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  • Christine Zeides
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  • 21.04.2017

Klausuren auf dem Prüfstand

Kreuzen. 40-mal hintereinander wähle ich zwischen A, B, C und D. Kreuzchen hier Kreuzchen da. Frage lesen, nachdenken, Entscheidung treffen. Die Zeit läuft. Langsam wird die Hand lahm. Nicht aufgeben, gleich ist es geschafft. Nur immer weiter kreuzen.

© istockphoto/Anneke Schram


Das Studentenleben könnte so schön sein, wenn die nahenden Prüfungen nicht wie ein bedrohlicher Schatten den Horizont des Semesterendes verdunkeln würden. Doch wer lernt, der muss sich auch einer Klausur unterziehen, um seinen Fortschritt unter Beweis zu stellen. Prüfungen kennen wir in allen Lebenslagen. Sie sind ein Verfahren, bei dem eine Leistung durch ein bestimmtes Aufgaben- oder Fragenformat festgestellt werden kann. Künstliche Situationen, in denen Leistung provoziert, unsere Fähigkeiten herausgefordert und unser Können gemessen wird.

Im übertragenen Sinne bedeuten Prüfungen aber auch schweres Leid oder belastende Schicksalsschläge. An beiden Arten von Prüfung können wir scheitern oder gestärkt aus ihnen hervorgehen. Nur das schulisch-universitäre Prüfen ordnet den Prüfling anhand seiner gezeigten Leistung in ein Notensystem ein und macht das komplexe Individuum dadurch vergleichbar mit anderen. Wer hat mehr Fragen richtig beantwortet? Wer hat besser abgeschnitten? Wer war der Beste? In unserer konkurrenzorientierten Gesellschaft nimmt das Messen von Leistung einen hohen Stellenwert ein. Für unseren ganzen Lebensweg sind Prüfungen bedeutsam, denn: Wer gute Leistungen bringt, hat bessere Aussichten auf Studienplätze, Berufe, Förderung…

Kaum verwunderlich, dass das Thema „Prüfung“ ein unter Studenten hoch umstrittenes Thema ist, das jedes Semester aufs Neue für viel Aufregung, Unmut und Unzufriedenheit sorgt. Aber was genau stört die Studierenden an ihren Klausuren? Und schneiden dabei Multiple-Choice-Klausur, SMPP (1)  und OSCE (2) gleich schlecht ab?

Es beginnt schon in der Vorbereitungsphase: Das letzte Modul ist noch nicht abgeschlossen, die Klausuren warten in wenigen Tagen. Manchen bleibt nur ein Wochenende Zeit, um sich voll und ganz dem Lernen zu widmen. „Darunter leiden die letzten Veranstaltungen – nur wenige Studenten gehen noch dorthin, weil sie die Zeit lieber in das Lernen für die Klausuren investieren“, schreibt eine Studentin. Darüber hinaus rege die drohende Klausur in ihrer Struktur nicht zum Lernen an, sie demotiviere eher.

Einheitliche Prüfungen bei uneinheitlicher Lehre sind den Studenten ein Graus. „Es lässt sich schwer einschätzen, ob der individuelle Schwerpunkt des Dozenten auch mit dem Schwerpunkt der Klausur übereinstimmt“, erklärt ein Student. „Aber wenn man unsicher ist, ob etwas in der Klausur abgefragt wird, dann ist Schriftgröße 10 auf der Power-Point ein guter Indikator dafür“, ergänzt eine Kommilitonin.

Ist das Lernen geschafft, kommt der Tag der Klausur. Die Hefte werden ausgeteilt, das Startzeichen gegeben. Ein erstes Überfliegen der Aufgaben zeigt diverse Rechtschreibfehler. Die Fotobeilage ist versehentlich schon beschriftet und gibt die Lösung der Frage mit an. Gut – soll uns recht sein. Einige Formulierungen sind unnötig kompliziert, irreführend oder so banal, dass sie schon wieder verunsichern. Viele Studenten kreuzen auf Wiedererkennungswert, nicht auf Wissen – dabei nenne der Patient in der Klinik einem später ja auch nicht vier Krankheiten zwischen denen man sich entscheiden muss.

