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  • Christine Zeides
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  • 27.06.2016

Und wie lernst du so? - Anatomie mal anders

Die Liste anatomischer Begriffe, die sich ein Medizinstudent gleich zu Beginn des Studiums in den Kopf hämmern muss, scheint schier unendlich. Wie soll man sich das alles merken? Christine hat die kreativen Methoden ihrer Kommilitonen gesammelt.

Es ist eine respekteinflößende Hürde, die den jungen Medizinstudenten gleich zu Beginn seiner Karriere erwartet: die gesamte menschliche Anatomie. Hunderte Knochen, Muskeln, Gefäße, Nerven und Gewebe gilt es, auswendig zu lernen. Makro- und mikroskopisch, topographisch und funktionell.

Kein Wunder, dass manch einer trotz aller Motivation und Interesse kaum weiß, wo er beginnen soll. Man sieht Studenten hochkonzentriert mit Club Mate und Schokolade in Anatomieatlanten starren und lernen. Es ist ein einfaches, klassisches, beinahe stumpfes Auswendiglernen - für viele eher eine Tortur als ein freudiger Lernprozess.

Gibt es also andere Wege, die Anatomie zu meistern, ja sogar Spaß daran zu haben?

Ich habe Berliner Studenten beim Anatomie lernen über die Schulter geschaut und ihre kreativen Wege für euch zusammengestellt. Die verschiedenen Techniken sind in drei Schwierigkeitsgrade eingeteilt:

Low Level: Lernen und Orientieren
Medium Level: Üben und Festigen
High Level: Performen!

Low Level: Lernen und Orientieren

"Es war einmal, an einer Apophyse vor unserer Zeit ..."

Hol das Märchenbuch heraus! Jetzt wird erzählt. Genauso wie Hänsel und Gretel kann man auch Muskelursprünge und -ansätze gut in kleinen Geschichten verpacken. So lassen sich beispielsweise in den Namen hervorragend Silben der entsprechenden Fachtermini verstecken. Danach braucht man sich nur innerlich erneut die Geschichte zu erzählen, um sich die anatomischen Fakten wieder ins Gedächtnis zu rufen. Hier ein Beispiel:

„Das Märchen von der unglücklichen Prinzessin: ein Märchen von den oberflächlichen Flexoren des Unterarms"

Prinzessin Pronatoria teres war unglücklich. Sie war ein zweiköpfiges Wesen und besaß als rechtmäßige Thronfolgerin die Krone (Proc. coronoideus). Auf Schloß Epicondylus medialis saß sie und blickte sehnsüchtig zur Radiostation (Ansatz am Radius). Wie gerne würde auch sie in den Medien Karriere machen!

Schon ganz in ihrem Kummer versunken, beschloss sie, sich Rat einzuholen. Da nahm der weise Flexor carpi radialis neben ihr auf dem Epicondylus Platz. Er kannte sich aus, hatte er doch selbst lange beim Radio gearbeitet. Drohend hob er den Zeigefinger (Ansatz am Os metacarpale II): diese Wünsche der Prinzessin würden zwangsläufig ins Unglück führen.

Doch sie hörte nicht auf den weisen und so begab es sich, dass sie auf den berüchtigten Flexor digitorum superficialis traf. Ein Halunke, wie er im Buche steht: auch er hatte Kontakte zum Radiosender (Urprung Vorderfläche Radius) - in Wahrheit aber wollte er vor allem die Krone (Proc. coronoideus) und Schloß Epicondylus in seine Gewalt zu bringen. Er versprach, ihr zu helfen ... doch er würde auch die entsprechenden Mittel verlangen (Ansatz Mittelphalange 2-4).

Das kam der Prinzessin doch merkwürdig vor und sie floh. Schließlich führte sie ihr Weg zu dem alten Flexor carpi ulnaris. Aus dem fernen Olecranon hatte dieser hier sein Zelt aufgeschlagen und war auf Schloß Epicondylus ein gern gesehener Gast. Die Prinzessin befragte ihn zu ihrer Zukunft und ob sie mit der Thronfolge zufrieden sein würde.

Da befragte er das Erbsenorakel (Os pisiforme) und riet ihr, hinter die Radiokarriere einen Haken (Os hamatum) zu machen. Als Prinzessin würde sie nie den kleinen Finger (Os metacarpale V) krümmen müssen und könnte es ich gut gehen lassen. Überglücklich verließ die Prinzessin das Zelt. Über der Szene spannte gerade der Palmaris longus von Schloß Epicondylus aus eine sternenbesetzte Palmaraponeurose über den Himmel ..."

