• Bericht
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  • Stefan Mausbach
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  • 05.05.2009

Famulatur Chirurgie im Kalafong-Hospital

Südafrika fasziniert mich: Das Land, die Leute und die Gegensätze. In wenigen Ländern liegen die sogenannte "Erste Welt" und "Dritte Welt" so dicht beieinander. Entschieden hatte ich mich für ein abgelegenes Krankenhaus mit einem Standard "irgendwo zwischen den Welten". Auf der einen Seite ganz klar der Standard eines "Entwicklungslandes", findet man dann andererseits aber doch ein nagelneues CT.

Bewerbung

Meine Bewerbung für eine Famulatur am Kalafong-Hospital lief über die Universität von Pretoria. Ansprechpartner ist hier das Studienbüro für internationale Studenten. Die Mitarbeiter bieten einen sehr freundlichen Service, sodass meine Bewerbung unkompliziert und problemlos lief.

 

Der Eingangsbereich des Kalafong-Hospital - alle Fotos: S. Mausbach

Anika Marais
University of Pretoria
PO Box 667
Pretoria 000

anika.marais@up.ac.za

 

Diese und weitere Infos erhaltet Ihr auch über die Homepage der Uni:

http://web.up.ac.za/

 

Formalitäten: Visum, Aufenthaltsgenehmigung, Versicherungen

Ein Visum beziehungsweise eine Aufenthaltsgenehmigung benötigen Ausländer abhängig von der Aufenthaltsdauer in Südafrika. Für eine ein- bis zweimonatige Famulatur reicht das normale 90 Tage gültige Touristenvisum, dass gegebenenfalls auch noch einmal um 90 Tage verlängert werden kann.

Bei längeren Aufenthalten, wie zum Beispiel für ein PJ-Tertial, müsst Ihr eine beschränkte Aufenthaltsgenehmigung von vier Monaten beantragen. Ihr müsst dafür aber knapp 800€ auf ein sogenanntes Deposit legen; es handelt sich hierbei um eine Art Pfand oder Kaution.

 

Das Arbeitsamt in Pretoria

 

Hier habe ich aber noch einen kleinen Insider-Tipp: Besucht einfach mal - wie die meisten Besucher Südafrikas - den Kruger National Park. Hier könnt Ihr einfach die Grenze nach Mosambik oder Swaziland überschreiten. So erhaltet Ihr bei der "Rückkehr" ein neues Visum über 90 Tage.

http://www.krugerpark.co.za/

Nach meiner Erfahrung benötigt Ihr eigentlich nur eine Auslandskrankenversicherung für einen Südafrika-Aufenthalt. Interessenten bekommen aber von der Uni ein ausführliches Schreiben, in dem aufgelistet ist, was alles vorgelegt werden muss.

Bevor Ihr mit der Famulatur beginnt, steht ein Besuch in der Apotheke an. Hier bekommt Ihr antiretrovirale Kombimedikamente für drei Tage. Diese müsst Ihr immer mit Euch führen. Nach einer möglichen HIV-Infektion müsst Ihr sofort mit der Prophylaxe beginnen.

 

Studiengebühren und Vergütungen

Für die Famulatur verlangt die Universität von Pretoria pro Woche 50 Dollar. Das mag jetzt nach viel klingen, aber das Geld bekommt Ihr bei einem längeren Aufenthalt wieder raus: einmal durch den guten Umrechnungskurs von Dollar zu Euro, und dann durch die Vergünstigungen, die Studenten in Anspruch nehmen können. Diese Vergünstigungen erhaltet Ihr aber eben nur mit einem südafrikanischen Studentenausweis. Auf praktisch alle Unternehmungen und Eintrittspreise gibt es einen saftigen Rabatt. Auch in Geschäften bekommen Studenten oft 5-10% Nachlass.

 

Das Union Building, der Amtssitz der Regierung

 

Anreise: Flug, Zug, Bus

Meine Anreise gestaltete sich sehr einfach. Mein Flug ging von Frankfurt am Main direkt nach Johannesburg. Von hier ist es noch einmal eine knappe Autostunde bis Pretoria. Die Uni gibt aber auch einige günstige Taxiservices an, die man vorab buchen kann. Die Kosten liegen zwischen 10 und 20 Euro für den Transport.