„Ich habe immer das Gefühl, man will mich bewusst aufs Glatteis führen“, reflektiert ein Student seine Prüfungserlebnisse. In mündlichen Prüfungen sei es auch schon vorgekommen, dass die Prüfer nicht wirklich vorbereitet waren. „Die erste Frage, die ein SMPP-Prüfer uns stellte, war in welchem Semester wir seien und welches Fach Gegenstand der Prüfung sein sollte“, erinnert sich eine Studentin. Was den Inhalt angehe, sei der Schwierigkeitsgrad zu uneinheitlich, die Fragen aus den verschiedenen Veranstaltungen zu unterschiedlich gewichtet und prüften nur selten den allgemeinen Wissensstand ab.
Vielmehr seien viele Fragen zu kleinkariert und wenig klinisch relevant. Zuletzt bringe der Fragetyp „Was trifft am wahrscheinlichsten zu“ die Prüflinge immer wieder an ihre Grenzen, weil sich gerade diese Einschätzung von Lehrbuch, Dozent und Universität oftmals unterscheidet.

Nach der Klausur berichten die Studenten von dem unbefriedigenden Gefühl, zwar das Ergebnis ihrer Arbeit, jedoch nicht die richtigen Antworten auf die Fragen zu erhalten. Überhaupt sei das Einsehen der Fragen ein richtiges Detektivspiel. Auch wie die Noten zustande kämen, sei vielen nicht ganz klar. „Warum ich in einigen Klausuren eine 1 oder eine 4 hatte, kann ich nicht sagen. Im 3. Semester hatte ich die beste Note in einem Fach, dass ich am wenigsten verstanden und am schlechtesten gelernt habe. Seitdem habe ich den Eindruck, dass Verständnis eher hinderlich ist. Für diese Prüfungen muss man die Zusammenhänge des menschlichen Körpers und seiner Krankheiten nicht verstanden haben. MC-Klausuren sind mein Motivationskiller.“

Während die MCs objektiv von einem Computerprogramm ausgewertet werden, sind die mündlich-praktischen Prüfungen immer vom subjektiven Urteil des Prüfers abhängig. „Beim OSCE gab es Stationen, wo ich im Bereich Nonverbale Kommunikation und Empathie 100% erreicht hatte, während ich bei einer anderen nur 25% erzielte. Dabei ist es doch anzunehmen, das sich Körpersprache und verbaler Ausdruck in so kurzer Zeit kaum so drastisch verändern konnten“, reflektiert ein Student. Und was bleibt nach der Klausur? Was bringt all das beschleunigte Lernen? Eine Studentin bringt es auf den Punkt: „Ich weiß aus meinen vorherigen Semestern nur noch erschreckend wenig.“

Bevor man sich überlegt, wie Prüfungsformate der Zukunft aussehen könnten, lohnt sich ein Blick in die Vergangenheit. Denn gerade in der Medizin wurden Studenten früher noch ganz anders auf die Probe gestellt. Die naturwissenschaftlichen Kenntnisse standen lange Zeit weniger im Vordergrund als die praktischen und ethischen Fähigkeiten des „Candidatus medicinae“. Da die ersten berühmten Mediziner wie Hippokrates in regem Austausch mit den Philosophen ihrer Zeit standen, stellte ein sogenanntes „Philosophicum“ einen Teil der ärztlichen Vorprüfung dar, die nach dem allgemeinbildenden Grundstudium vor Beginn des klinischen Abschnitts abgelegt werden musste. Geprüft wurde vom Dekan der Philosophischen Fakultät. „Medicina soror philosophiae“ (3) galt noch bis ins 19. Jahrhundert.

