• Artikel
  • |
  • Christine Zeides
  • |
  • 07.12.2016

Die Welt in Berlin

An der Charité studieren Menschen aus allen Ländern. Hier erzählen sie, warum sie in Berlin zu studieren, wie ihnen das Studium gefällt und welche Zukunftspläne sie schmieden.

Studieren in Deutschland. Hieran knüpft sich oft die Hoffnung auf eine bessere Ausbildung als im Heimatland, auf neue Perspektiven im Beruf und auf neugierige Einblicke in eine fremde Kultur. Jährlich bewerben sich zahlreiche Studenten aus dem Ausland an der Charité, um hier studieren zu können. Oft gilt es einige Hürden zu meistern, bis man die erhoffte Immatrikulation in den Händen hält. Doch am besten können das wohl die Studenten selbst beschreiben – für „Via medici“ haben vier Studenten uns ihre Geschichte erzählt.

 

Matanat, 22, aus Aserbaidschan

 

„In Aserbaidschan zählt Deutschland zu den führenden Nationen im Fachgebiet Medizin. Und da ich in der Schule schon deutsch gelernt hatte und meine Lehrerin so begeistert von dem Land erzählt hat, ist auch in mir die Liebe zu Deutschland geweckt worden und ich wollte mein Studium unbedingt hier machen. Nachdem ich schon ein Jahr in Baku Medizin studiert hatte, bin ich hierhergekommen, habe am Studienkolleg mein Abituräquivalent gemacht und mich für verschiedene deutsche Unis beworben. Dann endlich bekam ich die Zusage von der Charité und ich war sehr glücklich, in Berlin bleiben zu können, denn in dieser Multikulti-Stadt hatte ich bereits viele Kontakte zu Menschen verschiedenster Nationen aufgebaut. Zudem gefiel mir die Kombination aus Moderne und geschichtlichen Spuren, die man in der Stadt überall spüren kann.

Das Studium hier verläuft recht anders als bei uns: in Aserbaidschan bekamen wir ein Buch, das wir durcharbeiten mussten und für die Prüfung auswendig lernen sollten. Wir hatten Unterricht an Leichen, die jedoch oft schon recht alt waren, da in meinem Land die Körperspende nicht etabliert ist. Dafür habe ich sehr ausführlich Anatomie gelernt – allerdings musste man dazu Russisch können, denn die Atlanten sind noch aus den Zeiten, als Aserbaidschan zur Sowjetunion gehörte. Hier in Berlin haben wir viel mehr Praktika und arbeiten schon früh am Patienten, man fühlt sich schon als Ersti wie ein Arzt.

Hier liegt sehr viel an uns, man muss sich selbstständig belesen und lernen – doch dadurch ist mein Wissen schon viel breiter geworden und nicht auf eine Quelle limitiert. Das eigenverantwortliche Lernen bringt auch Entspannung, denn ich kann auch an einem Tag mal unvorbereitet in die Uni kommen. In Aserbaidschan wäre das undenkbar, denn in der Schule und in der Uni wurde man jeden Tag abgefragt und bekam Noten, die für das Zeugnis am Ende zählten. Man musste jeden Tag gut vorbereitet sein. Überhaupt war bei uns die Hierarchie zwischen Student und Lehrer viel strenger und sehr diszipliniert. Das war für mich erst einmal ein Kulturschock, dass hier die Lehrer mit den Studenten in Diskussionen treten oder die Meinungen des Lehrers von Schülern in Frage gestellt werden können! Aber ich finde das sehr gut und bin froh, hier meine Ausbildung machen zu können.

Mein Ziel ist es dann, in mein Land zurückzukehren und die Medizin dort zu verbessern, sodass wir mit Staaten wie Deutschland mithalten können. Ich möchte die neuen Generationen lehren, sie motivieren und auch meinem Land etwas zurückgeben – schließlich werde ich durch ein Stipendium von Aserbaidschan unterstützt und muss laut Vertrag mindestens fünf Jahre in meinem Land arbeiten. Viele Jugendliche bei uns zieht es ins Ausland, denn durch die Globalisierung und das Internet erfährt man viel mehr über die Welt als früher. Nicht alle kehren zurück so wie ich es machen möchte. In der Medizin sehe ich viele Zukunftsperspektiven für mich und lerne sie daher mit großer Leidenschaft. Früher wollte ich plastische Schönheitschirurgin werden, aber momentan interessieren mich Neurologie und Kardiologie besonders – vielleicht werde ich also einmal in diesen Fächern Studenten in Aserbaidschan lehren?“

 

