• Bericht
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  • Kathrin Lieb
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  • 22.04.2009

Chirurgie-PJ in South Shields

„Maul halten, Haken halten!“ ist der Satz, der wohl am häufigsten zur Beschreibung des Chirurgie-PJ-Tertials in deutschen Kliniken herangezogen wird. Immer wieder hört man Horrorgeschichten von Studentinnen, die im OP gemobbt werden oder von Studenten, die nach stundenlangem Hakenhalten angeschrien werden, wenn die Arme schwer werden. Für mich stand deshalb schon recht früh fest, daß ich das Risiko nicht eingehen wollen würde und so kümmerte ich mich um die Organisation des Chirurgie-Tertials in Großbritannien. Falls ich sonst nichts lernen sollte, dann wenigstens Englisch. Ich habe die Entscheidung nicht bereut und neben Englisch sogar einiges über Hernien, Gallensteine und Knochenbrüche gelernt.

Organisation

Die Approbationsordnung sieht vor, dass jedes der drei Fächer im PJ 16 Wochen lang an jeweils einem Lehrkrankenhaus eurer Universität zu erlernt werden müssen. Diese Bedingung erschwert einen Auslandsaufenthalt nicht unwesentlich, da es in Großbritannien (wie in vielen anderen Ländern auch) nicht üblich ist, Praktika von mehr als 6 bis 8 Wochen zu vergeben. Eine Ausnahmeregelung gestattet es daher, ein Auslandstertial in zwei mal 8 Wochen zu unterteilen. Während dieser Zeit dürfen dann allerdings keine Fehlzeiten geltend gemacht werden. Bei der Organisation eines Auslandstertials ist also mitunter Verhandlungsgeschick gefragt, um die britischen Krankenhäuser oder Universitäten davon zu überzeugen, euch doch 16 oder wenigstens 8 Wochen am Stück zu gewährleisten.

Weiterhin gilt es zu beachten, daß ihr für die Zeit eures Praktikums entweder an der britischen Universität eingeschrieben sein müßt oder aber eine Bescheinigung vom Studiendekan der jeweiligen Uni erhaltet, die bestätigt, daß ihr dieselben ausbildungsbezogenen Rechte und Pflichten habt wie regulär immatrikulierte Studenten der Universität. Diese Formalitäten sind leider notwendig, um das Landesprüfungsamt als Exekutiv-Organ der deutschen Hochschulbürokratie für Mediziner von der „Effektivität“ eurer Ausbildung zu überzeugen. Entscheidend ist, dass ihr vor Beginn des Praktischen Jahrs sicherstellt, dass ihr am Ende eine gültige Bescheinigung bekommt. Die Lektüre der entsprechenden Paragraphen der Approbationsordnung kann daher nicht schaden.

Ich habe etwa ein halbes Jahr vor Beginn des PJs damit angefangen, britische Krankenhäuser und Universitäten anzuschreiben und als Wunsch-Termin für das Chirurgie-Praktikum das dritte PJ-Tertial angegeben. Ohne bekannte Kontaktadressen ist es sehr schwierig, positive Rückmeldungen zu bekommen. Es gibt sowohl die Möglichkeit, sich bei den Universitäten als auch bei den Lehrkrankenhäusern direkt zu bewerben. Wenn die Krankenhäuser ausländische Studenten gewöhnt sind, bekommt ihr mitunter einfach so einen Platz, oftmals ist aber die Organisation über die jeweilige Uni notwendig, was meist etwas länger dauert und manchmal Verwaltungsgebühren kostet. Ihr benötigt in jedem Fall die Gleichwertigkeitsbescheinigung eines universitären Dekans!

Neben einem formellen Anschreiben und einem Lebenslauf fordern britische Studentensekretariate oftmals Referenzen von euren Professoren. Wer keinen Doktorvater oder Klinikarzt zum Schreiben einer Referenz überreden kann, erhält diese mitunter stellvertretend durch das Studentensekretariat seiner Uni ausgestellt.Es empfiehlt sich, mehrere Bewerbungen abzuschicken und in Kontakt mit den meist sehr hilfsbereiten Sekretärinnen und Education Managern zu bleiben. Auf eine endgültige Zusage muß man meist einige Monate warten.

