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  • Tanja Peschel
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  • 20.08.2014

"Lekker Geneeskunde“ - Studieren und Arbeiten in den Niederlanden

Die Niederlande sind übervölkert mit Windmühlen, Tulpen und Frauen namens Antje, die Käse verkaufen. In den Urlaub fährt dieses Volk natürlich nur mit dem Wohnwagen. Und die Medizin? Wer sich dieses flache Land aus der Nähe anschaut, bemerkt rasch, dass wir nicht nur auf deutschen Autobahnen aufpassen müssen von „den Holländern“ überholt zu werden.

 

Lekker Geneeskunde - Foto: Xinhua

Lekker Geneeskunde“ ist Niederländisch und bedeutet auf Deutsch etwa „schöne Medizin“. Foto: Xinhua

 

Um das Thema gleich zu Beginn abzuhaken: Dass der niederländische Fußballer Frank Rijkaard beim WM-Achtelfinale 1990 Rudi Völler ins Ohr gespuckt hat, war unsportlich – ist nun aber mittlerweile 22 Jahre her! Und dass Wohnwagen mit gelben Nummernschildern deutsche Autobahnen blockieren – geschenkt! Schaut man sich heute das deutsch-niederländische Verhältnis an, sieht man zwei Völker, die zu Recht immer besser miteinander auskommen. Schaut man noch genauer hin, sieht man viele Punkte in denen wir voneinander profitieren und lernen können. Die Medizin ist ein hervorragendes Beispiel. Die Niederlande machen uns vor, wie ein modernes Gesundheitssystem funktioniert. Ärzte werden auf hohem Niveau ausgebildet, in Kliniken wird eine forschungsorientierte Medizin praktiziert, gleichzeitig sind die Arbeitszeiten human und der Umgangston kollegial.

 

Holland von Anfang an – Studium in Oranje

Wer diese Medizin aus der Nähe betrachten möchte, hat verschiedene Möglichkeiten. Einer der intensivsten Wege ist sicher, in den Niederlanden zu studieren. Dabei ist zu beachten: Bei den „Oranjes“ gibt es zwar nur wenige Fächer mit Zulassungsbeschränkung, wenig überraschend gehört aber auch hier die Humanmedizin dazu. Ebenso gibt es eine Art „numerus clausus“. Nur heißt der „numerus fixus“. Studienbewerber werden dabei anhand der auf ganze Noten gerundeten Abiturnoten in fünf Verlosungsklassen (A-E) eingeteilt, die unterschiedlich große Chancen haben, einen Studienplatz zu bekommen. Ausländische Studierende wurden bisher unabhängig von ihrer Abschlussnote in die Klasse C eingeteilt, ab 2013 kann man jedoch auch seine Abiturnote eintragen, um so in eine höhere Losklasse zu kommen. Wer seine Note nicht angibt, braucht nur eine gültige Hochschulzugangsberechtigung und muss Mathe bis zum Abitur belegt haben. Oft braucht man einen Nachweis über ausreichende Niederländisch- Kenntnisse. Viele Unis bieten aber auch spezielle Einsteiger-Kurse für Studienanfänger an. Studieren kann man die „Geneeskunde“ in den Hochschulstädten Amsterdam, Groningen, Leiden, Maastricht, Nijmegen, Rotterdam und Utrecht. Die Bewerbung läuft über das Online-System „studielink.nl“. Für Holland-Fans, die trotz aller Leidenschaft vorerst zuhause studieren möchten, bietet die European Medical School in Oldenburg-Groningen ein passendes Programm. Der Studiengang ist ans niederländische System angepasst und es werden Auslandssemester und länderübergreifende Forschungsprojekte angeboten.

 

Erst mal gucken – Famulatur in den Niederlanden

Wer den Studienplatz in Deutschland schon sicher hat, aber trotzdem mal ins holländische System reinschnuppern möchte, für den bietet sich eine Auslandsfamulatur an – zum Beispiel über den Famulantenaustausch der bvmd. In der Famulatur sind vor allem bei Patientengesprächen Niederländisch- Kenntnisse Pflicht. Oft kann man sich aber auch mit Englisch behelfen. Famulantin Katharina aus Dresden erzählt: „Meine Kollegen waren sehr hilfsbereit und haben netterweise einige Besprechungen auf Englisch abgehalten, damit ich besser mitkomme.“ Überhaupt fiel ihr auf, wie locker die Ärzte miteinander umgingen. „Zudem waren alle immer bemüht, mir sowohl medizinische Fragen, als auch Fragen zum Leben in den Niederlanden zu beantworten.“ Letztes Jahr hat Katharina auch am niederländischen Studentenkongress ISCOMS teilgenommen und sie könnte sich gut vorstellen, nach dem Studium dort zu arbeiten.

