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  • Richard Gehring
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  • 26.01.2017

Famulatur in Chiang Mai, Thailand

Thailand ist bekannt für seine freundlichen Menschen und sein tolles Klima. Doch kann man dort auch gut famulieren?

Ist Chiang Mai für eine Famulatur geeignet? Ja, man kann in Chiang Mai sehr gut famulieren! Ich habe im Herbst 2016 zwei Monate im Chiang Mai Maharaj Nakorn University Hospital, dem großen Universitätsklinikum der Stadt famuliert.

Chiang Mai

In der „Rose des Nordens“, wie Chiang Mai auch genannt wird, leben ca. 1 Million Menschen. Trotzdem ist es sehr entspannt und es gibt etliche Grünflächen und Wasseranlagen. Chiang Mai ist eine wahnsinnig lebendige und weltoffene Stadt mit guten Restaurants. Ein Essen bekommt man für 50ct - 2€, auch wenn die Portionen eher klein ausfallen. Vorsicht ist bei scharfen Speisen geboten. Ich habe immer „not spicy“ oder „mai pet (Thai)“ Food geordert. Natürlich lässt es sich auch überall günstig einkaufen und feiern gehen.

 

Chiang Mai von oben

 

Auch die Umgebung ist abwechslungsreich, man kann die Berge besichtigen, es gibt zig Wasserfälle, Elefanten Camps, Attraktionen wie Zipline, Rafting im Canyon oder NightSafari. Backpackerparadise wie Pai oder Chiang Rai weiter im Norden sind innerhalb weniger Stunden erreichbar.  

Die Bewerbung

Die Bewerbung ist unkompliziert. Ich habe einfach per E-Mail Kontakt mit Ms. Kanokwan (E-Mail: kanokwan.sri@cmu.ac.th), der Sekretärin für Foreign Affairs aufgenommen.
Sie schickte mir dann die Unterlagen für die Famulatur zu. Wie in vielen anderen Ländern auch, fallen für die thailändische Uni Gebühren (ca. 100-200€ pro Monat, je nach Department) an, die im Voraus überwiesen werden müssen.

Für den Famulaturplatz kann man zwischen etlichen Departments im Krankenhaus wählen. Ich empfehle die Entscheidung gut zu überdenken, da die Departments sehr unterschiedlich sind. Ich habe mich um den Platz über ein Jahr vorher gekümmert. Theoretisch ist es aber auch kurzfristiger möglich.


Weitere Formalitäten sind die Beantragung des Visums. Dies ist für Thailand relativ aufwändig, da die Behörden viele Dokumente sehen wollen. Dazu kommt eine Gebühr von 60 Euro. Die gesammelten Papiere sendete ich an die nächstgelegene Thaibotschaft in Deutschland. Die Bearbeitung erfolgte schnell und unkompliziert. Zudem habe ich mich für die Impfungen in einem Tropeninstitut beraten lassen. Empfohlen wird Typhus, Meningokokken C und Japanische Encephalitis. Die Kosten werden von den allermeisten Krankenkassen übernommen.

In Chiang Mai kann ich die Unterkunft im universitätseigenen „Uniserv Hostel“ empfehlen. Preis (ca. 150€ im Monat) und Standort sind einfach unschlagbar. Auch hier kann man bequem per E-Mail buchen (www.uniserv.cmu.ac.th).

 

Die Sprache

Die Bevölkerung spricht Thai und manche können auch etwas Englisch. Die Arzt- Patienten-Gespräche finden auf Thai statt. Thai ist eine sehr schwer zu erlernende Tonsprache, weshalb es für mich auch schwierig war, sie zu lernen. Zum Glück kam ich mit meinem Englisch ganz gut weiter. Und wenn ich doch mal etwas nicht verstanden habe, hat ein Assistenzarzt das wichtigste für mich gedolmetscht. Alle Ärzte und Studenten sprechen Englisch. Diagnosen, Medikamente und beinahe alle Notizen in den Krankenakten werden in Englisch vermerkt. Dennoch sollte man darauf gefasst sein, auch vieles vom Gesprochenen nicht zu verstehen. Im Supermarkt, auf der Straße und an Touristenzentren hat man hingegen mit Englisch keine Probleme.
Es lohnt sich trotzdem einige Thai Basics zu lernen. Zum einen macht es Spaß, wenn man sich in der fremden Sprache verständigen kann, zum anderen öffnet es auch die Herzen der Einheimischen, die sich über jedes Wort Thai, das ein farang (Ausländer) spricht, unheimlich freuen.

