• Bericht
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  • Sabine Mittendorf, Kiel
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  • 30.06.2011

Famulatur Sri Lanka

Interesse an fremden Ländern und die Neugier auf andere Menschen und einzigartige Erlebnisse veranlassten mich und eine Freundin dazu, uns für eine Famulatur im Ausland zu bewerben. Die erste Zusage kam von meinem heimlichen Favoriten, Sri Lanka. Das Land ist unglaublich schön und die Menschen sind sehr freundlich und hilfsbereit. So erlebte ich es bei meinem ersten Aufenthalt dort und so sollte es wieder werden.

Bewerbung

Nur die schriftliche Bewerbung zählt. Obwohl wir mehr oder weniger eine Zusage per E-Mail für unsere Famulatur im Februar hatten, bewarben wir uns zusätzlich über den Postweg. Mein erster Versuch kam nicht an, denn um die Weihnachtszeit ist es mit dem Briefverkehr nach Sri Lanka immer schwierig. Die zweite Bewerbung sendete ich daraufhin mit der Post, als E-Mail-Anhang und als Fax. Ende Dezember wurde ich langsam unruhig bis endlich Mitte Januar die schriftliche Zusage kam.

Informationen und Bewerbungsformulare der Ruhuna Universität

 

Reisevorbereitung und Kosten

  • Unseren Flug buchten wir Ende Januar über ein Online-Flugportal. Der Preis für den Direktflug ab Frankfurt/Main nach Colombo und zurück betrug 630 Euro pro Person. Wie wir danach herausgefunden haben, war das ein günstiger Flug.
  • Für unsere vierwöchige Famulatur reichte es aus ein Touristenvisum zu beantragen. Man sollte bei der Einreise am Flughafen als Reisegrund auf dem Formular "Urlaub" angeben. Dieses normale Urlaubsvisum gilt für 30 Tage. Wer länger bleiben will, kann das Visum problemlos im Land verlängern oder muss vor der Einreise ein entsprechendes Touristenvisum beantragen.
  • Wir schlossen eine Auslandskrankenversicherung vom ADAC ab und ließen uns in der Uniklinik wegen der Impfungen beraten: Typhus, Hepatits A und B sind Pflicht. Die Impfung gegen japanische Enzephalitis ist optional. Eine Malaria-Prophylaxe hatten wir nicht dabei. Ich war der Meinung, die Anwesenheit im Krankenhaus reiche aus.
  • Die Studiengebühren betrugen für ausländische Studenten pro Woche 50 US-Dollar. Den Betrag mussten wir aber erst vor Ort bezahlen.

 

Unterkunft

Zu den Vorbereitungen gehörte natürlich auch eine Unterkunft zu suchen. Das "Beachhaven" hörte sich besonders nett an. Die Betreiber schrieben uns, dass sie zu derselben Zeit noch andere Studenten aus Deutschland beherbergen würden, die auch im Karapitiya arbeiten würden. Damit war die Sache klar, wir entschieden uns für diese Unterkunft.
Das Guesthouse befindet sich im historischen Fort von Galle auf einer vorgelagerten Halbinsel. Das Krankenhaus ist allerdings noch vier Kilometer weiter im Inland. Dorthin fahren durchgehend Busse für nur wenige Rupien. Allerdings sind die Busse immer sehr voll, aber das ist typisch Sri Lanka.

Mrs. Wijenayakes Guesthouse glich mehr einer Unterkunft bei einer Gastfamilie als einem Hotel. Wir haben uns wie zu Hause gefühlt. Die ganze Familie lebte und arbeitete im Guesthouse, von der Oma und gleichzeitigen Chefin Sita bis zu ihren drei Enkeln und Hausangestellten. Alle waren total hilfsbereit und fürsorglich.
Jeden Morgen bestand unser Frühstück aus Toast, frischem Obst, Ei und Kaffee oder Tee. Abends bekochte uns Tochter Shiromi mit leckerem Reis und Curry.
Schwiegersohn Lalith organisierte für uns einen tollen Ausflug mit Bootsfahrt auf einer nahen Lagune. Die Famille sorgte sich immer, dass uns jemand über den Tisch ziehen könnte. Sie zeigten uns einen zuverlässigen Tuktuk-Fahrer, ein gutes Shopping-Center und liehen uns zur Not sogar einmal ihr Handy.
Mit Sitas Hilfe konnten wir auch den Transport vom Flughafen in Colombo nach Galle für umgerechnet 40 Euro organisieren, wofür wir nach zehn Stunden Flug und 30°C Hitze dankbar waren.

