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  • Christine Zeides
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  • 03.05.2016

GeDenkOrt Charité - Die Schatten hinter den Mauern

Wie sah eigentlich die Medizin im Nationalsozialismus aus?

© Christine Zeides


Der weiße Arztkittel vermittelt Sauberkeit. Und das nicht nur unter hygienischen Gesichtspunkten. Es repräsentiert auch unbewusst die heilende, helfende Funktion des Arztes und betont sein Verantwortungsgefühl und seine Moral. Ein Arzt tut Gutes. Ein Arzt heilt. Ein Arzt trifft richtige Entscheidungen und zeigt Verantwortung. Niemand würde einen Arzt mit Begriffen wie "Mörder", "Täter" oder "Mitläufer" assoziieren.

Sieht man näher hin und nimmt einige Geschichtsbücher und Doktorarbeiten zur Hand, kann oder muss man seine Meinung noch einmal revidieren. Die deutsche Medizin hat Zeiten erlebt, die noch immer nicht vollständig aufgearbeitet und sanktioniert wurden. Umso wichtiger, sich einmal mit der Thematik auseinander zu setzen, wie Medizin in Zeiten des Nationalsozialismus aussah.

Stets loben wir die großartigen Errungenschaften der Medizin- sei es die Entwicklung besonderer Medikamente oder die Entschlüsselung von krankmachenden Gen-Sequenzen. Nicht häufig genug können unsere Professoren auf den bedeutenden Rudolf Virchow verweisen, der hier an der Charité in Berlin die Zellularlehre begründete. Doch die roten Mauern unseres Campus haben nicht nur die gute Seite der Medizin gesehen – sie haben auch manch böses Detail versteckt gehalten.

Um die Schatten hinter den Mauern zu demaskieren und aufzuarbeiten, geht die Berliner Charité einen besonderen Weg. 2011 wurde die Initiative "GeDenkOrt Charité" gegründet, in der die NS-Vergangenheit des Klinikums thematisiert, Täterbiografien rekonstruiert und Opferschicksalen gedacht werden soll. Ziel ist es, die Geschehnisse nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, sondern offen anzusprechen und daraus Lehren für heutiges medizinisches Handeln zu ziehen. Denn ein Arzt kann sein Handwerk noch so gut beherrschen - wenn ihm die menschlich-moralische Grundlage fehlt, kann er seine Macht gegenüber Patienten ausnutzen.

Im Rahmen des GeDenkOrt-Projekts wurde auch die deutschlandweit erste Professur für "Medical Humanities" ausgeschrieben, die mit dem Medizinhistoriker, Arzt und Medizinethiker Professor Dr. Heinz-Peter Schmiedebach besetzt wurde. Schon lange setzt er sich mit der Medizingeschichte des 18. bis 20. Jahrhunderts auseinander. "Das Feld der Medical Humanities ist verwirrend und schwer abzugrenzen. Mit diesem Gebiet wird häufig die Hoffnung verknüpft, die Defizite einer zunehmend technisierten Medizin zu überwinden sowie den sozialen und kulturellen Implikationen des Krankseins besser gerecht zu werden", so Schmiedebach.

Er macht deutlich, dass die damaligen Geschehnisse nicht auf die NS-Zeit begrenzt sind, sondern unter gegebenen gesellschaftlichen Umständen erneut zu Täterschaft unter Ärzten führen könnten. Denn Ärzte waren keinesfalls Instrumente des NS-Regimes, sondern nutzten die gesellschaftliche Ausnahmesituation für Experimente, wie sie in Friedenszeiten niemals von einer Ethikkommission gebilligt worden wären.

Die Ärzte sahen ihren Aufgabenbereich plötzlich nicht mehr nur in der Bekämpfung von Krankheiten, sondern auch in der Herstellung einer gemeinschaftlichen Volksgesundheit. Das Blut als physiologische Substanz und damit Untersuchungsobjekt des Arztes sollte sauber gehalten werden. Die nationalsozialistischen Ideen einer gesundheitlich kräftigen Bevölkerung durch selektive Auslese schwacher Individuen versetzte einige Mediziner in nahezu rauschhafte Begeisterung: könnte es möglich sein, Krankheiten gänzlich auszurotten?

Hinzu kamen die Neugierde und die neuen, gelockerten Möglichkeiten der Forschung. Während in guten Zeiten nur kleine Fehler in der wissenschaftlichen Arbeit toleriert wurden, so war in den schweren Kriegszeiten eine Kontrolle der Forschungsmethoden kaum gegeben. Der Krieg würde, so die Sicht der Ärzteschaft, kurz und heftig sein und die Maßnahmen zur Herstellung einer Volksgesundheit intensivieren. Man müsse die Chance jetzt nutzen, um von den aufgehobenen Konventionen zu profitieren.

Die Nutzung der Konzentrationslager sei geradezu eine einmalige Gelegenheit, wenn man sich nicht an der Gemeinschaft schuldig machen wollte. Der Übereifer, medizinischen Fortschritt zu beschleunigen und verhinderte wohl, die eigenen Handlungen moralisch zu reflektieren. So fanden einige Ärzte Sektionen an Hingerichteten völlig legitim: die Organe seien doch schon da und es sei einfach zu schade, sie nicht zu verwenden.

Viele Mediziner waren sich der Verwerflichkeit ihrer Handlungen durchaus bewusst, fanden aber in der nationalsozialistischen Ideologie Rechtfertigungsmuster für Euthanasie und Menschenversuche: da war die Rede von der Erlösung der Minderwertigen von ihrem erbärmlichen Leben oder von notwendigen kriegsrelevanten Forschungen, daneben Argumentationen von Ressourcenknappheit und natürlicher Auslese bis hin zum Töten aus Mitleid mit den Schwächeren.