 

Das Krankenhaus

Bei meinem ersten Besuch im Krankenhaus habe ich zuerst Ms. Kanokwan aufgesucht, die sehr hilfsbereit war: Ich bekam mein eigenes Namensschild und sie hat mich sogar zu meinem ersten Department gebracht.

 

Chiang Mai Maharaj Nakorn University Hospital


Anders als in Deutschland tragen die Thai-Medizinstudenten ein weißes Hemd oder eine weiße Bluse, Hose oder Rock sowie schwarze Schuhe. Passende Kleidung kann man in einem Shop gegenüber des großen Uni-Campus günstig kaufen.

 

Department of Family Medicine


Ich famulierte zuerst einen Monat im Department of Family Medicine. Die Abteilung ist noch relativ neu und verhältnismäßig klein. Zudem ist es nicht wirklich eine Krankenhausstation, sondern eher eine Ambulanz für Fragen der Allgemeinmedizin. Dabei ist zwischen dem Beruf eines General Practitioner (entspricht in etwa einem Allgemeinmediziner) und dem hier gängigen Family Physician zu unterscheiden, in dessen Fokus vor allem auch die Familie und die Umgebung des Patienten liegt.

 

Chiang Mai Maharaj Nakorn University Hospital

 

Die Tätigkeit der Family Physicians gliedert sich in zwei Schwerpunkte:

- Das OPD (Out Patient Department) entsprich einer Ambulanz. Im Gegensatz zum IPD (In Patient Department) wo die Patienten tatsächlich hospitalisiert werden. In die Ambulanzsprechstunde von 08:00 – 11:00 kommen hauptsächlich Patienten zu Follow-up-Terminen. Fast jeder wird wegen Bluthochdruck, Diabetes oder Dyslipidämie behandelt. Wirklich viel medizinisch agiert haben die Ärzte hier nicht. Meist beschränkte sich der Patientenkontakt auf die Kontrolle der Blutwerte und ein beratendes Gespräch zu Lifestyle und Ernährung. Auch die Situation in der Familie wurde oft diskutiert. Für dieses Prozedere wurde sich viel Zeit genommen und auch Sachen diskutiert, die in Deutschland selten besprochen werden. Im Anschluss an die Zeit im OPD fand meist eine Morgenkonferenz mit allen Residents (Assistenzärzte) statt, in denen Themen behandelt oder Rollenspiele zur Verbesserung der Arzt-Patienten-Kommunikation geführt wurden.


- Home visit: Das Department macht auch Hausbesuche in der Stadt. Hier sieht man wie die Thais wirklich leben und ist bei Arm und Reich zuhause. Vor Betreten des Hauses müssen die Schuhe ausgezogen werden. Auch hier nehmen sich die Thais enorm viel Zeit und so ein Hausbesuch kann schon mal 1-2 Stunden für einen Patienten dauern.

 

Fazit: Generell würde ich die Family Medicine nicht unbedingt zur Famulatur empfehlen, da man selbst nicht viel machen kann. Da der Fokus auf der Beratung des Patienten liegt, ist außerdem die Sprachbarriere ein Problem. Auch wenn Medikamentennamen und Diagnosen auf Englisch sind und sich meist ein Student findet, der das Gröbste übersetzt. Zudem fand ich, dass wir den Patienten oft nicht wirklich helfen konnten, sondern das Problem nur beredeten und ihnen unsere Aufmerksamkeit schenkten. Aber oftmals kam nicht viel dabei heraus.
Positiv kann ich anmerken, dass alle im Department wirklich nett und bemüht sind zu helfen! Ich konnte mit den Studenten essen gehen, teilweise wollten sie es mir sogar unbedingt spendieren. Mit den Professoren konnte man einwandfrei reden und manchmal wurde ich persönlich von ihnen zu anderen medizinischen Zentren gefahren.

