• Bericht
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  • Andreas Graichen
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  • 11.09.2014

Famulatur Hospital de las Culturas, San Cristóbal de las Casas, Mexiko

Für eine Famulatur hat es Andreas erneut nach Mexiko verschlagen. In seinem Bericht erzählt er euch, warum es ihm dort so gut gefällt, wie der Krankenhausalltag gestaltet ist und welche Freizeitmöglichkeiten San Cristobal und Umgebung zu bieten hat.

 

Motivation

Nachdem ich bereits schon einmal für sechs Wochen in Mexiko gelebt und ich mich dort sehr willkommen gefühlt hatte, wollte ich in diesem schönen Land auch noch eine Famulatur machen. Diesmal sollte es für mich in den Süden Mexikos nach Chiapas oder Oaxaca gehen, um auch diese stark indigen geprägte Gegend kennenzulernen. Allerdings gestaltete sich die Suche nach einem geeigneten Krankenhaus relativ schwierig. Leider findet man im Internet nur sehr wenige Famulaturberichte aus Mexiko und wenn, dann vor allem aus dem zentralen Hochland. E-Mail-Adressen von Krankenhäusern sind so gut wie nie angegeben.

So beschloss ich, einfach im Hospital de las Culturas anzurufen und bezüglich einer Famulatur nachzufragen. Am Telefon wurde mir dann mitgeteilt, dass dies überhaupt kein Problem sei und ich und mein Freund einfach kommen sollen. Mit einem etwas mulmigen Gefühl buchten wir einen Flug und hofften, dass es mit der Famulatur schon irgendwie klappen wird. Zur Not hätten wir einfach mehrere Krankenhäuser in Mexiko abgeklappert, bis wir eine Famulatur gehabt hätten. Berichten von Kommilitonen und dem Internet zufolge, schien es ja tatsächlich relativ unproblematisch zu sein eine Klinik zu finden.

 

Anreise und Unterkunft

Kurz nach Semesterende sind wir dann mit Air Berlin von München nach Cancún geflogen. Aufgrund der Hauptreisezeit kostete der Flug stolze 1.000€. Eingereist sind wir mit einem 90 Tage-Touristenvisum, das wir ohne weiteres am Flughafen erhielten. Von dort mussten wir dann weiter nach San Cristóbal. Dazu sind wir erst mit dem Bus zum Busbahnhof in Cancún gefahren, von dort aus ging es nochmal 20 Stunden im Bus weiter. Glücklicherweise hatten wir schon im Vorfeld eine Unterkunft organisiert. Über eine mexikanische Freundin hatte ich erfahren, dass man im Hotel Hacienda Los Morales relativ günstig für einen Monat unterkommen kann. Umgerechnet hat uns das Doppelzimmer dort ca. 180€ für den Monat gekostet.

Die Unterkunft war in Ordnung, aber auch nichts Besonderes. Die Zimmer sind in Bungalows über einen Hang verteilt und die Lage in der Stadt ist sehr zentral. Dadurch, dass San Cristóbal relativ hoch gelegen ist, konnte es abends allerdings teilweise recht kalt werden und einen richtigen Aufenthaltsraum gab es leider nicht. Die allermeisten Hostels,von denen es San Cristóbal ziemlich viele gibt, waren aber für einen Monat deutlich teurer, sodass wir uns für besagtes Hotel entschieden. Einzig das Hostal la Casa de Paco hatte in etwa dieselbe Preiskategorie, nur leider gab es für den Zeitraum keine freien Zimmer mehr. Ein Hostel hätte den Vorteil gehabt, dass man dort schnell Leute kennen lernt und auch mal selbst kochen kann. Aus diesen Gründen hätten wir eigentlich auch ein Hostel bevorzugt. Geld kann man problemlos an ATMs abheben. Wir hatten VISA-Karten der Apobank bzw. DKB, die ein gebührenfreies Abheben ermöglichen.

 

San Cristobal

San Cristóbal de las Casas ist eine wunderschöne alte Kolonialstadt im Hochland von Chiapas. Sie liegt auf ca. 2.100m Höhe und hat etwa 150.000 Einwohner. So wie in ganz Chiapas sind in San Cristóbal viele der Bewohner Nachfahren der Maya, was sich auch im Straßenbild deutlich niederschlägt. Da die Indígenas in der mexikanischen Gesellschaft sozial und wirtschaftlich nach wie vor benachteiligt sind, wurde in Chiapas in den 80ern und 90ern die Bewegung der Zapatisten

http://de.wikipedia.org/       

gegründet. Diese kämpfen seitdemseitdem für die Rechte der Indigenen. Die Zapatisten haben unter anderem autonome Gemeinden gegründet, in denen sie mehr oder weniger vom mexikanischen Staat behelligt, ihre Vorstellung eines Staats- und Sozialwesens leben. Generell lässt es sich in San Cristóbal de las Casas sehr gut leben. Bedingt durch die touristische Attraktivität des Ortes gibt es Unmengen an Restaurants und Cafes.

