• Bericht
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  • Verena Gielen
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  • 09.11.2010

Innere- und Chirurgie-Tertial in Villahermosa, Mexiko

Geplant hatte Verena eigentlich ein Innere-Tertial in Mexiko und im Anschluss daran ein Chirurgie-Tertial in Buenos Aires. Letztendlich ließ sie aber den Platz in Buenos Aires sausen, um noch länger in Mexiko bleiben zu können. Die Mexikaner waren einfach so gastfreundlich, offen und herzlich zu ihr, dass sie unmöglich gehen konnte.

Taxco de Alarcón, Guerrero - alle Fotos: Verena Gielen

 

Bewerbung

Ich habe eine E-Mail an Fabiola im Büro für Internationale Angelegenheiten der Universidad Juarez Autonoma de Tabasco (UJAT) geschrieben. Sie hat folgende E-Mail-Adresse:    

movilidad.dip@ujat.mx

 

Fabiola antwortete mir innerhalb weniger Tage und bat um verschiedene Unterlagen für die Zulassung, wie Bewerbungsschreiben, Lebenslauf, zwei Empfehlungsschreiben und mein Gesundheitszeugnis.

 

La Danza de los Voladores, Ciudad de Mexiko

 

Wer die Unterlagen vollständig schickt, bekommt ziemlich sicher einen Platz in einem der Krankenhäuser der UJAT. Für Unterlagen, die das Landesprüfungsamt fordert, wie die Bescheinigung, dass das Krankenhaus von der UJAT zur Lehre befähigt ist und der Student dieselben Rechte und Pflichten wie Studenten der UJAT hat, solltet Ihr einfach eine E-Mail an Herr Dr. Jimenez Sastre schreiben:    

ajimenezsastre@hotmail.com

 

Ankunft

Bei der Einreise in Mexiko erhaltet Ihr ein Visum für sechs Monate, das automatisch bei Aus- und Wiedereinreise um sechs Monate verlängert wird. Geflogen bin ich mit der Lufthansa zunächst nach Mexiko Stadt, um dort zwei Tage zu verbringen. Anschließend ging es dann mit der AeroMexico nach Villahermosa, wo ich mir ein Hotelzimmer im Baez Carrizal reserviert hatte.

Am nächsten Morgen bin ich ins Krankenhaus gegangen, wo zunächst niemand wusste wer ich bin und was ich will. Also bin ich in die Universität zum Büro von Dr. Sastre gefahren. Er hat mich sehr nett willkommen geheißen. Auch ein Redakteur der Uni-Zeitung war gleich zur Stelle, um mich zu interviewen. Ob das Interview aber jemals erschienen ist, weiß ich nicht.

 

Hospital Juan Graham Casasus, Villahermosa, Tabasco

 

Danach bin ich wieder zurück zum Krankenhaus, wo mich der inzwischen von Dr. Sastre informierte Verantwortliche der Lehre begrüßte. Als ich vor seinem Büro warten musste, nutzte ich die Gelegenheit, die Sekretärin Belen zu fragen, ob sie nicht jemanden kennt, der ein Zimmer vermietet. Sie rief sofort bei zwei Ärztinnen an, die aber beide nicht vermieten konnten. Also fragte sie mich kurzerhand, ob ich nicht bei ihr wohnen wolle.

Belen hat mich dann netterweise mit zu sich nach Hause genommen. Dort angekommen war ich zunächst ziemlich baff. Ihre Villa steht in einer bewachten Siedlung, wo sie zusammen mit ihren fünf fast erwachsenen Kindern wohnt. Der älteste Sohn bot mir sofort sein Zimmer inklusive Bad an, da er meinte, er könne ja genauso gut bei seinen Geschwistern schlafen.

Miete wollte Belen nicht verlangen, da das Zimmer, wie sie meinte, sowieso da sei und es keinen Unterschied für sie mache, ob ich darin wohne oder nicht.

