• Bericht
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  • Peter Wolfrum
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  • 29.04.2019

Famulatur in der St Paul’s Eye Clinic am Royal Liverpool University Hospital

Peter hat im April 2019 in der Refraktiv-, Glaukom- und Netzhautchirugie in der St. Paul Eye Clinic in Liverpool famuliert. Was die historische britische Hafenstadt zu bieten hat und wie er John Lennon´s Schwester getroffen hat, berichtet er hier.

Haupteingang des Royal Liverpool University Hospitals

Motivation

Nachdem ich die Vorklinik meines Studiums bereits im Ausland absolviert hatte und mir auch nach dem Studium gut vorstellen könnte, ins Ausland zu gehen, war für mich klar, dass ich weitere Erfahrung im englischsprachigen Raum sammeln wollte. Ursprünglich sollte England die EU zum 31.3.2019 verlassen, was sich glücklicherweise doch noch aufgeschoben und mir so keinen Strich durch die Rechnung gemacht hat.

Bewerbung/ Organisation

Ich habe mich ungefähr sechs Monate vor Famulaturbeginn bei Dr. David Borroni (Cornea fellow) und Dr. Vito Romano (Consultant) mit Transcript, CV und kurzem Motivationsschreiben beworben. Nachdem wir uns kurz via E-mail ausgetauscht hatten, wurde mir eine Famulatur für den gewünschten Zeitraum zugesichert. Nun musste ich mich noch um ein Zimmer bemühen, was in der Studentenstadt Liverpool gar nicht so einfach ist, da die Studentenwohnheime in Liverpool (Student hostels) meist nur Zimmer ab einer Mietdauer von mindestens 3 Monaten vermieten. Daher mietete ich mich kurzerhand in einem Studentenzimmer, das über Airbnb privat vermietet wurde, ein.

Unigebäude der Medizinischen Fakultät auf dem Universitätsgelände

Unterkunft

Das Zimmer mit eigenem Bad war circa 15-20 min zu Fuß vom Krankenhaus entfernt. Trotz gemeinsamer Küche herrschte in dem Haus, das ausschließlich an Studenten vermietet wurde, eher weniger Austausch, was ich als sehr schade empfand. Deshalb würde ich immer erst einmal versuchen, in einem größeren Student hostel unterzukommen.

Erste Eindrücke

Angekommen an meinem ersten Tag in der Klinik bekam ich erst einmal eine private Führung von Dr. Borroni, der mir die verschiedenen Abteilungen (Optometry, Othroptics, Ambulanz (Outpatient clinic), die Stationen (Inpatient clinic), Research center, Operating Theaters (OP´s) etc.) zeigte. Außerdem hatte man mich im Voraus bereits mit einer anderen italienischen Austauschstudentin in Kontakt gebracht, die auch an der St. Pauls Klinik im Rahmen des Erasmus Programms einen 3-monatigen traineeship absolvierte. So hatte ich trotz ruhigem Wohnheim dank der Italienerin schnell Anschluss zu vielen internationalen Studenten, mit denen ich in meiner Freizeit etwas unternehmen konnte.

Sprache

Da ich meine Vorklinik bereits auf Englisch absolviert hatte, war die Kommunikation kein Problem für mich. Ansonsten würde ich jedem Studenten empfehlen, einen medical english Kurs zu absolvieren oder sich zumindest einen gewissen Grundwortschatz der englischen Terminologie anzueignen.

Liverpool, Hafen bei Nacht

Das britische Arztsystem

Zwei Dinge sind mir bereits am ersten Tag der Famulatur klar geworden:

  1. In Englischen Krankenhäusern werden keine Kittel getragen 
  2. Im Vergleich zu Deutschen Kliniken herrscht ein deutlich entspannteres Klima. 
Was das tragen eines Kittels angeht, kann man zwar mit dem Faktor Hygiene argumentieren, nichts desto trotz hat mir der Business Style (Hemd & Anzug) im Krankenhaus besser gefallen als das eintönige Weiß, das man aus deutschen Krankenhäusern kennt. Was Punkt 2 betrifft kann ich nur sagen, dass es in England längst nicht so hierarchisch zugeht wie in deutschen Krankenhäusern.

Die Medizinerlaufbahn in der UK sieht folgendermaßen aus:
Nach fünf Jahren Medizinstudium folgen zwei Jahre Foundation year (Im Prinzip ein 2-jähriges PJ während dem die Studenten durch verschiedene Abteilungen rotieren, aber bereits ein Gehalt von ungefähr 30.000 Euro pro Jahr verdienen). Im Vergleich mit dem deutschen einjährigen PJ und dem erstem Jahr FA-Ausbildung ist dass finanziell gesehen also eine deutliche Steigerung!

