• Bericht
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  • Daniel Hessling
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  • 06.05.2013

Famulatur in der Kardiologie und Herzchirurgie

Daniel hat von Februar bis April 2013 in der Kardiologie und Herzchirurgie am University Hospital of North Staffordshire NHS Trust famuliert. Er fand die Atmosphäre dort sehr herzlich und freute sich sehr darüber, dass großen Wert auf eine gute praktische Ausbildung gelegt wurde und er gut in das Ärzteteam integriert wurde. Welche Unterschiede er außerdem zwischen dem deutschen und dem britischen Gesundheitssystem festgestellt hat, erzählt er euch in seinem Bericht.

Persönliche Motivation für die Auslandsfamulatur

Schon länger habe ich mich mit dem Thema "Famulatur in England" beschäftigt. Die Gründe dafür waren vielfältig. So wollte ich meine Englischkenntnisse weiter verbessern, das NHS (National Health Service)-Gesundheitssystem kennenlernen und mehr über Land und Leute erfahren. Da ich derzeit an einer klinischen Studie im Bereich der Sportkardiologie arbeite lag es nahe auch in einem Herzzentrum zu famulieren.

 

Der Campus - Foto: Daniel Nils Hessling

Alle Fotos von D. Hessling

 

Bewerbung

Die Bewerbung lief über das Studiendekanat der Keele University. Die Keele University ist eine relativ junge Universität und zugleich die größte Campus-Universität im Vereinigten Königreich. Generell nehmen alle englischen Krankenhäuser im NHS System offiziell nur "final year elective students". Da das Medizinstudium in England nur 5 Jahre dauert, wird in der Regel auch akzeptiert, wenn man angibt im 5. Studienjahr zu sein, auch wenn dies in Deutschland nicht dem "final year" entspricht.

 

Das Gebäude des University Hospital of North Staffordshire - Foto: D. Hessling

 

Ansprechpartnerin für Bewerbung und Organisation war Frau Brownsett. Meine Bewerbungsunterlagen (Lebenslauf, transcript of records, Empfehlungsschreiben, Sprachnachweis) habe ich ein halbes Jahr im Voraus abgeschickt. Daraufhin bekam ich von Frau Brownsett weitere Bewerbungsformulare zugeschickt. Dabei wurde im Wesentlichen nach Impfnachweisen, sowie aktuellen HIV-, Hepatitis-B- und Tuberkulose-Tests gefragt. Nachdem alle Unterlagen vorlagen und ich eine Bearbeitungsgebühr von 50 Pfund bezahlt hatte, bekam ich eine vorläufige Zusage. Diese wurde 2 Wochen vor Beginn der Famulatur nochmals bestätigt.

Am ersten Tag wurde ich von Frau Brownsett sehr herzlich begrüßt und bekam eine kleine To-Do-Liste für die erste Woche. Zuerst hatte ich einen Termin beim Betriebsarzt. Dort wurden nochmals meine Blutwerte und mein Impfpass kontrolliert. Da alles in Ordnung war habe ich am folgenden Tag einen Mitarbeiterausweis für das Krankenhaus bekommen. Dieser Ausweis ist sehr wichtig, da in dem Krankenhaus an jeder Ecke Feuerschutztüren sind, welche sich nur mit einer Mitarbeiterkarte öffnen lassen.

 

Formalitäten

Da England zur EU gehört war kein Visum oder eine spezielle Aufenthaltsgenehmigung nötig. Im Rahmen von Werbeaktionen des Marburger Bundes und der Deutschen Ärzteversicherung hatte ich bereits 2 kostenlose Auslandsversicherungen für Famulaturen erhalten.

 

Studiengebühren und/oder Vergütungen

Es fielen nur 50 Pfund Bearbeitungsgebühr an.

 

Anreise

Die Anreise erfolgte per Flug zum Birmingham Airport und von dort mit der Regionalbahn weiter nach Stoke-on-Trent. In Stoke-on-Trent und Newcastle-under-Lyme gibt es viele verschiedene Busunternehmen. Daher sollte man sich genau informieren, welche Linien von welchem Unternehmen gefahren werden und sich dann für den günstigsten Anbieter entscheiden.

 

Größe und Abteilungen des Krankenhauses

Das University Hospital of North Staffordshire NHS Trust ist ein Krankenhaus der Maximalversorgung mit 1160 Betten. Bis zum Jahre 2012 wurde das Krankenhaus für 370 Millionen Pfund nahezu komplett neu erbaut und modernisiert. Zudem sind die meisten Lehr- und Verwaltungsgebäude der Medizinischen Fakultät der Keele University auf dem Krankenhauscampus. Das Department of Cardiology bildet mit 3 Stationen, mehreren Ambulanzen, Herzkatheterlaboren, Herzchirurgie, Sportkardiologie und verschiedenen kleineren Sektionen ein Herzzentrum.

 

Der Haupteingang - Foto: D. Hessling

 

Unterkunftsmöglichkeiten, Verpflegung und Kleidung im Krankenhaus

Vom Dekanat erhielt ich verschiedene E-Mailadressen von Privatleuten, die Gaststudenten aufnehmen. Ich hatte das Glück bei einer sehr freundlichen Gastfamilie unterzukommen, bei der ich mich sehr wohl gefühlt habe. Das Haus der Familie liegt in dem Dorf Madeley. Mit dem Bus sind es bis zum Uni Campus ca. 10 Minuten und bis zum Krankenhaus 25 Minuten. Bei Interesse könnt ihr euch an Judith Green wenden. Bezahlt habe ich 70 Pfund pro Woche.

judith.green@hotmail.co.uk

Im Krankenhaus gab es eine Mensa für Gäste und Mitarbeiter. Außerdem traf sich meine Abteilung während der Mittagszeit öfters zu Konferenzen. Bei diesen Konferenzen präsentierte jeweils ein Arzt ein bestimmtes Thema. Dazu gab es meist eine große Auswahl an Sandwiches, welche von der Industrie gesponsert wurden und daher für alle kostenlos waren. Die Idee das Mittagessen mit interessanten Vorträgen zu kombinieren halte ich für sehr clever, da man sich so erholen und gleichzeitig weiterbilden kann.