Mit der Sprache gaben sich die meisten auch Mühe, alle können schon irgendwie Englisch und gerade in medizinischen Vokabeln sind sie echt fit, aber es hapert doch öfters an der Kommunikationsfähigkeit und der Aussprache. Abwechslungen im Department waren eine Einführung in die Akkupunktur, der Besuch eines alternativ medizinischen Zentrums und die Arbeit in einem kleinen District Hospital. Gerade letzteres war echt gut, da in dem kleinen Krankenhaus alle besonders nett waren und mir das völlig andere medizinische System ausführlich erklärt wurde.

 

 Krankenstation Maharaj Nakorn University Hospital

Department of Surgery

Ganz anders präsentierte sich die Chirurgie. Die Assistenzärzte arbeiten hier sehr hart. Gerade in den ersten Jahren leben viele fast internatsähnlich gleich neben dem Krankenhaus. Sie haben immer Dienst: am Wochenende und in der Nacht. Betrachtet wird das eher als eine Art Challenge und alle sind eine eingeschworene Familie. Die erste Zeit war ich in der Trauma Chirurgie in einem großen Team aus Assistenzärzten.

Da anscheinend für das große Krankenhaus zu wenig OP-Säle vorhanden sind, hat jedes Department nur an einigen Tagen OP-Dienst. Das heißt, ich war nicht die ganze Zeit bei den OPs mit dabei, sondern machte auch die „ward rounds“ über die Stationen mit und besuchte Konferenzen. Oft half ich auch Wunden zu versorgen und einmal konnte ich mich bei einem deutschen Intensivpatienten als Übersetzer nützlich machen.
Man sieht hier wirklich viele spannende Fälle, vom klassischen Motorcycleaccident bis zur gun-shot-wound. Das Personal war sehr nett und freundlich zu mir, wenn auch nicht ganz so interessiert, da viele zu tun hatten oder lieber mit ihren Kollegen abhingen. Aber da im OP immer Operationen abliefen, hat es mich auch öfter mal dorthin verschlagen und ich habe viele interessante OPs gesehen. Einige Male durfte ich auch steril assistieren, aber das war eher die Seltenheit, da hier eine ganz andere Manpower als in Deutschland vorhanden ist.
Weitere zwei Wochen war ich in der Upper und Lower Gastrointestinal Surgery, die Abläufe waren aber im Großen und Ganzen ähnlich.

 

 Maharaj Nakorn University Hospital

 

Eine besondere Begegnung hatte ich noch auf der Intensivstation. Dort lag ein 16-jähriger deutscher Junge, der wegen einem schweren Motorradunfall halb bewusstlos war. Seine Eltern sind Missionare in Asien und kamen ihn öfters besuchen. Mich beschäftigte das Schicksal des Jungen, da ich mir vorstellte wie es wäre, in diesem völlig fremden Land einen so schweren Unfall zu haben. Ich versuchte auf Deutsch mit dem Junge zu reden. Eines Morgens reagierte er tatsächlich zum ersten Mal auf meine deutschen Aufforderungen. Da haben die Thaiärzte vielleicht geguckt! Auch die Eltern sprach ich an und half, zwischen ihnen und den Ärzten zu vermitteln. Man kann sich vorstellen, wie erleichtert sie waren, jemanden da zu haben der Deutsch sprach.

 

Fazit

Es ist ein Erlebnis, in einem asiatischen OP mit dabei zu sein. Das KnowHow ist moderner als man vielleicht denkt. Nur die Einhaltung der Sterilität ist etwas abenteuerlich. Alles in allem ist die Surgery echt zu empfehlen, da man wirklich viel von der thailändischen Medizin kennenlernt und auch ein wenig selber mitmachen kann. Ein Monat auf dieser Station reicht hier aus, um alles kennenzulernen.
Falls ihr auch nach Chiang Mai kommen möchtet und noch weitere Fragen habt, könnt ihr gerne Kontakt mit mir aufnehmen:
E-Mail: richard.gehring@gmx.de
Falls ihr noch überlegt oder zweifelt: Zieht es durch! Es ist auch jeden Fall eine Erfahrung, die fürs Leben prägt!

Zur Homepage des Klinikums: www.med.cmu.ac.th

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