• Bericht
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  • Franziska Ruhland
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  • 05.02.2008

Ein Semester in Andalusien

Leben und Lernen in Andalusien? Dieser Gedanke gefiel mir so gut, dass ich das Wintersemester 2006/07 in Spanien verbracht habe.

Alle Fotos von F. Ruhland

 

Cádiz

Die schöne Stadt Cádiz liegt an der Costa de la Luz und hat ca. 130.000 Einwohner. Man kann sie ohne Probleme von den Flughäfen Málaga, Jerez de la Frontera oder Sevilla aus erreichen, da Spanien über ein ausgezeichnetes und günstiges Busnetz verfügt. Cádiz wurde angeblich bereits 1100 v. Chr. gegründet und gilt - laut Reiseführer - als die älteste Stadt des Okzidents.

Geographisch befindet sich der Ort auf einer Landzunge in der Bahia de Cádiz, wodurch die Altstadt an drei Seiten von Wasser umgeben ist. Dort prägen viele enge Gassen das Bild, in deren Gewirr man sich leicht und oft verlaufen kann. Es gibt einen kleineren Stadtstrand, exotische Parkanlagen und zwei Kastelle, die besichtigt werden können.

 

 

Die Neustadt erstreckt sich über die Landzunge und ist architektonisch nicht gerade reizvoll, dafür besitzt sie aber einen wunderschönen, kilometerlangen Sandstrand, der bei Spaziergängern wie Surfern gleichermaßen beliebt ist.

 

Die Vorbereitung

Ca. 1 ½ Jahre vor Beginn meines Auslandssemesters hatte ich mich erstmals mit dem Gedanken auseinander gesetzt, eine Zeit im Ausland zu studieren. Im Internet habe ich mich über das Erasmus-Austauschprogramm meiner Universität informiert. Dort sah ich, dass es die Möglichkeit gibt, an die Universidad de Cádiz zu gehen.

Da mich Spanien und insbesondere Andalusien schon immer sehr fasziniert haben, war meine Entscheidung schnell gefallen.

Nachdem meine Bewerbung angenommen worden war, habe ich mich vor allem darauf konzentriert, weitere Spanisch-Kenntnisse zu absolvieren. Ich absolvierte vor Reisebeginn die Niveaustufen A1 und A2 an der Volkshochschule.

Im August 2006 hieß es dann endgültig "Abschied nehmen".

Die erste Woche habe ich in Madrid verbracht, da ich unbedingt die Hauptstadt und ihr kulturelles Angebot kennen lernen wollte. Im September habe ich einen vierwöchigen Spanisch-Sprachkurs für Fortgeschrittene in Salamanca belegt. Hier konnte ich das Sprachdiplom B1 erwerben und meine Sprachkenntnisse in der spanischen Realität erproben.

 

Unterbringung

Da mir ein Kommilitone, der sich zu diese Zeitpunkt selbst in Cádiz als Erasmus-Student befand, bereits im Vorfeld ein Zimmer im historischen Zentrum verschaffen konnte, musste ich mich vor Ort nicht auf Wohnungssuche begeben. Ich habe in einem privat vermieteten Haus gewohnt, in dem insgesamt 20 Leute aus aller Welt untergebracht waren. Im Laufe der Zeit haben wir viele internationale "Fiestas" und Kochtreffs veranstaltet - so konnte ich sogar wortwörtlich über meinen eigenen Tellerrand schauen.

 

 

Wir haben uns von Anfang an darauf geeinigt, im Haus untereinander Spanisch zu sprechen - auch, wenn zufällig mal fünf Deutsche am Frühstücktisch sitzen. Da wir auch viele Mitbewohner aus Mittel- und Südamerika hatten, ging es mit meinem Spracherwerb schnell voran.

Es ist übrigens wichtig, bei der Zimmersuche auf ein Zimmer mit Fenster zu bestehen, da es viele düstere Studentenzimmer ohne Fenster gibt, was im Sommer sicher alles andere als angenehm ist.

Nach kurzer Zeit hatten auch alle anderen Erasmus-Studenten eine Wohnung - meist in einer internationalen Wohngemeinschaft - gefunden. Hier kann ich die vielen Aushänge an den schwarzen Brettern der Uni nur empfehlen.