Von soviel Pragmatismus und Gastfreundschaft überwältigt, bat ich erstmal um Bedenkzeit und fragte die Ärzte im Krankenhaus, was sie von Belens Angebot hielten. Als mir ein Arzt versicherte, dass sie eine "muy buena persona" sei, sagte ich zu und zog bei ihr ein. So wohnte ich über ein halbes Jahr bei ihr, ohne Miete zu bezahlen.

Belen nahm mich auf wie eine Tochter: Sie hat mich bekocht, mir nach Nachtdiensten Essen ins Krankenhaus mitgebracht, und wir haben zusammen Urlaub gemacht. So bin ich mit ihr und ihren Kindern durch Mexiko gereist und bis nach Guatemala gefahren.

 

Krankenhausalltag

Wer in Mexiko sein PJ machen möchte, muss sich darüber im Klaren sein, dass die Arbeitszeiten dort anders sind als bei uns. Auf Themen wie Arbeitsschutz, "Zustand-nach-Dienst-Regelungen" oder gar freie Studientage kann nicht gebaut werden. Ein normaler Arbeitstag dauert zehn Stunden, und jede dritte Nacht hat man Dienst - natürlich ohne Ausgleich am nächsten Tag. Somit kommt man auf 36-Stunden-Schichten, in denen das Krankenhaus nicht verlassen werden darf.

Das ist, besonders am Anfang, ganz schön hart, da Ihr 90 bis 100 Stunden pro Woche im Krankenhaus verbringt. Es bedeutet aber nicht, dass diese Stunden nur mit Arbeiten verbracht werden. Es werden viele Pausen gemacht, um zusammen zu essen und sich zu unterhalten. In einem deutschen Krankenhaus kann ich mir solche Arbeitszeiten nicht vorstellen, aber aufgrund der entspannten Atmosphäre lässt sich das in Mexiko ganz gut aushalten.

 

Im OP

 

Gerade am Anfang - wenn ich schon 24 Stunden gearbeitet hatte, in der Nacht kein Auge zu tun konnte, aber noch zehn Stunden Arbeit vor mir hatte - habe ich mich schon gefragt, warum ich mir das antue. So ganz kann ich mir auch nicht erklären, warum die mexikanischen Ärzte das mitmachen. Fakt ist, dass es mehr Medizinstudenten als Facharztplätze gibt, und dass es in Mexiko ein absolutes Privileg darstellt, den Facharzt machen zu können. Somit strengen sich die Studenten und Assistenten unheimlich an und akzeptieren die schlechten Arbeitsbedingungen. Wenn sie sich beschweren und sich widersetzen, stellt das Krankenhaus eben einen anderen Kandidaten ein. Anwärter gibt es genug.

Im Krankenhaus gibt es auch castigos, Strafen: Wenn ein PJler oder Assistent einen Fehler macht, sei es, dass er etwas nicht erledigt hat, womit er bei der Visite beauftragt wurde, einen Patienten schlecht versorgt hat oder am Schreibtisch eingeschlafen ist, wird er vom Adscrito (Oberarzt) bestraft. Die Strafe kann eine schriftliche Arbeit zu einem Thema sein, natürlich handschriftlich, damit "copy-paste" ausgeschlossen ist. Häufiger aber muss derjenige dann eben länger arbeiten, also zum Beispiel 50 statt der normalen 36 Stunden. Diese Bestrafungskultur war mir sehr fremd und führte eigentlich nur dazu, dass Fehlverhalten besser versteckt wurde. Leider wird bei einem Fehler meist nicht der Einzelne, sondern seine komplette guardia (Team) mitbestraft, was natürlich dazu führt, dass alle argwöhnisch die Arbeit der anderen kontrollieren.

