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  • Anna N. Wolter
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  • 10.09.2015

God save the NHS

Für Patienten ist England kein Eldorado. Drei deutsche Ärzte erzählen, warum sie trotzdem gerne dort leben – und was junge Kollegen beachten sollten, wenn sie von einem Job auf der Insel träumen.

Es ist der 4. Juli 1948, kurz vor Mitternacht: In dem kleinen walisischen Ort Glanamman windet sich die hochschwangere Edna Rees schweißgebadet auf einem Krankenhausbett. Seit 18 Stunden liegt sie nun schon in den Wehen. Das Baby sitzt perfekt im Geburtskanal. Die Niederkunft könnte beginnen. Doch die Hebammen feuern sie an, noch zu warten. „Hold on, Edna, don’t push! Only a few minutes to go!“, hört sie sie sagen. Als die Uhr zwölf schlägt, kommt endlich das erlösende Kommando: „Push! Now, push!“

Dann geht alles ganz schnell. Genau eine Minute nach Mitternacht erblickt Aneira Rees das Licht der Welt – just in dem Moment, in dem in Großbritannien der National Health Service (NHS) seinen Dienst aufnimmt. Was er bietet, ist revolutionär: Als erste staatliche Organisation weltweit garantiert er allen Bürgern eine kostenlose medizinische Grundversorgung. Edna Rees ist die erste Britin, die davon profitiert. Dank ihres Durchhaltevermögens spart sie ihrer bedürftigen Familie einen Shilling und sechs Pence – der zuvor übliche Betrag für eine Geburt.

 

Garde London - Foto: Corel Stock

Die Garde hat in London lange Tradition. Foto: Corel Stock       

Bis heute hat sich an der Grundidee des steuerfinanzierten NHS nichts geändert. Die Briten müssen nicht einen Penny abdrücken, wenn sie zum Arzt gehen. Lediglich bei Arzneimitteln, Zahnbehandlungen und Brillen müssen sie zuzahlen. In Deutschland ist das nicht viel anders. Doch anders als hierzulande spüren die Briten eine tiefe Verbundenheit zu ihrem Gesundheitssystem. Auf keine andere Institution sind sie laut einer Umfrage so stolz – nicht mal die Armee oder das Königshaus machen dem NHS den Rang streitig. Und deshalb verzeihen sie ihm auch viele seiner haarsträubenden Defizite. Marode Gebäude, lange Wartezeiten, mangelhafte Altenpflege: Die Qualität der medizinischen Versorgung ist dank jahrzehntelanger Unterfinanzierung suboptimal.

Auch der NHS selbst steht immer mehr im Zentrum der Kritik. Politiker und Ärzte werfen ihm unklare Zielvorgaben, zu viel Bürokratie und mangelnde Unterstützung des medizinischen Personals vor. Die Diskussion erlebte im Sommer 2013 ihren Höhepunkt, als der Verdacht aufkam, dass in einer britischen Klinik Hunderte Patienten aufgrund der miesen Betreuung unnötig sterben mussten. Deswegen würde auch kaum ein deutscher Patient für eine Behandlung nach England reisen. Für Patienten ist die Insel nicht unbedingt attraktiv – für Ärzte hingegen schon. Im Jahr 2012 gehörte das Vereinigte Königreich zu den fünf beliebtesten Auswandererländern deutscher Ärzte. Warum eigentlich?

Very British: super Team, tolle Lehre, harte Konkurrenz

Es mag ungewöhnlich klingen – doch ein guter Grund, nach England zu gehen, könnte das hervorragende Essen sein. Denn die Lachnummer der Gourmetwelt ist die britische Küche längst nicht mehr. Trotzdem waren es nicht die ausgezeichneten Londoner Restaurants, die Dr. Marcus Simmgen auf die Insel lockten. Er sah schlichtweg keine Vorteile in der damaligen deutschen Regelung des „Arzt im Praktikum“ (AiP). Meistens bedeutete dies nämlich, 18 Monate lang unterbezahlt in der Klinik zu ackern, ohne dabei wirklich gut ausgebildet zu werden. Er wollte vielmehr ein neues Gesundheitssystem kennenlernen und von Anfang an praktische klinische Erfahrungen sammeln. Und dafür war England auf jeden Fall die richtige Adresse: „Der Drang, jüngeren Kollegen etwas beizubringen, ist bei den britischen Ärzten viel stärker ausgeprägt als in Deutschland – hier wird man wirklich weitergebildet. Und dank einer super Teamarbeit hatte ich auch viel Spaß“, erzählt er.