Hier geht's zu unserer Unterkunft

 

Karapitiya Teaching Hospital

Das Krankenhaus ist Teil der Ruhuna University und liegt landeinwärts. Es verfügt über 1560 Betten auf 54 Stationen verteilt und hat einen unheimlich guten Ruf bei allen Menschen, die uns im ganzen Land begegnet sind. Wenn wir erwähnten, dass wir dort studierten, waren die Leute begeistert. Sie erzählten uns über ihren Aufenthalt, zeigten ihre Narben und luden uns oft zu sich ein.

 

Sabine mit einheimischen Studenten - alle Fotos: Sabine Mittendorf

 

Die Famulatur

Meine erste Station war die Geburtshilfe. Das Krankenhaus für Gynäkologie und Geburtshilfe Mahamodara ist als einzige Fachabteilung nicht in dem großen zentralen Gebäude angegliedert. Also musste ich meinen Arbeitsweg allein dorthin antreten. Ich bekam im Dekanat einen Zettel mit dem Name des Krankenhauses, der Station und des diensthabenden Oberarztes in lateinischen und singhalesischen Buchstaben. Mit diesem Zettel fragte ich mich dann bei Busfahrer, Wachmann und verschiedenen Schwestern durch. Auf der Station begrüßte mich ein riesiges Lächeln und alle waren super nett und hilfsbereit. Die Schwestern begleiteten mich oft und waren stolz, wenn wir dabei jemanden begegneten, den sie kannten.

Die Ärzte in Sri Lanka sind es gewohnt viel Respekt zu bekommen. Auf der Station wurde ich von Dr. Gunarathe und den Studenten sehr freundlich empfangen. Die einheimischen Studenten müssen in ihrem Final Year jeweils mehrere Wochen in den Abteilungen der Chirurgie, Inneren Medizin, Pädiatrie und Gynäkologie mit Geburtshilfe absolvieren. Deshalb arbeitete ich gemeinsam mit einheimischen Studenten, was wirklich hilfreich war. Sie untersuchen die schwangeren Bäuche mit Hand, Maßband und Hörrohr. Dadurch bestimmten sie die Lage, die Größe und das Gewicht des Kindes sowie das Alter der Schwangerschaft und die Menge des Fruchtwassers. Später gaben sie zu, es sei auch immer Glück beim Raten des richtigen Befundes dabei. Ich war trotzdem sehr beeindruckt und sie gaben sich Mühe mir ihre Fähigkeiten beizubringen. Wann immer Zeit war, fragten sie Patientinnen, ob ich sie untersuchen dürfte. Zuerst untersuchten sie, danach war ich dran. Meine Ergebnisse wurden genau überprüft. Während der Zeit in der Geburtshilfe habe ich die erste Woche auf Station verbracht und die Zweite im Kreißsaal, weil ich unbedingt Geburten sehen wollte. Im Kreißsaal durfte ich Dammschnitte nähen und die Hebammen ließen mich bei der Entbindung der Plazenta helfen. Wäre ich länger geblieben, hätte ich sicher auch mal ein Baby entbinden dürfen.

Ein Nachteil war, dass ich aufgrund der Sprachbarriere nicht selbstständig mit den Patienten sprechen konnte. Die Studenten und Ärzte sprechen dagegen gutes Englisch, vor allem im medizinischen Bereich. Die Visite, der Unterricht, die Vorlesung und Aktenführung sind auf Englisch. Bei den Schwestern und Hebammen war es schon schwieriger, auf der Straße erst recht. Die meisten Menschen haben auch einen Akzent und behalten ihren Sprachrhythmus, was sehr gewöhnungsbedürftig ist.

Die letzten beiden Wochen verbrachte ich auf der Pädiatrie. Auch dort war ich auf die Studenten angewiesen, die mich mitgenommen und mir viel gezeigt haben.
In der Pädiatrie war ich in den ersten Tagen manchmal überwältigt, weil die Krankheitsbilder so ausgeprägt waren, wie man sie in Deutschland wahrscheinlich nie zu Gesicht bekommen würde: Eine Milz, die über den Bauchnabel hinausragt, ein stark ausgeprägtes Cushing-Syndrom, nephrotische Syndrome bei Kleinkindern, Dengue-Fieber, Schlangenbisse, Thalassämien mit furchtbaren Komplikationen und Kinder mit starker Entwicklungsverzögerung. Diese Kinder konnten oft nicht weiter untersucht werden, weil es zu teuer war.