In Wahrheit versteckten sich hinter den grausamen Taten jedoch andere Motive: der Wunsch, eine übersteigende wissenschaftliche Neugierde um jeden Preis zu befriedigen, Neid auf jüdische Kollegen oder die schlichte Freude an der Machtausübung.

Natürlich waren nicht alle Mediziner Täter oder gar Mörder. Vielfach finden sich ambivalente Persönlichkeiten, die zwar nicht aktiv an der Euthanasie beteiligt waren, jedoch auch nichts dagegen unternahmen. Dazu zählte beispielsweise der Berliner Vorzeigearzt Ferdinand Sauerbruch, einer der einflussreichsten Chirurgen des 20. Jahrhunderts.

Er war befreundet mit Juden und half bei der Emigration seines jüdischen Schülers Rudolf Nissen – eindeutige Zeichen dafür, dass Sauerbruch dem System kritisch gegenüber stand. Gleichzeitig bewilligte er als Vorsitzender des Reichsforschungsrats die Menschenexperimente Joseph Mengeles und bekannte sich 1932 in einem offenen Brief „An die Ärzteschaft der Welt“ zum Nationalsozialismus. Über die Bewertung solcher Biografien streiten sich Mediziner und Historiker noch heute: muss ein Mediziner sich politisch positionieren? Macht er sich schuldig, wenn er nicht aktiv tötet, jedoch der Vernichtung zusieht? Muss der Arzt ein reines Gewissen haben?

Neben den arischen Ärzten, die sich zur NS-Diktatur positionierten, gab es auch Mediziner, die vor dem Regime und seinen Getreuen flüchten mussten. Jüdische Ärzte wurden von parteikonformen Kollegen nicht gerne gesehen und verloren ab 1938 ihre Approbation, durften nur noch jüdische Patienten behandeln und waren von der Lehrtätigkeit ausgeschlossen.

Die letzten Professoren hatten mit Anfeindungen antisemitischer Studenten zu kämpfen. Viele jüdische Ärzte flohen. Andere traf ein traurigeres Schicksal. So beispielsweise der Berliner Hämatologe Hans Hirschfeld, der zusehends in seiner wissenschaftlichen Arbeit eingeschränkt und gedemütigt wurde und schließlich im Lager Theresienstadt den Tod fand. Sein geistiges Eigentum verleibten sich arische Kollegen ein und publizierten ohne Erwähnung seines Namens. Hirschfeld geriet in Vergessenheit, bis ein amerikanischer Forscher in den 1970er Jahren in ihm den wahren Eigentümer der Erkenntnisse erkannte.

Das Dritte Reich war eine herausfordernde Zeit, nicht zuletzt für Mediziner: Es forderte Mut und eine moralisch gefestigte Persönlichkeit, um sich der Massenpolitik entgegen zu stellen. Das Ergebnis ist ein Produkt von gesellschaftlichen Gruppenprozessen und kein Einzelfall der Geschichte. Umso wichtiger scheint es, das Kapitel Medizingeschichte genauestens zu analysieren, Strukturen und Argumentationstechniken auszuwerten und ein eigenes moralisches Urteil zu fällen.

„Die historische Analyse der NS-Zeit zeigt, wie die Transformation in eine menschenverachtende Medizin unter welchen Bedingungen konkret vor sich ging, man erfährt also etwas über die grundsätzlichen Mechanismen solcher Transformationen“, erläutert Heinz-Peter Schmiedebach. „Die grundsätzlichen Probleme der modernen Medizin sind aber auch in der heute noch vorhanden, auch wenn wir mittlerweile sehr viele Sicherungen in Form von rechtlichen Regelungen eingeführt haben. Wenn man sich mit der Vergangenheit befasst hat, ist es leichter, gefährliche Entwicklungen, die in sich die Gefahr einer unmenschlichen Praxis bergen, frühzeitig zu erkennen – und diesen Prozess möglicherweise noch rechtzeitig zu stoppen.“

Unter Schmiedebachs Professur wurde auch eine studentische Initiative gegründet, die eigene Projekte initiiert. Die gewonnenen Erkenntnisse über das Vergangene geben oft Anlass über intensive Diskussionen zu medizinethischen Themen wie Phase-1-Medikamenten-Versuche an gesunden Probanden oder Fragen zu genetischer Forschung. Der Austausch untereinander wird durch geeignete Lektüren ergänzt, die das Verhalten der Ärzte kommentieren und nach Gründen suchen.

Für Heinz-Peter Schmiedebach ist es besonders wichtig, dass sich auch die Studenten mit der problematischen Vergangenheit auseinandersetzen. "Ich finde es interessant, welche besonderen Perspektiven Studierende zu diesen Fragen entwickeln, welche Probleme sie sehen und mit welchen Methoden sie damit umzugehen versuchen. Viel wichtiger aber scheint mir, dass sie über die Gefährdungspotentiale und Umschlagpunkte der Medizin in eine menschenverachtende Praxis wissen und auch ein entsprechendes Gefühl für Gefahren entwickeln können. Die heutigen Studierenden sind die künftigen Ärztinnen und Ärzte."

Quellen:
Kudlien, Fridolf: Ärzte im Nationalsozialismus, Köln 1985
Angelika Ebbinghaus/Klaus Dörner (Hg.) : Vernichten und Heilen. Der Nürnberger Ärzteprozeß und seine Folgen, Aufbau Verlag, Berlin 2001

Anmerkung: Die AG GeDenkOrt Charité sucht noch Studenten, die Interesse an der Mitarbeit haben. Diese können sich gerne unter heinz-peter.schmiedebach@charite.de melden.

 

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