Die flachen Hierarchien und die guten Karriereaussichten waren für ihn Gründe genug, auch später nicht nach Deutschland zurückzukehren. Heute ist er Hospital Consultant in der Inneren Medizin am King‘s College Hospital in London. Auch Dr. Dirk Pilat hatte genug von den strengen Hierarchien in deutschen Kliniken und ging für seine Weiterbildung nach England. „In den ersten paar Wochen in einem englischen Krankenhaus lernte ich mehr als in meinem ganzen PJ in Deutschland. Danach wollte ich nicht mehr zurück“, erzählt er. Heute arbeitet er als General Practitioner, also als Hausarzt, in einer Gemeinschaftspraxis im Osten von London.

Doch nicht nur wegen der guten Weiterbildung sind deutsche Ärzte bereit, das Londoner Verkehrschaos langfristig zu ertragen. Dr. Ulrich Rosendahl war bereits seit 17 Jahren leitender Oberarzt in einem deutschen Krankenhaus, als ihn ein britischer Headhunter abwarb. Seit über zwei Jahren arbeitet der Herzchirurg nun am Brompton Hospital in der englischen Hauptstadt. Mehr Eigenverantwortung und die engere Zusammenarbeit im Team waren zwei der Hauptgründe für seinen Entschluss. „Das britische System bietet Ärzten deutlich mehr Entscheidungs- und Karrieremöglichkeiten. Wer gut ist, hat hier fantastische Chancen, sich weiterzuentwickeln“, sagt er. Doch er warnt auch vor den Nachteilen der flachen Hierarchien: In einem System, in dem es keine wirkliche Rangordnung gibt, ist die Konkurrenzsituation zwangsläufig größer. Egal, ob jemand seit fünf Jahren oder seit wenigen Wochen in der Klinik arbeitet: Alle haben die gleichen Chancen auf eine der begehrten Hospital-Consultant-Stellen.

 

Weiterbildung – fast unmöglich

Wer nach Großbritannien kommen möchte, muss sich mit solchen Konkurrenzkämpfen anfreunden. Das Gerangel beginnt schon bei der Jagd nach einer Weiterbildungsstelle: Circa 2,5 Anwärter bewerben sich auf einen Ausbildungsplatz. Wer keine Stelle kriegt, muss auf das Auswahlverfahren im nächsten Jahr hoffen – und kann dann immer noch leer ausgehen. Was für Einheimische schon schwierig ist, wird für Ausländer fast unmöglich. War es für deutsche Ärzte früher noch relativ leicht, die Facharztausbildung im UK abzulegen, stehen die Chancen heute so schlecht wie noch nie.

Und nicht nur das: Marcus Simmgen warnt unerfahrene Ärzte vor einem zu raschen Entschluss, nach England zu kommen. „Britische Uniabsolventen haben deutlich mehr Praxiserfahrung als frischgebackene deutsche Ärzte. Von denen wird aber das gleiche Können erwartet. Sie müssen sofort funktionieren, viel Verantwortung übernehmen und eigenständig arbeiten. Und das in einem ungewohnten System mit einer fremden Sprache. Das stellt hohe Ansprüche und sollte nicht unterschätzt werden!“ Auch Ulrich Rosendahl warnt: „Wer hier arbeiten möchte, darf kein Mauerblümchen sein, das darauf wartet, Anweisungen zu bekommen. Man muss der Typ Arzt sein, der kommuniziert und bereit, ist sofort eigenverantwortlich zu arbeiten.“

Wer das britische System kennenlernen möchte, ist gut beraten, schon im Rahmen einer Famulatur oder eines PJ-Tertials über den Kanal zu reisen. Zum einen kann man sich dann dieses Arbeitsumfeld in einer „geschützten“ Lernsituation anschauen. Zum anderen hat man wenigstens die Gewähr, dass es klappt. In den ersten Jahren nach dem Studium ist es unheimlich schwer, Klinikerfahrung im UK zu sammeln. Auch zu einem späteren Zeitpunkt der Karriere ist die Umsiedlung nicht einfach.

Der Markt für junge Fachärzte ist eng. Etwas besser sieht es bei Allgemeinmedizinern aus – und bei Ärzten, die schon einige Jahre Arbeitserfahrung mitbringen und evtl. schon eine Abteilung geleitet haben. „Es kommen immer wieder deutsche Fachärzte hierher und besetzen Consultant-Positionen. Das sind aber in der Regel hervorragende Ärzte, die bewiesen haben, dass sie ein Händchen auf ihrem Gebiet haben“, erzählt Marcus Simmgen. Diese werden von den Engländern eingeladen – so wie Ulrich Rosendahl. Dieser glaubt, dass es den britischen Ärzten trotz der hervorragenden Lehre vor allem in den operativen Fächern am Ende an der richtigen Finesse fehlt.

