• Bericht
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  • Julia Schlummer
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  • 24.09.2007

Pädiatrie-PJ in Cluj-Napoca, Rumänien

"Warum Rumänien?" Diese Frage musste ich sowohl in Deutschland als auch in Rumänien unzählige Male beantworten. Aber warum eigentlich nicht Rumänien? Auch ohne besondere familiäre Beziehungen zum Land, einfach aus Neugier, ein junges EU-Mitgliedsland zu entdecken, Medizin mit begrenzteren Ressourcen kennen zu lernen, ein bisschen den Horizont Richtung Osteuropa zu erweitern und das alles inmitten wunderschöner Natur, besonderer Gastfreundschaft und bei gutem Wetter - was spricht denn dagegen?

Studentisches Pionierdasein in Cluj-Napoca

Die "Iuliu Hatieganu" Universität für Medizin und Pharmazie in Cluj-Napoca ist offizielle Partneruniversität der RWTH Aachen, bislang wurde der Kontakt aber nur von rumänischer Seite genutzt. Deshalb war es für mich leicht, als erste und einzige Bewerberin ein Erasmusstipendium für Rumänien zu bekommen. So ein studentisches Pionierdasein in Osteuropa hat viele Vorteile, vor allem eine intensive Betreuung, weil man hier noch nicht in einer Masse von Erasmusstudenten untergeht und als deutscher Student eher eine Seltenheit ist. Ganz im Gegensatz zu den Franzosen übrigens, von denen sich schon seit längerer Zeit jedes Jahr einige Studenten nach Cluj verirren, um dort von der guten Ausbildung zu profitieren.

 

Sprachkenntnisse öffnen Türen und Herzen

Ich hatte mich etwa ein Jahr zuvor beworben und erst nach der Zusage damit begonnen, Rumänisch zu lernen. Es ist als romanische Sprache relativ leicht zu lernen, besonders wenn man mal Latein, Französisch, Italienisch oder Spanisch gelernt hat. Also nur Mut, die Sprachbarriere sollte kein Hindernis sein, sich auf Rumänien einzulassen.

Fast alle Ärzte, Studenten und Schwestern sprechen mindestens eine Fremdsprache, meist Englisch, Französisch oder Deutsch, und wenden diese Kenntnisse auch gerne an. Als Unterrichtssprache für mein PJ war Englisch vereinbart worden. Um sich aber mit Patienten, im Alltag oder auf Reisen unterhalten zu können, hatte ich vor meinem Aufenthalt an einem VHS-Kurs teilgenommen und dann in Cluj an einem Sprachkurs, den das Studiendekanat für Erasmusstudenten organisierte. Der Kurs war kostenlos die Schüler erhalten sogar kostenlos ein Lehrbuch. Zusätzlich habe ich an einer Sprachschule in Cluj (Britania) einen Intensivkurs gemacht. Der Kurs umfasste 14 Stunden und kostete 300 Lei, also etwa 90 Euro).

Insgesamt konnte ich mit diesen Grundlagen gut überleben und mich sogar ein bisschen unterhalten. Ein wenig Sprachkenntnis öffnet Türen und Herzen der Rumänen, denn für sie ist es etwas besonderes, dass ein Ausländer versucht, die Sprache ihres Landes zu lernen, da erwartet niemand Perfektion.

 

Ein Stück rumänisches Lebensgefühl

Meine Unterkunft wurde vom Dekanat in Cluj frühzeitig organisiert. Wie alle Studenten der UMF (universitate de medicina si farmacia) war ich im Studentenkomplex Hasdeu untergebracht, einer Wohnheimssiedlung nahe des Stadtzentrums.

Es ist in Rumänien üblich, dass sich mehrere Studenten ein Zimmer teilen, zumeist sind es 4er-Zimmer mit Gemeinschaftsküche und -bad für den ganzen Flur. Studenten höherer Semester und Erasmus-Studenten haben das Privileg, in einem Gebäude mit 2er-Apartments zu wohnen.