Danach gibt es ein zentrales matching Programm, wobei es hier in kleineren Fächern wie der Ophtalmologie landesweit nur 97 Plätze pro Jahr gibt und daher „highly competetive“ ist. Die FA-Ausbildung dauert weitere sieben Jahre, bevor man als Consultant (vergleichbar mit einem Oberarzt in Deutschland) arbeiten kann. Alternativ kann man noch einen 18-24-monatigen Fellowship machen, um sich auf einem Gebiet zu spezialisieren (z.b Retina/ Glaukom/ Cornea/ Oculoplastics etc. ). Da alle fertigen Fachärzte als Consultant gehandhabt werden, sind die Ärzte gleichgestellt und ich hatte den Eindruck, es sei viel harmonischer als in Deutschland.

Die FA-Ausbildung ist um ein vielfaches anspruchsvoller als die deutsche, da man jährliche Examina bestehen muss, um weiter voranzukommen. Was mir an diesem Ausbildungssystem ebenfalls sehr gut gefällt ist, dass man als sog. „Resident" (Assistenzarzt) regelmäßig das Ausbildungsprogramm beim Royal College of Medicine (Der Verband, der über der Ausbildung steht) bewertet. Falls ein Ausbildungsprogramm schlecht abschneiden sollte, hätte dies erhebliche Konsequenzen für das jeweilige Krankenhaus. Die Engländer sind also wirklich darum bemüht, dem Nachwuchs etwas beizubringen was in Deutschland leider in vielen Bereichen der FA-Ausbildung anders wirkt.

Die Famulatur

Arbeitsbeginn war je nach Wochentag zwischen 7:45 und 9 Uhr und Feierabend um 18:00 - 18:30 Uhr. Da ich meine Zeit nutzen wollte, konnte ich auch samstags bei spannenden Notfalleingriffen dabei sein.

Außerdem durfte ich mir aussuchen, durch welche Abteilungen ich rotieren wollte, wobei Dr. Borroni mit mir einen Plan erstellt hat, sodass ich möglichst viele Eindrücke in der kurzen Zeit sammeln konnte. Da mich vor allem die mikrochirurgischen Eingriffe der Augenheilkunde faszinieren, konnte ich so von refraktiv chirurgischen Eingriffen (Katarakt Operationen, Keratoplastiken), Glaukomeingriffe (Trabekulektomien, Mikrostent operationen), Netzhautoperationen, Lidoperationen bis hin zu onkologische Operationen viel sehen.

Im OP hatte ich nicht immer einen eigenen Mikroskop Platz, bzw. war nicht immer mit „gescrupt“ aber das OP Mikroskop war auch immer an einen Fernseher angeschlossen, sodass man die Operationen stets gut verfolgen konnte. Außerdem waren die Ärzte daran interessiert viel zu erklären sodass ich einiges lernen konnte. Jeden Mittwoch und Freitag gab es in der Früh Fortbildungen bei denen jeweils ein Consultant oder fellow für alle anderen Ärzte neue Publikationen vorstellte die anschließend diskutiert wurden.Wenn ich nicht im OP war konnte ich in der Outpatient clinic zusammen mit einem der Ärzte Patienten an der Spaltlampe vor-/ nachuntersuchen oder war in der Inpatient clinic mit auf Visite.

Bild eines der sog. Operating Theater mit Deckenopmikroskop und Phakomaschine rechts

Ein Beatle im Krankenhaus?

Ein kleines Highlight der Famulatur war der spontane Besuch von John Lennon´s Schwester (nicht als Patientin), die der Klinik John Lennon´s Brille spendete (Est. worth 1.000.000 Pfund!) Lustigerweise sah ihr Ehemann John Lennon erstaunlich ähnlich.

Anästhesieschleuse

Freizeit

In Liverpool ist man stets nah am Leben. Man merkt schnell, dass die 500.000 Einwohner der Stadt ungefähr zu einem Zehntel aus Studenten bestehen, weshalb es unzählige Studentenpubs und -clubs gibt. Natürlich sind in Liverpool auch viele Touristen, was aber nicht weiter stört, solange man die Haupttouristenpunkte meidet. Es gibt eine Vielzahl an Museen, die zum Großteil kostenlos sind sowie etliche Events (Street Food Festivals, Wochenmärkte, Music festivals, Erasmus partys etc.). Wie bereits erwähnt war ich viel mit der Erasmus Gruppe unterwegs, an einem Abend aber auch mit der Fellowship Gruppe aus der Klinik, die nahezu komplett aus internationalen Ärzten bestand und mich stark an meine schöne Vorklinik Zeit in Riga erinnerte.

Fazit

Kurz gesagt war dies die Famulatur, die mir bisher mit Abstand am besten gefallen hat. Ich kann jedem, der mal etwas neues sehen möchte nur empfehlen, für eine Famulatur nach England zu gehen. Durch das internationale Ärzteteam konnte ich auch weitere Erkenntnisse über die Facharztausbildung und das Arbeiten in verschiedenen Ländern erschließen und habe viel mitgenommen. Wer Fragen zur Bewerbung und Famulatur hat kann sich gerne bei mir melden (peter.wolfrum@gmail.com).

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