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  • Christine Zeides
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  • 30.07.2018

Leichen im Keller - Hinter den Kulissen des Medizinhistorischen Museums

Medizinstudierende der Charité haben freien Eintritt in die Ausstellungen des Medizinhistorischen Museums, das sich mitten auf dem Charité-Campus in Berlin Mitte befindet. Neben Informationen über die geschichtlichen Meilensteine der Medizin bildet eine umfangreiche Präparatesammlung das Herzstück der Sammlung. Welche Teile des Museums bleiben dem Besucher aber verborgen? Navena Widulin, medizinische Präparatorin und Kuratorin im Medizinhistorischen Museum der Charité, führte mich durch die weitläufigen Flure.

Blick auf die Außenfassade des Medizinhistorischen Museums der Charité Berlin. © Christine Zeides 


Neonröhren flackern auf und erhellen das Kellergewölbe, in dem das umfangreiche Depot des Medizinhistorischen Museums untergebracht ist. Dicht an dicht stehen die Regale, die Gänge zwischen ihnen sind schmal: 10.000 Präparate brauchen eben auch ihren Platz. „Als ich 1998 zum ersten Mal in das Sammlungsdepot kam, standen viele Präparate noch durcheinander in den Fluren des Depots“, erinnert sich Navena Widulin an den Beginn ihrer Tätigkeit als Präparatorin. Sie sichtete und ordnete damals die Objekte, restaurierte und pflegte sie, suchte im Archiv nach den entsprechenden Sektionsprotokollen.

 „Die Herkunft der Präparate nachzuvollziehen ist für uns sehr wichtig“, erklärt sie. Jene Protokolle lassen sich bis ins Jahr 1856 nahezu vollständig vorweisen und geben Einblicke in den Krankheitsverlauf und die Todesumstände des Patienten. Auf einigen Gläsern kleben noch vergilbte Etiketten mit handschriftlichen Vermerken über das Sektionsjahr, die vermeintliche Diagnose und das Alter des Patienten. Manchmal verbirgt sich unter der Staubschicht auf den Glasdeckeln eine Einkerbung mit der Fallnummer der Sektion. Kombiniert man die einzelnen Hinweise miteinander, ermöglicht das eine zeitliche und medizinische Einordnung der Sammlungsstücke.

Präparatesammlung im Medizinhistorischen Museum. © Christine Zeides


Schweigend ruhen die Präparate in ihren Regalen. Einem Stillleben gleich steht eine Herzwandruptur direkt neben einem von tuberkulöser Meningitis befallenen Rückenmark. Friedlich scheint ein zweiköpfiger Fötus in seinem Glas zu schweben. Zwei Oberschenkelknochen ragen aus dem niedrigen Formalinspiegel heraus und halten sich aneinander gelehnt im Gleichgewicht. „Präparate haben eine ganz eigene Ästhetik“, erläutert Widulin. „Im Gegensatz zum Foto ist ein Präparat dreidimensional und echt, man kann es von allen Seiten ansehen. Das macht es so beeindruckend.“

Begutachten können diese Präparate nicht nur Mediziner und Studierende, sondern auch alle interessierten Besucher des Museums. Ausgewählte Objekte werden in der Dauerausstellung gezeigt und erklärt. „Es gibt ein großes allgemeines Interesse an den Vorgängen in dem Wunderwerk Körper, unsere Besucher stellen viele Fragen. Oft dreht es sich auch um eigene Krankheiten, die sie einmal realistisch sehen wollen. Die Präparate lassen sich schnell mit Erfahrungen aus dem Alltag in Verbindung bringen, man denke beispielsweise an die in der Ausstellung gezeigten embryonalen Fehlbildungen.“ Der besondere Reiz der leblosen Objekte liegt in ihrer Vitalität und der Unmittelbarkeit ihrer Wirkung. Wo sonst hat man einen solchen Einblick in das Innenleben des Körpers? Das Museum ermöglicht diesen - einzig durch eine dünne Glasscheibe getrennt.

Während ihrer früheren Arbeit in der Pathologie begegnete Navena Widulin unzähligen Gallensteinen - die fielen oft als Nebenbefund bei Obduktionen auf und blieben unbeachtet. Doch anstatt sie wie üblich zu entsorgen, begann sie die Steine zu sammeln. Heute beherbergt sie im Museum eine Kollektion mit ungefähr 3000 Fällen von Gallensteinleiden in faszinierender Anzahl und Vielfalt: hühnereigroße und winzig kleine Steine mit den verschiedensten Farben hat sie sorgfältig gewaschen, sortiert und katalogisiert. Da die Pathologie heute noch mit dem Museum verbunden ist, werden ihr noch heute sämtliche Gallensteine von Kollegen übermittelt. Mit ihrer ungewöhnlichen Sammelleidenschaft steht sie in die Tradition Rudolf Virchows, der 1899 seine „Pathologische Sammlung“ in Berlin eröffnete und dort rund 23.000 Einzelstücke zur Schau stellte. Sein selbstgewähltes Motto lautete: „Kein Tag ohne Präparat.“ 

Versteckter Kellerraum mit leeren Gläsern. © Christine Zeides


Den Zweiten Weltkrieg überstand nur ein Zehntel davon, ein Dachstuhlbrand reduzierte den Bestand schließlich nochmals auf knapp 500 Präparate. „Es ist schon spannend, in jenem Gemäuer zu arbeiten, in dem auch Rudolf Virchow gewandelt ist – gerade in der Hörsaalruine ist das für mich besonders spürbar“, sagt Widulin. Eine Treppe unterhalb dieser Ruine führt sie in einen engen Kellertrakt, in dem sich hinter Rohren und Regalen noch ein kleiner, brüchiger Raum versteckt. „Ich glaube, den kennen nicht einmal alle hier aus dem Museum“, schmunzelt Navena Widulin. Für sie ist dieser Raum jedoch eine Fundgrube, denn unzählige leere verstaubte Gläser warten hier darauf, mit neuen Präparaten versehen zu werden. „In so vielfältiger Form und Größe werden die heute gar nicht hergestellt“, erklärt Widulin. „Einige davon stammen sogar noch aus Virchows Zeiten.“ Sie geht nun wieder an die Arbeit: stöbert hinter den Kulissen des Museums, restauriert Präparate und bewahrt sie so liebevoll für die Nachwelt auf.


