• Bericht
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  • Gerardo Petrino
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  • 17.07.2009

Pflegepraktikum im Bezirkskrankenhaus Alba Iulia

Im vorklinischen Medizinstudium ist es im Rahmen des Pflichtpraktikums sehr interessant, die pflegerische Betreuung kranker Menschen in einem anderen Land mit den Umständen in Deutschland vergleichen. So absolvierte ich als Greifswalder Medizinstudent im März dieses Jahres, nach der Vermittlung durch den Malteser-Auslandsdienst, ein dreißigtägiges Pflegepraktikum im "Spitalul Judetean de Urgenta Alba", dem Bezirkskrankenhaus in Alba Iulia in Transsilvanien.

Organisation des Pflegepraktikums

Mein Ansprechpartner beim Malteser-Auslandsdienst und ein Kommilitone von der Universität Münster, der ein Praktikum im selben Hospital machen wollte, konnten bei Flug und Unterkunft vermitteln, sodass schon im Vorfeld alles Wesentliche für mich schnell organisiert war. Ich musste mich auch nicht weiter um ein Visum und andere Formulare kümmern, da Rumänien zur EU gehört, sodass die Einreise recht unbürokratisch abläuft.

Einen Hin- und Rückflug gab es günstig bei der ungarischen Billigflug-Gesellschaft Wizzair, und eine Unterkunft konnte ich nach Vermittlung durch meinen Münsteraner Kommilitonen, der dort bereits einen größeren Freundeskreis hatte, privat anmieten.

 

Sprachliche Eigenheiten und das Wesen der Rumänen

Rumänien ist kein europäisches Hinterland: Ich kam hierher und fragte mich, inwieweit ich mit meinen Englisch-Kenntnissen weiter kommen würde. Leider hatte ich auch keine Zeit gefunden Rumänisch zu lernen.

Dann welch Überraschung; nicht nur, dass viele Leute Englisch sprechen - so auch ein großer Teil des Klinikspersonals. Nein, so mancher Rumäne war auch schon mal in Deutschland und kann deshalb Deutsch sprechen, oder er hat esin intensiven Schulungen gelernt.

Schließlich gab es vor dem zweiten Weltkrieg hier viele Rumänendeutsche, Sachsen, die hier in Transsilvanien lebten. Zwar sind nach dem Krieg viele Rumänendeutsche nach Deutschland zurück gegangen. Es sind aber einige kulturelle Eindrücke bei den Rumänen hängen geblieben. So ist besonders dieser Teil Rumäniens, nämlich was früher von den Sachsen Siebenbürgen genannt wurde und eigentlich Transsilvanien ist, im Vergleich zum weniger strukturierten Süden und Osten wirtschaftlich dominierend. Nicht zuletzt eben aufgrund der "fleißigen Sachsen", wie die Rumänendeutsche genannt werden. So ist es also kein Wunder, dass die deutsche Kultur hier immer noch präsent ist und sogar gelobt wird.

Mit Italienischkenntnissen kommt man in Rumänien auch sehr weit. Nicht nur, dass das Italienische und das Rumänische sprachlich sehr nahe verwandt sind - sie haben sich beide aus Latein entwickelt und viele Wörter entsprechen sich. Rumänien hat engen Kontakt und einen regen Austausch mit Italien. Rumänen gehen gerne nach Italien um dort zu arbeiten. Gleichzeitig gibt es hier in Rumänien auch einige italienische Kleinunternehmer, die hier im Zuge der wachsenden Strukturierung durch die Europäische Union geschäftliche Möglichkeiten sehen.

Die Rumänen sind in ihrer Wesensart sehr südländisch, sprechen und scherzen viel miteinander und beziehen jeden Fremden neugierig und aufgeschlossen gleich mit ein. Anders als Italiener oder Spanier sind sie aber weniger aufbrausend und eher ruhigen Gemüts. Die Rumänen bedauern ein wenig, dass man in Italien häufig Probleme mit rumänischen Zigeunern hat und befürchtet, dass so Vorurteile gegen Rumänen allgemein geschürt werden.

 

Hygienische Bedingungen

Welche Unterschiede fallen aber nun hier im Bezirks-Krankenhaus von Alba Iulia gleich ins Auge, im Vergleich zu den Standards, die man in Kliniken in Deutschland gewohnt ist?

Das Krankenhaus ist mit mehr als 830 Betten ausgestattet und beschäftigt rund 200 Ärzte, 500 Pflegekräfte, 250 Hilfspflegekräfte und 150 Kräfte für Haustechnik und Hilfarbeiten.

