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  • Interview und Bild Bettina Heberer
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  • 18.01.2017

Kardiologie fand ich am Reizvollsten – Interview mit Tatjana Brinken

Tatjana Brinken ist Chefärztin der Inneren Medizin/Kardiologie der Paracelsus-Klinik in Osnabrück. Die Fachärztin für Innere Medizin und Kardiologie mit den Zusatzqualifikationen interventionelle Kardiologie und internistische Intensivmedizin spricht im Interview über die Leidenschaft für ihren Beruf sowie neue Ziele und Herausforderungen.

Tatjana Brinken kam 1967 in Bielefeld zur Welt und studierte von 1986 bis 1993 Medizin an der Westfälischen Wilhelmsuniversität Münster. Im Jahr 2000 machte sie ihren Facharzt für Innere Medizin am Klinikum Osnabrück, gefolgt vom Facharzt für Kardiologie im Jahr 2004. Nach verschiedenen leitenden Positionen am Klinikum Osnabrück wechselte Brinken im Februar 2016 als Chefärztin für Innere Medizin/Kardiologie an die Paracelsus-Klinik Osnabrück.

> Sie arbeiten aktuell an Ihrer Promotion. Ist der Zeitpunkt nicht eher ungewöhnlich?

Ja, ich arbeite an meiner Promotion. Tatsächlich machen die meisten Mediziner ihre Promotion während des Studiums. Ich habe eine komplette Doktorarbeit aus meiner Studienzeit in der Schublade liegen. Leider konnte ich diese damals nicht abschließen. Meine Begeisterung für die Medizin konnte ich viele Jahre auch ohne Doktortitel sehr gut ausleben. Irgendwann hab ich dann gesagt, jetzt muss es nochmal was werden. Ich habe jetzt alle für mich relevanten Facharztbezeichnungen, jetzt ist das ein nächstes Ziel.

 

> Warum haben Sie Medizin studiert?

Das war mein erster und einziger Berufswunsch! Ich war noch Schülerin und keine 16 Jahre alt, da habe ich ohne Bezahlung im Krankenhaus geholfen. Für mich war klar, es kommt nichts anderes in Frage. Nach dem Abitur habe ich direkt einen Studienplatz bekommen, hätte ich den nicht bekommen, hätte ich es trotzdem gemacht. Und ich habe es nie bereut. Ich habe während des Studiums viele Aktionen ins Ausland verlegt. Ich war in Montpellier und in Zürich. Ich hatte ein Stipendium für Houston, das ich allerdings abgesagt habe. Das ist einer der Punkte, wo ich rückwirkend sage – schade. Aber ich hatte gerade meinen heutigen Mann kennengelernt, daher wollte ich nicht für ein halbes Jahr nach Houston gehen.

 

> Wieso haben Sie sich für die Innere Medizin und Kardiologie entschieden?

Ich habe während meines Studiums viele chirurgische Seiten kennengelernt, mich dann aber entschieden, erst einmal die Innere Medizin gewissermaßen als Grundlage besser kennenzulernen. Später wollte ich entscheiden, ob ich chirurgisch weiterarbeite, aber es war mir relativ schnell klar, dass ich bei den Internisten bleibe. Ebenso war schnell klar, dass das Kardiologie und nicht Gastroenterologie sein muss. Kardiologie fand ich am Reizvollsten und daran hat sich bis heute nichts geändert. Dass daraus noch ein interventioneller Kardiologe geworden ist, hat sich erst durch die engagierte Tätigkeit ergeben. Ich bin froh, eine breitgefächerte Ausbildung erhalten zu haben mit sechs Jahren Innere Medizin und drei Jahren Kardiologie. Heute ist das sehr schnell sehr fachspezifisch.

 

> Ist die breitgefächerte Ausbildung in der Medizin, wie sie früher erfolgte, ein Vorteil?

Natürlich wird man später fachspezifisch. Aber ich bin sehr froh, erstmal in der Kardiologie alles gesehen und selber gemacht zu haben. Hier in dieser Klinik bin ich doppelt froh darüber. Hier muss ich fachübergreifend kardiologisch tätig sein.

 

> Sie haben außerdem eine Weiterbildung zur Antibiotikaexpertin gemacht?