 

Organisation vor Ort

Nachdem wir uns kurz akklimatisiert hatten, sind wir nach unserer Ankunft gleich zum Hospital de las Culturas aufgebrochen, um unsere Famulatur fix zu machen. Leider kann man nicht einfach so in das Krankenhaus hinein maschieren. So wurden wir vom Wachpersonal eine ganze Weile immer wieder vertröstet, dass die zuständige Person am nächsten Tag Zeit für uns haben würde. Nach etlichen Anläufen hat es dann doch noch geklappt und wir konnten ein paar Tage später unsere Famulatur antreten. Auf Vorschlag der Lehrverantwortlichen rotierten wir jeweils eine Woche lang durch die Innere, Notaufnahme, Chirurgie und Pädiatrie.

 

Das Krankenhaus

Das Hospital de las Culturas ist ein im Juni 2010 eröffnetes Regionalkrankenhaus des Bundesstaats Chiapas. Mit den Abteilungen Medicina Interna, Cirurgía, Traumatología, Urgencias und Pediatría ist es für die medizinische Versorgung der ca. 500.000 Einwohner der Umgebung zuständig und mit insgesamt 60 Betten natürlich deutlich zu klein. Viele der Patienten sprechen nur eine der beiden Maya-Sprachen Tzotzil oder Tzeltal, was die Verständigung für uns und auch viele der Ärzte erschwerte. Oft haben diese Patienten aber Verwandte dabei, die auch Spanisch sprechen. Im Zweifelsfall sprechen auch einige der Pfleger eine der beiden Maya-Sprachen.

Der größte Teil der Patienten ist über die Seguro Popular versichert, diese bietet allerdings nur eine Basisabsicherung. Für etliche Untersuchungen wie beispielsweise Kontrastmittel-CTs, müssen die Patienten nicht unerhebliche Eigenleistungen erbringen, was doch recht viele finanziell überfordert. Somit gehört auch die Diskussion um Geldbelange leider zum täglich Brot der Ärzte und einheimischen PJler. Die optimale Versorgung der Patienten wird dadurch des Öfteren verhindert. Apropos PJler: Im Hospital de las Culturas sind das ganze Jahr über auf jeder Station 3 Internos (PJler) eingesetzt. Sie verbringen auf jeder Station jeweils 2 Monate und rotieren dann in den nächsten Fachbereich. Mit den Internos verbrachten wir auch die meiste Zeit, da diese gefühlt rund um die Uhr im Krankenhaus sind und die Stationen schmeißen. Wie in ganz Lateinamerika gibt es auch in Mexiko das System der „Guardias“. Das sind. ca. 32-Stunden-Dienste, die die Internos alle drei Tage machen müssen.

An den übrigen Tagen sind sie von sieben bis mindestens 15 Uhr (Postguardia) bzw. 18 Uhr (Preguardia) da, gerne aber auch mal länger. Fachärzte sind eigentlich nur zu Visiten anwesend,oder wenn gerade etwas aus dem Ruder läuft. Sonst versorgen die PJler zusammen mit dem Pflegepersonal die Stationen. Dabei kümmern sie sich um die Patientenaufnahmen und  die gesamte Bürokratie mit Dokumentation etc. In 2013 lief die Dokumentation noch über Schreibmaschinen, die den Internos persönlich gehörten und die sie mitbringen mussten. Auf diesen Schreibmaschinen mussten sie dann jeden Tag aufs Neue die Patientengeschichte jedes einzelnen Patienten abtippen. Das entsprach dann auch einem Großteil der Beschäftigung am Vormittag. Der einzige Computer stand auf der Pädiatrie und wurde meist dazu verwendet, dann und wann YouTube-Videos anzuschauen und manchmal auch um Fachliches zu recherchieren. Als Arbeitskleidung trägt man weiße Hosen, Kittel und als Mann ein Hemd.Die Internos müssen alle weiße Hemden und Krawatte tragen, bei uns wurde das lockerer gesehen. Die Kleidung muss man selbst mitbringen. Für den OP macht es Sinn, OP-Kleidung dabei zu haben. Es gibt zwar auch die Möglichkeit, OP-Kleidung auszuleihen, allerdings ist diese immer sehr rar und nur in eingeschränkten Größen vorhanden.

