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  • Nelli Kaube
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  • 19.05.2016

Famulatur auf dem Kreuzfahrtschiff

Seekrankheit ist – zumindest für Nelli selbst – kein Thema und so machte sie ihre Famulatur kurzerhand auf einem Kreuzfahrtschiff. Hier berichtet sie über ihre maritim-medizinische Reise.

Das Kreuzfahrtschiff MS Astor im Hafen von Invergordon. © Nelli Kaube 

Motivation

Fremde Umgebungen, Kulturen und Außergewöhnliches haben mich schon immer magisch angezogen. Kein Wunder also, dass mein Interesse direkt geweckt wurde, als ich das Internet durchstöberte und auf die Suchanfrage eines Studenten stieß, der gern eine Famulatur auf einem Kreuzfahrtschiff absolvieren wollte, um die vielfältigen Seiten der Maritimen Medizin kennenzulernen.

Bewerbung

Sofort machte ich mich auf die Suche nach Erfahrungsberichten – und wurde schnell fündig. Die Studentin, die den vielversprechenden Artikel geschrieben hatte, hatte sogar eine Kontaktperson angegeben, die ich per E-Mail anschrieb. Leider erhielt ich die Antwort, dass es seit 2013 aus versicherungstechnischen Gründen nicht mehr möglich sei, ein Praktikum für Medizinstudenten auf Kreuzfahrtschiffen anzubieten.

Das war natürlich erstmal ein Dämpfer, doch der Ehrgeiz hatte mich noch nicht verlassen und ich wagte einen neuen Versuch. Unzählige Reiseveranstalter und Reedereien habe ich per E-Mail kontaktiert. Leider kamen entweder Absagen oder ich erhielt gar keine Antwort - bis auf eine Email. Mr. E. machte mir zwar wenig Hoffnung, doch ich ließ nicht locker und schickte ihm meinen Lebenslauf und eine Notenübersicht in englischer Sprache. Im Juni 2015, etwa sechs Monate nach meiner ersten Bewerbung, erhielt ich endlich die definitive Zusage vom Leiter des Medical Staffs. Im September 2015 durfte ich eine dreiwöchige Famulatur auf der MS Astor absolvieren.

Vorbereitung

Im Gepäck hatte ich: eine Auslandskrankenversicherung, Zugtickets nach und von Bremerhaven (dort begann und endete das Abenteuer), blaue Kasacks und Hosen, mein Stethoskop und meinen Reisepass.

Brücke in Rotterdam. © Nelli Kaube

Anreise

Am embarkation day (Tag der Einschiffung) traf ich aufgeregt am Kreuzfahrtterminal ein, musste noch kurz durch eine Sicherheitskontrolle und wurde dann sehr herzlich vom Hotel Manager und Security Manager begrüßt. Nachdem ich meine Identifizierungskarte bekommen hatte, wurde mir meine Kabine zugewiesen: eine Passagieraußenkabine. Ich musste mich selbst kneifen, um es fassen zu können. Eigentlich sollte ich in eine Staff Kabine einziehen, jedoch neigte sich die Saison der MS Astor dem Ende zu, sodass die maximale Passagierzahl nicht erreicht wurde.

Das Schiff-Hospital

Als nächstes zeigte mir Flight Paramedic Peter die Räumlichkeiten des Hospitals. Es gab ein Sprechzimmer, einen kleinen OP mit Ultraschallmöglichkeit, ein Labor und zwei Kabinen mit je drei Betten für Patienten, die über einen längeren Zeitraum im Hospital behandelt werden mussten. Zum Hospital gehörte außerdem ein kleines Dialysezentrum mit einem Dialysearzt und Dialyseschwestern. Die MS Astor ist eines der wenigen Kreuzfahrtschiffe, das dialysepflichtigen Patienten ermöglicht, solche Reisen zu unternehmen.

Zweimal täglich für je zwei Stunden war das Hospital für Passagiere und Crewmitglieder geöffnet. Jedoch galt für die gesamte Zeit für die Hospital-Crew (oftmals über mehrere Monate): 24 Stunden Bereitschaft, 7 Tage pro Woche, kein Tag Urlaub. Nach diesem langen Zeitraum, getrennt von Familie und Freunden zu Hause, kam ein anderer Arzt an Bord. Marlene war Mitte 30 und Fachärztin für Allgemeinmedizin. Die Motivation auf einem Schiff zu arbeiteten war finanzieller Art. In ihrem Heimatland verdiente sie als Ärztin einfach nicht ausreichend.