Hameda (20), aus Ägypten

 

„Wenn ich Deutschland in einem Wort zusammenfassen müsste, würde ich sagen: präzise. Das ist mir schon während meiner Ferien aufgefallen, die ich regelmäßig bei meinem Stiefvater in Berlin verbrachte. Er hat hier studiert und gearbeitet, ich habe ihn besucht und das Land kennengelernt. Und dann dachte ich mir, ich könnte ja auch hier studieren. Dass es Medizin sein sollte stand für mich schon früh fest, das wollte ich schon seit frühester Kindheit: mir gefiel es schon immer, wie die Ärzte sich verhalten, wie sie sprechen und wie sie aussehen – so wollte ich auch sein. Also lernte ich fleißig dafür: in der Grundschule, in der Primary School, der Preparatory School (wo man uns aufs Gymnasium vorbereitet) und schließlich in den letzten drei entscheidenden Jahren auf der Secondary School, wo ich natürlich auch den Schwerpunkt Naturwissenschaften und nicht Literatur wählte. Da ich auf einer Sprachenschule war, lernte ich von Beginn an auch Deutsch, neben Englisch und Französisch – das ist in Ägypten eher ungewöhnlich. Ich mag die deutsche Sprache und finde sie auch leicht zu lernen; mein aktuelles Lieblingswort ist „Maultaschen“.

Dann war es soweit: ich wollte mich mit meinem ägyptischen Abitur an der deutschen Uni bewerben. Viele meiner Freunde sind in Ägypten geblieben, denn die meisten studieren dort erstmal und gehen nur für den Master ins Ausland, wenn überhaupt. Und dann auch eher in die USA oder nach England, nicht nach Deutschland. Dennoch haben mich meine Freunde in meinem Vorhaben immer sehr unterstützt. Es ist allgemein bekannt, dass die Lehre hier in Europa etwas organisierter ist und mehr Möglichkeiten bietet.

Der Aufbau des Studiengangs an ägyptischen Unis ist sogar relativ ähnlich, aber die Informationsvermittlung ist anders. Es wird alles vorgegeben, man muss es nur auswendig lernen. Hier hingegen wird mehr Wert auf die eigene Recherche gelegt. Und auch die Prüfungen in Ägypten sind ziemlich speziell: es gibt „Prüfungskurse“, die man unbedingt besuchen muss, weil man sonst nicht weiß, was in den Prüfungen abgefragt wird. Aber diese Kurse kosten viel Geld, sodass sich das nicht jeder leisten kann. Umso dankbarer war ich, dass ich nach einem Jahr am Studienkolleg hier in Berlin auch an der Charité angenommen wurde.

Auch wenn ich die Stadt eigentlich gar nicht so gerne mag. Berlin erinnert mich immer an Kairo: es macht Stress. Man muss immer eine Stunde früher aufstehen, um pünktlich zur Stadtmitte zu kommen, weil man den Ausfall der S-Bahn mit einberechnen muss. Das war ich also schon gewohnt. Was ich hier jedoch stark vermisse, ist die Kommunikation mit den Leuten auf der Straße, denn Berlin ist so groß, dass man seine Freunde kaum zufällig irgendwo begegnet. Wenn ich damals in Ägypten am Stadtrand von Kairo auf der Straße unterwegs war, habe ich ständig Bekannte getroffen und dann mit ihnen geredet. Aber ich hab mich daran gewöhnt und habe auch keine Schwierigkeiten gehabt, mich anzupassen. Schließlich sind so viele Leute aus verschiedenen Ländern hier. Was meine Zukunft anbelangt – die sehe ich weder in Berlin noch in Ägypten. In Berlin mache ich meine Ausbildung und meinen Facharzt, am liebsten Chirurgie oder Kardiologie. Ägypten bleibt meine Heimat, denn dort bin ich aufgewachsen. Und meine Zukunft – die soll einmal Dubai sein.“

 

Veselina, 22, aus Bulgarien

 

„Als ich noch klein war, ärgerte sich mein Großvater einmal sehr darüber, dass es so wenige Ärzte in Bulgarien gibt. Immer müsse er vom Land in die große Stadt fahren, was für ihn sehr beschwerlich war. Da sagte ich ihm einfach, dass ich in diesem Fall Ärztin werden will, um ihm zu helfen. So kam ich zur Medizin und konnte seitdem an nichts anders denken. Ich lernte fleißig und wurde schließlich an der Schule angenommen, die meinen weiteren Weg bestimmen sollte: das deutsche Gymnasium in Sofia. Hier wurden wir in allen Fächern von Lehrern aus Deutschland unterrichtet. Neben dem bulgarischen Abitur habe ich dann auch gleich das deutsche Abitur gemacht.

