• Bericht
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  • Marie Asmussen
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  • 23.01.2009

Erasmus in Linköping - mit "Kö" und "Kravalle"

Wer eine Zeitlang im Ausland studieren möchte, tut das am besten per Erasmus. Schweden ist dafür wegen der super Organisation und gleichzeitg spitze Studienbedingungen immer ein guter Tipp! Marie Asmussen ging für ein halbes Jahr nach Linköping in Östergötland.

 

Dass es dunkler sein würde, und dass die Sprache in Schweden eben Schwedisch ist, war für mich selbstverständlich. Glücklicherweise sprechen die Schweden aber wohl auch ganz gerne Englisch, erfuhr ich im Vorfeld. Dennoch ist es sehr sinnvoll, sich vor einem Erasmus-Aufenthalt Schwedisch-Kenntnisse anzueignen.

Für diejenigen, die zum Wintersemester ihr Erasmus-Jahr beginnen, gibt es in Berlin einen Intensivkurs vor Semesterbeginn ab Anfang August. Da aber das Frühjahrssemester in Schweden im Februar beginnt, sich also mit dem Wintersemester in Deutschland um einen Monat überschneidet, ist es üblich im Sommer in Schweden anzufangen. Da zwei Wochen, die der Intensivkurs dauert, doch sehr kurz sind, um eine neue Sprache zu lernen, habe ich beschlossen, noch früher mit dem Lernen der fremden Sprache anzufangen.

In Berlin werden unter anderem viersemestrige kostenlose Kurse vom Institut für Skandinavistik der HU angeboten, außerdem Intensivkurse an der TU, eine Sprachbörse, die zwar nicht kostenlos, aber günstig ist, und speziell für Medizinisches Schwedisch ein Kurs an zwei Wochenenden vom Erasmus-Büro der Charité.

Da in Linköping nach dem Prinzip PBL (Problem Based Learning) studiert wird, sollte man zur Vorbereitung zum Beispiel an der AG Interpol teilnehmen.

Wer im Winter nach Schweden fährt, muss wissen und sich darauf einstellen, dass es dort ab Mitte Oktober ziemlich kalt und dunkel werden kann.

 

Anreise

Besonders einfach ist die Anreise momentan mit Ryanair. Der Flughafen Skavska liegt zwischen Stockholm und Linköping in Nyköping, und mit den relativ günstigen direkten Flughafenbussen ist man innerhalb von zwei Stunden vom Flughafen aus in Linköping. Es ist aber natürlich auch möglich, Bahn und öffentliche Busse zu nutzen.

http://www.ryanair.de

http://www.sj.se

http://www.swebus.se

 

Unterkunft

Es ist sehr einfach, schon von Deutschland aus einen Wohnheimplatz in Linköping zu buchen - und es ist sehr empfehlenswert, das möglichst früh zu tun, zum Beispiel im April.

 

Alle Fotos: Marie Asmussen

 

Als Medizinstudent auf Zeit wohnt es sich sehr gut im Studentenwohnheim Flamman, mit dem Rad fünf Minuten vom Stadtzentrum und 15 Minuten vom Universitätskrankenhaus entfernt. Ihr solltet Euren Wunsch einfach auf den ausgefüllten Zettel schreiben.

Im Flamman wohnt man auf relativ bequemen möblierten 20 Quadratmetern mit eigenem kleinen Flur mit großem Einbauschrank und Badezimmer. Ihr teilt Euch mit sechs anderen Studierenden - im Flamman meist nur Schweden - eine mehr oder weniger gut ausgestattete Küche mit Kochutensilien und Geschirr, Fernseher, aber leider ohne Geschirrspüler. Das Quartier nennt sich Korridor.

Die meisten Studenten wohnen im Studentenwohnheim in Ryd. Ryd ist schon fast wie ein eigener Stadtteil. Allerdings liegt Ryd mit dem Fahrrad weitere 20 Minuten vom Stadtzentrum entfernt. Die Miete dort beträgt etwa 300 Kronen weniger als in Flamman, und Ihr findet dort auch die meisten Erasmus-Studenten. In allen Wohnheimen gibt es übrigens eine Sauna.

Wem ein Korridor zu unpersönlich und einsam ist, und wer länger als ein Semester bleibt, kann sich natürlich auch überlegen, in eine Wohngemeinschaft zu ziehen. Am besten findet Ihr WG-Angebote vor Ort an Anschlagsbrettern am Campus Valla.