Wir Famulanten mussten erfreulicherweise nicht am Guardiasystem teilnehmen und waren jeden Tag von sieben bis ca. 15 Uhr am Krankenhaus. Da die Colectivos so früh noch nicht fahren und das Krankenhaus etwas außerhalb liegt, haben wir jeden Morgen ein Taxi genommen. Dann ging es für uns auf die jeweilige Station der Woche. Dort waren die Internos meist schon mit dem Tippen beschäftigt und haben sich ein Bild über die aktuellen Patienten verschafft, die sie auf der Visite präsentieren mussten. Immer mittwochs gab es am frühen Morgen ein Seminar, bei dem die Internos eine Krankheit vorstellten und am Nachmittag meist eine krankenhausinterne Fortbildung. Anschließend gingen wir kurz frühstücken, danach wurde auf Station wieder weitergetippt und Patienten untersucht. Irgendwann gab es Mittagessen und anschließend die Nachmittagsvisite, nach der wir uns dann meistens verabschiedeten. Das Essen war übrigens für uns, genauso wie für die Internos, kostenlos und von wechselnder Qualität, dafür aber typisch mexikanisch  und somit für Vegetarier eher schwierig. Wirklich viel praktisch anpacken konnten wir während unserer Famulatur leider nicht.

Während der Visite haben wir immer mal wieder Patienten untersucht. Wenn wir wollten, durften wir dann auch die Patientenberichte auf der Schreibmaschine abtippen ;-). Wieviel man auf Visite gelernt hat, hing, wie auch in Deutschland, ganz stark vom durchführenden Arzt ab. Insgesamt gab es auf der Inneren und der Pädiatrie neben den Visiten nicht wirklich viel für uns zu tun und sehen, sodass es sich empfiehlt, ein Buch zum Lesen mitzunehmen. Durch die OPs verhielt es sich in der Chirurgie etwas anders. In Mexiko instrumentieren die Internos. Sie sind sehr oft auch erste Assistenz, sodass auch wir im OP helfen konnte. Das einwaschen funktionierte übrigens mit Seife und Wurzelbürste, Desinfektionsmittel gab es nicht. Größere OPs werden nur selten durchgeführt, im Großen und Ganzen handelt es sich um Appendektomien, Cholezystektomien und Hernien-OPs. Da aber alles offen operiert wird, konnten wir ziemlich viel sehen. Auch zum Nähen kamen wir relativ oft, da keine Klammern angewendet werden. Wenn man sich für Chirurgie interessiert, kann man dort sicherlich einiges mitnehmen und auch selbst machen – insbesondere wenn man länger als eine Woche bleibt. Das Gleiche gilt im Prinzip auch für die Unfallchirurgie, in der wir allerdings nicht famulierten. Notaufnahme und Geburtshilfe In der Notaufnahme ist der Ablauf logischerweise etwas anders als auf den Normalstationen und ganz stark abhängig von den jeweiligen Notfällen, die gerade hereinkommen.

Was man machen darf, hängt wiederum vom Facharzt ab, der zu dieser Zeit in der Notaufnahme weilt. Da ich gleich in der ersten Woche in der Notaufnahme eingeteilt war, wusste man noch nicht so viel mit mir anzufangen. Das hat sich dann bei meinem Freundin den Folgewochen glücklicherweise noch etwas geändert. Generell wird in Mexiko in der Notaufnahme das gleiche gemacht wie bei uns in Deutschland, allerdings mit deutlich schlechterer technischer Ausstattung. Die PJler durften dort Wunden nähen, Patienten aufnehmen und untersuchen, arterielle BGAs abnehmen, aber teilweise auch bei der Polytraumaversorgung mitwirken. Wenn man etwas länger in der Notaufnahme famuliert, darf man sicherlich auch einiges machen. Wer sich für Gynäkologie und Geburtshilfe interessiert, sollte auf jeden Fall fragen, ob er nicht auch einen Teil im „Hospital de la Mujer“ verbringen kann. Dort arbeiten auch immer drei Internos, die nicht nur eine Station, sondern für das gesamte Krankenhaus mit vielen Geburten zuständig sind. Dementsprechend viel gibt es zu tun und man könnte als Famulant sicherlich bei einigem mithelfen. Generell kann man auch ausschließlich im Hospital de la Mujer  famulieren. Als ich dort im Vorfeld anrief, zeigte man sich auch für Famulanten sehr offen. Darüber hinaus liegt dieses Krankenhaus zentral in San Cristóbal und ist somit zu Fuß erreichbar. Im Nachhinein ärgert es mich ein bisschen, dass ich nicht zumindest eine Woche dort famuliert habe. Ziemlich sicher wäre dies auch kein Problem gewesen, da die Lehrbeauftragte auch für die Internos in diesem Krankenhaus zuständig ist.