Vor allem an den Billigprodukten, die in der Deutschland massenweise täglich verbraucht werden, wir in rumänischen Krankenhäusern gespart. So werden alle Sorten von Einwegtüchern gemieden und stattdessen waschbare Tücher verwendet. Einwegkittel gibt es im OP kaum oder gar nicht, sondern lediglich Stoffkittel, die gewaschen werden. Verbandskompressen falten die Schwestern aus großen einlagigen Kompressenmaterialien täglich per Hand in Größe der Verbandskompressen. Aus solchen Materialien werden auch massenweise dreiecksförmige Tupfer gefaltet. Nach der "Bastelarbeit" wird alles sterilisiert.

 

Foto: Gerardo Petrino

 

In den Patientenräumen und auch sonst überall im Krankenhaus wird an Desinfektionsmittel gespart. Es wird nicht nach jedem Patientenkontakt desinfiziert, wie bei uns üblich, sondern lediglich wenn man Injektionen vornimmt - an den Einstichstellen. Verbandswechsel geht man aber natürlich mit sterilen Materialien an. Bei OPs werden alle Hygiene-Maßnahmen vorgenommen wie man sie bei uns kennt, lediglich eben mit wiederverwertbaren Tüchern.

Handschuhe sieht man vor allem im OP, aber selten im Bereich der Patientenzimmer. Auch bei Blutabnahmen zieht man sich nicht immer Handschuhe an. Wenn man Flaschen mit Desinfektionsmittel sieht, dann sind es oft ehemalige handelsübliche Spender für Spülmittel oder Handwaschseife, die gereinigt und immer wieder mit Desinfektionsmittel aufgefüllt werden. Einmachgläser für Lebensmittel dienen ebenfalls zur Aufbewahrung verschiedener Utensilien. Verbrauchte Infusionsbeutel verwendet man als Drainagebeutel.

 

Nicht überall herrscht Improvisation

Für die OPs ist das Personal in den rustikal anmutenden Räumlichkeiten mit allen notwendigen modernen Instrumenten ausgerüstet. Operationsbesteck ist oft Made in Germany. Die Laboratorien sind mit allen modernen Analysegeräte ausgestattet, welche durch das Gesundheitsministerium in Westeuropa eingekauft wurden. Die Notaufnahme stellt viele moderne Gerätschaften bereit, wie automatische Blutdruckmessgeräte, Defibrillatoren, und sogar eine Video-verschaltete Verbindung des Notfallraumes mit umliegenden Universitätskliniken ist vorhanden. Manchmal kann es eben vorkommen, dass man während des Notfalls einen anderweitigen fachmännischen Rat braucht.

Die Notaufnahme wurde erst vor wenigen Jahren aufgerüstet, nachdem man dafür auf internationale Kredite zurückgreifen konnte. Und nun funkelt und blinkt hier alles, wie es in Westeuropa Standard ist. Es gab auch viele Hilfprojekte, die bei der besseren Ausstattung des Hospitals geholfen haben. So über den Malteser-Auslandsdienst, welcher seit den Umsturz der diktatorischen Regierung unter Ceausescu mit vielen Hilfsprojekten die Region mit Medikamenten und medizinischen Materialien unterstützte.

 

Rolle des Klinikpersonals

Der Klinikarzt ist trotz der Improvistation ringsum ein professioneller Fachmann, der wie in Deutschland seine Arbeit in der Klinik tut. Die hierarchischen Strukturen sind hier allerdings ausgeprägter. Ein Arzt macht seine Arbeit, sorgt sich aber nicht unbedingt um die sozialen Belange der Patienten, diese kommen sehr kurz. Aber das ist bei unter Zeitdruck stehenden deutschen Ärzten nicht unbedingt anders. Andererseits muss sich aber ein rumänischer Medizinstudent auch nicht mit der Medizinischen Psychologie und der Medizinischen Soziologie befassen, wie mir berichtet wurde. Die Medizinerausbildung ist hier sehr auf das Organische konzentriert.

Das deutsche Pflegepersonal führt am Patienten Behandlungen durch, übernimmt dessen körperliche Pflege und sorgt mit der Essensausgabe für deren leibliches Wohl. Überdies ist das Essen meist durch ein Catering-Service auf die Wünsche des Patienten abgestimmt. Ein deutscher Patient wird also von einem Team rundum versorgt und bekommt entsprechende soziale Betreuung von diesem einen Team.