Das Krankenhaus liegt eine knappe halbe Autostunde außerhalb von Pretoria. Ein Auto ist von daher in meinen Augen unerlässlich. Ich habe den SACarHire als günstig empfunden. Ein Auto bekommt Ihr hier für 7-8 Euro pro Tag. Und es finden sich eigentlich immer weitere Studenten, die mitfahren und mit denen Ihr Euch die Kosten teilen könnt. Selbstverständlich könnt Ihr auch versuchen mit den südafrikanischen Studenten eine Fahrgemeinschaft zu bilden. Dies gestaltet sich an manchen Tagen durch unterschiedliche Dienstzeiten aber recht schwierig.

 

Größe und Abteilungen des Krankenhauses

Kalafong ist eine von drei Unikliniken, auch wenn dieses Krankenhaus nicht im Entferntesten danach aussieht.

Das Krankenhaus ist sehr einfach aufgebaut. Auf der einen Seite sind die Wards, Bettensäle mit jeweils 40 Betten. Trotz einiger Wänden handelt es sich um recht große Räume. Auf der gegenüberliegenden Seite befinden sich die Verwaltungsgebäude und der OP-Bereich. Am Ende des Gebäudes liegt die Klinik und die Notaufnahme. Die einzelnen Gebäude sind durch Wellblechdächer miteinander verbunden. Bei Regen läuft Kalafong aber dennoch voll.

In Kalafong findet Ihr alle Fachabteilungen. Herausragend aber ist hier die große Gynäkologie, die Chirurgie und die Orthopäde.

 

Unterkunftsmöglichkeiten, Verpflegung und Kleidung

Die Uni bietet ausländischen Studenten mehrere Unterkunftsmöglichkeiten. Darunter sind einmal private Lodges, die etwas teurer sind, aber dafür auch relativ viel Komfort bieten. Darüber hinaus gibt es zwei Studentenwohnheime. Hier gibt es einmal das Medical Guest House, welches eher für Studenten aus Holland reserviert ist, die hier regelmäßig für Rotationen herkommen. Ich habe im Hippokrates-Studentenwohnheim gewohnt. Die Zimmer sind groß und geräumig. Möbliert mit Bett, Schreibtisch und Küche ist es für einen kurzen Aufenthalt vollkommen ausreichend. Jedes einzelne Zimmer im Hippokrates verfügt über ein Bad. In meiner Zeit dort sind allerdings vermehrt Probleme mit dem Warmwasser aufgetreten.

 

 

Das Hippokrates-Studentenwohnheim

 

Auch möchte ich erwähnen, dass an Wochenenden in einzelnen Zimmern die Post abgeht. Freitags ist an Schlafen nur mit Ohrenstöpseln zu denken. Meine Empfehlung: Ihr geht an den Wochenenden selbst aus. Hierfür bietet sich Hatfield mit seiner bunten Kneipenszene an.

Ich habe im Hippokrates Studentenwohlheim für einen Monat 150 Euro bezahlt.

Erforderliche Sprachkenntnisse

Amtssprachen in Südafrika sind Englisch und Afrikaans. Im Krankenhaus kam ich aber gut mit Englisch aus, wenn ich auch mit der Zeit ein wenig Afrikaans verstanden habe. Diese Sprache ist dem Holländisch sehr ähnlich, aber die Grammatik ist meiner Meinung nach einfacher.

 

Church Square

 

Ablauf der Famulatur in der Chirurgie

Meine Famulatur in der Chirurgie lief sehr strukturiert ab. Zunächst möchte ich aber erwähnen, dass sich alle wirklich sehr um die ausländischen Studenten kümmern. Die Ärzte und Studenten sind interessiert und hilfsbereit. Ein besseres Umfeld kann man sich eigentlich gar nicht wünschen.

Das wichtigste für die ausländischen Studenten ist die Einteilung der Famulatur in Firms. Ich war im Mittwoch-Firm. Dies bedeutete, dass ich jeweils am Mittwoch einen Dreißig-Stunden-Tag hatte. Ein Firm besteht aus zwei bis drei Studenten, einem Intern (entspricht unserem ehemaligen AIPler), einem Registrar (entsprich dem deutschen Assistenzarzt) und theoretisch einem Consultant (entspricht unserem Oberarzt). Den Consultant habe ich während der Firms aber nie zu Gesicht bekommen.