 

Reisevorbereitungen

Wenn ihr eure Zusage erhalten, den Flug gebucht und die obligatorische Abschiedsparty gefeiert habt, wird es Zeit, den Koffer zu packen.Ganz wichtig ist, dass ihr einen gültigen Impfausweis mitbringt und am besten die Laborergebnisse der betriebsmedizinischen Untersuchung, die ihr vor eurem PJ-Antritt über euch ergehen lassen musstet. Wert gelegt wird in Großbritannien auf den Hepatitis-B-Titer und den Nachweis der TBC-Impfnarbe. Eine solche wird aber kaum ein deutscher Student aufweisen können, da in Deutschland die Tuberkulose-Impfung unüblich ist. Anders als bei uns, ist die Tuberkulose in Großbritannien in einigen Gegenden tatsächlich weiter verbreitet, so dass ihr mitunter um eine Impfung nicht herumkommt. Das könnt ihr dann allerdings noch vor Ort mit den Mitarbeitern der Occupational Health besprechen. (Bitte beachten Sie dazu unbedingt die Anmerkungen am Ende des Artikels!)

Mit der in Deutschland üblichen Arbeitskleidung der PJler und Assistenten würdet ihr in Großbritannien auffallen wie bunte Hunde, falls man euch nicht sogar dezent auf die herrschende Kleiderordnung hinweisen würde. Das Weißzeug könnt ihr fast immer getrost zuhause lassen, es wird in den wenigsten Kliniken getragen. Für Männer sind Hemd und Anzugshose Pflicht, auch die Krawatte wird von den meisten Ärzten getragen, allein einige Consultants nehmen sich das Recht heraus, auf sie zu verzichten. Frauen haben die Wahl zwischen Hose oder Rock und einer passenden Bluse. Absolut tabu sind Jeans, Turnschuhe und Bauchfrei-Tops. Birkenstock-Latschen trägt man allenfalls auf der Intensivstation, im OP oder in der Notaufnahme, den einzigen Abteilungen, in denen man die formelle Kleidung gegen bequemes Blau und Grün eintauschen darf.

Für eure Freizeit solltet ihr euch Kleider für alle Wetterlagen mitbringen, gerade eine wind- und regendichte Jacke ist Gold wert. Das Wetter ist sehr wechselhaft, regnen wird es während eures Aufenthalts mit Sicherheit, und in Schottland kann man „alle vier Jahreszeiten an einem Tag“ erleben. Wichtig ist auch der Steckdosen-Adapter, ohne den eure elektrischen Geräte allenfalls batteriebetrieben funktionieren.

Bevor es losgeht, sammelt noch rasch ein paar Pfund und Pennies bei euren englandreisenden Bekannten ein oder hebt vorsorglich ein paar Banknoten ab, um während der ersten Tage nicht ohne Bargeld auskommen zu müssen. Die meisten Geldautomaten akzeptieren deutsche EC-Karten, aber eben nicht alle, und das Abheben kostet jeweils eine Transfer-Gebühr.

 

Das britische Gesundheitssystem

Auf geht’s! Aber seid ihr bereit für die Insel? Damit ihr wisst, worauf ihr euch einlasst, soll hier noch einmal kurz etwas zum britischen Gesundheitssystem gesagt werden. Der so genannte National Health Service (NHS) wurde nach dem Zweiten Weltkrieg ins Leben gerufen, um allen Patienten unabhängig von ihrem sozialen oder finanziellen Hintergrund eine einheitliche Gesundheitsversorgung zu gewährleisten. Tatsächlich wird das System aus Steuermitteln finanziert, eine Krankenversicherung gibt es allenfalls als private Ergänzung, zahlen müssen die Patienten nur für bestimmte Leistungen der Zahnärzte, Optiker und für die Rezepte.

