigentlich auf wenige Könner begrenzt.
Leider ist die praktischeTeilnahme des Erasmus-Stipendiaten ähnlich eingeschränkt wie bei Famulaturen in deutschenHäusern. Jedoch erlaubt die sizilianische Mentalität eine weitaus größere Offenheitgegenüber dem Einsatzwillen des Studenten, insofern kann sich hin- und wieder dieGelegenheit ergeben, kleine Dinge unter Anleitung selbst zu tun. Dies hängt stark vomeigenem Auftreten ab und natürlich vom jeweiligen Arzt, der einen betreut.
DemErasmus-Student wird gewissermaßen eine besondere Rolle zugewiesen und er wird vielfachzuvorkommender behandelt als seine italienischen Studienkollegen. Außerdem sind dieSizilianer in hohem Maße fremdenliebend und es sei darum jedem geraten, sich nicht zuscheuen, sein Interesse zu zeigen. Oftmals wird die typisch mediterrane Lässigkeitfälschlicherweise als Nichtbeachtung verstanden. Ich habe nur äußerst wenige enttäuschendeErfahrungen gemacht, wenn es darum ging, meiner Person und meinem Interesse Aufmerksamkeitzu verschaffen. Ein zu Deutschland kontrastierender Tatbestand: Sogar der Großteil derleitenden Ärzte oder Operateure spricht gerne und freundlich mit Studenten und erklärtbereitwillig und in der gebotenen Ausführlichkeit Medizinisches. Mir wurde kein einziges Maldas sonst so häufig erlebte Gefühl gegeben, überflüssig zu sein , zu stören, oder nichtgenug zu wissen.
Ich habe elf Abteilungen gesehen und somit wurde mir das ganzesizilianische Spektrum medizinischer Qualität aufgefächert. Die Palette enthält von Klinikzu Klinik ganz unterschiedliche Niveaus.
Jeder, der sich für Medizin in Palermointeressiert, kann gerne Kontakt zu mir aufnehmen, um eine Liste mit Beschreibungen allervon mir erlebten Abteilungen zu bekommen.
Wer sich vorgenommen hat, in Palermoselbstständiger zu lernen als in Deutschland, nehme sich Bücher mit und arbeite die am Tageaufgeworfenen Fragestellungen abends theoretisch nach. Man kann nämlich eine Menge lernen -auch ohne "rohrstockschwingende" deutsche Lehrkörper des "alten Schlags" mit ihrerüberzogenen Eitelkeit, persönlich beleidigt und mit Sanktionen auf Wissenslücken desStudenten zu reagieren. Ich weiß selbstverständlich, dass hierzulande bei Weitem nicht alleunsere Dozenten auf eine solche Beschreibung passen. In Sizilien hingegen scheint es aberwohl zum Glück etwas weniger solch autoritärer Exemplare zu geben.
Einen Kittelmitzubringen, erwies sich als notwendig. Sonstige Utensilien sind nicht unbedingterforderlich, außer bei persönlichem Interesse und Engagement.

Fleißige und interessierte Studenten sollten sich unverzichtbare Bücher selbstmitbringen, weil es anstrengend sein kann, Bibliotheken zu nutzen.

Sprache

Italienisch zählt zu den etwas weniger komplexen Kultursprachen Europas, vorausgesetztman wagt sich nicht an akademisches Niveau heran. Mit ein wenig Mühe und offenen Ohrenerlangt man schon sehr schnell Kenntnisse, die es erlauben, zusammenhängende Gespräche zuführen. Die Geduld der Menschen in Italien ist unerschütterlich, denn sie geht oft so weit,dass man gar nicht verbessert wird, sofern man nicht immer wieder ausdrücklich danachverlangt. Man kann also auch mit sehr geringem Sprachwissen in Würde überleben.
Dersizilianische Dialekt hingegen kommt sehr fremdartig daher und ist auch für guteItalienischsprecher nur schwer zu erlernen. Einige wenige Worte dieser urtümlichen undkraftvollen Sprachchimäre zu verstehen, kann schon als großer Erfolg gewertet werden. Fastjeder Sizilianer beherrscht selbstverständlich auch klares Hochitalienisch und stellt sichim Gespräch sofort auf den Ausländer ein.
Das medizinische Italienisch stellt keinzusätzliches Problem dar, zumal fast alle Ausdrücke bekanntermaßen auf lateinische undgriechische Ursprünge zurückgehen und nur etwas unterschiedlich ausgesprochen werden. An derTrivialterminologie würde es letztlich aber auch nicht scheitern. Im Übrigen kann man ohneWeiteres einfallsreich Umschreibungen heranziehen, wenn man ein Wort nicht parat hat, dabeibricht kein Zacken aus der Krone. Mangelhafte Sprachkenntnisse sollten also für niemandenein Hinderungsgrund sein.
Es gibt durch das Erasmusbüro organisierten Sprachunterrichtvor Ort. Das Besuchen dieser Veranstaltungen bedeutet verlorene Zeit, der Unterricht ist vonmiserabler Qualität. Die entspannteste, einfachste und gleichzeitig effektivste Methode ist,viel mit Italienern in Kontakt zu sein und womöglich in Eigenregie die Kenntnisse mitLehrmaterial zu vertiefen (heißer Tipp: "Italienisch ohne Mühe heute" für Anfänger oderFortgeschrittene, im Assimil-Verlag)

