• Artikel
  • |
  • Sarah Sprinz
  • |
  • 05.10.2018

Im nächsten Leben Regelstudiengang?

Das Physikum ist hart. Gut also, dass man das im Modellstudiengang umgehen kann. Dafür gibt es hier die sogenannte Ärztliche Basisprüfung. Und auch die hat es in sich, findet Lokalredakteurin Sarah. Hier ihr ganz persönlicher Rückblick.

© Moritz Wussow - Fotolia.com


Sagenumwogen und unheimlich einschüchternd hing sie wie ein Damoklesschwert seit den Einführungswochen im ersten Semester über jedem Aachener Medizinstudierenden. Noch bevor man MAP-Kinase-Kinase-Kinase sagen konnte, wusste man, mit dem Ende des 6. Semesters würde sie kommen, stetig näher rücken und den wichtigsten Meilenstein im Aachener Modellstudiengang Medizin bedeuten: die Ärztliche Basisprüfung.

Nun saß ich da, draußen knallte die Abendsonne, der August übertraf sich selbst und nach einem Tag voller EKG und Herz-Kreislauf-Physiologie bei 38 Grad im Schatten vergeudete ich meine wenigen freien Stunden des Lerntags wie es sich gehörte auf Instagram. Hauptsache nichts mit Medizin sehen müssen....dachte ich mir und stolperte prompt über die unzähligen Fotos der fremden Medizinstudenten im Regelstudiengang. "Physikum bestanden", "Endlich vorbei", "Ein Drittel Arzt" las ich und eine seltsame Mischung aus grässlichem Selbstmitleid, Neid und dem Wunsch, endlich etwas Ähnliches empfinden zu dürfen, schlugen in meiner Brust. Die haben es gut, dachte ich, und sah den Hashtag unterm Post einer der Instagram-Bekanntheiten: #imnächstenlebenmodellstudiengang

Ich lachte einmal laut auf und fragte mich kurz, ob das ihr Ernst sei, dann war ich mir relativ sicher. Modellstudiengang, das sind die faulen Stinker, die ab dem ersten Semester Kittel tragen dürfen und sich erfolgreich ums Physikum gedrückt haben. So hieß es doch, zumindest hatte ich das gehört und plötzlich kam es mir unfairer vor denn je. Im nächsten Leben Modellstudiengang. Der Gedanke ließ mich nicht los. Aber warum ärgerte ich mich so? War die Aussage etwa doch berechtigt?

Wie hart das Physikum nun wirklich war, konnte und würde ich nie einschätzen können. So viel stand fest. Doch jetzt würde ich nur zu gerne mit dieser Person tauschen, hatte gleichzeitig mit ihr angefangen zu lernen und nun noch weitere 4 harte Wochen Büffeln vor mir, während sie das bestandene Examen längst feiern konnte.

Doch wie ist es denn nun wirklich? Gibt es im Modellstudiengang ein Physikum? Nein. Zumindest nicht hier in Aachen. Anders als in den Regelstudiengängen entfällt die Einteilung in Vorklinik und Klinik zugunsten drei großer Studienabschnitte und dem PJ. Nach dem ersten Jahr, in dem naturwissenschaftliche Grundlagen vermittelt und in einzelnen Klausuren abgeprüft werden, startet das detaillierte Kennenlernen des menschlichen Körpers in Systemblöcken. Hier treffen Theorie und Praxis in erstaunlichem Umfang aufeinander und verlangen den Studierenden alles ab. MC-Klausuren und praktische OSCEs müssen bestanden werden, um am Ende des 6. Semesters zur Ärztlichen Basisprüfung zugelassen zu werden.