In den folgenden Zeiten jedoch wandte man sich der wissenschaftlichen Beobachtung und dem naturwissenschaftlichem Denken zu, sodass eine philosophische Prüfung nicht mehr zeitgemäß erschien. Darüber hinaus war sie organisatorisch und zeitlich wesentlich aufwendiger. So wird nach zwei Jahrtausenden philosophischer Praxis das „Tentamen philosophicum“ 1861 endgültig durch das „Tentamen physicum“ ersetzt – eine vollkommene Neuorientierung im Medizinstudium. Sie hat sich als Regelstudiengang bis heute gehalten. Erst im Modellstudiengang, der in den 1990er Jahren erstmals eingeführt wurde, fanden durch eine praxisorientierte Lehre auch mündliche und praktische Prüfungen statt.

Was aber wünschen sich nun die Studierenden von heute für die Prüfungen der Zukunft? Eindeutig ist: Prüfungen sind notwendig und bei der Vielzahl der Informationen kann immer nur stichprobenhaft geprüft werden. Niemand will gute Noten für zu einfache Prüfungen, denn die Klausurvorbereitung sollte auch einen Anreiz zum motivierten Lernen sein. Doch der Tenor scheint eindeutig: mehr praktische Prüfungen. Mehr SMPP und OSCE. Mehr Prüfungsgespräche, bei denen man mit den Prüfern interagieren kann. Prüfungen, in denen man denken und nicht Auswendiggelerntes abliefern muss. Mehr klinischen Alltag auf den Prüfungsbögen.

Warum nicht verschiedene neue Formate aus anderen Studiengängen ausprobieren? Vorträge, Hausarbeiten, Onlinetests, Beschriftungen, Prüfung am Krankenbett. Mehr Anatomie-Testate in regelmäßigen Abständen. Prüfungen, in denen man Rückmeldung bekommt, in denen man etwas lernt, in denen man seine Fehler und seine Schwächen erkennt, um an ihnen zu arbeiten. Mehr faire Rückmeldung. Andere Arten von Multiple-Choice-Fragen, bei denen auch mehrere Antwortmöglichkeiten richtig sein können. Mehr Fragen nach Zusammenhängen statt nach einzelnen biochemischen Details. Eine Vorlesung, in der die Klausurfragen der diesjährigen MC besprochen werden, um aus ihnen zu lernen und in Diskussion zu kommen.

Ins Gespräch kommen scheint beim Thema Prüfungen ganz entscheidend zu sein. Andernfalls reden Hochschule und Studenten aneinander vorbei – zum Ärger für beide Seiten. Fakt ist: bis sich etwas ändert, bleiben die alten Prüfungsstrukturen bestehen. Und wenn die Prüfungen dann endlich geschrieben und bestanden sind, kann jeder Student erstmal drei Kreuze machen.


  1. SMPP (strukturiert mündlich-praktische Prüfung): eine mündliche Prüfung in Vierergruppen, bei der ein Kliniker und ein Vorkliniker die Teilnehmenden zu Semesterthemen befragen. Zusätzlich muss eine leichte praktische Aufgabe demonstriert werden (Blutdruckmessung, EKG-Anlage, Lungenauskultation, etc.
  2. OSCE (Objective structured clinical examination): ein modernes mündlich-praktisches Prüfungsformat, bei welcher der Student in der Rolle des Arztes verschiedene Stationen mit Simulationspatienten und besonderen Problemstellungen durchläuft. Dabei wird seine Anamnese, seine körperliche Untersuchung sowie der Aufbau der Arzt-Patienten-Beziehung von einem Prüfer bewertet. Zusätzlich zur Benotung erfolgt eine konstruktive Bewertung der erbrachten Leistung
  3. „Medicina soror philosophiae“: ein Zitat aus „De Anima“ des griechischen Dichters Tertullian, übersetzt so viel wie: „Die Heilkunst ist die Schwester der Philosophie.“

 

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