Der Tagesablauf

In der Regel beginnt der ein normaler Arbeitstag um 6:30 Uhr. Zunächst besucht Ihre Eure Patienten. Jeder Student hat im Kalafong eigene Patienten, die sie in vielen
Bereichen eigenverantwortlich versorgen.

Um 7 Uhr steht jeweils ein einstündiges Seminar an. Hier werden unterschiedliche Themen oder Patienten der letzten Nacht besprochen. Dieser Unterricht ist wirklich gut, ich habe dort in dem einem Monat viel lernen können und fühle mich allein dadurch bei den wichtigsten allgemeinchirurgischen Fällen recht sicher.

Um 8 Uhr war etwas Zeit, um die Ward-Work zu erledigen. Dies heißt: Laborberichte aus dem Labor holen, denn in der ganzen Klinik gibt es vielleicht fünf Computer, Blut abnehmen und Drips legen - also Venenverweilkanülen. Da es hier aber keine Mandrins gibt, gibt es immer eine Infusion.

Zwischen 8:30 Uhr und 9:00 Uhr beginnt die Visite. Diese läuft allerdings nicht wie eine chirurgische Visite in Deutschland ab, sondern dauert gerne mal bis mittags. Internationale Studenten sind aber relativ frei in ihrer Zeiteinteilung und können sich so nach Lust und Laune in der Klinik bewegen, natürlich abhängig davon, wie viele Patienten sie gerade betreuen. Mich hat man meist im OP angetroffen.

Nach der Visite wird das umgesetzt, was besprochen wurde. Wir haben also OP-Termine vereinbart oder Untersuchungen eingeleitet. Dies wird für gewöhnlich alles von Studenten übernommen. Ich war mit sehr viel Papierkram konfrontiert. Wenn ich einen Patienten aufnahm, habe ich mich manchmal gefühlt, als würde ich ein Buch schreiben. Nach ein bis zwei Patienten hatte ich aber das Prinzip und die ganzen Abkürzungen verstanden.

Die Dienste

Die spannendsten Tage waren für mich die Firm-Tage, also die, an denen ich Dienst hatte. Morgens begab ich mich in die Klinik und mir wurde mein eigenes Arztzimmer zugewiesen. Hier schnappte ich mir eine Akte vom Stapel und begann zügig mit dem ersten Patienten.

Und jetzt kommt das Interessante: Anders als in Deutschland müssen Studenten hier eigenverantwortlich arbeiten. Ich hatte zwar immer die theoretische Möglichkeit auf einen Arzt zurückzugreifen, der ist aber oft schlicht und ergreifend nicht auffindbar.

Als Student ab dem achten Semester in Deutschland, wird man in Südafrika als Last-Year-Student eingeteilt. Dies erlaubt den Studenten, selbstständig Patienten zu behandeln. Es beinhaltet auch Krankschreibungen und das Ausstellen von Rezepten.

In der Klinik werden auch kleinere Operationen durchgeführt. Hierzu zählen die Entfernung von Lipomen oder das Eröffnen von Abszessen. Habt Ihr dies zuvor noch nie gemacht, wird es Euch erklärt; Ihr macht es dann einmal unter Aufsicht und danach alleine.

Wenn der letzte Patient die Klinik verlassen hat, geht es in der Notaufnahme weiter. Hier zeigt sich ein sehr gemischtes Bild an Krankheiten. Es lässt sich vereinfacht sagen, dass hier dieselben Krankheitsbilder wie in Deutschland vorherrschen. Allerdings besteht ein drastischer Unterschied: Das Stadium der Erkrankung ist meist viel fortgeschrittener als in Deutschland. Ich kann mich nicht erinnern, in Deutschland jemals einen T4-Brustkrebs gesehen zu haben. In Südafrika fand ich derartige Tumorstadien regelmäßig.

Nachts kommen, wie zu erwarten, die Schuss- und Stichwunden rein. Alles was oberflächlich ist, behandeln die Mediziner vorort. Schwierigere Fälle werden in den OP gefahren. Die Notaufnahme ist auf jeden Fall der perfekte Ort, um chirurgische Wundversorgung zu lernen. Wer möchte, kann sich eine ganze Nacht nur mit Nähen und Blutstillung beschäftigen.