Natürlich gibt es in Linköping einen Ikea: Wer noch einen Kochtopf oder preiswerte Bettwäsche braucht, findet den Ikea im Stadtteil Tornby, etwa zehn Minuten mit dem Fahrrad entfernt.

 

Ankunft

Linköpings Universität ist gut auf Austauschstudenten eingestellt. Bei etwa 20.000 schwedischen Studierenden gibt es jedes Jahr 1.000 Austauschstudenten.

Angeboten werden den ausländischen Studierenden eine Einführungswoche vor Semesterbeginn Ende August, während des Semesters viele Aktivitäten, von denen ich später berichte und Schwedisch-Sprachkurse (Level I-III).

Am Anreisetag, der von der Universität festgelegt wird, sollte man bis 11 Uhr im Zenit auf dem Campus Valla auftauchen, um sich einzuschreiben und die Informationen für die Einführungswoche und seinen Wohnheimschlüssel abzuholen. Dort wird einem auch alles zu Sudierendenabgaben (Studentkårer) und dem wichtigen Studentenausweis geklärt. Zusätzlich erhält jeder Austauschstudent eine Personennummer.

In den Bibliotheken an der Universität und im Krankenhaus können sich auch Austauschstudenten mit dem Studentenausweis Bücher ausleihen. Es ist sicherlich auch gut, sich einen kostenlosen Bibliotheksausweis für die Stadtbibliothek zu besorgen.

 

Die Uni-Bibliothek

 

In Linköping gibt es keine Mensa. Ihr findet lediglich ziemlich teure Cafeterien. Aber dafür finden sich im Krankenhaus überall kostenlos Kaffee und Obst; und in allen Aufenthaltsräumen stehen Mikrowellen, sodass Ihr Euch selbst mitgebrachtes Essen aufwärmen könnt.

Was ich anfangs als kurios empfunden habe: An der Uni werden Schlafräume bereitgestellt wie bei uns Toiletten.

 

Formalitäten

Schwedische Kronen bekommt man schnell, indem man am Automaten Geld abhebt , maximal 2.000 Kronen pro Woche. Viele Umsätze lassen sich auch sehr gut per Online-Banking regeln, sodass es nicht unbedingt notwendig ist, ein Konto bei der SEB oder bei einer der vor Ort ansässigen Handelsbanken zu eröffnen.

Ein Internet-Zugang lässt sich mit einem Telefonkabel und mit den Informationen, die man bei der Ankunft im Zenit erhalten hat, innerhalb einer halben Stunde einrichten. Das Telefonieren ist mit der Handykarte, die man ebenfalls bei der Ankunft erhält, und mit dem Prepaid-Tarif "Amigos" relativ günstig.

Um Videos auszuleihen und im Krankenhaus selbstständig in die elektronischen Patientenakten schauen zu können, benötigt Ihr eine weitere Personennummer. Die bei der Ankunft erhaltene Personennummer reicht nicht aus. Am besten fragt Ihr beim "migartionsverket" nach.

In Linköping gibt es leider kein Studententicket für öffentliche Verkehrsmittel. So es ist empfehlenswert, sich erstens ein Fahrrad - Linköping ist Schwedens Fahrradstadt Nr. 1 - und zweitens eine Buskarte für Ausflüge innerhalb Östergötlands zu besorgen.

 

Mein Studium in Linköping

In Linköping wird nur das achte Semester in englischer Sprache angeboten, und die Organisationsverantwortlichen an der Hälseuniversität, Ingrid Mignon und Fatima Bilajbegovic, bemühen sich, Austauschstudierende dort einzuplanen.

In diesem Semester wird in Linköping Chirurgie, Innere Medizin und Soziale Medizin angeboten. Dem Problemorientierten Lernen entsprechend werden auch immer wieder Fächer angeschnitten, die in Deutschland einzeln bescheinigt werden, wie zum Beispiel die Fächer "Bildgebende Verfahren" oder "Klinische Pharmakologie".

 

Die Vorlesungssäle der Uni

 

Das Studium ist in Blöcke eingeteilt. Dreimal für jeweils ungefähr vier Wochen verteilen sich alle Studierenden im achten Semester in die Krankenhäuser der Region. In dieser Zeit findet kein oder nur lokal organisierter Unterricht statt. Zwischen den Blöcken werden zwei Wochen lang zu den Praktika thematisch passende Vorlesungen und Lerngruppen angeboten.