 

Auch Aram aus Bonn hat während seiner Famulatur in Nijmegen einige Unterschiede zum deutschen Klinikalltag festgestellt.
„Am auffälligsten ist vielleicht, dass selbst der Krankenpflegeschüler die Chefärztin mit ihrem Vornamen anspricht“ Auch wenn Aram als Famulant nicht viele Arbeiten übernehmen durfte, so empfand er die Zeit vor Ort doch als lohnenswert: „Ich hatte eine großartige Zeit in Nijmegen. Meine Erwartungen an die eigentliche Famulatur haben sich zwar nur teilweise erfüllt, aber die Stadt Nijmegen und ihre liebenswerten Bewohner haben alle meine Erwartungen übertroffen!“

 

Job in den Niederlanden – Was muss ich organisieren?

Plant man für den Klinikeinstieg in die Niederlande zu gehen, muss man sich dort zunächst einmal als Arzt registrieren lassen. Der Eintrag ins sogenannte BIG-Register* verlangt den Ausbildungsnachweis einer deutschen Universität und dauert ein paar Monate, ist aber ansonsten unkompliziert und lässt sich von Deutschland aus organisieren. Als Weiterbildungsassistent gehört man dann zu den sogenannten AIOS, was für „Assistant in Opleiding tot specialist“ (etwa „Arzt in Ausbildung zum Facharzt“) steht. Wer ohne Facharzt in die Niederlande wechselt und auch keinen AIOS-Platz hat, der arbeitet als „Assistant niet in opleiding tot specialist“ oder ANIOS, also als „Arzt nicht in Ausbildung zum Facharzt“. Das Problem mit den AIOS-Plätzen ist, dass sie staatlich reguliert sind und es nur eine sehr begrenzte Anzahl gibt. Darum muss man als ausländischer Bewerber viel Aufwand betreiben, um so einen Ausbildungsplatz zu ergattern. Doch die Mühe lohnt: Die Facharztausbildung ist besser organisiert als in Deutschland. Es ist ganz klar geregelt, in welchem Jahr man was macht und man ist immer nach der vorgeschriebenen Zeit fertig. In der Kardiologie sind es zum Beispiel sechs Jahre und diese reichen auch immer aus – anders als in Deutschland.

 

In jedem Fall, so meint auch Prof. Christian Taube, Leiter der Standards entspricht. Ist dies nicht der Fall, kann die Bezirksärztekammer Probleme bei der Anerkennung machen. Diese lassen sich laut Prof. Taube zwar durch kulante Zuständige bei den niederländischen Behörden überwinden, doch sollte man darauf besser nicht bauen und sich vorher erkundigen.

 

Fahrräder - Foto: crimson/Fotolia.com

Ohne Fahrrad geht in Holland nichts. Die Niederländer bewegen sich mit Vorliebe auf zwei Rädern fort – und Vorsicht: nur Touristen tragen hier „Fahrradkleidung“!   
Foto: crimson/Fotolia.com
    

 

Berufsalltag auf Niederländisch

Ist man als deutscher Mediziner in den Niederlanden angekommen, gibt es viele kleine, aber auch große Unterschiede, denen man im Alltag begegnet. So erzählt Prof. Taube: „Dass es in den Niederlanden eine aktive Sterbehilfe gibt, war etwas, womit ich mich erst auseinander setzen musste. Dieses Thema wird in der ärztlichen Ausbildung in Deutschland ja ganz anders behandelt.“ Was deutsche Ärzte zudem anfangs verwirren könnte, ist die extrem flache Hierarchie. Das zieht Entscheidungsfindungen in Besprechungen zwar ziemlich in die Länge, die meisten Auswanderer erleben dieses Arbeiten trotzdem als ausgesprochen angenehm: „Wer den Vorgesetzten duzt, traut sich eher auch mal negative Dinge anzusprechen“, sagt Dr. Maass. Auch die Bürokratie ist in den Niederlanden wesentlich geringer.

 

Das Gehalt kann kaum ein Anreiz sein, in die Niederlande zu gehen. Nachdem die Gehälter in den letzten Jahren in Deutschland stark gestiegen sind, verdient man in den Niederlanden nur noch unwesentlich mehr als hierzulande. Berücksichtigen sollte man aber, dass die Niederländer mehr Wert auf die „Work-Life-Balance“ legen. Wie Prof. Taube betont, hat der Ausgleich zwischen Arbeit und Privatleben in den Niederlanden einen höheren Stellenwert als in Deutschland und so würden die wenigsten Ärzte eine 70 Stunden Woche einlegen. Daher hat man am Ende des Monats im Schnitt zwar nicht mehr Geld als in Deutschland – dafür aber mehr Freizeit.

