• Bericht
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  • Claudia Wengert
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  • 23.05.2006

Auslands-PJ in Karapitiya

Karapitiya ist ein kleiner Ort vor Galle. Hier befindet sich die Faculty of Medicine von Ruhuna. Zusammen mit 30 einheimischen Studenten beginnt für mich gegen 8.00 Uhr der Chirurgie-Alltag auf Sri Lanka.

Das Krankenhaus

Von außen wirkt das Universitätskrankenhaus von Ruhuna auf Sri Lanka fremdartig. Ein breiter offener Eingang ohne Tür ist schon gegen 8 Uhr morgens gefüllt mit Patienten. Auf langen Steinbänken warten sie auf ihre Behandlung. Es führt einen Treppe in den ersten Stock. Hier steht ein kleiner blauer Wagen, der einheimische Backwaren wie Rotis, Buns und Fishrolls anbietet. Breite Gänge ziehen sich durch die Gebäudekomplexe. Schilder in singalesischen Schriftzeichen aber auch in Englisch weisen die Stationen aus.

 

 

Das Universitätskrankenhaus - alle Fotos: C. Wengert

 

Eine Station besteht aus zwei Seiten, getrennt für Männer und Frauen. Es gibt keine Zimmer, die 100 Betten für die Chirurgie stehen in einem weiten Raum nebeneinander. Auf Bänke warten Patienten, die nicht stationär bleiben. Alles ist offen und bietet somit eine gewisse Abkühlung gegen die aufkommende Hitze. An den Decken rotieren vereinzelt Ventilatoren. Der Luxus einer Aircondition gibt es nur in den Operationssälen.

Auf der chirurgischen Station tragen nur die Studenten weiße Arztkittel, die Ärzte behandeln ihre Patienten in Zivil. Lediglich ihr um den Hals gelegtes Stethoskop weist sie als Mediziner aus. Über einen Mangel an Pflegepersonal brauchen sich die Stationen übrigens nicht beschweren: Zu den 5 Krankenschwestern und -pflegern kommen noch etwa 10 Schwesternschülerinnen.

 

Montag

Die erste Stunde des Tages gehört den Studenten. Jetzt haben Sie genügend Zeit, sich die Patientenakten vor zu nehmen. Jeder Student hat zwei eigene Patienten, zu denen sie in der Visite befragt werden können. Aber auch neu aufgenommen Patienten und "interessante Fälle" können sich die Studenten zwischen 8 Uhr und 9 Uhr morgens ansehen.

Während die Krankenakten auf Englisch geschrieben sind, sprechen die meisten Patienten nur die Landessprache Singhalies. Glücklicher Weise stellen sich meine hilfsbereiten Kommilitonen als Dolmetscher zur Verfügung. Im Gegensatz zum Unterricht in Deutschland besprechen die Studenten auf Sri Lanka gerne die Patientenfälle. Zu zweit oder zu dritt machen sie gemeinsam die Runde durch die Station. Dabei diskutieren sie wie Ärzte Probleme und fragen sich ihr Wissen ab.

Die Visite beginnt zwischen 9 Uhr und 9.30 Uhr. Zwei Stationsärzte, eine Schwester, der Chefarzt und dreißig Studenten drängen sich von Bett zu Bett. Eine Gruppe, die deutsche Patienten nicht tolerieren würden. Doch in Sri Lanka ist das anders. Hier haben Studenten schon während des Studiums Verantwortung über Patienten. Der Respekt vor dem "weißen Kittel" besteht in den Köpfen der Einheimischen. Insofern kritisieren sie selten die Handlungsweise der Ärzte und Studenten.

 

Auf Station

 

Der Unterricht orientiert sich an den Patientenfällen. Typische chirurgische Fälle, wie Hernien, Fisteln aber auch Hydrozelen sehen wir fast täglich auf Station. Dazu kommen für deutsche Sichtweise Raritäten, die aber auf Sri Lanka häufig vorkommen wie Stürze von Kokosnusspalmen.

Die Visite beginnt zwischen 9 Uhr und 9.30 Uhr. Dr. Kumara ist leitender Arzt der chirurgischen Abteilung. Jeden Montag hält er die Visite, dienstags ist sein Operationstag. An Mittwoch und Donnerstagen wechselt er sich mit seinem Kollegen Dr. Kumare Singher in OP bzw. Visite ab. Seinen Gang durch die Patientenreihen unterbricht er immer wieder, um den Studenten typische Krankheitsbilder zu erklären. "Hier sehen Sie alle wichtigen Erkrankungen, die in Ihren Lehrbüchern stehen." meint er dabei. "Wenn Sie sich auf Ihre Prüfungen vorbereiten, schauen Sie sich Ihre Patienten an!"

Das Verhältnis zwischen Lehrenden und Studierenden erinnert mich stark an die Erzählungen meiner Großeltern aus ihrer Schulzeit. Die Studenten treten den Ärzten mit viel Respekt gegenüber. Auf Fragen antworten sie im Flüsterton. Dr. Kumara dagegen erlaubt sich Scherze auf Kosten eines Studenten oder gibt ihnen kleine Kopfnüsse. Die Stimmung während des Unterrichts ist dennoch ausgelassen.