Mit welchen Erkrankungen wurde das Hospital nun konfrontiert? Zu meinem Erstaunen waren es weniger die Seekrankheiten. Es stellten sich Patienten mit Infekten der oberen Atemwege und grippalen Infekten vor, auch Harnwegsinfektionen, Frakturen, Distorsionen, Unguis incarnatus (eingewachsener Nagel), Onychie (Nagelbettentzündung), Distensionen und Rückenschmerzen standen auf dem Programm. Patienten mit Verdacht auf Nierenkolik oder Frakturen mussten im nächsten Hafen stationär behandelt werden.

Flaniermeile in Brüssel. © Nelli Kaube

An erster Stelle stand die Versorgung von akuten Krankheitsfällen. Oftmals kamen Passagiere ins Hospital, weil sie einige oder sogar alle ihre Medikamente nicht mit an Bord genommen hatten. Bei anderen wurde erstmals eine arterielle Hypertonie diagnostiziert. Die Ärztin war auch für die gesamte Crew eine wichtige Anlaufstelle. Häufig kamen Crewmitglieder ins Hospital, um ihre Freuden und Sorgen mit ihr zu besprechen.

Der Flight Paramedic war auch dafür zuständig, wöchentlich das Trinkwasser an verschiedenen Stellen des Schiffes auf Legionellen zu prüfen. Die Teströhrchen wurden dann im Mini-Inkubator im Labor des Hospitals bebrütet. Dort konnten außerdem ein kleines Blutbild angefertigt, die Blutlipidwerte (Cholesterin, HDL, LDL) und Leberwerte (ASAT, ALAT und Bilirubin) bestimmt und Influenza-A- und –B-Tests sowie Urinuntersuchungen mittels Teststreifen durchgeführt werden.

Auch an den Einschiffungstagen war die Hospital-Crew im Einsatz: es wurden Fragebögen an alle Passagiere ausgeteilt, mit Fragen über akut bestehende Infektionen des Respirations- und Gastrointestinaltrakts und Symptome derer. Auf der MS Astor sind schließlich ziemlich viele Menschen (max. 578 Passagiere plus ca. 300 Crewmitglieder) auf sehr engem Raum für längere Zeit untergebracht. Wenn dann bereits erkrankte Personen an Bord kommen, ist die Ansteckungsgefahr für Mitreisende sehr hoch und der wohlverdiente Urlaub kann schon mal im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser fallen.

Häuserfassaden in Rouen. © Nelli Kaube

Freizeit

In der Zeit zwischen den Sprechstunden konnte ich an den angebotenen Ausflügen in den jeweiligen Häfen und deren Umgebung teilnehmen. So war ich bei Stadtrundführungen in Antwerpen, Brüssel, Rotterdam, Dublin, Edinburgh und London dabei. Das Schöne daran: ich habe viel über Europa, seine Städte, Geschichte und verschiedenen Kulturen gelernt und kam mit einigen der zumeist dort lebenden Reiseführer sowie mitreisenden Passagieren ins Gespräch.

Die erste Reise führte von Bremerhaven über Portsmouth, Falmouth, Dublin, Stornoway, Invergordon und Edinburgh zurück nach Bremerhaven. Von da aus ging es zur zweiten Reise über die Insel Guernsey (ein absolutes Paradies im Ärmelkanal), Rouen, Oostende und Rotterdam wieder zurück nach Bremerhaven. Die dritte Reise führte erneut in den Ärmelkanal mit Honfleur, Antwerpen, Amsterdam und Brüssel.

Als Bordsprache war Deutsch vorgesehen, das beschränkte sich jedoch nur auf die Kommunikation mit den Passagieren. Unter den Crewmitgliedern wurde Englisch gesprochen, sodass ich meine Kenntnisse dahingehend auch noch auffrischen konnte. Die Crew war international aufgestellt; hauptsächlich waren die Crewmitglieder von den Philippinen, aus der Ukraine, aus Rumänien und Weißrussland.

Für meine Tätigkeit an Bord habe ich kein Geld bekommen, allerdings musste ich auch keine Gebühren für Übernachtungen und das Essen bezahlen. Die Auslandskrankenversicherung und die Zugtickets nach und von Bremerhaven waren meine einzigen größeren Ausgaben. Essen konnte ich sowohl in der Kantine der Crew als auch im Restaurant der Passagiere.

Sonnenuntergang über dem Meer. © Nelli Kaube

Fazit

Alles in allem war es eine tolle Erfahrung, die ich absolut nicht missen möchte. Ich kann euch nur sagen: geht da raus und schaut euch die Welt an. Es lohnt sich definitiv!

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