 

Auch für Patienten gibt es wahrnehmbare Unterschiede. Beispielsweise hat man keine freie Arztwahl. Das liegt daran, dass es keine niedergelassenen Fachärzte gibt und man als Patient vom Hausarzt an den passenden Facharzt in einer Klinik überwiesen wird. So behandeln Klinikärzte nicht nur aufgenommene Patienten, sondern erledigen auch Routinekontrollen. Deswegen haben Klinikärzte in den Niederlanden auch ein gemischteres Tätigkeitsfeld als die Kollegen in Deutschland. Andererseits fallen auch ein paar Aufgaben weg: Für einige Jobs, die in Deutschland als ärztliche Tätigkeit gelten, gibt es speziell ausgebildetes Fachpersonal. So kann sich Dr. Maass darauf verlassen, dass Echokardiografien oder Schrittmacherkontrollen von dafür ausgebildeten Echolaboranten oder Biotechnikern übernommen werden.

 

So bleibt zwischendurch ausreichend Zeit, um mit den niederländischen Kollegen auch mal die wirklich schwierigen Themen anzusprechen. Dr. Maass: „Ja, natürlich reden wir auch über Fußball! Wir ärgern uns immer gegenseitig. Wenn Deutschland gewinnt, ärgere ich die Kollegen und wenn Holland in der WM weiterkommt, dann ärgern sie mich.“ Insofern sind wir also auch in dieser Beziehung schon einiges weiter als vor ein paar Jahren. Wenn Deutsche und Niederländer über Fußball reden können, ist das doch schon fast eine heile Welt. Sie müssen sich ja nicht gleich darüber einig sein, wer gewinnen soll … .

 

Amsterdam- Foto: NBTC Holland Mediabank

Amsterdam. Foto: NBTC Holland Mediabank

 

Zahlen, Daten, Fakten über die Niederlande

Land und Leute

  • Ein Viertel des Landes befindet sich unter dem Meeresspiegel und der höchste „Berg“ gipfelt in 322 m Höhe.
  • Mit 429 Menschen pro km2 leben die Niederländer fast doppelt so dicht gedrängt wie die Deutschen
  • In den Niederlanden stehen über 1.000 historische Windmühlen.

Studium und Arbeit

  • 2011/2012 gingen 25.028 deutsche Studierende in die Niederlande, davon waren 2.742 Mediziner (11%)
  • Das Einstiegsgehalt für Mediziner lag 2011 zwischen 40.700 und 58.200 Euro brutto. In Deutschland bekommt man mit 46.000 € ähnlich viel. Zu beachten ist aber, dass die Holländer mehr Wert auf eine ausgewogene „Work-Life-Balance“ legen.

Medizin und Gesundheit

  • Lebenserwartung: 81 Jahre (D: 80 Jahre)
  • Kindersterblichkeit: 4/1.000 Geburten (D: identisch)
  • Rund 30% aller Geburten sind Hausgeburten (D: <2%)
  • 2007 gab es pro 1.000 Einwohner 3.921 Ärzte und 4,25 Krankenhausbetten

Linktipps

  • Mehr Infos zum Thema auf der Seite „Studieren in Holland“ unter bit.ly/SL7YsS oder bei der Agentur für Arbeit unter bit.ly/12h2IkS
  • Bei Via medici online finden Abonnenten unter bit.ly/UxqPau ein aktuelles Infopaket.

 

Studieren in zwei Ländern

Die European Medical School Oldenburg- Groningen (EMS)

  • Ein schönes Beispiel für das partnerschaftliche Miteinander von Deutschen und Niederländern ist der neue Medizinstudiengang der „EMS Oldenburg-Groningen“. Die EMS ist ein Kooperationsprojekt der Unis Oldenburg und Groningen. Das Lehrkonzept ist praxisorientiert und forschungsbasiert.
  • Seit dem Startschuss im Herbst 2012 können nun 40 Studierende pro Jahr an der Universität Oldenburg ein Medizinstudium aufnehmen. Die Ausbildung zeichnet sich vor allem durch problem- orientiertes Lernen mit Tutoren und konsequente Forschungsbezüge aus. Zusätzlich zum Staatsexamen kann an der Partneruniversität Groningen der Masterabschluss in „Geneeskunde“ erworben werden.
  • Eine Besonderheit ist der Studierendenaustausch, bei dem die Studierenden mindestens ein Jahr ihrer sechsjährigen Ausbildung in Groningen verbringen.
  • Mehr über die European Medical School erfährst du hier 

 

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* BIG: „Beroepen in de Individuele Gezondheidszorg“ = Gesundheitsberufe

  

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