Die Organisation ist perfekt und es ist möglich, eigene Schwerpunkte zu setzen. Die Praktika könnt Ihr individuell anpassen und weitere Fächer hinzuwählen, wie zum Beispiel Orthopädie auf einer Station, die nur von Studierenden geführt wird, oder Ophthalmologie. Am Besten ist es, bei speziellen Wünschen gleich am Anfang des Semesters nachzufragen. Die Organisationswege sind hier nicht so weit, und viele Anliegen werden auch unbürokratisch per E-Mail geklärt.

Am Ende des Semesters in der ersten Januarwoche gibt es eine fünfstündige Prosaprüfung mit drei Patientenfällen zu Chirurgie oder Innerer Medizin, aber ob es notwendig ist, diese Prüfung zu absolvieren, kann im Einzelfall direkt nach der Ankunft in Schweden geklärt werden.

Linköping hat als eine der ersten Universitäten mit PBL angefangen. Es handelt sich um ein System, nach dem hier auch die KrankenpflegerInnen studieren.

 

Freizeit

Eine wichtige Rolle in und um Linköping spielt die Natur: Der Kinda-Kanal mit Kanugebiet, nahe Skipisten und der Vättern, der zweitgrößte schwedische See, liegen in der Nähe von Linköping. Aber auch an Partys mit einer typisch schwedischen "kö", also Warteschlangen vor einem Klub, in denen man bis zu 1,5 Stunden bei Minusgeraden steht und sich prima unterhalten kann, mangelt es nicht.

Im Flamman und auch in Ryd gibt es jeweils einen von Studis geführten Pub. Je nach Geschmack und Wochentag trefft Ihr dort alle möglichen Leute wieder, die Ihr zuvor vielleicht im Sprachkurs oder im Seminar kennengelernt habt. Als Bewohner des Flammans lässt sich eine Karte erwerben, mit der man für den Flamman-Pub nicht in der "kö" stehen muss.

Auch in der Innenstadt gibt es gleich neben dem Kino einige empfehlenswerte Treffpunkte: Schaut Euch einfach mal um.

Regelmäßig finden "Kravalle" statt - große Partys in den Universitätsgebäuden.

In Linköping gibt es einen alten Stadtteil, in dem sich neben viel Kunsthandwerk Schokolade aus der Schokoladenfabrik erwerben lässt, die auch das Eishockeystadium gesponsert hat.

Vom Erasmus Student Network (ESN) oder der Association for International Visitors (AIV) werden viele Ausflüge wie Elchtouren oder Besuche im supermodernen Müllverbrennungswerk angeboten, das auch als Kraftwerk dient; die Gegend ist bekannt für ihr Umweltbewusstsein. Auch Ostseeschifffahrten sind möglich.

Linköping ist gut mit dem Rest Schwedens verbunden, und bis Stockholm sind es nur drei Stunden mit dem Bus.

 

Hilfreiche Internetadressen:

http://www.liu.se

http://www.lio.se

http://www.fass.se

http://www.ostgotatrafiken.se

http://www.flamman.se

http://www.migrationsverket.se

 

Bücher zur Vorbereitung:

  • Lonelyplanet Schweden
  • "Bullerbü" und alle anderen Bücher von Astrid Lindgren auf Schwedisch

 

Fazit

Wie erwartet, ist das Erasmus-Studium in Schweden gut organisiert. Als Medizinstudentin vom PBL angezogen, genoss ich hier einen Sonderstatus an der Medizinischen Fakultät durch ein Betreuungsverhältnis von fast einem Betreuer pro Austauschstudent.

Meine Erwartungen bezüglich des PBL wurden nicht enttäuscht und ich werde viel von den hier praktizierten Lehr- und Lernmethoden mit nach Berlin nehmen.

Die umfangreiche Praxis und die tolle Erfahrungen, als Austauschstudent selbständig in der Notaufnahme arbeiten zu dürfen, haben mich positiv überrascht. Ich habe von meinen ausbildenden Ärzten viele Rückmeldungen erhalten, sodass ich nun sicherer eine Anamnese erheben, nähen oder auf einen Notfall reagieren kann.

Hier voll in ein Semester eingebunden zu sein, hat mir ein tolles Studentenleben beschert, und es kommt mir länger vor als nur ein Semester, auch wenn die Zeit hier rast.

 

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