Genau genommen gibt es keinen einheitlichen britischen Health Service, sondern je einen National Health Service in England, Schottland, Wales und Nordirland. Politischen Einfluß auf das Gesundheitssystem in England nimmt das Gesundheitsministerium (Department of Health) über die zehn so genannten Strategic Health Authorities (SHAs), welche alle NHS-Organisationen einer Region überwachen. Wichtigste Einheit des NHS sind die Primary Care Trusts (PCTs), lokale Einrichtungen zur Verwaltung der Krankenhäuser, Arztpraxen und anderer Gesundheitsinstitutionen eines Bezirks. Weitere Organisationen sind die NHS Hospital Trusts, Ambulance Services Trusts, Care Trusts und Mental Health Services Trusts, denen jeweils eigene Bereiche der medizinischen Versorgung unterstehen.

Auch in Großbritannien wird die Aus- und Fortbildung der Mediziner derzeit geändert. Das insgesamt im Vergleich mit der deutschen Medizinerausbildung praxisbezogenere Studium dauert üblicherweise fünf Jahre und endet mit der Teilapprobation. Seit dem Herbst 2005 müssen die frisch gebackenen Ärzte nun ein zweijähriges Foundation Programme unterlaufen. Im ersten Jahr absolvieren die F1-Ärzte oder Pre-Registration-House-Officers eine Art AiP mit je einem halben Jahr Stationsdienst in der Chirurgie (Surgery) und der Inneren Medizin (Medicine) oder je vier Monaten in Surgery, Medicine und einem dritten Fach. Während dieses Jahres wird für reichlich Fortbildungen gesorgt, und die Hilfestellung durch erfahrenere Kollegen ist meist weitaus größer als in Deutschland. Nach Abschluß des ersten Foundation Jahres erhalten die jungen Ärzte die Vollaprobation und absolvieren als F2-Ärzte drei weitere viermonatige Turni in mehr oder weniger frei wählbaren Abteilungen.

Nach den ersten beiden Jahren können sich die Ärzte für eine Weiterbildung entweder zum Allgemeinmediziner (General Practitioner, kurz GP) oder zum Spezialisten (Specialist Consultant) bewerben. Die Dauer der Weiterbildung (Specialist Training) hängt von der gewählten Fachrichtung ab. Sie beträgt zum Beispiel drei Jahre für GPs und sechs Jahre für General Surgery. Momentan existieren die alten Ränge des Senior House Officers (Assistenzarzt) und Specialist Registrars (Altassistenten nach erster Fachprüfung) parallel, sie sollen aber abgeschafft werden, um die bislang zehnjährige Weiterbildung zum Facharzt zu verkürzen.

Innerhalb einer Fachabteilung eines Krankenhauses arbeiten mehrere Consultants (Fachärzte), oftmals teilen sie die Stationen unter sich auf. Einen abteilungsleitenden „Chefarzt“ gibt es nicht, sicher ein wesentlicher Grund für die in Großbritannien insgesamt flachere Hierarchie und die damit einhergehende größere Kollegialität. Dem Consultant sind die Foundation Doctors und Specialist Trainees zugeordnet, allerdings rotieren die auszubildenden Ärzte häufig und arbeiten jeweils nur einige Zeit für einen bestimmten Consultant.

Deutsche PJler werden oft einem Consultant der jeweiligen Abteilung zugewiesen, der als Supervisor für ihre Lehre verantwortlich ist. Diese Form des Praktikums nennt man in Großbritannien "Clinical Attachment": Der Student wird dem Consultant "angeheftet", um ihm bei seiner Arbeit über die Schulter zu sehen.

 

Das Arbeia Roman Fort in South Shields - alle Fotos von K. Lieb

 

South Tyneside District Hospital

Das Krankenhaus in ist deutsche PJler gewöhnt, allerdings stellte sich die Bewerbung über die University of Newcastle in letzter Zeit als schwierig heraus. Wer eine offizielle Bescheinigung der Universität benötigt, muß sich auf einen Bürokratiekrieg einstellen und sollte nicht vergessen, zu erwähnen, daß er über eine im Ausland wirksame Berufshaftpflichtversicherung verfügt! Eine Bescheinigung des Krankenhauses bekommt man jedoch ohne Probleme, und Ms Kinelato ist sehr bemüht, den Studenten behilflich zu sein.

