• Bericht
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  • Melanie Hohner
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  • 03.09.2007

Famulatur Gerichtsmedizin in Wien

Um meine Kenntnisse im Fach Rechtsmedizin zu vertiefen, beschloss ich im Sommer 2007 in Wien zu famulieren. Meine Wahl war auf Österreich gefallen, weil dort generell mehr obduziert wird als in Deutschland, und auf Wien im speziellen, da ich auch die Unternehmungsmöglichkeiten während der Famulatur berücksichtigt habe. Vorneweg: in Deutschland heißt die korrekte Bezeichnung Rechtsmedizin, in Österreich Gerichtsmedizin oder gerichtliche Medizin.

Organisation

Beworben habe ich mich fünf Wochen vor Beginn meiner Famulatur. Auf der Homepage des Department für Gerichtliche Medizin Wien findet man alle Telefonnummern. Nach einem Telefonat mit der Sekretärin Frau Diebold schrieb ich zwei Mails an die zuständigen Professoren, die Frau Diebold mir genannt hatte. Die Zusagen der Profs musste ich per Mail wieder an die Sekretärin weiterleiten, dann bekam ich per Mail die Zusage für den Zeitraum von 4 Wochen.
Besondere Voraussetzungen musste ich nicht vorweisen, so hatte ich beispielsweise zu diesem Zeitpunkt den Schein in Rechtsmedizin noch nicht. Was ich allerdings zu Beginn meiner Famulatur vorzeigen musste, waren ein Lichtbildausweis, Studentenausweis sowie die Sozialversicherung und ein Meldezettel. Den Meldezettel bekommt man beim Einwohnermeldeamt der Stadt, in der man gemeldet ist.
Versichern muss man sich selbst. Famulanten bekommen während ihrer Famulatur weder Unterkunft gestellt noch ein Entgelt.

 

Alle Fotos von Melanie Hohner

 

Anreise und Unterkunft

Da Wien doch weiter entfernt lag als ursprünglich gedacht, bin ich mit dem Flugzeug von Stuttgart nach Wien geflogen; wer früh genug bucht, ergattert häufig einen günstigen Flug. Die öffentlichen Verkehrsmittel in Wien sind gut ausgebaut, vom Flughafen Schwechat ist man sehr schnell in der Innenstadt. Es gibt auch relativ günstige Nachtzugangebote bei der Deutschen Bahn.

Da ich allein nach Wien gefahren bin, wollte ich in einer WG unterkommen. Über http://www.studenten-wg.de fand ich schnell ein Zimmer zur Zwischenmiete, mit Internet und Fahrrad. Ob ein Zimmer im Studentenwohnheim günstiger gewesen wäre, habe ich nicht recherchiert.

 

Arbeitsalltag

Das Institut für Gerichtsmedizin hat etwa 30 Mitarbeiter, von denen der eine Teil mit den Obduktionen betraut ist, der andere Teil mit toxikologischen Untersuchungen, Immunologie und Histologie. Wer möchte, kann in jeden dieser Bereiche hineinschnuppern.

Der Tag begann gegen 8 Uhr mit einem Kaffee und mit der spannenden Frage, wie viele Obduktionen der heutige Morgen bringen würde. Nachdem ich mich in die feschen fahlgelben OP-Kasacks und Gummischlappen geworfen hatte, die übrigens gestellt werden, schaute ich mir die Polizeiakte der Leichen an - diese enthalten den Totenschein des Amtsarztes, Protokolle der Polizei und manchmal auch Fotos vom Fundort.

In Österreich wird unterschieden zwischen "sanitätspolizeilichen" (SPs) und gerichtlichen Obduktionen: SPs werden durch die Sanitätsbehörde angeordnet, wenn der Totenbeschauer eine ungeklärte Todesursache bescheinigt. Gerichtliche Obduktionen werden bei Verdacht auf Fremdverschulden (z.B. auch beim Tod auf dem OP-Tisch) von der Staatsanwaltschaft angeordnet.

Nach dem morgendlichen Check habe ich mir die Leichen äußerlich angeschaut, die Bindehäute, die Totenflecken und die Totenstarre geprüft.
Bei der folgenden Obduktion konnte ich alles machen: vom bloßen Zuschauen (und Riechen und Fühlen) bis hin zum Schneiden. Auch kleine "Tests", die direkt am Sektionstisch gemacht werden, führte ich selbständig durch - CO-Bestimmung, pH-Messung, Fettembolie auf Objektträgern sichtbar machen.