Meine WG hatte einen gemütlichen Raum mit zwei Betten, einem Schreibtisch, einer kleinen Küche, Bad und sogar einen Balkon. Die Miete dafür betrug 75 € pro Monat inklusive aller Nebenkosten. Internetanschluss und Waschmaschinen waren vorhanden, dazu Einkaufsmöglichkeiten in direkter Nähe auf dem Campus, fast rund um die Uhr. Das enge Zusammenleben auf engem Raum war vielleicht erst ungewohnt, beschleunigte jedoch, dass ich Kontakte knüpfen konnte. Darüber hinaus gehört das Zusammenleben mit anderen Menschen für mich untrennbar zum rumänischen Lebensgefühl.

 

Absolut mit Deutschland vergleichbar

Cluj ist die drittgrößte Stadt Rumäniens mit ca. 350.000 Einwohnern, davon 80.000 Studenten, an der UMF 4.800.

Das Medizinstudium dauert auch hier sechs Jahre und ist von der Ausbildungsqualität absolut mit Deutschland vergleichbar. Es gibt kein praktisches Jahr am Ende der Ausbildung, dafür werden die einzelnen Fächer in Form von Modulen gelehrt. Pädiatrie z.B. wird im fünften Studienjahr als 12-wöchiges Modul unterrichtet, bestehend aus einem klinischen Training am Morgen und Vorlesungen beziehungsweise Seminaren am Nachmittag. Es wird viel Wert darauf gelegt, dass die Studierenden Untersuchungstechniken erlernen. Das ‚Bedside-Teaching' hat eine herausragende Bedeutung.

 

Volle Integration als junge Assistentin

Ich wurde als PJlerin behandelt wie eine Residentin, also eine junge Assistentin. In den alltäglichen Arbeitsablauf meiner Kollegen wurde ich voll mit einbezogen, angefangen von Aufnahmen, Visiten, Punktionen, Endoskopien, ausführlichen Fall- und Laborbesprechungen - natürlich mit Kaffeepausen - bis hin zur Teilnahme an Autopsien verstorbener Patienten. Blutabnahmen, Infusionstherapien und i.v.-Zugänge sind in Rumänien Aufgabe der Krankenschwestern, die man hier assistente medicale nennt. Um nicht ganz aus der Übung zu kommen, konnte ich an einigen Tagen mit ihnen arbeiten. Einmal durfte ich sogar eine Liquorpunktion selbst, aber natürlich unter Aufsicht, durchführen.

Neben der Arbeit in der Klinik konnte ich bei einigen Schichten des Rettungsdienstes (S.M.U.R.D.) auf dem Ambulanzwagen mitfahren und habe die bemerkenswert gut ausgestattete rumänische Notfallmedizin kennen gelernt.

 

Großes persönliches Engagement der Tutoren

Meine Betreuung in der Klinik war außergewöhnlich gut. Insbesondere mein Tutor Dr. Gheorghe Popa kümmerte sich mit großem persönlichem Engagement um meine Ausbildung und hatte spürbare Freude am Lehren. Er und sein Team legten großen Wert darauf, dass ich mich in der Klinik zu Hause fühlten, was schnell gelang. Sie organisierten für mich ein abwechselungsreiches Programm mit Rotation über alle Abteilungen. Ich bekam Mittagessen, die Arbeitskleidung wurde jedoch nicht gestellt.

Die Pädiatrie No. 2, in der ich arbeitete, war sehr gut ausgestattet und die derzeit modernste Kinderklinik in Cluj. Es gibt zirka 120 Betten, verteilt auf die Abteilungen Gastroenterologie inklusive Endoskopie, Kardiologie, Diabetologie, Infektiologie, Onkohämatologie, Nephrologie inklusive Dialyse sowie eine Notfallambulanz. Insgesamt wurde mir eine umfangreiche Palette pädiatrischer Pathologien gezeigt, darunter sehr seltene Fälle und zum Teil ausgeprägte Stadien.

 

Neubau der Kinderklinik No. 2 - Alle Fotos: Julia Schlummer

 

Die Medizin, die ich in Cluj gesehen habe, hatte einen hohen Qualitätsstandard. An den Stellen, wo Ressourcenknappheit die Möglichkeiten einschränkte, wurde trotzdem versucht, das Bestmöglichste für die kleinen Patienten zu tun. Manchmal erforderte es Organisationstalent und viel Geduld, z.B. beim Warten auf ein CT oder die Organisation einer Knochenmarkstransplantation, aber irgendwie fand sich meistens ein Weg.

