• Bericht
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  • Christina Haß
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  • 23.04.2014
  • Alexander-Newski-Kirche - Foto: Christina Haß

    Alexander-Newski-Kirche in Sofia - Foto: Christina Haß

     
  • Blick auf das Witosha Gebirgen nahe der Stadt Sofia - Foto: Christina Haß

    Blick auf das Witosha Gebirgen nahe der Stadt Sofia - Foto: Christina Haß

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  • Aussicht von der Kardiologischen Station über Sofia - Foto: Christina Haß

    Aussicht von der Kardiologischen Station über Sofia - Foto: Christina Haß

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  • Das Rila Kloster südlich von Sofia - Foto: Christina Haß

    Das Rila Kloster südlich von Sofia - Foto: Christina Haß

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  • Die Stadt Veliko Tarnovo - Foto: Christina Haß

    Die Stadt Veliko Tarnovo - Foto: Christina Haß

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Bulgarien – immer eine Famulatur wert

Viele können sich unter Bulgarien nur Zigeuner, den Goldstrand am Schwarzen Meer und die Balkanregion vorstellen. Doch Bulgarien hat viel mehr zu bieten – zum Beispiel eine tolle Betreuung während der Famulatur, herzliche Gastfreundschaft und leckeres Essen.

 

In Sofia, der Hauptstadt Bulgariens, leben etwa 1,3 Mio. Menschen und auch wenn die Medien im vergangenen halben Jahr viel über Proteste gegen die Regierung berichtet haben, ist die Lage sehr ruhig.

Das Wahrzeichen der Stadt sind die orthodoxe Alexander-Newski-Kirche und das Witosha Gebirge, das wunderbar zum Skifahren geeignet ist.

 

Warum sollte man nach Bulgarien für eine Famulatur gehen?

Ganz intuitiv versuchen viele Studenten eine Famulatur in einem Land zu machen, wo sie die Sprache sprechen können zum Beispiel Großbritannien, Spanien oder Frankreich. Diese Länder sind dadurch sehr hoch frequentiert und haben oft Studenten aus dem Ausland. In Bulgarien ist das nicht der Fall und die meisten Ärzte haben viel Zeit und Muße für die Studenten. Es ist deutlich weniger hektisch als in deutschen Krankenhäusern und die Patienten zeigen sich dankbar, dass sie eine qualitativ gute Behandlung erhalten.

 

Wie organisiert man die Famulatur?

Meine Auslandsfamulatur habe ich schon weit im Voraus privat über Freunde organisiert. So konnte ich dort in einer Familie wohnen und habe viel vom bulgarischen Alltagsleben mitbekommen. Bulgarische Medizinstudenten machen keine Famulaturen, sondern absolvieren praktischen Unterrichtseinheiten täglich in der Vorlesungszeit. Wer keine privaten Kontakte hat, plant die Famulatur am besten über eine Organisation wie die bvmd.

 

Das Krankenhaus: Military Medical Academy (MMA)

Die Military Medical Academy Sofia ist das größte und angeblich eines der bestausgestattetsten Krankenhäuser in Bulgarien. Die Stationen werden gerade renoviert und modernisiert, sodass einige mit deutschen Standards vergleichbar sind, wohingegen andere zum Beispiel die Neurologie noch mit heruntergekommenen 10-Bettzimmern arbeitet. Die Kardiologie, wo ich meine Famulatur gemacht habe, ist sehr hoch angesehen, auch wenn es derzeit leider kein Katheterlabor gibt (es soll bald wiedereröffnet werden). Selbstverständlich werden Patienten mit akutem Koronarsyndrom in das St. Ekatherina Hospital 500 m weiter gebracht, wo ein Katheterlabor verfügbar ist. Die Therapien richten sich immer nach aktuellen Leitlinien und es werden sogar Studien im Haus durchgeführt. Einziges Manko: es gibt wenig Desinfektionsmittelspender, zumindest nicht in den Patientenzimmern. Im Eingangsbereich gibt es eine Einlasskontrolle mit Lichtbildausweis, nur Mitarbeiter des Krankenhauses oder Patienten sowie deren Angehörige dürfen die Klinik betreten. Meist standen Soldaten in der Eingangshalle und warteten auf Termine, viele auch in Zivilkleidung.

Da auf Station viele Patienten mit Klappenstörungen und Herzinsuffizienz lagen, konnte ich bei den Visiten viel auskultieren und anschließend im EKG- und Echokardiografie-Bereich die Pathologien in den apparativen Untersuchungen sehen. Ich habe oft Privatunterricht vom Chefarzt der Echokardiografie, Prof. Petrovski, erhalten und konnte so die Basis Herzecho-Untersuchung selbst lernen. Insgesamt arbeiten unwahrscheinlich viele Ärzte im Bereich der Kardiologie, von Unterbesetzung wie in Deutschland kann keine Rede sein. In Sofia ist die Assistenzzeit eine Ausbildung, es wird nicht unbedingt erwartet, dass Assistenzärzte (Residents) eine komplette Station alleine betreuen oder die Visite leiten. In den ersten zwei Jahren rotieren die Residents durch verschiedene Stationen. Erst in den darauffolgenden drei Jahren arbeiten sie in ihrem Wunschbereich und werden intensiver in die Stationsarbeit eingebunden. Meist sind die Aufgaben der Residents folgende: Patienten aufnehmen und Untersuchen, Blutdruck messen (auf der Kardiologie wird morgens und nachmittags gemessen) oder stationäre Patienten in andere Krankenhäuser begleiten, zum Beispiel ins Katheterlabor.