 

Anreise

Ich selbst bin von Glasgow aus mit der Bahn angereist. Am Newcastle Central Station fährt die gelbe Metro nach South Shields von Platform 1 ab. Newcastle besitzt jedoch auch einen eigenen Flughafen mit sehr guten Verbindungen gerade nach Norddeutschland. Vom Flughafen aus fährt die grüne Metro-Linie Richtung South Hylton. Spätestens in Pelaw muß man in die gelbe Linie nach South Shields umsteigen. Mit viel Gepäck fährt man tatsächlich am besten bis zur Endstation und nimmt ein Taxi zum "South Tyneside District Hospital". [Kosten: ca. ₤2,60 für die Metro und ca. ₤6,40 für das Taxi]

Die dem Krankenhaus nächste Metrostation ist Tyne Dock. Wer hier aussteigt, folgt der Hauptstraße Boldon Lane nach Süden und biegt nach etwa einer Viertelstunde links in die Harton Lane ein, in der sich das Krankenhaus befindet. Gerade nachts, besonders am Wochenende, gilt die Gegend um Tyne Dock jedoch als nicht ungefährlich.

Eine dritte Möglichkeit ist es, bis zur Metro-Station Chichester zu fahren und von dort aus den Bus zu nehmen, der vor dem Krankenhaus hält. Auch von South Shields selber fahren Busse (z.B. 533 Richtung Fellgate) zum STDH.

 

Unterkunft

Bei Ankunft am Wochenende kann man sich seinen Zimmerschlüssel an der Rezeption im Hauptgebäude, dem Ingham Wing, abholen. Die Unterkunft ist ein klassisches Wohnheim mit langen Fluren, auf denen sich jeweils eine kleine Gemeinschaftsküche mit Kühlschrank, Herd und Mikrowelle und ein Bad mit WCs und Dusche befinden. In den möblierten Zimmern selbst gibt es nur ein Waschbecken. Bettwäsche und Handtücher werden auf Nachfrage bereitgestellt. Im Haus gibt es zwei Waschküchen mit Waschmaschine, Trockner und Bügeleisen, auf einem der Flure auch einen Gemeinschaftsraum mit Fernseher.

 

Zimmer im Wohnheim des South Tyneside District Hospital

 

Im Erdgeschoß des Hauses befindet sich die Doctors’ Mess, der Aufenthaltsbereich für Ärzte, der besonders während der Bereitschaftsdienste häufiger aufgesucht wird. Neben einer kleinen Küche und WCs finden sich hier ein Wohnbereich mit Fernseher, ein Computer mit Internetzugang und ein Snooker-Tisch.

Wer Glück hat, ein Zimmer im Wohnheim zu bekommen, darf hier umsonst wohnen. Allerdings werden die Unterkünfte vorrangig an Ärzte vergeben, wenn der Andrang zu groß ist, müssen die Studenten sich nach einer anderen Bleibe umsehen. Hier empfiehlt sich die selbständige Zimmersuche in Newcastle, denn die Alternativwohnungen, die durch das Krankenhaus vermittelt werden können, kosten ₤100 die Woche, was sich sicher nicht jeder leisten kann.

 

Verpflegung

Gleich außerhalb des Krankenhausgeländes findet sich Kwik Save, ein kleiner Supermarkt, in dem man alles Nötige bekommt. Etwa eine Viertelstunde zu Fuß, auf dem Weg zur Metrostation Tyne Dock, gibt es einen Lidl-Markt, in dem man nicht nur deutsches Brot, sondern auch sonst sehr günstig einkaufen kann. Mit dem Bus sind das Stadtzentrum von South Shields und somit diverse größere Läden in einer Viertelstunde zu erreichen.Im Krankenhaus gibt es einen Kiosk, ein Bistro und eine Kantine, die bis nach Mitternacht geöffnet hat und in der man je nach Tageszeit englisches Frühstück, warmes Mittagessen, Salat, Sandwiches und Snacks erhält.

