• Bericht
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  • Katarina Keller
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  • 23.04.2009

Chirurgie-Famulatur in Hiroshima

Im Rahmen des Austausches zwischen der Medizinischen Hochschule Hannover und der University of Hiroshima bin ich im Sommer 2005 (31.07.-16.09.05) nach Hiroshima gefahren, um in der Chirurgie zu famulieren. Ich wollte die Lebens- und Arbeitsweise einer mir damals noch fremden Kultur kennen lernen.

 

Yasaka Schrein in Kyoto - alle Fotos: Katarina Keller

 

Vorbereitung

Gegen den "Kulturschock" kann ich das Buch "Reisegast in Japan" (Iwanowski Reise-Buchverlag) empfehlen. Es gibt einen guten Überblick über die japanische Kultur, Mentalität und Verhaltensweisen. Ich hatte zusätzlich das Buch "Einstieg japanisch" (Hueber Verlag) gewählt, welches in zwanzig Lektionen einen Grundwortschatz, einige Kanji-Zeichen und Informationen zur Alltagskultur enthält.

Geflogen bin ich über Frankfurt nach Osaka, dann mit dem Zug weitergefahren nach Hiroshima.(ca. 70 Euro). Man kann auch direkt über Korea nach Hiroshima fliegen, was aber ein Visum erfordert.
Für Reisen innerhalb Japans kann ich den "Japan Rail Pass" empfehlen. Mann kann ihn nur außerhalb Japans kaufen. Er gilt für 7, 14 oder 21 Tage und kostet ab 200,- Euro. Der "Japan Rail Pass" gilt in fast allen Zügen, auch innerhalb Tokios, was von Vorteil ist, da Bahnfahrten in Japan teuer sind.

 

Krankenhaus

Vom Bahnhof hat mich eine japanische Studentin abgeholt, die letztes Jahr in Hannover war, und mich zu meiner Unterkunft gebracht.
Bei der Unterkunft handelte es sich um das Kojin Kaikan, ein Kongresszentrum, das sich auf dem Unigelände befindet. Das Zimmer ist mit Bad, Wasserkocher und Kühlschrank ausgestattet, was eine günstige Selbstverpflegung ermöglicht.

Am nächsten Tag lernte ich den Pathologen Prof. Yasui kennen, der für den Austausch verantwortlich ist. Er besprach mit mir meine Vorstellungen in Bezug auf die Chirurgie-Abteilungen.

Ich famulierte 6 Wochen in der visceralchirurgischen Abteilung von Prof. Asahara. Das Ärzteteam ist in Gruppen eingeteilt mit Schwerpunkt Lungen-, Leber-, Colon-, Magen- und Brustchirurgie. Ich war dem Leber-Team von Dr. Shinozaki und Dr. Itamoto zugeteilt. Bei Interesse gibt es jedoch auch die Möglichkeit, bei anderen Teams zu assistieren.

Mein Tag begann um 07.30. mit der Morgenbesprechung, an der alle Ärzte teilnahmen. Es wurden die Patienten vorgestellt, die am Vortag operiert wurden, Neuzugänge und die Patienten, bei denen es zu Veränderungen gekommen war.
Dann folgte die Visite, bei der auch immer der Professor dabei war. Da die Kommunikation auf Station auf Japanisch ist, war ich auf Übersetzungen angewiesen.

 

Im Krankenhaus mit den Chirurgen

 

Jede Woche gibt es zwei OP-Tage, an den anderen Tagen arbeiten viele der Chirurgen noch in anderen Krankenhäusern. Im OP darf man Hakenhalten, Haut nähen und knoten. Ich habe sehr viel erklärt bekommen. An den anderen Tagen gibt es nach der morgendlichen Visite Patienten-Vorstellungen auf Englisch. Dann werden die Patienten besprochen, die in der jeweiligen Woche operiert werden sollen, anschließend wird über die schweren Patienten und das weitere Vorgehen diskutiert. Auch diese Besprechungen waren komplett auf Englisch. Viele der Ärzte haben in den USA gearbeitet oder geforscht und sprechen sehr gut Englisch, auch wenn sie das ungern von sich selbst behaupten.

Jeden Mittwoch konnte ich Einblicke in die Radiologie bekommen. Auf diese Weise habe ich viele Krankheitsbilder anhand von CT- und MRT-Bilder erklärt bekommen. Ich konnte auch bei einigen Chemo-Embolisationen zusehen.

Die chirurgischen Patienten sind über das Krankenhaus verteilt, dementsprechend ist die Visite über neun Stockwerke bei 35 Grad auch eine körperliche Herausforderung.

Einmal in der Woche stellen verschiedene Pharmazie-Unternehmen ihre Produkte vor. Diese Veranstaltung ist mit einem Lunch aus einer Lunch-Box sehr beliebt in Japan. Des Weiteren ergab sich die Möglichkeit an Vorträgen teilzunehmen. Außerdem bekam ich Einblicke in die Forschung im Bereich der Visceralchirurgie. Jeden Freitag wurden die neuesten Ergebnisse vorgestellt.