 

Freizeitgestaltung

Nachmittags  haben wir meist San Cristóbal erkundet, Kaffee getrunken und entspannt. Nicht ohne Grund ist San Cristóbal einer der touristischen Hauptanziehungspunkte Südmexikos. Leider sind die Internos im Krankenhaus so eingespannt, dass sie relativ wenig Zeit für gemeisame Unternehmungen hatten.. An den Wochenenden kann man gut Ausflüge in die Indiodörfer der Umgebung, zum Cañon del Sumidero oder den Lagos de Montebello machen. Im Anschluss an unsere Famulatur sind wir noch einen Monat durch Südmexiko gereist: an die Pazifikküste Oaxacas, nach Oaxaca de Juarez, Palenque, Yaxchilán, einen Abstecher nach Tikal in Guatemala und schließlich wieder nach Yucatán. Von dort aus sind wir dann wieder nach Deutschland zurückgeflogen.

 

Fazit

Generell habe ich den Aufenthalt in Mexiko sehr genossen. Die Mexikaner waren, wie auch schon bei meinem ersten Aufenthalt, unglaublich freundlich und warmherzig. Man fühlte sich von Anfang an willkommen. Auch zu den Internos und sonstigem Personal konnten wir schnell eine gute Beziehung aufbauen. Darüber hinaus ist San Cristóbal de las Casas eine wunderschöne Stadt mit einem angenehmen Klima – für mich hätte es auch gerne noch etwas wärmer sein können. Und: Mexiko hat landschaftlich und kulturell unglaublich viel zu bieten. Andererseits haben wir vom Medizinischen her leider nicht sonderlich viel gelernt. Ich würde deshalb beispielsweise kein ganzes PJ-Tertial dort machen wollen – abgesehen davon, dass man dann wahrscheinlich auch Guardias machen müsste und somit sehr viel Zeit im Krankenhaus verbringen würde. Daneben war es auch teilweise frustrierend zu sehen, wie viel durch mangelhafte organisatorische Abläufe im Argen liegt und dadurch sogarPatienten zu Schaden kamen. So bekam ich mit, wie eine junge Patientin anfing zu krampfen und mit Verdacht auf eine Hirnblutung ein CT angemeldet wurde. Am nächsten Tag erfuhr ich dann, dass die Patientin vier Stunden später verstorben war –  ein CT war nie gelaufen, ein Neurochirurg wäre am Krankenhaus verfügbar gewesen. Ebenso frustrierend fände ich es als Arzt, Geld für notwendige Diagnostik (z.B. KM-CT bei Verdacht auf Hirntumor) oder Behandlungen von Patienten einfordern zu müssen und gegebenenfalls aus diesem Grund einige Patienten nicht behandeln zu können. Wenn man das so mitbekommen hat, ist man froh, später in Deutschland zu praktizieren.

Man sieht unser Gesundheitssystem mit positiveren Augen, trotz aller Ärgernisse,die auch bei uns existieren. Trotzdem oder vielleicht auch gerade deshalb war die Famulatur eine bereichernde Zeit. Ich würde sofort wieder in San Cristóbal famulieren, würde mich dann aber wie oben beschrieben auf Gynäkologie, die Notaufnahme und/oder die chirurgischen Fächer beschränken. Bei Fragen kannst du mir gerne eine Email schreiben.

a.graichen@gmx.de

Oder du wendest dich gleich an die für die Lehre Verantwortliche Dra. Shochitl Rangel im Hospital de las Culturas. Dann kannst du das mit der Famulatur schon im Vorfeld abklären und musst nicht ohne Zusage nach Mexiko reisen.

Lehrverantwortliche Dra. Shochitl Rangel:

Shochitlrangel2009@hotmail.com

Hospital de Las Culturas de San Cristóbal de Las Casas

Boulevard Javier Lopez Moreno S/N

San Cristóbal de las Casas, Chiapas

Teléfono: 01(967) 11 07487, 11 07488

 

 

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