Normalerweise leert sich die Notaufnahme gegen 1 Uhr ein wenig. So konnte ich mich häufig auf mein Zimmer zurückziehen und ein paar Stunden schlafen. Jeder Student on-call, also im Dienst, bekommt für die Firm-Nacht ein eigenes Zimmer und Essen gestellt.

Der Dienst endet nach der Visite. Sobald ich meine Patienten vorgestellt hatte, durfte ich mich verabschieden. Dies war meist zwischen 10 und 12 Uhr.

Operationen in Eigenverantwortung

Zwei Tage nach dem Dienst hatte ich jeweils OP-Tag. Wie ich aber schon sagte, konnte ich auch einfach so in den OP gehen. Studenten sind dort mehr als willkommen. Es kommt sogar vor, dass Studenten eigene Operationen durchführen dürfen. Meine erste eigene Operation war ein Lipom, aber nicht ein so kleines, wie sie in der Klinik vorkamen, sondern ein kindskopfgroßes.

Je nach Können und Wollen werden Studenten auch an weitere Operationen herangeführt. In der letzten Woche führte ich eine Zehenamputation durch. Der Registrar, also der Assistenzarzt, war zwar mit im Raum, aber nicht steril. Dies ist auch ein großer Unterschied zu Deutschland: Die Assistenzärzte operieren alleine mit Studenten. Einen Consultant, also einen Oberarzt, habe ich nur sehr selten im OP angetroffen.

Hier möchte ich mich aber auch mal kritisch äußern. Auch wenn es natürlich Spaß macht selbst zu operieren und eigenverantwortlich Patienten zu behandeln, geht es unter Umständen doch auf Kosten der Patienten. Dies sage ich aus zwei Sichtweisen heraus. Einmal weiß kein südafrikanischer Arzt, was der internationale Student wirklich an Wissen und Können mitbringt. Auf der anderen Seite lässt sich diese Kritik aber auch auf die südafrikanischen Studenten beziehen, die bei den praktischen Fähigkeiten sehr fit sind, aber häufig beim theoretischen Fachwissen Defizite zeigen.

Als internationaler Student müsst Ihr mit Euch selbst vereinbaren, was Ihr machen möchtet und könnt - und was nicht. Ihr werdet zu nichts gezwungen, bei entsprechender Einsatzbereitschaft stehen Euch aber alle Türen offen.

 

Freizeit

Mein Registrar hat mich immer sehr ermuntert, mir Land und Leute anzugucken. Jeden Montag wurde ich freundlich und ehrlich interessiert gefragt wie ich mein Wochenende verbracht hätte. Eure Freizeit Zeit solltet Ihr gut nutzen. Viele Sehenswürdigkeiten liegen relativ nah. So ist beispielsweise der Kruger National Park in vier bis fünf Autostunden zu erreichen.

Johannesburg ist ebenfalls ein attraktives Ziel., Hier solltet Ihr aber genau wissen, wo Ihr hinmöchtet und wie Ihr dort hinkommt. In keiner Stadt, die ich bisher besucht habe, habe ich mich so unsicher gefühlt, wie in Johannesburg.

Ich kann auch nur empfehlen, im Anschluss an die Famulatur eine Reise zu unternehmen. Zwei bis drei Wochen sind das Minimum. Nach Südafrika zu reisen und dann nur die Famulatur zu absolvieren, wäre einfach schade, auch wenn im Krankenhaus niemand etwas dagegen habt, wenn Ihr für einen Ausflug mal ein oder zwei Tage frei nehmt.

Im Urlaub könnt Ihr die wichtigsten Punkte der Ostküste bis nach Kapstadt abgrasen. Dies geht sowohl mit dem einen Auto, aber auch mit Bussen wie Intercape und Greyhound. Ich persönlich bin mit dem BazBus gereist. Dies ist ein Service, der die Fahrgäste direkt an Backpacker-Hostels absetzt und auch wieder einsammelt. Der BazBus ist sehr zu empfehlen, unter anderem, weil diese Art zu reisen recht sicher ist, und weil er eine gute Kontaktbörse für weitere Unternehmungen ist.

Noch Fragen offen?

Gerne steht Stefan Mausbach für weitere Fragen zur Famulatur zur Verfügung. Schreibt einfach an die Via medici online-Redaktion:

via.online@thieme.de

 

 

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