Diese prüft in einem Format mit OSCE und MC-Prüfungen das gesamte Wissen der Systemblöcke ab. Also doch ein Physikum? Weniger. Biochemie beispielsweise spielt nur eine untergeordnete Rolle. Anders als Anatomie und Physiologie, die neben den klinischen Disziplinen einen Großteil der zu erbringenden Leistungen ausmachen. Die Studiengangsleitung bezeichnet die Basisprüfung daher lieber als Äquivalent. In Info-Veranstaltungen wird von einem vergleichbaren Umfang zum M2, dem zweiten medizinischen Staatsexamen gesprochen – mit dem winzigen Unterschied, dass unsere Vorbereitungszeit dafür knappe 70 statt der ansonsten angedachten 100 Tage beträgt. Direkt nach der letzten Klausur des 6. Semesters ging es los. 70 Tage für 2 Jahre Prüfungsstoff. Und plötzlich war man auf sich gestellt.

Zwischen vier bis sechs Wochen Vorbereitungszeit hatten die meisten Physikumskandidaten, die ich persönlich kannte, für ihr erstes Staatsexamen aufgebracht. Die Hälfte dessen, was vor uns lag. Vier Wochen Vorbereitung, Medilearn-Kurse, vorgefertigte Skripte, überspitzt könnte man behaupten, die Materialien würden einem auf dem Silbertablett serviert werden. Für eine Basisprüfung gab es all das nicht. Zwar kursierten inoffizielle Skripte, Unterlagen älterer Semester, mal mehr mal weniger strukturiert und nützlich. Letztendlich galt es, seinen eigenen Weg durchs Materialienchaos zu finden. Nicht aufhören, sich nicht verzetteln, fokussiert bleiben. Das war wohl das Wichtigste, um letztendlich eine reelle Chance zu haben.

Und dann waren sie da: 3 Prüfungstage, 2 OSCE-Parcours a fünf Stationen und eine MC-Klausur von 120 Fragen. Auf einmal stand man da: im weißen Kittel, mit zitternden Knien in der Horde seinesgleichen. Schlaflose Nächte, Tränen, Schweiß und noch mehr Tränen lagen hinter mir. Langsam machte sich eine seltsame Gleichgültigkeit breit, verdrängte die Panik. Ich konnte nicht mehr, keiner konnte mehr. Selbst wenn nun noch zwei Wochen mehr blieben für finale Wiederholungen, mehr Inhalte würde hier niemand mehr behalten. 

Rückblickend war es vielleicht eine der wichtigsten Lektionen, die das Abenteuer Basisprüfung ausmachten: Zu akzeptieren, dass man niemals alles können würde. Dass man noch so viel lernen und wiederholen konnte, es würden Lücken bleiben und es war okay. Niemand würde alles wissen, jeder hatte Themen, die besser saßen und solche, bei denen eine gewaltige Portion Glück von Nöten war, um nicht auf die Nase zu fallen.

Doch bei 300 zu erreichenden Punkten blieben mehr als eine Handvoll, die man unterwegs liegen lassen durfte. 60% zum Bestehen, das bedeutete immerhin 120 Fehler, die man sich erlauben durfte. 120 Fehler aber auch 180 Punkte, die man unbedingt holen musste. Es war ein Hin und Her, ein Auf und Ab in meinem Kopf, es kam nie zur Ruhe und im einen Moment schrie es " Oh Gott nein, du wirst das nie bestehen", abgelöst von "Andere haben das auch geschafft und du warst jetzt so fleißig". Nie wusste ich, welchem Gedanke ich Glauben schenken durfte. Leiden lernen, aus- und durchhalten – die eigentlichen Lernziele dieser Prüfung? Vielleicht unterschied sie sich doch weniger vom Physikum als angenommen.