Verpflegung

Selbst kochen

Wer gerne die eigene Küche nutzt, wird erfahren können, wie billig und gesund man alsaus Deutschland kommender in Palermo leben kann. Die Qualität der Kost muss darum keineswegsleiden, im Gegenteil: Die Frische und Vielfalt ist in dieser Ausprägung im übrigen Europanur schwer anzutreffen. Man gehe auf die wunderbaren, orientalisch anmutenden Märkte"Ballarò", "Vucciria" oder "Capo". Dort ist wirklich alles zu haben.
Die Supermärktehaben fast mitteleuropäisches Preisniveau und sind mindestens so gut sortiert, wie dieunsrigen.

Essen gehen

Für mich war es immer eine große Freude, in die ganz einfachen, namenlosen Gasthäuserzu gehen - in eine "cucina casareccia". Dort wird echt und dadurch besonders gut gekocht, essind ausnahmslos Familienbetriebe und die Rechnung ist immer ungesalzen. Allerdings sinddiese Gaststätten nur mittags geöffnet, einst für die im Viertel Arbeitendengedacht.
Die Mensa bietet trotz Fließbandessen wirklich eine solide und schmackhafteVerpflegung. Der Preis ist unschlagbar und die Öffnungszeiten ebenso. Jeden Tag außerSonntags ist mittags bis 14.15 und abends bis ca. 22.00 Uhr geöffnet. Es gibt vier Mensen,von denen die kleinste die beste ist. Obendrein liegt diese auch noch gegenüber des Eingangszur Poliklinik, in der Seitenstraße Via Chiaramonte.

Kultur

Der Kunst- und vor allem Architekturinteressierte findet in Palermo sein Paradies. Manbesorge sich dazu ein seriöses Buch, es gibt ganze Bibliotheken, die sich mit demüberbordenden Kulturerbe Palermos und Siziliens befassen (heißer Tipp: Eckart Peterich:"Sizilien - ein Führer").
Da ich persönlich leider im Allgemeinen bei Medizinstudentenvielfach wenig echtes Interesse an Kulturellem ausmachen konnte, verzichte ich hier aufeinzelne Hinweise, außerdem wäre es ohnehin unmöglich, in diesem begrenzten Rahmenaufzuzählen, was die Menschen Sizilien hinterlassen haben und Sizilien derMenschheit.
Zwei Häuser sind von Bedeutung für den Theater- , Opern- undKonzertbegeisterten. Das Politeama und das Teatro Massimo. Das "Massimo" hat nun nach derunfassbaren Renovierungszeit von 25 Jahren in neuem Klassizismusglanz wiedereröffnet undbietet Schauspiel auf künstlerisch hohem Niveau. Es ist übrigens die drittgrößte BühneEuropas.
Kinobesucher werden etwas enttäuscht sein, wenn sie Autorenkino,Literaturverfilmungen oder alte Klassiker suchen. Hier herrscht doch eher kassenorientiertesProgramm vor. Das "La Fiamma" sei als kleine Ausnahme erwähnt.
Mit dem Palazzo Abatellisbeherbergt Palermo das bedeutendste Museum Siziliens, unter anderem sind dort Werke desgroßen Renaissance-Meisters Antonello da Messina zu sehen.

