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  • Malisia Lang
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  • 03.05.2017

Chirurgie-PJ-Tertial in Granada

Vier Monate Praktikum am Universitätskrankenhaus Virgen de Las Nieves liegen hinter mir, eine Zeit in der ich viel gelernt und noch viel mehr erlebt habe. Was mich dazu bewegt hat, mein Chirurgie-Tertial in Spanien zu machen.

Stadtviertel ‚El Albaicin‘ von der Alhambra aus. 

 

Warum ich mich für ein Tertial in Spanien entschieden habe? Das hatte zwei Gründe: Zum einen haben mich diverse Horrorgeschichten meiner Kommilitonen, die ihr Chirurgie-Tertial an der Uniklinik verbracht haben und dort ohne nennenswerten Lerneffekt 10h am Tag als menschlicher Hakenhalter gedient haben, abgeschreckt. Zum anderen wollte ich den „Sommer verlängern“, und zwar ohne hohe Studiengebühren, wie das in Südafrika und Asien der Fall gewesen wäre. Dass stattdessen das Praktikum durch Erasmus+ finanziell gefördert wurde, war ein weiterer Grund, warum ich mich entschied, innerhalb Europas zu bleiben. Da ich zusätzlich auch noch meine Spanischkenntnisse auffrischen wollte, fiel die Wahl auf Spanien.


Im Internet fand ich schnell einen vielversprechenden Erfahrungsbericht zum PJ-Tertial in Granada inkl. Kontaktdaten des betreuenden Chefarztes, Dr. Pablo Palma. Er ist Chefarzt der Kolorektalchirurgie und hat selbst seinen Facharzt in Deutschland gemacht. Eine E-Mail war schnell geschrieben (pablopalma@andaluciajunta.es) und wenig später bekam ich die Zusage für mein Praktikum. Beworben habe ich mich ca. ein Jahr im Voraus, kurzfristiger wäre sicherlich auch möglich gewesen.


Die Wohnungssuche gestaltete sich dank der Facebook-Gruppe „Pisos en Granada“ ebenfalls einfach; viele andere Famulanten haben aber auch erst hier vor Ort gesucht, was ebenso problemlos möglich ist. Grundsätzlich solltest du dir überlegen, ob du lieber mit anderen Erasmi oder mit Spaniern zusammenleben willst. Beides hat seine Vor- und Nachteile: von Deutschland aus kommt man einfacher an die Wohnungen für Erasmusstudenten ran, da die Anzeigen oft auf Englisch geschrieben sind und man so leichter mit dem Vermieter Kontakt aufnehmen kann. Zudem findet man schneller Anschluss, zumal Granada wirklich eine wahre Erasmushochburg ist und viele Veranstaltungen von ESN Granada organisiert werden. Nachteil ist, dass man nur wenig Spanisch, dafür aber umso mehr Englisch spricht. Wohnt man hingegen mit Spaniern zusammen, fällt es einem leichter, die Sprache zu lernen. Hier könnte es jedoch schwieriger werden, Anschluss an andere Erasmusstudenten zu finden. Ein weiterer Vorteil ist, dass die Wohnungen für Spanier oft billiger sind als die Wohnungen, die nur an Ausländer vermietet werden.


Ich habe mich für das Zusammenleben mit Erasmusstudenten entschieden und in einer internationalem WG-Haus in Albaicin, dem ältesten und zugleich Weltkulturerbeviertel von Granada gewohnt. Das Leben in einer solch großen, bunt gemischten Gemeinschaft war erwartungsgemäß nicht immer einfach, jedoch kam auch nie Langeweile oder gar Einsamkeit auf.

Mein Alltag in Granada sah meist so aus: Aufstehen um 7.00 Uhr, um pünktlich um 8.00 Uhr bei der Frühbesprechung der entsprechenden Abteilung zu sein. Der Arbeitsalltag war je nach Station unterschiedlich, die meiste Zeit verbrachte ich jedoch im OP. Zum Eingewöhnen habe ich die ersten sieben Praktikumswochen im 7. Stock des Krankenhauses verbracht. Dort ist die Viszeralchirurgie mit ihren Teilgebieten, der hepatobiliären und der Kolorektalchirurgie untergebracht. Daran schlossen sich Schnupperwochen in der Thorax-, Gefäß-, und Kinderchirurgie an. Arbeitsende war gewöhnlich gegen 15.00 Uhr. Dann ging es erstmal nach Hause, um die wohlverdiente Siesta zu genießen – etwas anderes  konnte man in diesen zwei Stunden eh nicht machen, da im Sommer nachmittags menschenunfreundliche Temperaturen herrschen und deswegen auch alle Geschäfte geschlossen haben. So pausiert das Leben auf der Straße, nur um dann wieder in voller Lebendigkeit zu erwachen. Die Abende habe ich dafür genutzt Sport zu treiben, in den zahlreichen Second Hand Vintage Läden zu stöbern, mit neu gewonnen Freunden Kaffee zu trinken (Empfehlung hier: das Baraka und La Finca) bzw. Tapas essen zu gehen (Mutige probieren hier ‚Caracoles‘), spanischsprachige Filme anzuschauen (kostenlose Filme werden in der Bar „Entresuelo“ gezeigt, die auch zum Feiern am Wochenende wärmstens zu empfehlen ist) oder Kulturprogramm, zu betreiben.