Die einheimischen Studenten sind von 8.00 bis 12.00 Uhr auf der Station, danach geht es in die einstündige Mittagspause. Anschließend findet eine ein- bis dreistündige Vorlesung auf Englisch statt. Da die einheimischen Studenten für eigene Patienten zuständig sind, gehen sie nachmittags wieder auf Station. Einmal pro Woche gibt es Clinics, eine Sprechstunde für Patienten von außerhalb, die bis spät in die Nacht dauert.
Als ausländischer Student ist man sehr "flexibel". Die Anwesenheit auf Station ist Pflicht, die Vorlesungen können freiwillig besucht werden. Im Laufe der Zeit war ich immer weniger dort. Der Frontalunterricht unterscheidet sich stark von unseren Seminaren. Die Studenten lernen viel auswendig, sie können aus dem Stand locker 15-20 Indikationen für Kortison aufsagen. Die Ärzte sind autoritär und ziemlich herablassend zu ihnen.

 

Kein ungewöhnlicher Rollstuhl

 

Land und Leute

Die Gesundheitsversorgung in Sri Lanka ist für alle Einheimischen in den staatlichen Krankenhäusern umsonst. Vielleicht ist dies der Grund dafür, dass die Patienten in Sri Lanka so dankbar und geduldig sind. Genauso ist der Schulbesuch von der Grundschule bis zur Universität kostenlos. Die Studenten dürfen in einem Wohnheim auf dem Gelände der Klinik wohnen. Das Wohnheim ist für die dortigen Verhältnisse wirklich sehr gut ausgebaut und kostet nur 150 Rupien, etwa ein Euro, pro Quartal.
Die Studenten sind trotzdem auf Geld zum Beispiel für Bücher angewiesen. Viele von ihnen erhalten durch Stipendien und "donorships" aus Deutschland Hilfe. Vielleicht einer der Gründe für die große Deutsch-Freundlichkeit. Auch vielen Einheimischen schien bewusst zu sein, dass Deutsche nach dem Tsunami Hilfe geleistet haben. Jemand mit breitem, aber zahnlosen Lächeln meinte:"Germany? Since Tsunami washed away my house, I sleep in a house from Stuttgart. Germany very good country!".
So hatte ich das Gefühl, wo immer ich war, konnte ich einfach die Menschen um mich herum ansprechen, wenn ich Hilfe brauchte. Sie bemühte sich dann so sehr mir zu helfen, dass es mir schon fast wieder unangenehm war.

 

Freizeit

An unseren vielen freien Nachmittagen entspannten wir uns an den paradiesischen Stränden Hikkaduwa und Unawatuna, besichtigten Galle oder erkundeten den nahen Regenwald. Die Wochenenden mussten wir gut planen, denn das Reisen mit öffentlichen Verkehrsmittel ist beschwerlich. Für die 100 Kilometer von Galle bis in die Hauptstadt Colombo muss man mit drei Stunden Fahrtzeit rechnen und das mit für verwöhnte Europäer unbequemen Verkehrsmitteln. Dafür ist das Reisen aber sehr günstig.
Außer Colombo besuchten wir das sehr touristische Kandy. Absolut sehenswert ist Pinawella, das Elfantenwaisenhaus. Allein schon der Weg ist die Reise wert. Eine Hill Country mit vielen Teeplantagen und wunderschöner Landschaft ist Ella. Weitere schöne Ausflugsziele im Süden sind die Strände, Tangalle und Mirissa, und der Yala Nationalpark.
Wir hatten leider nicht mehr Zeit für zusätzliche Reisen. Sri Lanka bietet aber weitere lohnenswerte Ziele.

 

Grandiose Sonnenuntergänge sind keine Seltenheit in Sri Lanka

 

Mein Fazit

Die Zeit in Sri Lanka war sehr beeindruckend und prägend für mich: Das Land ist traumhaft schön: Die paradiesischen Strände, der dichte Regenwald, das beeindruckende Bergland mit den Teeplantagen und vor allem überall die freundlichen Bewohner. Wir wurden neugierig, aber sehr freundlich beäugt und ein Lächeln sorgte immer für begeisterte Reaktionen. Vor allem die Kinder riefen oder winkten uns oft hinter her. Oft folgte auf solche Situationen die Gelegenheit für ein Gespräch.
Ich war immer wieder von Neuem überwältigt, wie nett die Mitarbeiter waren und wie viel Mühe und Umstände sie sich gemacht haben, um mir etwas zu zeigen und mich mit in das Team einzubinden. Ich denke, es war ein Vorteil, dass ich auf den Stationen immer als einzige deutsche Studentin zwischen all den Einheimischen war. So hatte ich keine Möglichkeit, mich von den einheimischen Studenten abzukapseln und kam viel besser in Kontakt mit ihnen.
Auf die Leute zuzugehen, kostete mich zwar ein bisschen Überwindung, ich wurde aber immer reichlich mit Freundlichkeit und Offenheit belohnt.

 

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