Tag 1 der Prüfung stand ins Haus und die ersten 5 Stationen wollten bezwungen werden. Der Flur voller Prüflinge, Aufsichtspersonen und Trillerpfeifen schien in eine weit entfernte, andere Welt zu gehören. Während draußen langsam die Sonne unterging, quälte man sich durch zweieinhalb Stunden durchgetakteten Horror. Acht Minuten Fragen lesen, zwei Minuten stillsitzen, weitere acht Minuten lesen, acht Minuten Prüfung, nächste Station. Immer weiter, immer weiter. Knallrote Köpfe, von innen beschlagene Brillen, so heiß schoss die Röte ins Gesicht, wenn die Antworten auf die Fragen nicht ausreichten. Feedback gab es kaum, „objective structered“ heißt nicht zwingend fair, doch bei insgesamt zehn Stationen erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, nicht ausschließlich hinterhältige Prüfer abzubekommen. Und so war es dann auch: Mal gab es Rückmeldung, mal nur das Pokerface, mal ein Lächeln und dann doch keine Punkte. Bewegungsapparat, Herz/Kreislauf, Nervensystem, Gastrointestinaltrakt und Blut/Abwehr. Abends ins Bett fallen, doch nichts mehr für den nächsten Tag wiederholen. Rien ne va plus.

Tag 2 begann entspannter. Mit dem Wissen, was auf einen zukommen würde, konnten Viele gelassener in die Prüfung gehen. Der erste Tag hatte Spuren hinterlassen und nicht bei allen den gewünschten Erfolg gebracht. Doch die „Top Killer“ der Basisprüfung waren vorerst Geschichte. Mit Derma/Psyche, Atmung, Harnorgane, Endo/Geschlechtsorgane sowie Augenheilkunde/HNO erhöhte sich die Chance, verlorene Punkte des Vortages bei den vielen klinischen Fragen herauszuholen. Eine letzte Trillerpfeife bis zur Freiheit - nur noch die Klausur trennte uns von ihr.

Tag 3 und die Erschöpfung war allgegenwärtig. Hier und da sickerte etwas Hoffnung durch, Unglauben, wenn man daran dachte, dass in nicht mehr als drei Stunden alles vorbei sein würde. Vielleicht vorbei. Hoffentlich vorbei. Drei Stunden Haare raufen, in den hintersten Ecken des Hirns nach unnützen Details kramen, Antwortmöglichkeiten ausschließen, fast mehr Lotterie als Leistung. Zumindest kein Prüfungskomitee, dem man dabei ins Gesicht sehen und die Fassung wahren musste.

Und dann war es soweit: Einfach vorbei. Zu Ende. Heute Abend nicht mehr lernen. Der Gedanke wirkte fremd, fast falsch. Zwei lange Wochen würden vergehen, ehe die offiziellen Prüfungsergebnisse ins Haus flatterten. Und mit jedem Tag verschwand die anfängliche Überzeugung, es schon irgendwie geschafft zu haben. Wer denkt schon an die richtigen Antworten, wenn er abends im Halbschlaf zwischen Herzanatomie und Hauteffloreszenzen in den Schlaf driftet? Es sind die falschen Erinnerungen, die bleiben. Das „Ich weiß es nicht.“, die peinliche Stille, wenn selbst die gutgemeintesten Hilfeversuche der netten Prüfer nichts gegen das Vakuum im Kopf ausrichten können. Man hatte zu viel nicht gewusst. Mit jedem Tag war man sich sicherer, das würde niemals gereicht haben.

Dann kam er, der Tag der Wahrheit. „Ergebnisse sind da“, in der Uni-WhatsApp-Gruppe. Schwitzige Finger, angehaltener Atem. Drei Worte zum Glück.
OSCE: bestanden
MC: bestanden
Gesamt: bestanden

Bestanden. Bestanden. Bestanden. Das Damoklesschwert war gefallen und man hatte 70 lange Tage hart genug trainiert um rechtzeitig unter ihm hindurch zu huschen. Bestanden. Ältere, die lachend sagten, Ja M2 ist hart, aber Basisprüfung war härter. Man hatte sie bezwungen. Erwartungen übertroffen, vor allem wohl die eigenen.

 

Mein Studienort

Medizinstudenten berichten aus ihren Unistädten

Werde Lokalredakteur Die Unistädte auf Google Maps
Medizin im Ausland

Erfahrungsberichte und Tipps aus über 100 Ländern

Erfahrungsbericht schreiben Auslands-Infopakete