 

Das UHNS-Gebäude - Foto: D. Hessling

 

Der Kleidungsstil ist hier "smart", weiße Kittel gibt es nicht. So läuft hier jeder Student und Arzt in gehobener Freizeitkleidung rum. Dabei sind Stoffhose, Hemd und elegante Schuhe vorgeschrieben. Krawatte wird deutlich angeraten und ist daher auch üblich. Jeanshosen sind absolut tabu. Aus Hygienegründen halte ich persönlich die bei 100°C waschbare weiße Krankenhauskleidung in deutschen Krankenhäusern für sinnvoller.

 

Erforderliche Sprachkenntnisse

Man sollte sich flüssig auf Englisch verständigen können. Allerdings ist es dabei nicht wichtig eine perfekte Aussprache zu haben. Das Team ist sehr international. Neben Ärzten aus England arbeiten hier Ärzte aus Australien, Neuseeland und Ireland. Zudem gibt es viele Mitarbeiter, die Englisch als Zweitsprache erlernt haben. So spricht jeder seinen eigenen Akzent.

 

Inhalt der Famulatur

Üblicherweise war ich von 7:30 bis 16.45 im Krankenhaus. Während dieser Zeit gab es eine Vielzahl von Möglichkeiten etwas zu lernen. Einen festen Lehr- oder Aufgabenplan gibt es jedoch nicht, daher ist Eigeninitiative gefragt! So habe ich mir immer am Vortag überlegt, was ich am nächsten Tag lernen bzw. sehen möchte und habe mich dann bei den entsprechenden Abteilungen/Personen vorgestellt.

Im Wesentlichen war das:

  • Stationsdienst mit den Assistenzärzten
  • Teilnahme an Visiten, Konferenzen, Besprechungen
  • Anamneseerhebung, körperliche Untersuchungen, Auskultation von Herzgeräuschen und anschließende Vorstellung beim Consultant
  • Blutentnahmen
  • Beobachtung von spezifischen Untersuchungen, wie Echokardiographie, Kardio-MRT, Laufbandergometrie oder Herzschrittmacherüberprüfungen
  • Assistenz bei Eingriffen der interventionellen Kardiologie und der Herzchirurgie(Herzkatheteruntersuchungen, Stent-OP, Herzschrittmacherimplantation, Bypass-OP, Herzklappen-OP, Ablations-Eingriff)
  • Auswertung von 24-Stunden-EKG und kardiospezifischen Röntgenbildern

Allgemein herrscht hier ein sehr angenehmes und kollegiales Betriebsklima. So wurde ich überall sehr herzlich begrüßt und bekam viel erklärt. Nachfragen war stets willkommen. Nicht selten nahm sich ein Oberarzt eine ganze Stunde Zeit mir etwas zu erklären. Insgesamt wird hier sehr viel Wert auf eine gute praktische Ausbildung gelegt. Da die Studenten ab dem zweiten Studienjahr fast täglich im Krankenhaus sind, sind die Mitarbeiter es gewohnt, sich neben ihrer Arbeit Zeit für den Studentenunterricht zu nehmen. Die englischen Studenten und die jungen Ärzte, die ich auf Station kennengelernt habe, haben mich direkt in ihren Freundeskreis integriert.

 

Die Medical Library - Foto: D. Hessling

 

Das NHS-System ist anders organisiert als das deutsche Gesundheitssystem. So gibt es hier beispielsweise keine Chefärzte, sondern nur gleichberechtigte Oberärzte (Consultants). Was mir auch neu war ist, dass hier Pharmazeuten auf den Stationen arbeiten und dabei helfen die medikamentöse Versorgung zu verwalten. Auch bei der ärztlichen Ausbildung gibt es Unterschiede. Das Medizinstudium dauert hier nur 5 Jahre. Allerdings folgen danach 2 Jahre, in denen die jungen Ärzte alle 6 Monate durch die verschiedensten Krankenhausabteilungen rotieren. Das Aufgabenspektrum ist dabei ähnlich zu dem von PJ-Studenten in Deutschland. Erst nach diesen 2 Jahren darf mit der Facharztweiterbildung begonnen werden.

Weitere Infos

University Hospital of North Staffordshire NHS Trust

University Hospital of North Staffordshire
Princess Road
Stoke-on-Trent
Staffordshire ST4 7LN, United Kingdom
Tel.: +44 1782 71544

Öffentl. Verkehrsmittel: Hartshill, adj Princes Road

Keele University Medical School
School Of Medicine
David Weatheral Building, Keele University
Stoke-on-Trent ST5 5BG, United Kingdom
Tel.: +44 1782 73393

Öffentl. Verkehrsmittel: Newcastle Town Centre, adj Bus Station

Links

Das University Hospital of North Staffordshire

School of Medicine

Keele University

Land/Kultur/Freizeit

Die Stadt Stoke-on-Trent geht baulich in die Stadt Newcastle-under-Lyme über. Zusammen haben die Städte etwa 350 000 Einwohner. In der Nähe liegen die Städte Manchester, Birmingham, Leicester, Nottingham, Liverpool und Sheffield. London ist ca. zwei Stunden entfernt.

Fazit

Es war eine durchweg positive und lehrreiche Zeit.

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