In der Touristeninformation in South Shields erhält man kostenlos einen Restaurant- und Pubführer, in dem alle Speiselokale der näheren Umgebung aufgeführt sind.

 

Nach Hause telefonieren

Wer beim Postamt seine ₤10-Telefonkarte gekauft hat, kann auch hier relativ günstig von einem der Flurtelefone nach Deutschland telefonieren. Internet gibt es in der Doctors’ Mess, im Education Centre und der Bibliothek. Um Zugang zu erhalten, muß man im Education Centre einen Schein für das IT-Department ausfüllen und warten, bis dieses den Account freischaltet. Sobald man auch seine Identitätskarte erhalten hat, die einen als studentischen „Mitarbeiter“ ausweist, hat man rund um die Uhr Zugang zur Doctors’ Mess und der Bibliothek. Während die Doctors’ Mess allein mit der Chipkarte zu betreten ist, muß man sich für die Bibliothek nach Dienstende den Schlüssel bei der Rezeption abholen, ist dafür dann aber dort ungestört.

 

Land und Leute

120 n. Chr. errichteten die Römer an der Mündung des Tyne das Fort Arbeia, um den Zugang zur Nordsee zu sichern. Noch heute sind die Überreste des Hadrian’s Walls zu besichtigen, der im jetzigen Newcastle upon Tyne begann, sich zur Westküste erstreckte und die Nordgrenze des römischen Reiches darstellte. Nach dem Rückzug der Römer und Gefechten mit Wikingern, entwickelte sich South Shields zu einem Fischerhafen und wurde später zu einem wichtigen Standpunkt der Glas- und Chemieindustrie, des Kohlebergbaus und der Schiffsmanufaktur. Nach dem Niedergang der Werften in den 1980er Jahren und der schwindenden Bedeutung des Bergbaus stieg auch hier die Arbeitslosigkeit.

 

Bamburgh Castle an der Nordsee-Küste

 

Heute ist das 90.000 Einwohner zählende Städtchen ein beliebter Ferienort mit mehreren schönen Sand- und Kieselstränden und Felsklippen, die Tausenden von Seevögeln als Brutstätte dienen.

In Newcastle und Umgebung bezeichnen sich die meisten Menschen selbst als „Geordies“. Der Ausdruck, der auf den Namen George zurückgeht, wurde zunächst nur auf Bergarbeiter angewandt, gilt inzwischen aber als Synonym für die Bewohner Tynesides. Der Geordie-Dialekt weist einige Ähnlichkeiten zum Schottischen, aber auch zum modernen Schwedisch auf, was möglicherweise auf den früheren Einfluß der Wikinger in dieser Region zurückzuführen ist. Wer bislang nur Erfahrung mit Schulenglisch oder Briten aus dem Süden des Vereinigten Königreichs gemacht hat, wird wahrscheinlich eine Weile benötigen, um mit der ungewohnten Aussprache zurechtzukommen. Allerdings ist der Ausländeranteil in South Shields und ganz besonders unter den Ärzten im Krankenhaus recht hoch, so daß man mit den Muttersprachlern mitunter gar nicht so viel zu tun hat.

Wer sich ans Geordie bereits gewöhnen möchte – wobei der Dialekt von Ort zu Ort variiert – sollte sich den Film „Purely Belter“ angucken, dessen Protagonisten zwei Jugendliche sind, die alles daran setzen, eine Jahreskarte für ihren Lieblingsverein Newcastle United zu bekommen. Auch „Billy Elliot“ spielt im Nordosten Englands und handelt von einem Jungen in einer Bergbausiedlung im County Durham, der statt Fußball zu spielen oder zu boxen, davon träumt, Ballett-Tänzer zu werden.