Als ich dann in der Uni von Sofia zur Aufnahmeprüfung für Medizin ging, merkte ich, dass ich Bio und Chemie viel besser auf Deutsch als auf Bulgarisch kann – und das war erschreckend. Vorher schien es mir immer so unmöglich, dass ich vielleicht in Deutschland studieren könnte – erst da merkte ich, dass viele meiner Mitschüler genau das vorhatten. Und was die schaffen, würde mir auch gelingen. Das war ein großer Schritt für mich, weil es die Trennung von meiner Familie und der Beginn meiner Selbstständigkeit bedeutete. Tatsächlich war es sogar viel leichter sich in Deutschland zu bewerben, weil man einfach nur ein Abitur braucht, während bulgarische Universitäten noch diverse Eignungsprüfungen oder Fachtests einfordern, die oft ziemlich merkwürdig sind…

Die Nachricht von meiner Immatrikulation an er Charité bekam ich mitten in den Ferien. Ich habe mich so gefreut! Allerdings nur für zwei Minuten: dann habe ich gelesen, was ich alles an Unterlagen innerhalb von 10 Tagen nach Berlin bringen muss. Es folgten zwei stressige Wochen, die eigentlich als Urlaub geplant waren, und nur mit Hilfe von Freunden in Berlin konnte ich überhaupt alles rechtzeitig einreichen. Überhaupt war Berlin so groß und verwirrend für mich, ich konnte mich kaum orientieren. Verzweifelt versuchte ich mir verschiedene Orte einzuprägen, zum Beispiel die Friedrichstraße oder den Campus. Alles war in meinem Kopf so viel größer als es jetzt erscheint, wo ich hier länger lebe. Ich weiß noch, wie viele Schwierigkeiten ich mit der Anmeldung hatte, denn für die Immatrikulation ist ein Wohnsitz notwendige Voraussetzung. Ich habe mich dann einfach bei einer Freundin angemeldet, bei der ich überhaupt nicht wohnte … Und dann kamen noch solche bürokratischen Eigenheiten wie der Rundfunkbeitrag auf mich zu, die ich erstmal verstehen musste! Zum Glück kann man hier sehr schnell Kontakte zu anderen knüpfen, die einem mit gutem Rat zur Seite stehen.

Meine Erwartungen an die Charité glichen meiner Vorstellung von Hogwarts aus Harry Potter, deshalb hatte ich mich über diese roten Klinkerbauten sehr gefreut! Aber meine Zukunft sehe ich dann doch wieder in Bulgarien, wo meine Familie ist. In einem Pflegepraktikum in Bulgarien sagte ich das auch dem dortigen Oberarzt so und er lachte mich nur aus. Dieser Gedanke sei doch kindisch und ich solle doch lieber in Deutschland oder Frankreich bleiben, wo man mehr Geld verdienen kann. Mir war unverständlich, warum er seine Arbeit so sehr verabscheute, dass er mir diesen Rat geben konnte. Aber tatsächlich sind die Ärzte in Bulgarien unterbezahlt, sodass sie sich mit dem Verkauf von Krankschreibungen und Überweisungen oder mit Überstunden behelfen. Dadurch wird das sonst sehr respektvolle Arztbild in der Bevölkerung langsam von negativen Assoziationen überschattet. Die Ärzte machen auch ständig Witze, aber das machen sie hier vielleicht auch. Und auch wie in Deutschland gibt es einen großen Zwiespalt zwischen Doktoren und Krankenschwestern. Letztere haben in Bulgarien eigentlich nur die Aufgabe, die Medikamente auszugeben, während sich sogenannte Sanitäter um glatte Bettdecken und Essen kümmern. Und kein Patient in Bulgarien würde es je wagen, sich wegen dem Essen zu beschweren, was in deutschen Krankenhäusern ja Alltag ist.“

 

Alexey, 21, aus Königsberg in Russland 

 

„Als ich 2012 für einen Sprachkurs nach Berlin kam und die Charité gesehen habe, wusste ich: hier will ich bleiben, hier will ich studieren, hier will ich arbeiten. Erst da fiel meine endgültige Entscheidung, Arzt zu werden – vorher hatte ich mich vor allem für Chemie und die Auswirkung von Drogen auf das menschliche Gehirn interessiert. Aber da ich den Kontakt mit Menschen sehr schätze, ist Medizin das richtige Fach für mich.