Ausgehen

Palermo ist nicht Paris. Das Angebot ist begrenzt - aber nicht umso blasser. JederGeschmack findet seine Nische. Das Lebensgefühl der Mittelmeermenschen, besonders wenn sieabends ausgehen, manifestiert sich in gelebtem und gezeigtem Ästhetikbewusstsein. Herumgehenund Herumstehen während man miteinander quatscht sind Abendaktivitäten, die bei unserenklimatischen Verhältnissen erst gar nicht dauerhaft zur Debatte stehen könnten. Während mansich in Deutschland fast immer zwischen vier Wänden mit anderen Menschen verabredungsgemäßtreffen muss, tritt im Süden eine natürlichere und mehr dem Zufall überlassene Fluktuationdes Sich-über-den-Weg-Laufens ein. Was die zunächst banal erscheinende Wettersituationwirklich für Auswirkungen auf das Wohlbefinden haben kann, muss am eigenen,leichtbekleideten Leib erspürt werden. Das Lebensgefühl ändert sich in fundamentaler Weise.
Spannende Entdeckungen der sich ständig ändernden Anlaufpunkte für den Abend überlasseich gern dem Palermo-Novizen, es seien nur drei Orte erwähnt, die jeder Palermitaner kennt.
Diese Dauerbrenner haben wirklich Kultststatus erreicht:
Via Candelai, Maalox bzw.Piazza Bologni und die Champagneria.

Sport

Es wurden sehr interessante Konditionen für Erasmus-Studenten angeboten, derTennis-Club Palermo 2 (TC2) in der Via S. Lorenzo als Beispiel - das palermitanischeKorrelat zum Club an der Alster - pries Tennis, Fußball, Fitness und Sauna zum sagenhaftenPreis von 10 Euro im Monat an. Man sollte sich rechtzeitig bei der liebenswürdigenErasmus-Koordinatorin Amalia Ciliberto erkundigen. Sie betreut engagiert alleAuslandsstudenten und hat ihr Büro in der Piazza Marina im Palazzo Chiaramonte. Sie kannauch sonst in vielen Fragen weiterhelfen, so etwa in puncto Wohnungssuche.
Im Übrigenbietet Palermo mit dem schönen Art-Deco-Vorort Mondello (30 min mit Bus) eine sehr schöneBucht, mit zumindest zwischen Oktober und Mai klarem, türkisen Wasser und leerem Sandstrand.Etwas unempfindlichere können durchaus auch im Januar und Dezember ein erfrischendes Badnehmen in der wärmenden Wintersonne.

Gefahren

Das Phänomen Mafia ist ein hochkomplexes und schwer erörterbares, darüber hinausbisweilen recht falsch eingeschätztes Thema. Leider wird es viel zu oft vereinfacht und zulächerlichen Allgemeinplätzen degradiert. Die meisten Filme und Bücher bieten denn auchkeine wirkliche Quelle der Erkenntnis über diese sonderbare Welt, sondern liefern meist nurklischeebehaftete Zerrspiegel.
Wer überhaupt nur ein wenig davon verstehen will - alsjemand, der dieser Gegenwelt nicht angehört - bleibt nichts anderes übrig, als fundierteBücher zur Hand zu nehmen.
Ich empfehle dazu "Inside Mafia" von Giovanni Falcone oder"Jetzt gehörst du nicht mehr dieser Welt" von Carmen Butta.
Nur so viel zur Beruhigung:Der vielverzweigte Arm der Mafia berührt keinen Erasmus-Studenten.
Gefahren weitauskleinerer und wahrscheinlicherer Dimension liegen in Raubüberfällen und Diebstählen. Es istnicht ganz einfach, verlässliche Aussagen darüber zu treffen, in welchen Gassen man zuwelcher Tages- oder Nachtzeit nicht spazierengehen sollte.

Allgemein gilt:

Nachts (am besten auch tagsüber) nichts am Körper tragen, was man im Ernstfall nichtentbehren kann. Falls es doch zu einem unangenehmen Zusammentreffen kommen sollte, sofortalles hergeben. Gewalt kommt so gut wie nie ins Spiel. Die Diebe sind meist tatsächlich armund haben selbst auch keinen Spaß daran einen Raub zu veranstalten. Sexuelle Übergriffe sindbei aller berüchtigten "Anquatsch-Offenherzigkeit" (die übrigens nicht als Einschüchterungverstanden werden sollte) der Italiener die absolute Ausnahme und kommen nicht häufiger vorals in unseren Breiten.
Diese kleine Gefahrenbeschreibung soll als Orientierung über dieschlimmeren Eventualitäten dienen und also bitte niemanden abschrecken. Ich halte nichtsdavon, Dinge zu verharmlosen.
Mir persönlich ist in einem Jahr außer einem erfolglosenAutoeinbruch nichts passiert, und auch von anderen habe ich nichts gehört, was über das inKauf zu nehmende Maß hinausgehen würde.
Man kann in Palermo heute durchaus ein vollkommen sicheres Leben führen.

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