Die Wochenenden waren prima dazu geeignet, dieses Programm auszuweiten: im September ging es an den Strand (die Strände von Nerja sind sehr zu empfehlen), im Oktober dann wandern in der Sierra Nevada inkl. Besteigung ihrer höchsten Gipfel – den Mulhacen und den Veleta -, und den November und Dezember haben wir für Städtetouren nach Malaga, Cadiz und Sevilla genutzt. Grenada bietet viele Möglichkeiten für Unternehmungen, vor allem wegen der perfekten Lage zwischen Bergen, Meer und anderen Kulturhauptstätten Andalusiens.

 

Die Alhambra vom Mirador San Nicolas aus.

 

Noch ein paar Worte mehr zum Praktikumsalltag. Die ganze Organisation, sowohl im Vorneherein als auch vor Ort, lief sehr unkompliziert ab: Die Rotationen zwischen den einzelnen Fachgebieten, als auch das Ableisten von Nacht- und Wochenenddiensten oder der Besuch von Weiterbildungskongressen war problemlos möglich. Diese Chance hatte ich gleich zweimal genutzt und zwei verschiedene Kongresse besucht; zwar habe ich auf Grund der Sprachbarriere nicht jedes Wort verstanden, doch mit Hilfe der Powerpointpräsentationen, die z. T. auf Englisch waren, konnte ich den Vorträgen trotzdem gut folgen.

Zum Thema Sprachbarriere: Zwar überlebt man auch mit sehr rudimentären Kenntnissen, allerdings empfiehlt es sich, zumindest B1 Niveau zu haben, zumal der andalusische Akzent auch sehr gewöhnungsbedürftig ist. Man könnte auch sagen: „Zum Spanisch lernen nach Andalusien zu fahren, ist ungefähr so, wie zum Deutsch lernen in den Bayrischen Wald zu gehen.“ Aber ich gewöhnte mich schnell an den Akzent und konnte mich gut reinhören, sodass ich immer mehr verstanden habe und auch flüssiger antworten konnte; dies ist auch meinem Mentor aufgefallen, dem ich des Häufigeren bei Operationen assistiert habe. Leider darf man nicht regelmäßig assistieren, was daran liegt, dass das spanische System sich von unserem Deutschen unterscheidet: Zwar ist das letzte Studienjahr auch in Spanien ein praktisches Jahr, allerdings beschränkt sich dabei der Praxisanteil meist aufs Zuschauen. Erst als Assistenzarzt darf man aktiv mit an den Tisch. Ich durfte daher nur mitoperieren, wenn entweder ein Assistenzarzt gefehlt oder mein Mentor selbst operiert hat und mich dann extra mit eingeteilt hat. Deswegen war ich auch häufiger in der Mammachirurgie, wo eine Regensburger Kommilitonin ihr Praktikum gemacht hat, denn dort durfte man bei jeder Operation assistieren.

Neben der Tätigkeit im Operationssaal habe ich die Ärzte auf Station begleitet. Dort war eine meiner Aufgaben, abwechselnd mit den spanischen Studenten, Patienten bei der Visite zu präsentieren. Bei dieser Gelegenheit fand auch immer Unterricht am Krankenbett statt: Die Ärzte erklärten das Krankheitsbild des Patienten und wir durften diesen untersuchen. An dieser Stelle ein großes Lob an die spanischen Ärzte: Trotz sprachlicher Verständnisschwierigkeiten waren alle mir gegenüber sehr aufgeschlossen und stets bemüht mir die Dinge mit einfachen, verständlichen Worten zu erklären. Zudem war mir ein großes Interesse an meiner Person entgegen gebracht worden, sodass sich auch auf zwischenmenschlicher Ebene schöne Gespräche ergeben haben. Im Dezember durfte ich dann auch im Bereich der Forschung tätig werden und an einem Paper zum Thema „Krukenberg-Tumor“ mitschreiben.

Fazit:
Ich hatte eine wunderschöne Zeit in Granada mit einer guten Mischung aus Arbeit und Freizeit. Gelernt habe ich hier viel – sei es im medizinischen, sprachlich-kulturellen oder zwischenmenschlichen Bereich. Ich kann jedem nur empfehlen, das PJ zu nutzen, um Erfahrungen im Ausland zu sammeln. Das deutsche System lernt man noch früh und vor allem lange genug kennen.

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