• Bericht
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  • Tatjana Dill
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  • 02.10.2012

Famulatur im Worcester Hospital

Tatjana hat sich zu einer Famulatur weit weg von zu Hause entschlossen. Ihr Ziel: Südafrika. Sie machte sogar zwei Famulaturen dort, weil sie so neugierig auf das Land war. In ihrem Bericht erzählt sie euch, wieso sie ihre Famulatur in der Geburtshilfe in Worcester so toll fand und warum so ein Praktikum nichts für Organisationsfaule ist. Außerdem erfahrt ihr, was man in seiner Freizeit alles in Südafrika unternehmen kann und was Tatjana außerhalb des Krankenhauses erlebt hat.

Alle Fotos von Tatjana Dill

 

Persönliche Motivation für die Auslandsfamulatur

In vielen Blockpraktika und Untersuchungskursen lernt man die Kliniken der Heimat-Uni zu Genüge kennen. Aber die Welt ist groß und meine Neugier auch. Nach der Schule hatte ich ein Pflegepraktikum an einer Klinik in Südafrika gemacht und mir fest vorgenommen, bei der nächsten Gelegenheit in dieses wunderbare Land zurück zu reisen. Ich finde Famulaturen lassen sich super mit einem Auslandsaufenthalt verbinden und sind eine tolle Gelegenheit, ein Land oder eine Gesellschaft wirklich kennen zu lernen, statt als Touri nur die Hotspots abzuklappern. Damit sich der organisatorische Aufwand lohnt habe ich mich entschieden zwei Famulaturen nacheinander in Südafrika zu machen.

 

Bewerbung

Eine Freundin berichtete mir von der gynäkologischen Abteilung am kleinen, ländlich gelegenen Krankenhaus in Worcester abseits der großen Städte im Kap und ich fand heraus, dass es Lehrkrankenhaus der Universität Stellenbosch ist. Also schickte ich sechs Monate im Vorraus per Mail eine Anfrage Miss Mariska April im Elective Office der Uni Stellenbosch und bekam bald darauf die offiziellen Bewerbungsunterlagen zugemailt. Vom Studiendekanat meiner Uni musste ich ein Empfehlungsschreiben und eine Studienbescheinigung in Englisch besorgen (Letter of Recommendation).

 

Formalitäten und Studiengebühren

Da ich weniger als 90 Tage in Südafrika blieb, musste ich weder Visum noch Aufenthaltsgenehmigung beantragen. Eine Berufshaftpflicht- und Auslandskrankenversicherung kann man als Student günstig und vollkommen problemlos bei den bekannten Anbietern abschließen.Als Elective student muss man für den geplanten Zeitraum die Studiengebühren rechtzeitig im Voraus überweisen. Die Studiengebühr für einen Monat Famulatur ist R5.000 (ungf. €450), dazu kommt noch die Registrierungsgebühr für die südafrikanische Ärztegesellschaft (R800).

 

Kontakt zum Krankenhaus

 

 

Interessierte Studenten sollten sich bei der Universität Stellenbosch, Elective Office erkundigen. Hier wird Alles im Vorfeld organisiert. Man erhält rechtzeitig alle Informationen und Kontakte zum Krankenhaus in Worcester. Die Personalabteilung am Krankenhaus kümmert sich freundlich um alles weitere (Unte

rkunft, Namensschild, usw.). Worcester HospitalMurray StreetWorcester 6849South AfricaTel.: 023 348 110

 

 

Finanzierung

Ich habe die Finanzierung für Reise und Aufenthalt selbst aufgebracht. Es gibt allerdings vom DAAD evtl. einen Zuschuss wenn man sich rechtzeitig darum kümmert. Fragt auch bei eurer Heimat-Uni nach Unterstützung für Auslandspraktika.