 

Dienstag

Die chirurgische Abteilung beansprucht vier Operationssäle. Morgens teilen sich die Studenten selbstständig in die Säle ein. Auch auf Sri Lanka sind sie gern gesehene Hakenhalter. Die Operationskleidung und Mundschutz näht eine Frau im Hinterzimmer selbst. Teilweise erfolgen zwei Operationen in einem Saal gleichzeitig. Die Anzahl der behandelten Patienten übersteigt bei weiten die Zahlen, die ein deutscher OP zu bewältigen hat. EKG-Geräte, Beatmungsgeräte u.a. kommen alle aus Deutschland. Es sind Spenden nach der Tsunami-Katastrophe. Trotzdem fehlen genügend technische Geräte. Ohne EKG-Geräte verlassen sich die Anästhesisten auf Parameter wie Puls und Blutdruck, um den Patienten sicher durch die Operation zu bringen.

 

Vorbereitungen im OP

 

Hernien und Strumaoperationen sind die häufigsten Eingriffe, aber insbesondere die Wundrevisionen bei Diabetikern hinterließen bei mir tiefe Eindrücke: offene Beine bis zum Knochen, tiefe breite Wunden. Während in Deutschland die Ärzte Schaum-Pflaster, Maden u.ä. Behandlungsmittel einsetzen können, gibt es auf Sri Lanka nur die chirurgische Option. Viele Behandlungskonzepte enden schließlich in der Amputation. Der Luxus von Prothesenanpassung und Krankengymnastik bestehen hier ebenfalls nicht. Dabei wird mir bewusst, wie wichtig Prävention und Rehabilitation für die Lebensqualität eines Menschen ist.

 

Mittwoch

Casual Day. Jeden Mittwoch müssen die Studenten bis 23 Uhr in der Klinik bleiben. Der Vormittag gestaltet sich wie die anderen Tage. Doch ab 16 Uhr sind die Studenten wieder im Operationssaal bzw. auf Station anwesend. Einbestellte Patienten melden sich für kurze Eingriffe, gleichzeitig kommen Notfälle vom Tollwutverdacht bis zum Verkehrsunfall. Die Station ist voll mit Menschen. Teilweise sitzen sie in den Gängen, weil keine Betten mehr frei sind. Die Aufnahmen, ersten Untersuchungen und kleine Eingriffe übernehmen die Studierenden selbst. Die Assistenzärzte kümmern sich um die schweren Fälle.

 

Casual Day

 

Trotzdem gibt es Stunden, die wir mit Warten verbringen. Viele Studenten nützen die Leerlaufzeit, um ihre Bücher heraus zu holen. Oder sie verfolgen auf dem Stationsfernseher ein Kricket-Spiel. Auch auf Sri Lanka kommen die Patienten nach dem alten Muster: immer kurz vor Feierabend.

 

Donnerstag

Donnerstagvormittag ist Anästhesieunterricht. Die wichtigsten Themen spricht ein Anästhesist mit der Studentengruppe wöchentlich durch. Dabei umfassen die Themen Schock und Notfallmedizin Kenntnisse, die die Studenten auch während des Casual Days erlangen.

 

30 Studenten begleiten die Visite

 

Freitag

Morgens treffen wir uns im Minimal Operation Room, der mit einer Ambulanz vergleichbar ist. Patienten werden von den Ärzten kurz untersucht und weitergeleitet. Einige kommen zu einer Nachuntersuchung, andere stellen sich zum ersten Mal vor. Freitagvormittags hat unter anderen auch der Chefarzt Dienst. Mit ihm wartet die Hälfte der Gruppe, also 15 Studenten, auf Patienten. Dr. Kumara prüft an solchen Tagen gerne die praktischen Fähigkeiten seiner Studenten. Zwei bis drei Freiwillige untersuchen Patienten vor der Gruppe. Die Ärzte vermitteln Grundkenntnisse, wie die Einführung in eine proktologische Untersuchung.

 

Samstag?

Auch am Samstag müssen die Studierenden ins Krankenhaus gehen. Wie an den Wochentagen begleiten sie die Visite oder helfen im OP aus. 12 Wochen verbringen sie auf der Chirurgie. Darunter fallen auch drei Sonntagsdienste, an denen die Studenten den ganzen Tag im Krankenhaus verbringen. Ihr Leben ist vom Studium ausgefüllt, Freizeit gibt es sehr wenig. Während des Studiums arbeiten ist auf Sri Lanka nicht möglich. Doch für die Ausbildung müssen die Medizinstudenten nicht bezahlen. Alle Studenten wohnen in einem kostenlosen Studentenwohnheim in Karapitiya. Der Leistungsdruck ist groß. Nach dem Studium teilt sie der Staat in ein Krankenhaus auf Sri Lanka ein. Nur die Besten dürfen sich ihre Arbeitsstelle aussuchen. Ein Jahr lang arbeiten sie als Assistenzärzte im Wechsel auf zwei unterschiedlichen Stationen wie wir im PJ. Das bedeutet ein halbes Jahr auf einer chirurgischen Abteilung, zu denen auch Geburtshilfe gehört, das andere halbe Jahr auf der Inneren. Danach wechselt der Studierende wieder das Krankenhaus. Ähnlich der Idee der Landverpflichtung für Jungärzte müssen Ärzte auf Sri Lanka etwa zwei Jahre Dienst in einem kleineren Krankenhaus ableisten.

 

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