 

Guardia (Nachtdienst)

 

Innere

Der Arbeitstag beginnt um sieben Uhr mit einer halbstündigen Übergabe des Nachtdienstes. Danach wird gefrühstückt. Pro Tag bekommen die Mitarbeiter des Krankenhauses übrigens vier kostenlose Mahlzeiten. Viermal in der Woche gibt es um acht Uhr Unterricht, der für PJler, Assistenten, Fachärzte und Oberärzte verbindlich ist. Die Assistenten bereiten ein Thema vor, das kann ein klinischer Fall, eine Krankheit oder die Bewertung einer wissenschaftlichen Studie sein, und halten dazu einen Vortrag. Das ist im Prinzip gut gemeint, und die Vorträge sind, da sie von den Oberärzten bewertet werden, normalerweise sehr gut. Aufgrund des chronischen Schlafdefizits ist es jedoch nicht einfach, in einem abgedunkelten Raum die Augen offen zu halten. Spätestens nach einer Viertelstunde schlafen eigentlich alle PJler und auch einige der Assistenten.

 

Vortrag zur Fortbildung

 

Nach dem Unterricht gehen alle auf ihre Station, wobei die PJler nach einem festgelegten Plan alle zwei Wochen rotieren. Ich hatte Glück, da ich keinen Plan hatte und mir somit die Stationen aussuchen konnte. Was dann zu tun ist, hängt sehr vom Assistenten und Facharzt der jeweiligen Station ab. Normalerweise wird während der Visite viel erklärt, Wissen abgefragt und die Untersuchung von Patienten geübt. Dafür ist der PJler aber auch für alle ungeliebten Tätigkeiten, wie Botengänge zum Labor, Blutkonserven organisieren, Wunden reinigen und verbinden, Konsile anleiern, Rezepte schreiben und Patientenakten sortieren, zuständig. Ich war also den ganzen Tag im Haus unterwegs und lief mir die Hacken ab, was mich aber wiederum vom Einschlafen abhielt.

 

Chirurgie

In der Allgemeinchirugie beginnt der Tag für PJler um sechs Uhr, um halb sieben treffen die Assistenten zur Prävisite und um sieben die Fachärzte zur Visite ein. Leider sind die Visiten für PJler todlangweilig, da sie nur dazu da sind, Unterlagen und Handschuhe anzureichen. Deshalb habe ich in der Allgemeinchirurgie auch nur die zwei obligaten Wochen verbracht und war danach in der Neuro, Onko- und Kardiochirurgie. In letzterer hat es mir am besten gefallen, sodass ich dort einen Monat verbracht habe. In der Kardiochirurgie kommt tatsächlich ein Facharzt auf einen PJler. Dadurch ist die Lehre natürlich hervorragend. Pro Woche halten die PJler zwei Referate, der Assistent unterrichtet jeden zweiten Tag. Dabei sind die beiden Kardiochirurgen der Station immer dabei, um zu korrigieren und Fragen zu stellen. Sie geben nicht eher Ruhe, bis alle Anwesenden die Thematiken verstanden haben. Deshalb habe ich auf dieser Station mit Abstand am meisten gelernt.

Nachts und am Wochenende ist die guardia für alle chirurgischen Stationen zuständig. Die Assistenten sind im OP, sodass die PJler alleine die Station schmeißen und Aufnahmen machen. Oft werden sie auch in den OP gerufen um zu assistieren oder auch schon mal um Instrumente anzureichen, falls keine Schwester verfügbar ist. PJler dürfen offene Wunden meist selbst zunähen und zwischendurch auch immer mal einzelne Schritte einer OP übernehmen. Einmal durfte ich eine Appendektomie komplett selber durchführen, was ein tolles Erlebnis für mich war.

 

Freizeit

Während meines Tertials in der Inneren konnte ich viel reisen; Dr. Wiltz, der Chef der Inneren, ist sehr aufgeschlossen und verstand, dass ich gerne etwas vom Land sehen möchte. So habe ich viele Trips gemacht und zum Beispiel auf die Einladung einer Ärztin hin ein einwöchiges "Praktikum" an der Pazifikküste gemacht.