 

Anreise

Es ist gut, wenn man im Voraus planen kann, denn die Flüge kosten in der Regel 4-6 Monate vorher etwas weniger. Empfehlen kann ich Emirates, die regelmäßig von Deutschland nach Johannesburg fliegen – mit kurzen Zwischenstop in Dubai kostet das meist um die €650. Ein Inlandsflug von Johannesburg nach Kapstadt kostet umgerechnet €30-50 und ist günstiger als ein Direktflug von Deutschland nach Kapstadt. Es besteht die Möglichkeit durch einen kostenpflichtigen Chauffeur der Uni Stellenbosch vom Flughafen Kapstadt abgeholt und ans Krankenhaus in Worcester gefahren zu werden – oder man nimmt sich einen Mietwagen. Die Autofahrt Kapstadt-Worcester dauert ungefähr 90 Minuten.

 

Größe und Abteilungen des Krankenhauses

Das Worcester Hospital (ehemals Eben Donges Hospital) ist ein öffentliches, regionales Krankenhaus (Secondary Hospital) und wurde kürzlich renoviert. Die Klinik hat Abteilungen für Allgemein- und Unfallchirurgie, Innere Medizin, Kinderheilkunde und Frauenheilkunde inklusive Geburtenstation und Neonatologie. Eine große interdisziplinäre Notaufnahme, eine kleine Intensivstation und eine kleine psychiatrische Abteilung. Auf dem Gelände sind eine Tagesklinik und ein Geburtshaus welches von Hebammen geleitet wird. Das Krankenhaus ist Lehrkrankenhaus der Universität Stellenbosch, gut ausgestattet und es sind ständig Blockpraktikanten und Studenten im letzten Studienjahr auf den Stationen, für die regelmäßig sehr gutes Bedside-Teaching gemacht wird. Es ist leicht, Anschluss an die Studenten zu finden und man wird auch zu privaten Unternehmungen eingeladen.

 

 

Unterkunftsmöglichkeiten, Verpflegung und Kleidung im Krankenhaus

Auf dem Krankenhausgelände gibt es möblierte Appartements, die von Ärzten bewohnt werden, aber auch kurzzeitig an Austauschstudenten vermietet werden. Man muss also nicht pendeln und kann problemlos am Abend von der Klinik nach Hause gehen. Eine 2er-WG kostet für einen Monat etwa €300 pro Person. Wer es unabhängiger mag, kann sich auch in einem der vielen Bed and Breakfasts einquartieren und mit einem Mietwagen zur Arbeit fahren. Es gibt im Krankenhaus ein kleines Café in dem man Sandwiches, Pommes, Burger und Saft kaufen kann. Gesünder ist es, sich etwas mitzubringen oder in der Mittagspause kurz ins Appartement zu gehen. Das akademische Personal trägt „zivil“, ein Kittel ist eher unüblich. Scrubs für einen (freiwilligen aber lohnenden) Dienst in der Notaufnahme kann man sich im OP ausleihen.

 

Erforderliche Sprachkenntnisse

In Südafrika gibt es elf Amtssprachen. Obwohl die Bevölkerung in Worcester Afrikaans-sprachig ist, kommt man mit guten Englisch-Kenntnissen gut zurecht. Einige Patienten sprechen vielleicht nur Xhosa oder Zulu – dann müssen viele einheimische Ärzte auch ihre Hände und Füße einsetzen.

 