Auf www.geordie.org.uk kann man englische Sätze in den Geordie-Dialekt übersetzen lassen.

 

Das Krankenhaus

Das South Tyneside District Hospital in South Shields bei New Castle verfügt über 634 Betten auf 12 Stationen und Fachärzte in den Abteilungen Allgemeinchirurgie, Orthopädische Chirurgie, Plastische Hand- und Wiederherstellungschirurgie, Gefäßchirurgie, Notfallmedizin, Anästhesie, Allgemeinmedizin, Kardiologie, Geriatrie, Neurologie, Gynäkologie, Urologie, Pediatrie, Augenheilkunde, Mikrobiologie, Pathologie, Radiologie, Psychiatrie und Kinder- und Jugendpsychiatrie. Es ist ein Lehrkrankenhaus der University of Newcastle, wird aber auch regelmäßig von deutschen PJlern besucht.

Während Patienten und Pflegepersonal überwiegend „Geordies“ sind, stammt der Großteil der Ärzte, besonders der erfahreneren Ärzte und Consultants, aus dem Ausland. Inder und Deutsche sind unter den Fachärzten besonders häufig vertreten, aber auch Ärzte aus anderen europäischen und nahöstlichen Ländern hat es nach South Shields verschlagen, was für eine internationale Arbeitsatmosphäre sorgt.

 

Arbeitsalltag

Sieben Consultants haben in South Shields die beiden allgemeinchirurgischen Stationen unter sich aufgeteilt. Für jeden Consultant arbeiten ein F1-Arzt und einige Ärzte in der fachärztlichen Weiterbildung. Neben mir waren meinem Consultant noch ein weiterer deutscher PJler (in den letzten Wochen gar zwei) und eine indische Gastärztin zugeteilt, was bei im Schnitt einem Dutzend stationärer Patienten pro Consultant zu einem Arzt-Patient-Quotienten führte, der nicht mehr viel Arbeit für Studenten übrig ließ. Die ersten beiden Wochen, die ich auf den Stationen verbringen sollte, waren entsprechend etwas langweilig. Da die Blutabnahmen überwiegend von spezialisierten Nachtschwestern durchgeführt werden, konnte ich mich hier nur gelegentlich einbringen, wofür man sich dann aber stets überschwenglich bedankte. Auch Zugänge gab es nur wenige zu legen, und so verbrachte ich den Großteil dieser ersten Tage mit der Anamneseerhebung der wenigen Neuaufnahmen und der Lektüre meiner Lehrbücher. Ab der zweiten Woche folgte ich dem Consultant auch mal in seine Ambulanz-Sprechstunden, die Endoskopie oder in den OP. Da jeder Consultant nur anderthalb OP-Tage pro Woche hat und meist ausreichend Personal vorhanden ist, wird man als Student nur gelegentlich zum Hakenhalten eingeteilt, das unsterile Zugucken aus der Entfernung ist im oftmals übervollen OP jedoch nicht immer ergiebig.

Ab meiner dritten Woche kümmerte ich mich mit meinem Mit-PJler darum, daß wir in den vielen Freistunden doch noch etwas zu tun oder zu sehen bekämen, und wir erbaten in verschiedenen Fachabteilungen die Möglichkeit, dort ebenfalls hospitieren zu dürfen. Der rasch erstellte Stundenplan erlaubte es uns fortan, nach den morgendlichen Visiten unseres Consultants aus einer Vielzahl von Optionen zu wählen und uns, wann immer unser Consultant uns nicht für eine bestimmte Arbeit vorgesehen hatte, recht frei im Krankenhaus zu bewegen.

