• Bericht
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  • Felix Hutmacher
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  • 04.12.2017

Landessprache Shonglisch

Simbabwe ist eines der ärmsten Länder der Welt. Dieser Bericht über eine Famulatur zeigt, dass man von dort trotzdem an Erfahrungen reich zurückkehren kann.

 

Klinikgelände in Regina Coeli

 

Das Land ein Armen-, die Regierung ein Irrenhaus: Diesen Eindruck von Simbabwe könnte man leicht gewinnen, wenn man die aktuelle Berichterstattung um den erzwungenen Regierungswechsel verfolgt hat. Wer die Reisehinweise des Auswärtigen Amts liest, bei dem verfestigt sich dieser Eindruck. Dort wird darauf verwiesen, dass von der Polizei in Notfällen keine Hilfe zu erwarten sei, Überlandbusse und Flugzeuge wegen mangelnder Wartung besser nicht benutzt werden sollten und die Versorgung mit Bargeld per Abhebung fast unmöglich ist.

Es war also durchaus eine Reise ins Unbekannte, die ich im August 2017 antrat, als ich in den Flieger in die Hauptstadt Harare stieg. Ich hatte Verbindungen zu einem Krankenhaus ‚im Busch‘ aufgebaut, im abgelegenen Osten des Landes, an der Grenze zu Mosambik. Dort wollte ich eine vierwöchige Famulatur absolvieren. Wer den Namen des Ortes – Regina Coeli – googelt, findet nicht viel mehr als den Hinweis auf ein Busunglück in den 1990er Jahren.

 

Felix mit einer Pflegekraft

 

Die ungewöhnlichsten Gäste auf den Gängen des Krankenhauses traf ich gleich an meinem ersten Morgen - Kühe und Ziegen. Viele der Kranken bezahlen in Ermangelung von Bargeld ihre Rechnungen in Naturalien; die dann, bis zur Verwertung in Form von Krankenhausessen, ihr Leben im laufenden Stationsbetrieb führen durften.

Die Zustände in Regina Coeli sind in vielerlei Hinsicht mit den unseren nicht zu vergleichen. Es fehlt an allen Ecken und Enden – Desinfektionsmittel ist ein Luxusgut, eine Händedesinfektion muss mit wenigen Tropfen erfolgen. Stauschläuche werden durch aufgerissene Handschuhe ersetzt, und Diagnosen werden auf Basis klinischer Erfahrung gestellt. Laborwerte oder Maschinendiagnostik, wie wir sie kennen, gibt es kaum. Nicht jeder überlebt diesen Mangel. Wir haben mehr als einen Patienten verloren, den wir in Deutschland problemlos hätten retten können – beispielsweise ein Frühgeborenes, das wegen seiner noch unreifen Lunge nicht genug Luft bekam. Fast einen ganzen Tag lang kämpften wir um das Kind, beatmeten es wieder und wieder, während sich die Hautfarbe mit der Zeit von rosig über blass in aschfahl änderte, sodass man schließlich das weit verzweigte Venennetz unter der Haut sehen konnte. Nach einer zwanzigminütigen Reanimation, bei der wir den Brustkorb des winzigen Patienten mit zwei Fingern drückten, mussten wir das Kind schließlich aufgeben.

Natürlich aber konnte Vielen geholfen werden. Auf unserer täglichen Runde durch das Krankenhaus begegneten uns Patienten jeder Fachrichtung. Der einzige Arzt des Krankenhauses hat deshalb ein äußerst breites Wissen – er kümmert sich allein um 120 Betten und eine angeschlossene Ambulanz mit täglich etwa 40 Patienten. Ihm war insbesondere die Lehre von praktischen Fertigkeiten ein großes Anliegen – diese reichten von den wohlbekannten Untersuchungen von Herz und Lunge über Hilfe bei Geburten bis zum selbstständigen Anlegen von Gipsverbänden, um nur einige zu nennen.

 

Ein Patientenbett in der Klinik

 

Die Arbeit kann der Arzt nur schaffen, weil Dokumentations- und Schreibarbeiten auf das absolute Minimum reduziert sind. Er braucht auch nicht zu fürchten, verklagt zu werden – die Leute sind für Hilfe unglaublich dankbar. Mir wurde die Geschichte einer 80-jährigen Frau erzählt, die einmal im Krankenhaus erfolgreich behandelt wurde. Als sie erfuhr, dass der Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen, der sie geheilt hatte, seinen Dienst beenden und nach Hause zurückkehren würde, machte sie sich auf den Weg. Sie ging innerhalb eines Tages die vielen Kilometer zwischen ihrem Wohnort und dem Krankenhaus zu Fuß – um dem Arzt einen Dollar zu überreichen, damit er sich im Flugzeug etwas zu trinken kaufen könne.

 

Wohnhäuser

 

Es klingt vielleicht seltsam, aber wenn ich mich in Simbabwe zur Behandlung in ein Krankenhaus hätte begeben müssen, hätte ich keine Sekunde gezögert, mich in Regina Coeli einweisen zu lassen. Das Team war hoch motiviert, der Arzt kompetent. Da alle Englisch sprechen, entstanden in den vier Wochen auch enge persönliche Bindungen. Wobei Englisch wohl nicht ganz richtig ist – ganz oft wird Englisch mit der Bantusprache Shona gemischt. Shonglisch eben.

Es mag sein, dass das Auswärtige Amt mit seinen Reisehinweisen recht hat – die Polizei hat nicht einmal Autos, und wer sie ruft, muss selbst fahren; und vor jeder Busfahrt beten die Menschen aus gutem Grund für eine sichere Reise – dennoch möchte ich diese Erfahrung nicht missen. Und kann jedem nur empfehlen, selbst ähnliche Wagnisse auf sich zu nehmen.

Das Krankenhaus ist in großer Not - daher sei auf die Spendenkampagne zu Gunsten des Krankenhauses hingewiesen, die mehrere StudentInnen, die im Krankenhaus famulieren durften, zusammen mit den Missionsdominikanerinnen in Strahlfeld auf die Beine gestellt haben. Sie findet sich unter www.betterplace.org/p58068 Wir freuen uns mit dem Krankenhaus-Team über jeden Besuch, jedes Teilen auf Facebook, jede Spende.

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