 

Das Team der Hämatoonkologie und Julia

 

Die Unkonventionalität und Bescheidenheit der Menschen hat mich fasziniert und sie machte das Arbeiten und Leben in diesem Land für mich regelungsgewohnte Deutsche so bestechend gelassen.

 

Angenehmes Studentenleben im Reiseland Rumänien

Da Rumänien seit Beginn 2007 Mitgliedsland der EU ist, reicht zum Einreisen der Personalausweis. Bei einem Aufenthalt, der länger als drei Monate dauert, muss eine Aufenthaltsgenehmigung beantragt werden. Bedingung dafür ist eine gültige Auslandsreise-Krankenversicherung.

Die Anreise mit dem Flugzeug ist möglich als Direktflug von Frankfurt oder München nach Cluj, der zwei Stunden dauert, oder als günstigere Variante bis Budapest. Von dort fährt man mit dem Minibus bis nach Cluj. Diese Reise nimmt insgesamt sechs Stunden in Anspruch. Für 45 Euro fahren auch Reisebusse (Touring/Eurolines) direkt von Deutschland nach Rumänien. Die Busse sind gut, aber die Fahrt dauert 25 Stunden - dafür kann man währenddessen schon mal jede Menge Landsleute kennen lernen. Auch Zugreisen lohnen sich, man bekommt als Student in Rumänien einen Ausweis mit 50%-Nachlaß für Zugfahrten im Land.

Die Lebenshaltungskosten sind deutlich günstiger als bei uns, auch wenn sie mittlerweile spürbar steigen. Insbesondere Ausgehen und Kultur sind noch sehr preiswert: Kino, Theater und Oper kosten etwa 2 €, Kaffee oder Bier etwa 0,80 €. Das macht das sehr lebendige Studentenleben in Cluj noch angenehmer.

Zudem ist Rumänien ein tolles Reiseland mit abwechselungsreichen Landschaften, von den Karpaten über das Donaudelta bis zur Schwarzmeerküste, mit modernen Städten und Dörfern, in denen die Zeit still zu stehen scheint. Man kann wandern, klettern, Höhlen erkunden, aber auch viel Kultur erleben, immerhin ist Sibiu die europäische Kulturhauptstadt 2007. Außerdem kann der Reisende bezaubernde Klöster entdecken. Vor allem aber ist es ein Erlebnis, die Gastfreundschaft der Rumänen zu genießen. Selten bin ich von Fremden so voller Herzlichkeit und Wärme aufgenommen worden.

 

"Viel besser als sein Ruf!"

Blick über die Stadt Cluj

Wer nach Rumänien geht und wem es gelingt, diesem Land ohne Vorurteile zu begegnen, der wird staunen: das Land ist viel besser als sein Ruf in Deutschland! Natürlich ist es immer noch ein Land mit viel Armut und deutlichen Spuren der kommunistischen Vergangenheit. Aber man kann eine deutliche Entwicklung spüren. Besonders jetzt nach der Aufnahme in die EU ist Rumänien ein lebendiges Land auf seinem Weg in Richtung Europa. Man muss keine Angst haben vor Kriminalität, Armut oder schlechten hygienischen Verhältnissen. Es ist zwar längst nicht alles perfekt, aber auf einem guten Weg, und insbesondere Cluj ist ein schöner und sicherer Ort zum Leben und Studieren. Ich kann jedem, der sich interessiert, mein mittlerweile geliebtes Rumänien vorbehaltlos empfehlen - für mich war es medizinisch wie persönlich eine gute und beeindruckende Erfahrung.

 

Links und Ansprechpartner

Infos über die Uni gibt es unter:

www.umfcluj.ro

Kontakt zum Büro für Internationale Beziehungen über Frau Rodica Marcu oder Frau Adriana Rosu. Infos über Cluj-Napoca gibt es unter:

www.cluj4all.ro

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