 

Am Strand in Tonala, Chiapas

 

Der Chef der Allgemeinchirurgie ist zwar auch sehr nett, aber etwas strenger und der Meinung, dass ausländische Studenten genauso behandelt werden sollten wie einheimische. Dementsprechend konnte ich während des Chirurgietertials nicht reisen, was aber auch in Ordnung war. Ich fand es dort sehr angenehm, nicht so eine Sonderstellung wie zuvor in der Inneren zu haben. Dadurch wussten meine Kollegen und ich, was meine Aufgaben sind, und ich war viel besser in die Gemeinschaft integriert. Ich wurde behandelt wie jeder andere Student auch. In einem Land, in dem ich ständig auf der Straße angestarrt wurde, und in einer Stadt, in der es kilometerweit keinen anderen Europäer gab, hat mir das sehr gut getan.

 

Cataratas de Agua Azul, Palenque

 

Sicherheit

In den sieben Monaten in Mexiko ist mir persönlich nie etwas zugestoßen. Ich wusste aber, dass die deutsche Studentin, die vor mir dort war, ausgeraubt wurde. Auch viele der Einheimischen wurden meist schon midestens einmal überfallen. Ich rate dazu, sich nicht auf der Straße ansprechen zu lassen, sei es von einem Mann, einer Frau oder einem Kind. Am besten ist es, jegliche Ansprache zu ignorieren. Die Taxis sind sicher, und eine Fahrt kostet auch nur um die 20 Pesos, was umgerechnet etwas mehr als einem Euro entspricht.

 

Special

In der Frauenklinik habe ich aus Interesse einige Nachtdienste gemacht und konnte dort sehr viel über Geburtshilfe lernen. Da es keine Hebammen im Krankenhaus gibt, sind die PJler und Assistenzärzte für die Geburten zuständig. So konnte ich eigenständig Entbindungen begleiten. Ich wurde hervorragend angeleitet und lernte von der Episiotomie, über die geburtshilflichen Handgriffe bis zum Wundverschluss viel. Für diejenigen, die ein Gynäkologie-Tertial machen möchten, ist Mexiko das ideale Land. Ihr könnt so viele Geburten wie Ihr wollt begleiten und dürft viel mehr selbst machen, als es in Deutschland möglich wäre.

 

Kontakt

Die Kontaktaufnahme mit der UJAT erfolgt am besten über Frau Fabiola:

Fabiola Itzel Ortiz Martínez
Responsable de Movilidad Estudiantil
Dirección de Investigación y Posgrado
Universidad Juárez Autónoma de Tabasco
Av. Universidad s/n, Zona de la Cultura,
Villahermosa, Tabasco
Tel. 0052 993 3581500 Ext. 6197
Fax (993) 3127210    
movilidad.dip@ujat.mx

 

Nach der Zulassung entscheidet die UJAT über die Zuweisung zum Lehrkrankenhaus. Ich war in folgendem Krankenhaus:

Hospital Regional de alta especialidad "Dr. Juan Graham Casaús"
Carretera Villahermosa a Isla km 1+300,
Col. Miguel HidalgoVillahermosa, Mexico

Das Haus verfügt über 210 stationäre Betten und hat vor allem internistische Stationen wie die Kardiologie, Hämatologie, Infektiologie, Nephrologie und Pulmologie sowie chirurgische Stationen wie die Abdominalchirurgie, Traumatologie, Herz- und Gefäßchirurgie und Urologie.

 

Fazit

Meine Zeit in Mexiko war sicherlich das Aufregendste und Spannendste was ich bisher erlebt habe. Ich sammelte viele, unheimlich bereichernde Erfahrungen.

 

Kerzen in Ciudad de Mexiko

 

Da die Arbeitsbedingungen hart sind und Ihr gut Spanisch sprechen solltet, möchte ich aber den Aufenthalt nicht uneingeschränkt empfehlen. Wer aber Lust auf ein Abenteuer hat und komplett in die mexikanische Welt abtauchen möchte, ist in Villahermosa goldrichtig.

 

Mein Studienort

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