Die Schwestern auf Station waren nett, aber sprachen fast ausschließlich nur bulgarisch. Im Gegensatz zu Deutschland erledigen in Bulgarien die Schwestern das Blutabnehmen und Braunülen legen. Außerdem schreiben sie EKGs, teilen Medikamente aus und verwalten die Kurven. Pflegerische Aufgaben werden oft von Angehörigen der Patienten übernommen.

 

Land und Leute

Die größte Schwierigkeit in Bulgarien ist die bulgarische Sprache und vor allem die kyrillischen Buchstaben. Ich habe mithilfe des Buchs „Sprachkurs: Bulgarisch ohne Mühe“ von Assimil (mit CD erhältlich) einen kleinen Basiswortschatz aufgebaut und kyrillisch lesen gelernt. Das ist ausreichend um sich im Alltag grob zu orientieren. Die Ärzte sprechen alle englisch, aber die Patienten eher nicht. Generell sprechen alle jüngeren Leute unter 30 Jahren sehr gut englisch, aber die älteren Generationen fast nie (eher noch russisch oder manchmal deutsch). Das macht die Kommunikation manchmal sehr schwierig.

Die Bulgaren sind unheimlich gastfreundlich und sehen es als eine Ehre an, ihre Gäste bestmöglich zu bewirten und versorgen. Als Gast wird man bei Tisch zuerst bedient und es wird ungefragt nachgegeben. Meist stehen viele verschiedene Gerichte auf dem Tisch, oftmals viel Fleisch und sehr deftige Speisen. Jedenfalls ist es nicht möglich etwas vollständig aufzuessen oder zu trinken. Vorsicht bei dem landesüblichen Rakia! Das ist hochprozentiger meist selbstgebrannter Schnaps, der immer reichlich nachgeschenkt wird. Bekannte Gerichte sind die Banitsa, das ist Blätterteig mit weißem Käse gefüllt und wird oft als Frühstück serviert, außerdem Kiopolo, ein bulgarischer Auberginendip und Güvetsche, ein bulgarischer Eintopf mit Käse und Ei.

In Sofia wird man schnell bemerken, dass die Stadt fast nur aus Plattenbauten aus der Zeit des Kommunismus besteht, die aber keinesfalls soziale Brennpunkte darstellen, sondern günstigen Wohnraum für jedermann bieten. Die meisten Leute wohnen in Eigentumswohnungen und haben diese phantasiereich eingerichtet. Eine Unterkunft findet man am besten in der Studentskigrad (Studentenstadt), die auch für ihre feuchtfröhlichen Partys berühmt ist und am Hauptcampus liegt.

Für Reisen in das Land bietet sich im Sommer das Schwarze Meer für Badeurlaub an. Den Goldstrand sollte man meiden, es sei denn man plant Partyurlaub mit Freunden. Im Winter gibt es das Skigebiet in Witosha, das direkt bei Sofia liegt. Dort kann man im Sommer auch wunderschöne Naturwanderwege erkunden oder das Städtchen Bansko besuchen. Es ist in etwa einer Stunde mit dem Auto zu erreichen und deutlich günstiger, als Städte in Österreich.

Für Kulturinteressierte gibt es das wunderschöne Rila Kloster im Rila Gebirge südlich von Sofia gelegen oder die alte Hauptstadt im Balkan Veliko Tarnovo mit einer Altstadt und römischen Festung. Beides sollte man sich auf einer Bulgarienreise nicht entgehen lassen.  

Wir haben außerdem Freunde der Familie in Sofia im Balkan (Gabrovo) besucht und dort das ETAR besichtigt (ethnografisch-architektonischer Komplex Gabrovo), das ein Open Air Museum darstellt mit Gebäuden und Handwerkskunst aus dem 18. und 19. Jahrhundert.

 

Lebenshaltungskosten

Das Preisniveau in Bulgarien ist höher als man erwarten würde. Lebensmittel, Benzin und Klamotten haben etwas das gleiche Preisniveau wie in Deutschland. Aber Gastronomie/Imbiss, öffentliche Verkehrsmittel, Taxi (ca. 50ct pro Kilometer) und allgemein Dienstleistungsbereiche sind deutlich günstiger als in Deutschland. Die Landeswährung ist der an den Euro gekoppelten Lew (1 Euro ≈ 1,95 Lew).

 

Besondere Traditionen

Eine besondere, alte Tradition ist das Verschenken von rot-weißen Armbändern (=Marteniza) oder Püppchen zum Anstecken an die Kleider zum 1.März. Man wünscht sich dazu „Tschestita Baba Marta“ (Glückliche Oma März), Gesundheit und ein langes Leben. Die Martenizi gelten als Glücksbringer und man hängt sie an einen blühenden Baum, sobald man den ersten Storch sieht. Die Störche ziehen nämlich im Frühjahr über Bulgarien zurück in den Norden.

 

Fazit

Meine Famulatur in Bulgarien hat mir sehr gut gefallen. Vor allem fand ich es toll, dass sich die Klinikärzte so viel Zeit für mich genommen haben. Zudem ist Bulgarien ein tolles Land mit vielen Freizeit- und Ausflugsmöglichkeiten.

 


 

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