EXKURS: Neben Präparaten zeigt das Medizinhistorische Museum auch eine große Zahl medizinischer Moulagen - dreidimensionale, lebensgroße Wachsobjekte, die vom lebenden Patienten abgeformt wurden. Sie dienten vor der Erfindung der Fotografie zur Dokumentation eindrücklicher Krankheitsbilder. Als eine der letzten beherrscht Navena Widulin noch heute die Kunst der Moulagenherstellung, im Interview hat sie mir ein paar spannende Fragen beantwortet.

> Was fasziniert dich an Moulagen?

Zunächst sind Moulagen eine Schnittstelle zwischen Kunst und Wissenschaft – ein Kunsthandwerk. Mich fasziniert daran, dass man bei der Betrachtung der Moulage durch dieses naturgetreue Arbeiten vermeintlich Echtes sehen kann, fast wie bei einem Präparat. Gerade Gesichtsmoulagen beeindrucken mich, weil der echte Patient in der Moulage sichtbar wird.

> Wie entsteht eine Moulage?

Der erste Schritt ist die Abformung des Befundes am Patienten. Dafür nutze ich eine feine Silikonmasse, die zusätzlich durch eine Gipshülle gestützt wird. Den ausgehärteten Silikonabdruck gieße ich dann mit Wachs aus. Der entstandene Wachskörper muss nachgearbeitet werden: Ich entferne das überschüssige Wachs und bessere mögliche Defekte aus. Das Nachkolorieren des Wachskörpers wiederum ist eine ganz andere Herausforderung, da braucht es die größte Übung. Ich bemale das weiße Wachs in dünnen Schichten mit lasierenden Ölfarben, wobei ich immer mit der hellsten Farbe beginnen muss. Heute dient mir meist ein Foto als Vorlage zum Bemalen, aber früher standen die Patienten selbst noch Modell. Heutzutage verändern sich die Befunde durch die Therapien schon so schnell, dass der Befund der Moulage nicht mehr am Patienten zu finden ist, wenn ich sie bemalen möchte. Wenn aber mal ein Patient für mich Modell steht, ist das immer eine sehr besondere Situation: Ich bin dann die Schnittstelle zwischen Patient und Objekt. Ist die Moulage fertig koloriert, befestige ich sie auf einem schwarzen Holzbrett und schlage sie in weißes Leinentuch ein, wie es schon die Mouleure von früher getan haben.

> Woran erkennt man eine gute Moulage?

Natürlich kann man die Moulage nach handwerklichen Gesichtspunkten beurteilen – wie fein wurde sie bemalt, wie gut wurden die Farbtöne getroffen, wie detailliert ist die Abformung gelungen? Für mich ist vor allem Natürlichkeit der Moulage entscheidend. So sollte eine Hand beispielsweise zur Abformung nicht platt und unnatürlich auf den Tisch gedrückt werden, sondern eine ganz lockere Haltung einnehmen – ebenso, wie der Patient seine Hand intuitiv auch halten würde.

> Wie lernt man das Moulagieren?

Früher wurde die Kunst der Moulagen von einem Meister an seinen Schüler übertragen. Meist waren es Bildhauer, die sich der Medizin verschrieben hatten, eine offizielle Ausbildung gab es da nicht. Meist lag über dem ganzen Prozess ein Schleier des Schweigens: keiner hat seine Rezepturen verraten oder gar irgendwo aufgeschrieben. Mir persönlich hat ein dermatologischer Oberarzt aus Zürich die Rezeptur der Wachsmischung verraten. Parallel dazu hat mir der Direktor des Berliner Medizinhistorischen Instituts, Professor Thomas Schnalke, neben theoretischem Wissen auch einen Kontakt zu Elfriede Walther nach Dresden vermittelt, die mir während der Restaurierung unserer historischen Moulagen im Museum Grundlegendes beigebracht hat: Sie war eine der bedeutendsten Vertreterinnen ihrer Zunft im 20. Jahrhundert. Den Rest macht dann die regelmäßige Übung.

> Und was war deine erste eigene Moulage?

Meine eigene Hand – es ist gut, einmal selbst das Gefühl der Abformung zu spüren. Außerdem war das Kolorieren leicht, denn meine Hand hatte ich ja immer dabei.

> Welcher Schritt in der Herstellung macht dir besonders viel Spaß?

Jeder einzelne Schritt ist auf seine Weise toll. Spannend und entscheidend ist die Abformung, weil dort die Moulage erst nur in Gedanken entsteht. Ich muss mich fragen, welcher Befund geeignet ist, welchen Ausschnitt ich wähle und was genau die Moulage hinterher zeigen soll. Während des Abformens bin ich in engem Kontakt mit den Patienten und erfahre viel über ihre Krankheit und ihre Persönlichkeit. Und diesen Kontakt soll die Moulage auch dem späteren Betrachter ermöglichen.

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