Obwohl meistens drei Sektionen zeitgleich laufen, kann man nur an einem Tisch stehen. Gab es jedoch etwas Interessantes zu sehen, wurde ich von den obduzierenden Ärztinnen hinzu gerufen. Ich bekam auch viele Dinge von den Ärztinnen und Sektionsassistenten erklärt. Bei den gerichtlichen Obduktionen, die von den Professoren durchgeführt werden, wurde ebenfalls viel erklärt.

Einige Male gab es nachmittags auch eine Auswärtsobduktion, dann begleitete ich den Professor und einen Sektionsassistenten zu einer Leichenöffnung, die irgendwo im Umland von Wien stattfanden.

Am letzten Tag hatte ich die Gelegenheit, ein Gutachten an einer lebenden, auf Intensivstation liegenden Person mitzuerheben. Mit der Polizei konnten wir anschließend noch den Tatort besichtigen.

Wenn es einmal nichts zu tun gab, was vor allem nachmittags der Fall war, konnte ich das hauseigene Museum besichtigen. Seit über hundert Jahren werden dort besonders "sehenswerte" Präparate konserviert, gesammelt und katalogisiert. Sehr interessant sind beispielsweise Präparate wie Schädel oder Brustwände, in denen noch das Mordwerkzeug steckt.

 

 

Der Kontakt zu den Kollegen war ausgezeichnet, in den Pausen trafen sich die Sektionsassistenten, die Ärztinnen und die Profs im Aufenthaltsraum. Es gab Kaffee und fast immer etwas zu essen, ich wurde regelrecht durchgefüttert - habe aber des Öfteren Kuchen als Entschädigung mitgebracht; dies ist natürlich auch eine Art Verpflegung.

Am Ende meiner Famulatur bekam ich ein ausführliches gutes Famulaturzeugnis. Andere Studenten waren nicht anwesend, da die Wiener Medizinstudenten eine Pflicht-Pathologie-Famulatur absolvieren müssen, und daher wenig Veranlassung sehen, auch noch eine Gerichtsmedizin-Famulatur nachzulegen.

 

Freizeit

Wenn es nicht so viele Obduktionen gab, konnte ich oft schon nach dem Mittag meinen Kittel an den Nagel hängen. Das war mir auch ganz recht, denn so konnte ich Wien ausführlich erkunden.
In Wien gibt es jede Menge zu entdecken, sodass ich selbst nach 4 Wochen noch nicht alles gesehen hatte. Neben Klassikern wie Prater, Schloss Schönbrunn und Innenstadt lohnt sich ein Besuch des Museumsquartiers und des Zentralfriedhof besonders - ein Stadtplan ist allerdings dringend notwendig, ohne ihn lernt man mehr von Wiens Wohnvierteln kennen, als einem lieb ist. Bei Temperaturen über 30°C musste ich manchmal jedoch einen Abstecher an die Donau dem Kulturprogramm vorziehen!

 

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Viele nützliche Informationen und Stadtpläne gibt es in der Jugendinfo Wien. Passend zur Famulatur in der Gerichtsmedizin habe ich das Kriminalmuseum, das Josephinum (Wachsfiguren a la Körperwelten) und das Pathologisch-Anatomische Bundesmuseum besichtigt. in letzterem gibt es ausschließlich für 'medizinisch Vorgebildete' eine zusätzliche Ausstellung; zu finden im Narrenturm, direkt hinter der Gerichtsmedizin.

 

 

Eine Stunde entfernt liegt auch Bratislava, die Hauptstadt der Slowakei - ein Tagesausflug, der sich lohnt. Etwas weiter, aber noch schöner: Budapest bzw. der Plattensee sind in ca 2,5 Stunden zu erreichen.

 

Fazit

Der Abschied von der Gerichtsmedizin ist mir am Ende sehr schwer gefallen, so begeistert war ich von dieser Famulatur. Durch das breite Spektrum, das obduziert wird, bekommt man viele Befunde "live" zu sehen, und lernt etwas sowohl für die Leichenöffnung als auch für den klinischen Alltag. Bei keiner anderen Famulatur waren die Kollegen so nett, entspannt und erklärungswillig. Eingebettet in die Atmosphäre von Wien, der "Nekropole" Österreichs, ein unvergessliches Erlebnis.

 

Kontakt und Adressen

Department für Gerichtliche Medizin
Medizinische Universtiät Wien
Sensengasse 2
A-1090 Wie

Gerichtsmedizin Wien

 

Sekretariat

Sieglinde Diebold

Tel.: (+043) 01 4277 6570

sieglinde.diebold@meduniwien.ac.at

Nützliche Internetadressen

Infos über Wien gibt's hier...

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...zum abends weggehen auch hier...

Jugendinfo, Babenbergerstraße 1/ Ecke Burgring, 1010 Wien

Zimmer zur Zwischenmiete gibt's hier!

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