Neben den Sprechstunden und Operationen unseres Consultants konnten wir auch Operationen anderer Allgemein- oder Orthopädie-Chirurgen zusehen, den Fracture Clinics beiwohnen oder uns von Gefäßchirurgen die Untersuchung von pAVK-Patienten beibringen lassen. In der Radiologie erklärte man uns CTs und Colon-Kontrasteinläufe, in der Notaufnahme durften wir auch selber mal Patienten untersuchen, die meist ein buntes Spektrum der sozial bedingter Probleme präsentierten: Volltrunkene morgens um 10, Kettenraucher mit Luftnot, massiv Übergewichtige mit Gallensteinen oder Gastritis und immer wieder Knochenbrüche, Prellungen und kleine Wunden, die sich die Patienten infolge von Trunkenheit oder Schlägerei am Wochenende zugezogen hatten. Mehrmals in der Woche fanden Röntgen-Besprechungen statt, an denen wir teilaben konnten, und einmal pro Woche fand ein Seminar für die F1-Ärzte statt, das wir ebenfalls besuchen durften.

Insgesamt gilt auch hier: Wer etwas lernen möchte, muß sich selber darum kümmern, hat aber dann die Wahl, viele unterschiedliche Dinge zu sehen und erklärt zu bekommen. Und wer lieber der Aufforderung der Stationsärzte Folge leisten möchte, die Sonnentage am Strand zu verbringen, wird allenfalls von seinem Gewissen daran gehindert, den Arbeitstag, der üblicherweise von halb 9 bis 16 oder 17 Uhr dauert, vorzeitig zu beenden.

 

Freizeitgestaltung

Wer das Glück hat, im krankenhauseigenen Wohnheim unterzukommen, kann hier rasch einige internationale Bekanntschaften machen und die Abende gemeinsam mit Kochen oder Snookerspielen und Fernsehen in der Doctors’ Mess verbringen. Gleich hinter dem Krankenhaus gibt es einen großen Park mit Freizeitzentrum und frei nutzbaren Fußballplätzen. Eine weitere öffentliche Sportanlage in der Nähe bietet Tennisplätze und ein Basketballfeld.

Im Stadtzentrum von South Shields laden das Arbeia Roman Fort und ein kleines Museum zu einem Besuch in die Vergangenheit an, und im nahe gelegenen Jarrow ist die angelsächsische Farm „Bede’s World“ zu besichtigen. South Shields verfügt über Kino und Theater und einen Freizeitpark, sowie über zahlreiche Pubs, Bars und Nightclubs.

Newcastle selbst ist mit der Metro in knapp zwanzig oder fünfundzwanzig Minuten erreicht, und bis kurz vor Mitternacht kommt man mit öffentlichen Verkehrsmitteln auch problemlos wieder zurück. Museen, Kunstgallerien, historische und moderne Architektur, Kinos, Sportzentren, Freizeitparks und jede Menge Einkaufszentren – das etwa 250.000 Einwohner zählende Newcastle hat für jeden Geschmack etwas zu bieten. Das Nachtleben der Stadt wurde im Jahr 2000 zu den attraktivsten der Welt gerechnet.

 

Reiseziele

Geradezu ein Muss ist ein Besuch an einem der vielen Strände in South oder North Shields, auch wenn das Wasser der Nordsee hier leider eisig ist. Die Küste ist vom Krankenhaus etwa eine Dreiviertelstunde zu Fuß entfernt. Nahe des Stadtzentrums von South Shields liegt Sandhaven Beach, ein vergleichsweise sauberer und sicherer Badestrand. Weiter im Süden liegt Marsden Bay, eine einstmals von Schmugglern heimgesuchte Bucht, auf deren Steilhängen Möwen und Kormorane nisten. In einer der Höhlen am Strand befindet sich „Marsden Grotto“, ein Bistro und Fischrestaurant, in dem samstags auch Livemusik gespielt wird.

Eine kleine Fähre setzt regelmäßig von South Shields nach North Shields über, von wo man mit der Metro rasch zu weiteren Stränden in Whitley Bay oder Cullercoats gelangt oder zur Klosterruine an der Mündung des Tyne. Mit dem Auto gelangt man bequem zu den Stränden, Burgen oder Burgruinen entlang der Küste Northumberlands, zum Beispiel dem majestätischen Bamburgh Castle oder Alnwick Castle, das "Harry Potter" als Kulisse diente.