 

Sprachkurse

Anfangs hatte ich mitunter Probleme, dem Unterricht zu folgen, da einige Dozenten sehr schnell und mit stark ausgeprägtem andalusischem Akzent sprachen, der - übertragen auf die deutsche Sprache - etwa mit Bayerisch zu vergleichen ist, und ich studiere in Kiel. In Salamanca wird hingegen das angeblich reinste Spanisch Spaniens gesprochen, von daher musste ich mich deutlich umgewöhnen, um Dozenten und studentische Gesprächspartner in Cádiz verstehen zu können.

Das Vorteilhafte an der medizinischen Fachsprache ist, das die Wurzeln bekanntermaßen im Lateinischen und Altgriechischen liegen. Somit sind die meisten Fachtermini in allen Sprachen ähnlich und bereiteten mir weit weniger Probleme als das Alltagsspanisch.

Da gleichzeitig mit dem Studienbeginn auch die Sprachkurse anfingen, konnte ich mich mit Hilfe der Lehrer schnell besser im Andalusischen zurechtfinden. Die Universität hat ein großes Sprachzentrum und es wird "Spanisch für Ausländer" in allen Niveaustufen angeboten. Die Sprachschul-Lehrer waren sehr freundlich und witzig, so haben sie uns täglich neu motivieren können. In der recht lockeren Atmosphäre haben wir neben Grammatik auch viel über die Eigenheiten Andalusiens und des Alltagsspanisch' erfahren.

 

Uni- und Krankenhausalltag

In den ersten zwei Monaten fanden lediglich Vorlesungen und Kurse statt, die Krankenhauspraktika der letzen drei Studienjahre begannen erst Ende November. Nach ungefähr einem Monat konnte ich dem Unterricht auf Spanisch dann auch ohne größere Schwierigkeiten folgen.

Besonders interessant waren für mich die Vorlesungsreihen "Ernährung" und "Tropenmedizin", da beide Fächer an meiner deutschen Universität nicht angeboten werden.

Längere Praktika fallen in Spanien in das sechste Studienjahr, sie ähneln im Aufbau ein wenig dem deutschen Praktischen Jahr. Unterschiede zwischen deutschem und spanischem PJ liegen jedoch darin, dass spanische Studenten durch zahlreiche Fachgebiete rotieren (Aufenthalt jeweils maximal vier Wochen) und deutlich weniger praktische Dinge erlernen. Blutabnehmen, Infusionen anhängen oder Fäden ziehen gehören nicht in das Aufgabenfeld eines spanischen PJ-Studenten.

Auch im OP ist es sehr ungewöhnlich, wenn ein Student bei einer Operation assistieren darf.

Ich denke, dass diese Unterschiede zum Teil darin begründet liegen, dass in Spanien Krankenschwestern und -pfleger drei Jahre lang an der Universität studieren und somit fachlich sehr viel besser ausgebildet sind als das deutsche Pflegepersonal. Aufgrund dessen übernehmen sie viel größere Aufgabenbereiche: Nahezu die ganze Stations-Routine wird hier vom Pflege-Team übernommen, nur bei größeren Schwierigkeiten oder Fragen wird ein Arzt hinzugezogen.

Deutlich anders als in Deutschland in jedoch auch die Hygiene im OP-Bereich: Statt einer OP-Schleuse gibt es einfach eine rote Stopp-Linie auf dem Boden, die OP-Schuhe werden oft den ganzen Tag getragen, auch außerhalb des OPs; die OP-Kleidung wird nur gewechselt, wenn man bei einer OP stark geschwitzt hat. Im OP-Saal selbst gelten jedoch die gleichen Sterilitätsregeln wie in Deutschland.

 

Mentalitätsunterschiede wurden deutlich

Auch über organisatorische Dinge hinaus gibt es große Unterschiede zwischen dem Uniklinikum Cádiz und deutschen Kliniken. Dies liegt vor allem an den unterschiedlichen Mentalitäten der Nationen.

Vom Umgang mit den Patienten war ich positiv überrascht, da in Spanien generell sehr viel mehr körperliche Nähe zugelassen wird. Patienten und Arzt, selbst Oberarzt, duzen sich in der Regel, der Arzt setzt sich bei der Visite oft auf das Krankenbett und spricht so auf Augenhöhe mit dem Patienten. Oft kommt es zu Berührungen, gerade bei älteren Damen werden häufig Hände und Wangen gestreichelt, worüber diese sich sichtlich freuen. Küsse auf die Wange gelten als selbstverständlich und werden auch von deutschen Erasmus-Studentinnen eingefordert.