Geringe Kosten, gute Medizin

Was auffällt: Die Ärzte, die es nach England geschafft haben, fühlen sich pudelwohl. Dirk Pilat kann sich ein Leben als Allgemeinmediziner in Deutschland nicht vorstellen. Er schwärmt von der britischen Regelung, dass alle Patienten erst zu ihrem Hausarzt müssen, der sie je nach Bedarf an den entsprechenden Facharzt überweist. „So kenne ich alle meine Patienten, ihre Familien und ihre Krankengeschichte. Ich weiß von ihren Sorgen und ihren sozialen Problemen – ich sitze im Herzen der Gemeinde! Außerdem ist diese Regelung sehr kostengünstig für das Gesundheitssystem“, sagte er.

Immerhin führen bei ihm nur sieben Prozent der Patientenkontakte zu einer Überweisung, den Rest behandelt er selbst. Die Kritik am britischen Gesundheitswesen kann er deshalb nicht verstehen. Die Wartezeiten seien zwar lang, aber bei ernsthaften Erkrankungen bekomme jeder Patient rechtzeitig seinen Arzttermin. Tatsächlich muss ein Patient mit Verdacht auf eine Krebserkrankung innerhalb von zwei Wochen von einem Facharzt gesehen werden. Und auch wenn die Gebäude unmodern sind – die britische Medizin ist es keineswegs.

Auch Marcus Simmgen ist überzeugt: „Für das, was die Briten ausgeben, machen sie gute Medizin!“ Und tatsächlich: Obwohl sie deutlich weniger in ihr Gesundheitswesen investieren als die Deutschen, unterscheidet sich die Lebenserwartung der Menschen in den beiden Ländern kaum. Dafür verzichtet der englische Patient auf den Luxus eines Einzelzimmers und wartet eben länger auf den Orthopädentermin. Seine Liebe zum NHS schmälert es nicht. Er hat vollstes Vertrauen in sein Gesundheitssystem. Genauso wie Aneira, das erste „NHS-Baby“. Sie entschied sich, sogar ihr Leben diesem System zu widmen – und wurde Krankenschwester.     

 


Weiterbildung in Großbritannien

Viele deutsche Mediziner träumen von einer Facharztausbildung in Großbritannien. Die bittere Wahrheit ist: Für die meisten wird dies auch ein Traum bleiben. Denn die Chancen, eine Weiterbildungsstelle auf der Insel zu ergattern, stehen so schlecht wie nie. Anders als in Deutschland wird im Vereinigten Königreich pro Jahr nur eine bestimmte Anzahl an Weiterbildungsstellen ausgeschrieben. Deutsche können sich zwar auf solche Stellen bewerben. Aber sie sind extrem hart umkämpft: Rund 2,5 Ärzte konkurrieren um einen Platz – und das ist nur der Durchschnitt!

Bei beliebten Fächern, wie der Herzchirurgie, bläst der Wind der Konkurrenz noch heftiger. Hier können über 40 Anwärter auf eine Stelle kommen. Abhängig vom angestrebten Facharzt werden die Stellen von der jeweiligen Fachgesellschaft (Royal College of … ) oder einer lokalen Weiterbildungseinheit (Deanery)
vergeben. Dort gehen die elektronischen Bewerbungen aller Interessenten ein. Dann ird kräftig ausgesiebt. Die Konkurrenz ist hart, denn die britischen Ärzte haben nicht nur einen Heimvorteil, sondern sie verfügen wegen des zweijährigen „Foundation Programme“ am Ende des Studiums auch über deutlich mehr Praxiserfahrung als deutsche Absolventen.

Wer seine Chancen verbessern will, sollte auf jeden Fall einige Zeit auf der Insel arbeiten, z. B. als Vertretungsarzt. Auch ein Sprachtest (z. B. IELTS) kann hilfreich sein, sofern er mit einem guten
Ergebnis abgelegt wird. Wer in seiner Bewerbung überzeugen kann, wird zu einem 30-minütigen Interview eingeladen. Die Koffer sind dafür am besten bereits gepackt, denn der Zeitraum zwischen der Zusage und dem Gesprächstermin beträgt in der Regel nur wenige Tage. Im Interview muss unter
anderem die Sprachfestigkeit bewiesen werden. Wer hier Verständnisprobleme hat, wird nicht weiterkommen.


Für Mediziner, die unbedingt mal britische Luft schnuppern wollen, bietet sich eher eine Famulatur oder ein PJ-Tertial an. 

 

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