 

Das South Tyneside District Hospital

 

Wer sich für Geschichte und Archäologie interessiert, hat es nicht weit zum Hadrian’s Wall und den zahlreichen römischen Forts in Northumberland. Empfehlenswert ist hier das Housesteads Roman Fort, von dem noch viele der Grundmauern erhalten sind und das einen wunderbaren Blick über Schafsweiden und die umliegende Moorlandschaft bietet.Die Universitätsstadt Durham mit ihrer berühmten Kathedrale und dem Schloß im historischen Stadtkern ist von South Shields aus mit dem Bus in etwa einer Stunde oder von Newcastle aus mit der Bahn zu erreichen. Wer ein Wochenende einplant, findet in York oder Edinburgh weitere attraktive Ziele für Städtereisen. Auch der Lake District, ein Seengebiet im Nordwesten Englands, bietet sich für einen Wochenendurlaub an.

Besonders für Touren entlang der Küste empfiehlt sich das Mitbringen eines Fahrrads, und wer den Linksverkehr nicht scheut, gewinnt durch ein Auto natürlich einiges an Flexibilität. Die Metroverbindungen in Newcastle und Umgebung findet man auf der Seite www.nexus.org.uk

 

Fazit

Wer statt den ganzen Tag im OP zu stehen lieber einen Streifzug durch verschiedene chirurgische Kliniken und verwandte Abteilungen machen möchte und vor dem Examen noch etwas Strandurlaub und einige feuchtfröhliche Nächte in Nordenglands Nightlife-Metropole einplant, kann im South Tyneside District Hospital einen entspannten PJ-Abschnitt verbringen und bei der notwendigen Eigeninitiative auch einiges an medizinischem Wissen mitnehmen.

 

Kontakt

Als Ansprechpartnerin für Studenten steht Jaqueline Kinelato am Krankenhaus selbst zur Verfügung:

Ms Jaqueline Kinelato
Assistant Medical Education Manager
Education Centre
South Tyneside District Hospital
Harton Lane South Shields
Tyne and Wear NE34 0PL
England

Jacqueline.Kinelato@sthct.nhs.uk

Tel: ++44 – (0)191 – 2024 185
Fax: ++44 – (0)191 – 4270 096

 

Marsden Rock in der Marsden Bay

 

Achtung, wichtige neue Hinweise

Eva Mair berichtet:
Durch den Auslandsbericht von Kathrin Lieb bin ich über die Kontaktadresse ebenfalls in South Shields gelandet und habe vom 13. August 2007 - 07. September 2007 im selben Krankenhaus eine 4-wöchige Famulatur in derOrthopädie gemacht. Ich hatte eine superschöne Zeit in England und bin richtig begeistert! Vielen Dank an dieser Stelle!

Dazu habe ich jetzt noch zwei Anmerkungen:

BCG Tuberkulose Schutzimpfung war Pflicht

Von mir wurde unbedingt eine BCG Tuberkulose Schutzimpfung erwartet! Ohne diese Impfung hätte ich nicht arbeiten dürfen, nicht einmal die Station hätte ich betreten dürfen. Man muss zunächst einen Mendel-Mantoux Test machen lassen und sich danach impfen lassen. Dadurch verliert man über eine Woche! Ich hatte Kontakt zu einer anderen deutschen Famulantin, der genau das passiert ist. Jegliche Diskussion über Sinn und Unsinn dieser Impfung war absolut zwecklos!

Gebühren ab 2008

Nächste schlechte Nachricht: Ab Januar 2008 werden alle Lehrkrankenhäuser der Universität von Newcastle - demzufolge auch das South Tyneside District Hospital in South Shields - Gebühren in Höhe von 100 Pfund pro Woche verlangen. Ein PJ-Tertial kostet dann 1600 Pfund. Die Lehrkrankenhäuser der Universität Newcastle sind von ausländischen (speziell deutschen) Studenten in den letzten Jahren so überschwemmtworden, dass die Universität es nicht länger einsieht, die dadurch zusätzlich entstehenden Kosten zu übernehmen. Sehr schade!

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