Ja, das ist eine hochspannende Sache und Antibiotikaregime sind etwas sehr Wichtiges. Die Weiterbildung ist mit vier Kursen über je fünf Tage sehr umfassend. Sie kennen nachher jedes Keimchen mit Vornamen, die Resistenzmechanismen und die aktuellen Empfehlungen, welche Antibiose man geben könnte. Die Antibiose hängt jedoch auch von der Resistenzlage des eigenen Krankenhauses ab. Auf dem Sektor muss man sich fortbilden und dranbleiben, in fünf Jahren kann alles ganz anders sein.

 

> Ist das Thema Antibiose inzwischen wegen der Resistenzbildungen wichtiger als früher?

Ja, auf jeden Fall. Wir als Anwender müssen sehr viel sorgsamer mit der Antibiotikatherapie umgehen, um den Resistenzmechanismen entgegenzuwirken. Das geht nur durch ganz korrekte und reduzierte Anwendung. Aber wir müssen als Arzt auch mit dem Anspruchsverhalten des Patienten umgehen können. Der Patient hat eine Grippe und denkt, er wird nur gesund, wenn er ein Antibiotikum bekommt. Ansonsten ist er enttäuscht. Da muss der Arzt drüber stehen und eben nicht in jedem Fall zu einem Antibiotikum greifen. Auf der Intensivstation war früher auch häufig der Gedanke, ein schwerkranker Mensch muss das Maximalste bekommen, was wir haben. Da denkt man heute sehr viel differenzierter drüber nach.

 

> Wie ging Ihre berufliche Laufbahn nach dem Studium weiter?

Nach dem Studium bin ich in Osnabrück, man kann sagen, hängen geblieben. Ich war dann 23 Jahre am Klinikum Osnabrück und der Schüchtermann-Klinik in Bad Rothenfelde, davon 13 Jahre als Oberärztin. Seit Februar bin ich hier an der Paracelsus-Klinik. Als ich die Entscheidung getroffen habe, zu wechseln, war ich 48 Jahre alt. In dem Alter kann man sich überlegen, stelle ich mich nochmal einer neuen Herausforderung oder schwimme ich so den Strom weiter. Ich hatte alles schon durchlaufen – eine große internistische Intensivstation geführt, ein Herzkatheterlabor geleitet. Es musste nochmal was Neues kommen.

 

> So haben Sie z. B. die radiale Herzkatheteruntersuchung eingeführt?

Ja, richtig. Diese Untersuchung wird über einen Zugang am Handgelenk durchgeführt. Es hat für den Patienten deutlich mehr Komfort. Die Patienten haben einen Druckverband, der nur ein kleines Bändchen am Handgelenk ist. Sie dürfen sofort aufstehen und müssen nicht wie bei der femoralen Untersuchung liegen bleiben. Und es ist mittlerweile die standardisierte Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie von radial aus zu untersuchen. Ich mache das seit vielen Jahren. Laut den Statistiken wird die Durchführung aber noch hauptsächlich femoral gemacht. Das ist eine Learning Curve. Wenn man etwas gut beherrscht, ist es nicht immer leicht, nochmal auf eine ganz andere Technik zu wechseln. Das ist eine Herausforderung, der man sich stellen muss.

 

> Hat die radiale Untersuchung auch Nachteile?

Risiken gibt es natürlich immer. Man muss darauf achten, dass die Durchblutung zur Hand gewährleistet bleibt. Wir machen immer den sogenannten Allen-Test, das heißt man schaut, ob die Durchblutung durch die benachbarte Arterie ausreicht. Falls die eine Arterie ausfällt, kann die andere die Hand mitversorgen. Da es sehr kleine Gefäße sind, kann dies passieren, auch wenn das selten ist. Der Allen-Test ist aber ein standardisierter Test im Katheterlabor, der vorher als Routine läuft.

 

> Was sehen Sie als besonderen Vorteil an in der Paracelsus-Klinik?

Das Prinzip der Paracelsus-Klinik ist die Kombination aus Praxis und Klinik, das bedeutet, dass der Patient von dem Arzt stationär weiterbehandelt wird, den er zuvor bei der ambulanten Untersuchung und Besprechung kennengelernt hat. Das bewerten die Patienten als sehr positiv; das schafft Vertrauen. Ab Januar wird die Abteilung eine Hauptabteilung, was die Teamversorgung der Patienten optimiert, die Zusammenarbeit aller Beteiligten erleichtert. Die Versorgung der Patienten ist somit noch umfassender und sicherer.

 

> Was stellen Sie sich für die Zukunft vor?

Wir sind ein zukunftsorientiertes Haus und Möglichkeiten zu Optimierungen gibt es immer. Und da setze ich all meine Energie hinein.
Unser Motto: Unser Herz schlägt für Sie!