Aufgefallen ist mir auch, dass es in Spanien offenbar als abweisend gilt, Zimmertüren zu schließen. So stehen die Patientenzimmer stets offen und man hat vom Stationsflur aus Einsicht auf die Patientenbetten.

Was mich jedoch am meisten in Erstaunen versetzte, waren die vielen Besucher, die tagtäglich den Patienten ihre Aufwartung machten. Generell scheinen die Angehörigen eine Art Schichtsystem entwickelt zu haben, da ich so gut wie nie einen Patienten allein im Zimmer gesehen habe. Es kamen auch nicht nur Angehörige zu Besuch, sondern auch Nachbarn, Nonnen, Gemeinde-, Bingo-Club- oder Chormitglieder.

Ich bin mir nicht sicher, ob es überhaupt offizielle Besuchszeiten gab, wenn ja, dann wurden sie wohl nicht eingehalten. Bei meiner ersten Nachtschicht habe ich gegen 22:30 - erstaunt über das rege und auch laute Besuchertreiben - den diensthabenden Arzt gefragt, ob denn heute etwas Besonderes los sei. Er konnte über meine Frage nur lachen, denn Besuche bis spät in die Nacht sind in diesem Krankenhaus völlig normal. In einem Dienst wurden wir um 1:30 Uhr auf die Intensivstation gerufen und fanden an jedem der zehn Betten zwei Besucher vor.

 

Ein Monat in der Traumatologie

Mein interessantestes Monatspraktikum habe ich in der Abteilung für Traumatologie und Orthopädie verbracht. Diese Abteilung des Uniklinikums verfügt über 68 Betten und operiert über 3000 Patienten im Jahr. Der Unterricht fand jeden Tag von morgens 8:00 Uhr bis nachmittags 14:00 Uhr statt.

Der Tagesablauf unterschied sich deutlich vom Alltag in einer deutschen Klinik: Gegen 8:00 Uhr traf sich das Ärzteteam zu einer Patientenbesprechung, bei der die Neuaufnahmen der letzten Nacht besprochen und Röntgenbilder gezeigt wurden. Anschließend gab es oft einen kurzen wissenschaftlichen Vortrag oder Berichte über zurückliegende Kongresse.

Nach Besprechungs-Ende gingen sowohl Ärzte als auch Studenten in die Cafeteria, um den Krankenhaustag mit einem "Café con leche" oder einem zweiten Frühstück beginnen zu lassen.

Vor halb 10 Uhr morgens gab es so gut wie nie eine Operation oder eine Sprechstunde.

Zwischen 14:00 Uhr und 16:00 (Siesta) fanden für gewöhnlich auch keine Operationen statt, dafür gab es aber - zusätzlich zum normalen Dienst - jeden Werktag ein zweiköpfiges Ärzteteam, das am Nachmittag eine geplante Operation durchführte.

Wir Studenten wurden in Zweiergruppen in wöchentlichem Rhythmus jeweils einer Untereinheit, zum Beispiel Knie oder Schulter, zugewiesen und hatten Gelegenheit, Visiten, Sprechstunden, den Stationsalltag und den Operationssaal kennen zu lernen. Die Ärzte, die uns betreuten, waren sehr freundlich und haben bei Interesse seitens der Studenten viel erklärt. Zusätzlich gab es eine interessante Seminarreihe, die zweimal wöchentlich stattfand und von den Oberärzten persönlich geleitet wurde.

Am Ende des Praktikums stand eine 40-minütige mündliche Einzelprüfung beim Chefarzt und eine Facharbeit über das Thema "Lumbalgie" an.

Da mich die Traumatologie sehr interessiert, habe ich auch nach Ende des offiziellen Praktikums an zahlreichen Diensten teilgenommen. So kannten mich bald die meisten Traumatologen und auch das OP-Personal, die mich sehr freundlich aufnahmen und mir direkt einen spanischen Spitznamen verpassten.