Das war zugegeben kein gewöhnlicher Weg: Nach meinem Abitur in Russland musste ich noch ein Jahr ans Studienkolleg der FU, um einen in Deutschland anerkannten Abschluss zu machen. Von Deutschland hab ich gar nicht so viel mitbekommen, weil ich hauptsächlich mit Lernen beschäftigt war. 2014 war dann die Immatrikulation an der Charité, ich wurde Medizinstudent. Seitdem bin ich nicht mehr zuhause in Russland gewesen, denn ich fühle mich hier richtig. Ich habe Freunde gefunden und mein Leben hier ist jetzt ganz normal geworden: Ich denke auf Deutsch, auch wenn ich alleine bin – Russisch spreche ich nur mit meinen Eltern. Und ich fühle, dass ich ganz frei von dieser alten, depressiven Atmosphäre geworden bin, die mich damals in Russland umgab. Die Menschen in Russland sind einfach anders als hier. Den Übergang vom noch Fremd- zum Sich-Aufgenommenfühlen habe ich gar nicht richtig miterlebt – es ist einfach eine Art ‚vor-danach-Zustand‘. Und das Danach fühlt sich für mich besser an. Ich habe hier meinen Platz gefunden.

Mit Russland habe ich ein persönliches Problem. Ich bin von meinem Land enttäuscht, weil es dort keine Zukunftsperspektiven für mich gab und gibt. Die Ärzte dort verdienen nicht gut und haben keineswegs ein so hohes Ansehen wie hier. Das kommt noch aus den sowjetischen Zeiten. Natürlich hat Russland auch eine alte Medizintradition und viele große Wissenschaftler hervorgebracht – Pawlow zum Beispiel. Russland hat früher viele Kriege geführt und brauchte dafür Militärmediziner, der Schwerpunkt der Ausbildung lag auf der Chirurgie - und die ist noch heute gut vertreten, wohingegen ein hausärztliches System wie hier in meinem Heimatland vollkommen unbekannt ist. Damit fällt das erste Glied der medizinischen Versorgung weg, die Internisten haben mit hunderten von Patienten zu kämpfen. Und es gibt noch einige andere Probleme: auf einen Röntgen-Thorax wartet man manchmal wochenlang.

Wofür ich dankbar bin, ist meine fundierte, gute schulische Ausbildung. Die verlief wesentlich strenger als hier, aber so habe ich Disziplin gelernt und kann einen Plan, den ich mir vorgenommen habe, problemlos einhalten. Die russische Schulbildung ist bekannt für ihren Schwerpunkt auf Mathe, Physik und Chemie und meine Lehrer waren allesamt sehr gut. Acht Stunden Mathe, sechs Stunden Physik pro Woche. Wie intensiv das war, merke ich immer, wenn es ums Kopfrechnen geht – das kann ich nämlich sehr gut! Dennoch wurde – noch mehr als hier – die russische Literatur genauestens behandelt, was mir viele gute Gedanken und philosophischen Gesprächsstoff mit Freunden gebracht hat. Ich halte es für sehr wichtig, sich damit zu beschäftigen.

Medizin bedeutet für mich jetzt alles, sie ist mein Sinn des Lebens geworden – ich kann mir nicht vorstellen, etwas anderes zu machen. Und ich bin besonders froh, das hier an der Charité machen zu dürfen. Wann immer ich hoch zum Bettenhaus blicke und dort das riesige Logo der Charité sehe, denke ich gleich an die ganzen berühmten Ärzte, die hier gewirkt haben: Virchow, Ehrlich, Bonhoeffer, Sauerbruch, Koch. Das ist überhaupt der größte Vorteil der Charité: ihre Geschichte. Wenn ich einmal hier arbeiten werde, führe ich einer langen Tradition weiter. Dann werde ich Teil des Ganzen sein.“

 

Ein Teil des Ganzen sein. Längst ist das den zahlreichen Studentinnen und Studenten aus der Welt gelungen. Junge Mediziner aus 99 verschiedenen Ländern teilen sich die altehrwürdigen Sitzbänke in den Hörsälen. Woher sie alle kommen, zeigen die folgenden Weltkarten:

 

Erhebung der Stabsstelle Statistik der Charité Universitätsmedizin Berlin, Stand: 31.5.2016

Erfahre, wie man sich als Ausländer an der Charité Berlin bewirbt.

Mein Studienort

Medizinstudenten berichten aus ihren Unistädten

Werde Lokalredakteur Die Unistädte auf Google Maps
Medizin im Ausland

Erfahrungsberichte und Tipps aus über 100 Ländern

Erfahrungsbericht schreiben Auslands-Infopakete