Anders der rumänische Patient. Für die medizinischen Behandlungen wie Infusionen, Verbandswechsel, Blutabnahme und Medikamentenvergabe sorgt der "Assistent medical". Dann ist aber Schluss, und der Assistent kümmert sich zu einem großen Teil um die reichliche Papierarbeit und Dokumentation - und entzieht sich dadurch dem Patienten. Die Körperpflege- und Bettenpflege wird von "Infermieri" besorgt, Personal, das überdies auch für die Hygiene der Räume zuständig ist, also Müllentsorgung und allgemeine Reinigung der Station. Die Essensausgabe geschieht wieder durch anderes Personal, Küchenpersonal. Es gibt täglich zwei verschiedene Gerichte, für Diabetiker und Cholesterin-diätisch. Diese zwei Gerichte wiederholen sich alle zwei Tage und werden in der hospitaleigenen Küche zubereitet und in großen Gefäßen auf die Station gebracht, wo sie portioniert und verteilt werden.

 

Foto: Gerardo Petrino

 

Auf den Patienten kann gar nicht sozial eingegangen werden, wenn es ständig mit unterschiedlichem Personal konfrontiert wird. Entsprechend zurückhaltend ist der rumänische Patient auch.

Dafür sind die familiären Strukturen in Rumänien andere. Ist ein Patient stationär oder gar bettlägerig, ist für viele viele Stunden am Tag ein Familienangehöriger anwesend, schon ab dem frühen Morgen. Selbst wenn es nichts zu sagen gibt oder unter schwierigen pflegerischen Umständen ist die Familie einfach da und sitzt mit einem Stuhl beim Kranken und schenkt ihm seine Anwesenheit. Das ist bei uns kein ganz fremder Anblick, kommt aber doch nicht so häufig und in dem Maße vor wie in Rumänien.

 

Tägliche Aufgaben des Praktikanten: zuviel zugemutet?

Eine wichtige Sache, die mich in meiner ersten Praktikumswoche sehr beschäftigt hatte ist, dass Medizinstudenten ohne große Kenntnisse in den täglichen Aufgaben der Medical Assistants einbezogen werden. Praktikanten dürfen ohne Bedenken seitens des Krankenhauspersonals die Applikationen und Blutentnahme erlernen.

Jede Injektion ist bei uns rein rechtlich eine Körperverletzung, die nur bei Einverständnis des Patienten vorgenommen werden darf. Solche Tätigkeiten werden im Medizinstudium entsprechend erst mit der Famulatur erlernt. Ich sträubte mich in Rumänien, ohne eine fundierte theoretische Einführung in die Techniken eine Applikation oder Blutabnahme durchzuführen, was man aber erst nicht verstand. Hier ist zu berücksichtigen, dass man während eines Medizinstudiums in Rumänien keine Pflegepraktika absolvieren muss. Ein Medizinstudent gilt, wenn er ein Praktikum im Krankenhaus absolviert, im Grunde gleich als Famulus.

Vollkommenes Unverständnis zeigte ich, als ich an einem Tag in der Notaufnahme dazu angehalten wurde, eine zehn Zentimeter lange klaffende Wunde zu nähen, ohne dass ich nach meinen Erfahrungen gefragt wurde. Ich hatte mich vorher nicht einmal gedanklich damit auseinander gesetzt, und nun forderte man mich wiederholt dazu auf die Wunde zu nähen. Das ging doch nun gar nicht, schließlich war dies ein Pflegepraktikum. So musste ich darauf hinweisen, dass die Ausbildung für Mediziner in Deutschland anders gestaltet ist als in Rumänien, und das solche Aufgaben meine Kompetenzen und Rechte übersteigen.

Man hat also anfangs gar nicht verstanden, dass ich als Medizinstudent pflegerische Tätigkeiten ausüben wollte. Und so schauten mich meine Kollegen erst mit großen Augen an, akzeptierten aber schließlich die deutschen Umstände für Medizinstudenten. Die rumänischen Kollegen sahen ein, dass in Deutschland ein solches Pflegepraktikum der Sensibilisierung eines angehenden Mediziners für die Bedürfnisse eines Patienten dient.

 

Bescheinigung für das LPA

Das Landesprüfungsamt Mecklenburg-Vorpommern fordert für die Bescheinigung des Pflegepraktikums im Ausland einen kleinen Tätigkeitsbericht von der Pflegeleitung. Diese Regelung ist nicht in allen Bundesländern gleich, sodass Ihr Euch am besten rechtzeitig über die Erfordernisse informiert.

 

Kontaktdaten des Hospitals

Habe ich Euch Lust auf eine Famulatur in Transsilvanien gemacht. Hier noch die Adresse der Klinik:

Spitalul Judetean de Urgenta Alba
B-dul Revolutiei nr 23
Alba Iulia, cod 510160
Tel.: +4.0258.834041
Fax : +4.0258.83572

www.spitalalba.ro

sjalba@alba.astral.ro

 

 

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