Die Stimmung ist generell lockerer als in Deutschland. Ärzte und OP-Personal hatten einen gemeinsamen Aufenthaltsraum, in dem wir in der Wartezeit oft zusammen saßen und viel über unsere unterschiedlichen Kulturen gesprochen haben.

Mir wurde häufig von persönlichen Reisen nach Deutschland berichtet, ein Arzt schwärmte sogar von Travemünde und der "Thomas-Mann-Stadt Lübeck", was mich schon ein wenig überraschte.

Immer wieder musste ich übrigens betonen, dass es auch in Deutschland einen Sommer gibt, und dass wir durchaus auch schon mal 35 Grad erreichen.

Zu den Abendessen, die meist aus selbstgemachten spanischen Spezialitäten bestanden, bin ich gleich eingeladen worden.

Die insgesamt drei Monate, die ich in dieser Abteilung verbrachte, haben mir sehr viel Freude bereitet und ich habe nicht nur fachlich, sondern auch menschlich sehr viel hinzu gelernt.

 

Freizeit

In Cádiz wird kulturell einiges geboten, bemerkenswert sind vor allem das iberoamerikanische Theaterfestival im Oktober und der Karneval im Februar. Er gilt als eine der größten Karnevalveranstaltungen weltweit. Auf den Straßen wird zehn Tage lag bis in die Morgenstunden gefeiert, es gibt zahlreiche Umzüge und Vorstellungen von Gesangsgruppen und Kleinkünstlern. Die kleine Stadt platzt aus allen Nähten.

 

 

Wenn im Fernsehen der Gesangswettbewerb aus dem ehrwürdigen Teatro Falla übertragen wird, schaut ganz Spanien zu.

Da die Altstadt relativ klein ist, hier aber die meisten Erasmus-Studenten wohnen, trifft man auf der Straße stets bekannte Gesichter. Cádiz ist definitiv eine Erasmus-Stadt, wir waren allein im Wintersemester über 360 Studenten aus ganz Europa, hinzu kommen noch Studenten aus Nord- und Südamerika.

Gefeiert wird in den zahlreichen kleinen Clubs oder aber einfach auf der Straße: Man trifft sich zum Trinken und Feiern auf öffentlichen Plätzen - dies nennt sich "botellón" und ist in Spanien sehr beliebt.

In meiner Freizeit bin ich sehr viel gereist: Neben zahlreichen Tagesausflügen an kleinere Küstenorte, Tarifa und Ronda, standen auch größere Fahrten an.

Besonders schön war eine mit Freunden organisierte fünftägige Andalusienreise mit den Zielen Córdoba, Granada und Gibraltar, an die ich mich noch lange zurückerinnern werde.

 

 

Absolute persönliche Höhepunkte waren der Besuch der Mezquita in Córdoba und der Alhambra in Granada.

Silvester habe ich in Sevilla verbracht, ebenfalls eine Stadt, in der die andalusische Lebensfreude selbst im Winter überall zu spüren ist. Direkt im Anschluss bin ich mit zwei Erasmus-Studenten nach Marokko aufgebrochen, wo wir in recht abenteuerlicher Weise eine Woche verbracht haben.

 

Fazit

Insgesamt habe ich dieses Semester als ungemein bereichernd empfunden für meine persönliche, berufliche und sprachliche Entwicklung. Auch wenn es meist nicht möglich war, an den offiziellen Abschlussprüfungen teilzunehmen, denn diese finden nun nur noch im Juli statt, habe ich vor allem in den diversen Praktika im Krankenhaus viele neue Fähigkeiten erwerben können.

Hinzu kommen natürlich die Begegnungen mit Menschen aus Spanien, Europa, aber auch aus aller Welt. Die geschlossenen Freund- und Bekanntschaften werden hoffentlich noch lange halten und mich zu vielen weiteren Reisen inspirieren.

Der Begriff "Europa" hat für mich eine ganz neue Bedeutung bekommen. Ich kann einen Erasmus-Aufenthalt nur empfehlen.

 

Im Übrigen hat es mir in Cádiz so gut gefallen, dass ich dort mein erstes PJ-Tertial im Wahlfach Orthopädie absolvieren werde.

Links

 

Universidad de Cádiz

Dort findet ihr unter "Servicios" auch das Sprachzentrum der Uni (Centro Superior de Lenguas Modernas)

Bus

Zug

Krankenhaus

Karneval

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