Inhalt der Famulatur

Der Arbeitsalltag in der Gynäkologie geht um 7:30 Uhr los. Studenten und Assistenten untersuchen die Patientinnen und anschließend wird bei einer großen Stationsvisite gegen 8:00 Uhr jede einzelne Patientin ausführlich vorgestellt und besprochen, was am jeweiligen Tag zu erledigen ist. Für Studenten gibt es anschließend oft 30-minütiges Bedside-Teaching. Die Ärzte teilen sich auf die Bereiche Station (Geburtseinleitung, Geburten), OP (gynäkologisch und Sectios) und Tagesklinik/Funktion (Pränatal-Untersuchung, Ultraschall, kleine Eingriffe wie Curettagen) auf. Als Student konnte man sich meist aussuchen, wo man hin möchte und wird immer ermutigt eigenständig Anamnesen zu erheben und Untersuchungen durchzuführen – meist gut betreut durch einen der Fachärzte oder den Chefarzt persönlich. Auf der Station und im Geburtenhaus kann man Gebärende betreuen und den Geburtsfortschritt überwachen, im Beisein der erfahrenen Krankenschwestern Neugeborene entbinden und auf der Neugeborenen-Station viel über die Versorgung der Kleinsten lernen. Im OP darf man bei Sectios meist mit an den Tisch und nach einiger Zeit sogar als erste Assistenz dabei sein. Der Arbeitstag endet meist vor 16:00 Uhr. Man kann freiwillig gern länger bleiben, einen Dienst mitmachen oder in der Notaufnahme einen der Assistenten begleiten und dabei sehr viel lernen.Wer Lust hat, kann einen der Ärzte begleiten wenn sie 1-2 Mal im Monat die entlegenen Krankenhäuser (für die Grundversorgung) in der Provinz besuchen um dort Sprechstunden zu halten oder mit Kollegen über Probleme besprechen.

 

Land, Kultur und Freizeit

Die Gegend um Worcester ist wunderschön, teilweise landwirtschaftlich geprägt, teilweise sehr karg. Es lohnt sich einen Roadtrip durch die Umgebung zu unternehmen und an den schönen Stellen und Obst-Farmen ein Picknick zu machen oder bei einer der vielen Wein-Farmen eine Weinprobe zu machen. Zur Küste und nach Kapstadt sind es etwa 90 Min mit dem Auto. Auf dem Weg dorthin kommt man an vielen hübschen kapholländischen Städtchen und alten Weingütern vorbei. Wer eher die Natur liebt, ist in den Ceder-Bergen gut aufgehoben. Hier kann man Campen, Schwimmen, Wandern, Klettern, alte Bushman-Höhlen und -Zeichnungen bestaunen.Leider ist ein Großteil der Bevölkerung in und um Worcester sehr arm und abgeschnitten von der Infrastruktur. Auch in der Gynäkologie sind viele der Patientinnen von HIV, Tuberkulose und Alkoholismus betroffen; schwere Unfälle und luftgebundene Intensiv-Verlegungen an die entfernten Häuser der Maximalversorgung stehen an der Tagesordnung. Dennoch sind die Menschen herzlich und dankbar. In Worcester gelten alle üblichen Verhaltensregeln für Einheimische und Besucher zugleich: Man sollte nicht allein und nicht nach Sonnenuntergang unterwegs sein, keine Wertgegenstände offen bei sich tragen und (Auto-)Türen verschließen.Meine Buchempfehlung für die ruhigen Stunden in Worcester: "The Good Doctor" von Damon Galgut.

 

 

Mein beeindruckendstes Erlebnis

Eine Mutter unter der Geburt zu betreuen und ihrem Kind auf die Welt zu helfen – für mich das bedeutendste Erlebnis im gesamten Studium.

 

Besonderheiten während der Famulatur

Ausländische Medizinstudenten sind zwar keine Seltenheit in Südafrika, dennoch sollte sich jeder selbst um die Details wie z.B. die Famulaturbescheinigung (korrekte Daten, Stempel, deutsch-englisch) kümmern. Außerdem hilft es, sich den Blockpraktikums-Studenten anzuschließen und die persönlichen Lernziele etwa deren Lernzielkatalog anzupassen, mit Eigenengagement den Tag anzugehen und gegebenenfalls darauf zu drängen bei bestimmten Untersuchungen oder OPs dabei sein zu dürfen.Auch wenn man sich schwer tut mit der Organisation – in Südafrika ist das Internet nunmal nicht die Hauptinformationsquelle – nicht verzagen. Fragen kostet nichts und der Aufwand lohnt sich ganz sicher!

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