Der Frauenanteil war in der Abteilung mit deutschen Kliniken vergleichbar - es gab eine Ärztin. Die Arbeitsbelastung, insbesondere für junge Ärzte, ist sehr hoch. Arbeitszeiten bis 01.00 Uhr sind keine Seltenheit. Die Ärzte in der Abteilung waren sehr gastfreundlich und stets bemüht mir ihr Fach näher zu bringen. Das betraf die Operationen, ihre Forschungsschwerpunkte oder die aktuellen Patienten. Ich wurde sehr oft zum Essen oder zu Unternehmungen in Hiroshima eingeladen. Hier seien Dr. Itamoto und Dr. Shinozaki erwähnt, die mir sowohl in medizinischer, kultureller als auch in organisatorischer Hinsicht mit Rat und Tat zur Seite standen.

 

Hiroshima

In Hiroshima gibt es viele Plätze am besten mit dem Fahrrad zu entdecken. Ich war sehr froh, als mir Prof. Yasui seines geliehen hat. Es gibt einen schönen Wandelgarten (Shukkeien Garten) mit Teich, Minibrücken und Fichtenhainen.

Am 08.08. habe ich an der Zeremonie im Peace Memorial Park zu Gedenken der Atombombenopfer teilgenommen. Im Museum kann man sich anhand von Fotos, Videos, Überresten - über die geschichtlichen Hintergründe und den Wiederaufbau informieren. Gleichzeitig ist der Park jedoch ein beliebter Treffpunkt für jung und alt, was ihm ein positive Atmosphäre verleiht.
Nicht weit von Hiroshima liegt die Stadt Iwakuni. Die Hauptattraktion ist eine fünfbögige Brücke, hinter der sich ein weitläufiger Park mit alten Samuraihäusern befindet.

 

Shukkeien Garten, Hiroshima

 

Mehrmals waren wir auf der Insel Miyajima, die man mit dem Zug (30 Min) oder mit der Straßenbahn (60 Min) vom Hiroshima Bahnhof erreichen kann. Dann muss man noch 10 Minuten mit der Fähre ab Mijagima Gucci fahren.
Auf der Insel gibt es viele Tempel, insbesondere den berühmten Itukushima Shrine und den Berg Misen, den man besteigen kann. Am Fuße des Berges liegen wunderschöne Parkanlagen und Wanderwege.

 

Freizeit

Außerhalb des Krankenhauses habe ich sehr oft etwas mit den japanischen Studenten unternommen. Von Ausflügen zu den legendären Feuerwerken Miyjiima, Teilnahme an Teezeremonien, Kochabenden mit selbstgemachten japanischen Gerichten, Karaoke bis zu Dinner-Abenden habe ich nichts ausgelassen. Neben mir gab es noch eine deutsche Medizinstudentin, die ihre Doktorarbeit in der Pathologie gemacht hat und eine, die mit dem IPPNW da war. Das sei jedoch eine Seltenheit, wurde mir versichert. Und tatsächlich: Während meiner Famulatur bin ich nur wenigen Europäern begegnet.

 

 Beim Dinner mit japanischen Studenten

 

Essen

Das Essen ist natürlich gewöhnungsbedürftig, da es, wie alles in Japan, ganz anders ist. Wer Fisch, Fleisch, Seafood, Sushi und Reis mag, ist in Japan richtig. Man kann auch nicht-japanisch essen, was jedoch wesentlich teurer ist. Auch Obst und Gemüse sind sehr teuer. In Hiroshima gibt es Okomiyaki, Spezialität nur noch in Osaka. Es handelt sich dabei um eine Pfannkuchen-ähnliche Speise mit Seafood, Gemüse, Fleisch.

 

Reisen

Ich bin eine Woche mit dem "Japan Rail Pass" durch Japan gereist. Zunächst war ich in der alten Kaiserstadt Kyoto, die mit unzähligen Tempeln sehr ursprünglich ist. Besonders sehenswert ist der 1000 Jahre alte Kimonzu Tempel, der von Pagoden und alten Pflasterstrassen umgeben ist.
Nur ein Tagesausflug entfernt liegt Nara mit dem Todaji Tempel - dem größten Holzgebäude der Welt. Nicht weit vom Bahnhof entfernt beginnt schon der Nara-Park mit vielen Hirschen, Schreien, Brücken und Bergen.

Ganz der Gegensatz ist Tokio - bunt, schnell, hektisch. Nirgendwo gibt es einen solchen Wandel der Hightech-Welt wie hier, geprägt von einem unglaublichen Erfindungsgeist und Ideenreichtum. Sehr zu empfehlen ist auch der Besuch eines Kabuki-Theaters, wo man eine Verbindung aus Tanz, Drama und Musik erleben kann.

 

Bürowolkenkratzer in Westshinjuku, Tokyo

 

Fazit

Ich habe zwei unvergessliche Monate erlebt mit Menschen, die mich so offen in ihre Welt aufgenommen und die Famulatur zu etwas Besonderen gemacht haben. Ich habe sowohl in medizinischer, traditionell-kultureller als auch in kulinarischer Hinsicht sehr viel gelernt, Menschen erlebt von unglaublicher Höflichkeit, Rücksicht und Respekt. Der Austausch bietet eine einzigartige Möglichkeit ein faszinierendes Land, zwischen Tradition und Moderne und seine einzigartige Kultur kennen zu lernen.

 

Atombomben-Mahnmal der zerbombten Stadt Hiroshima

 

Für weitere Fragen stehe ich jederzeit zu Verfügung.

keller.tek@t-online.de

 

 

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