• Bericht
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  • Christine Schmidt
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  • 25.11.2009

Famulatur in der plastischen Chirurgie

Die Fachschaft der TU Dresden organisiert jedes Jahr in den Sommersemesterferien einen Famulantenaustausch mit Breslau. Dabei können Medizinstudierende beider Länder die Kultur und das Gesundheitssystem des jeweiligen Nachbarn kennenlernen.

Motivation

Wenn möglich wollte ich meine Famulaturen im Ausland machen. Schon lange interessierte mich eine Reise in ein Land Osteuropas, weil ich diese Kultur noch nie kennengelernt hatte.

 

Vorbereitung

Die Anmeldung verlief relativ unbürokratisch über die Fakultät, die uns sogar einen Platz im Wohnheim und einen Fahrausweis für die öffentlichen Verkehrsmittel in Aussicht stellte. Bei einem netten Infoabend wurden Bilder gezeigt und ich bekam einen ersten Eindruck über die bevorstehende tolle(?!) Zeit.

 

Ankunft in Breslau

Mit dem Zug aus Dresden in Polen angekommen, holte mich mein polnischer Austauschpartner Pawel am Bahnhof ab. Die erste Hürde war genommen - meine größte Befürchtung alleine und ohne Adresse am Bahnhof zu stehen blieb grundlos. Nachdem er mir mein Zimmer im Wohnheim gezeigt hatte - und ständig für mich dolmetschte - gab er mir eine große Stadtführung durch Breslau, so dass ich einen ersten Eindruck von dieser tollen Stadt bekam. Breslau oder besser gesagt Wroclaw hat eine wunderschöne Innenstadt mit schmuckem Rathaus und vielen netten Restaurants am Marktplatz. Zudem bildet die Oder Landinseln in der Innenstadt. Man ist also ständig von Wasser umgeben und fährt über Brücken.

Ich hatte mich in Breslau in der Chirurgie beworben und bin für die Plastische Chirurgie eingeteilt worden. Ohne ein Wort polnisch zu sprechen, geschweige denn zu verstehen und mit meinem Englisch bewaffnet, hoffte ich trotzdem etwas zu lernen.

 

Arbeitsplatzsuche

Am ersten Tag brachte mich Pawel zur Uniklinik, einem Komplex, der am anderen Ende der Stadt lag. Es gab jedoch 2 Kliniken, die der Medizinischen Fakultät angegliedert waren und ich landete im falschen Krankenhaus. Pawel wusste nicht, dass die Plastische Chirurgie der Dermatologie und nicht der Allgemeinen Chirurgie angegliedert war.
In der 1. Woche hatte ich eine relativ gestresste Assistenzärztin aus der Gefäßchirurgie als Betreuerin, die mich nur in den OP-Trakt schickte, wo ich mir selber überlassen blieb. Im weissen Kittel tigerte ich durch die 15 verschiedenen OP Säle, immer auf der Suche nach einer spannenden OP, bei der ich zusehen durfte. Leider waren immer nur wenige Säle ausgelastet und das Personal sprach wenig Englisch. So war es schon ein großer Erfolg, wenn ich wußte, welche OP durchgeführt wurde.

Einmal hatte ich großes Glück und lernte eine Assistenzärztin in der Umkleide kennen, die mich mit in den OP nahm, wo ich ihr bei einer Hirntumorentfernung zusehen konnte.

 

Arbeitsplatz gefunden/Ablauf

Inzwischen hatte sich geklärt, dass ich in der Dermatologie erwartet wurde. Dort verbrachte ich dann meine 2. Woche. Die Dermatologie mitsamt dem OP war in einem völlig veralteten Gebäude untergebracht. Im OP gab es ein Fenster mit dem immer ausgiebig gelüftet wurde und eine richtige Schleuse existierte auch nicht. Im Allgemeinen wurde hier nicht so viel Wert auf gute hygienische Bedingungen gelegt, wie in Deutschland. Alles wurde relativ lax gehandhabt.

Der Tag begann immer um 8.15 Uhr mit einer Besprechung in der Bibliothek - leider auf polnisch - so konnte ich nichts verstehen. Die wichtigsten Worte, wie "Bitte", "Danke", "Ja" und "Nein", hatte ich schon aufgeschnappt, darüber hinaus musste ich mich auf mein Englisch bauen. Alle Ärzte waren sehr nett und zuvorkommend und Verständigungsprobleme wurden in den meisten Fällen mit Hand & Fuß gelöst.
Nach der morgendlichen Visite auf der Station ging ich weiter in den OP zum Plastischen Chirurgen, Dr. Bieniek, der gut Englisch sprach und mir Vieles erklärte.
Im Gegensatz zu den üblichen Klischeevorstellungen wurden hier weder Fettabsaugungen noch Brustvergrößerungen durchgeführt. Sondern es kamen vor allem ältere Patienten mit Karzinomen im Gesicht oder am Kopf. Die größte Herausforderung für den Chirurgen ist dabei den Tumor mit Sicherheitsabstand zu entfernen und trotzdem den Menschen nicht völlig zu entstellen. Jede OP verlief ähnlich:

  • Erst wurde die Stelle lokal betäubt, dann der Tumor entfernt und schließlich die Wunde vernäht oder durch ein autogenes Hauttransplantat verschlossen.

Die Ergebnisse waren für mich jedes mal spektakulär: Den Patienten fehlte z.B. ein großes Stück aus der Lippe oder ein Stück Haut auf der Wange. Doch durch verschiedene Techniken sah die Stelle schon unmittelbar nach der OP nur noch halb so schlimm aus. Dr. Bieniek erzählte auch, dass er Patienten in der Nachsorgeuntersuchung häufig fragen muss, was er denn an ihnen operiert hat.

 

OP-Saal in der Plastischen Chirurgie - Foto: Christine Schmidt

 

Freie Zeit in Polen

Auch die Freizeitgestaltung kam in Polen nicht zu kurz. Da die Ärzte selbst nur bis kurz nach dem Mittagessen arbeiteten, war ich am frühen Nachmittag schon fertig und hatte genügend Zeit, um Breslau für mich zu entdecken!
An den Wochenenden hatte ich frei und konnte die nähere Umgebung mit dem Auto erkunden. Einmal bin ich an einem Wochenende sogar mit dem Zug bis Krakau gefahren. Eine Reise die sich wirklich lohnt! Das Bahnfahren kann schon in Deutschland zum Abenteuer werden, aber erst Recht in Polen.

 

Fazit

Insgesamt war die Zeit in der Plastischen Chirurgie sehr spannend und lehrreich. Seit meiner Zeit dort ist das sicher eine Option für meine Zukunft, auch wenn das Fach gegen Vorurteile ankämpfen muss. Aber die Plastische Chirurgie hat, meiner Meinung nach, eine gewisse künstlerische Note und ist gerade für Frauen ein relativ gut geeignetes Chirurgisches Fach. Die OPs sind relativ klein und erfordern weit weniger körperlichen Einsatz als andere.

Generell kann ich eine Famulatur in Polen nur empfehlen. Zusätzlich ist das Land eine Reise wert. Nur Mut, auch wenn viele Vorurteile existieren: Polen ist ein wunderschönes Land, die Menschen sind sehr freundlich und hilfsbereit und das Essen sehr lecker und günstig. Zuguterletzt kann man den direkten Vergleich zwischen zwei verschiedenen Gesundheitssystemen erleben und kommt zu dem Schluss, dass wir in Deutschland ein relativ gutes Versorgungssystem haben. Trotz der großen Kritik, die immer wieder geäußert wird.

 

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