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  • Clara Schilling
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  • 07.11.2019

Habari Sumbawanga! – irgendwo zwischen DR Kongo, Sambia und Tansania

Clara begleitete die Organisation Interplast bei ihrem Einsatz in Tansania. Dort versorgten und operierten sie kostenlos Menschen, die ärztliche Hilfe benötigten. Warum ein Junge nach seiner OP kein Wort mehr mit ihr und dem Team wechselte, erzählt sie im Artikel.


Ich hatte das Glück, über die Organisation Interplast an einem zweiwöchigen Operationseinsatz in Tansania teilzunehmen. Eine sehr intensive und besondere Zeit.

Sumbawanga, davon hatte ich noch nie gehört, bei Google Maps irgendwo im Nirgendwo. Im Südwesten von Tansania nahe an der Grenze zur Demokratischen Rupublik Kongo und Sambia. Dorthin durfte ich also mit Interplast fahren. In einem Team aus Operateuren, Anästhesisten und Pflegern war für mich noch Platz, um die Gruppe auf dem jährlichen Einsatz zu unterstützen. Aufregend!

Gerne möchte ich auch später als Ärztin solche Einsätze unterstützen, daher waren diese zwei Wochen toll, um einen Eindruck von der Arbeit zu bekommen. Die Möglichkeit bekam ich, da ich an meiner Heimatuni, der TU München, ein Wahlfach „Medizin in Entwicklungsländern“ belegte. Im Rahmen davon kam ich ins Gespräch mit dem Einsatzleiter der Interplast Sektion München, was mir eine Teilnahme ermöglichte.
Nach vielem Organisieren, Medikamenten in Kisten packen, Listen erstellen und und und, ging es dann endlich los auf eine lange Reise über Frankfurt – Dar-es-Salam – Mbeya und weiter mit dem Bus nach Sumbawanga.
Visum, Versicherung, Unterkunft und Kleidung für das Krankenhaus wurde von Interplast organisiert, allerdings wurden die Aufgaben im Voraus unter den Teilnehmern verteilt. Ich kümmerte mich beispielsweise um die Dokumentation des Inhalts unserer Koffer und Kisten, da für den Zoll alle Geräte und Medikamente genau aufgelistet werden müssen.
Die Kosten des Einsatzes werden von Spendengeldern getragen, da das aber ja auch unsere Flüge und Verpflegung beinhaltete, wurde ein Festbetrag von 800 € von jedem Teilnehmer selbst übernommen.

Sumbawanga, das war dann also diese exotisch klingende Stadt, die 17. größte in Tansania. Bei uns wäre das im Vergleich Wuppertal. Der Großteil der Stadt bestand aus Hütten, maximal einstöckige Häuser und sah so gar nicht aus wie Wuppertal.

 


Am nächsten Morgen ging unsere Arbeit dann auch direkt los. Eine riesige Menschenmenge wartete bereits vor dem OP-Eingang, und wie uns gesagt wurde auch nicht erst seit heute morgen.
Die ersten Tage verbrachten wir mit einem großen Screening, Patienten untersuchen, Röntgen, Labor – kann das von uns operiert werden? Blaue Karte mit Name Nummer und HIV Status! 

 

 

Mit dieser Arbeit verbrachten wir die ersten zwei Tage, bevor die kompletten weiteren zwei Wochen bis auf die letzte Stunde mit Operationen gefüllt waren. Viele Kinder, viele Babies, viele Brüche, viele Verbrennungen, viele Strumen, viele Lipome, von allem einfach sehr viel!

Als es mit den Op-Tagen los ging, sahen wir von Sumbawanga nicht mehr viel. Morgens um sieben fuhren wir ins Krankenhaus, spätabends kamen wir zurück. Als Studentin waren meine Aufgaben sehr gemischt. Ich machte die Patienten mit ihren komplizierten Namen ausfindig, bereitete sie für die OP vor, durfte ab und zu assistieren, betreute die Patienten nach ihren OPs, suchte Angehörige. Es war bunt gemischt! Ich hatte viel Kontakt mit den Einheimischen, soweit das möglich war. Mein Arbeitsbereich war weniger der sterile OP, sondern die Menschen von der Schwelle zwischen Sumbawanga und Krankenhaus. Ich bekam viele Entscheidungen und Schicksale der Tansanier mit und mich berührten vor allem die kranken Kinder.

An einen 7-jährigen Jungen denke ich bis jetzt immer noch ab und zu. Dauud hatte einen Unfall mit einem Motorrad, er wurde angefahren und brach sich dabei das Bein. Da er nicht rechtzeitig einen Arzt sehen konnte und eine Behandlung bekam, entzündete sich die Extremität – Osteomyelitis. Wohl der häufigste Grund, warum es während unseres Einsatzes zu Amputationen kommen musste. So auch bei Dauud. Vor der OP war er noch sehr lieb und umgänglich, lachte uns alle an, spielte mit den mitgebrachten Kuscheltieren. Es gibt ein Bild in meinem Kopf als Dauud von seiner Operation aufwacht und nach unten schaut und nach seinem Bein sucht. Jeden Tag kam er danach zur Nachkontrolle, niemand konnte ihn mehr zum Lachen bringen. Er würdigte uns alle keines Blickes mehr. Ich glaube, er dachte wir sind schuld, dass ein Bein nun fehlt.
Am letzten Tag unseres Einsatzes besuchte ich Dauud auf seiner Station um mich zu verabschieden. Auch da gab es kein Lächeln. Aber er hatte jetzt kleine Kinder-Krücken und übte fleißig das Gehen damit.
Eine Amputation in unserem Leben ist schon eine unfassbare Vorstellung, aber für Dauud bedeutet es viel mehr. Er hat wenig Chancen mit nur einem Bein in Sumbawanga.

Es gab viele Menschen, denen während unseres Einsatzes sehr gut geholfen werden konnte und die das Krankenhaus glücklich und „geheilt“ verließen, aber eben auch viele nicht ganz einfache Schicksale.
So vergingen wie im Flug zwei sehr intensive und anstrengende Wochen. Es galt, in der Zeit in der wir da waren so viel wie möglich zu operieren, für Gedanken machen blieb nicht viel Zeit. Über vieles konnte ich erst im Nachhinein nachdenken, was vielleicht auch gut so ist!


Interplast und alle Beteiligten des Einsatzes haben in der Zeit Unglaubliches geleistet. Es ist ein tolles Projekt, das dort auf die Beine gestellt wurde und meiner Meinung auch sehr nachhaltig. Das Personal vor Ort wird zu jedem Zeitpunkt eingebunden und auch die Nachbetreuung ist geregelt. Für mich als Studentin war es ein einmaliges Erlebnis. Einerseits Medizin in einem anderen Land zu erleben und andererseits in einem Team gebraucht zu werden und eigene Aufgaben und Verantwortung zu haben.

Für Spenden über betterplace.org (z.B. für Prothesen für beinamputierte Patienten)

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