"Foliensatz mal anders"

Wer kennt es nicht: unendliche PowerPoint-Präsentationen in den Vorlesungen. Der OHP steht unberührt neben dem Dozenten und kann nur traurig zuschauen. Umso besser für uns - da können wir die übrigen leeren Folien vom OHP für unsere eigenen Zwecke nutzen. In diesem Fall kann man sich unbeschrifteten Abbildungen aus dem Atlas kopieren (leichter) oder abzeichnen (besser) und dann die Folie darauf legen. Jetzt können mit einem Folienstift die Bezeichnungen eingetragen werden. Später korrigiert man mit dem Lehrbuch. Einiges nicht gewusst oder falsch gemacht? Nicht tragisch: einfach die Beschriftung von der Folie putzen und einen neuen Versuch starten. Anmerkung: mit einem wasserlöslichen Stift ist die mehrfache Verwendung gesichert.

"Modelle - nicht nur im Modellstudiengang"

Atlanten haben viele schöne, bunte Abbildungen. Sie zeigen verschiedene Perspektiven des Präparierten, heben Strukturen ab, stellen Überlappendes transparent dar. Manchmal ist es da gar nicht so einfach, sich zu orientieren.

Im Präpkurs lernt man dann an der echten Struktur, die dann eben doch ein bisschen anders aussieht als im Lehrbuch. Hier kann es hilfreich sein, sich im Vorfeld selbst ein kleines Modell zu basteln. Mit etwas Knete sind die Basalganglien schnell geformt und können ausgiebig von allen Seiten betrachtet und studiert werden. Ähnliches gilt für die Durablätter: zwei Finger geben die Gyri, darauf eng anliegende Frischhaltefolie, darüber ein helles Butterbrotpapier und als äußerste, harte Hirnhaut zwei Lagen Backpapier.

So kannst du dir die physiologischen und pathologischen Zwischenräume gut vergegenwärtigen. Für besonders Engagierte: Blutgefäße lassen sich leicht mit roten und blauen Strohhalmen darstellen. Auch wenn diese Methode sicherlich etwas Zeit benötigt, hilft sie bei der dreidimensionalen Vorstellung und belohnt mit längerfristig gesicherten Kenntnissen.

„Ich male mir meinen eigenen Anatomie-Atlas“

Um Anatomie richtig lernen zu können, muss man zuerst das Sehen lernen. Auf welche Strukturen kommt es an? Und wo genau sind eigentlich die Vertiefungen oder Ausbuchtungen? Wer mit einem Stift die Konturen der zu lernenden Strukturen auf ein Blatt Papier bringen kann, hat sicherlich genau hingesehen – und vergisst die Form auch nicht so schnell wieder. Selbst wenn man kein großer Zeichenkünstler ist – Malen hilft!

Wichtig ist, genau zu beobachten und sich die Größen- und Lageverhältnisse zu verdeutlichen. Wer zeichnet, wird schnell merken wie flüchtig der reine Blick in den Anatomieatlas war und wie viel intensiver man sich mit den Strukturen auseinandersetzt, wenn man sie selbst nachzeichnen muss. Nicht umsonst haben die großen Forscher und Wissenschaftler in Zeiten vor Fotografie und Animation alles Neuendeckte ausführlich abgezeichnet! (Und wenn das Bild gut geworden ist, hat man auch gleich eine nette Deko für das Studizimmer daheim…)

"Man kann sich Dinge besser merken, wenn Reime die Synapsen stärken"

Nochmal etwas für die medizinischen Literaten unter euch: Wie wäre es mit einem Anatomie-Gedicht? Reime kann man sich einfach besser merken. Hier ein Beispiel zum Thema Akkommodation des Auges:

Von der Akkommodation

Ja - auf den Abstand kommt es an,
damit der Mensch was sehen kann.
Mal will er in der Nähe lesen
mal gilt sein Blick gar fernen Wesen.

Die Linse krümmt sich zum studieren
weil Muskeln sich da kontrahieren
damit Zonulafasern ruhn -
der Ciliaris hat zu tun.

Entspannt jedoch der Blick zur Ferne,
das mag der Ciliaris gerne!
Die Fasern ziehen mit Bedacht
sodass die Linse abgeflacht.

Medium Level: Üben und Festigen

"Lernen mit bewegten Bildern - Kontakte zum späteren Ich"

Manche kennen ihn vielleicht noch aus der Grundschule: den Brief, den man an sein zukünftiges Ich verfassen musste. Ähnliches kannst du auch für die Anatomie tun: mach ein Lernvideo, in dem du dir selbst deine jetzigen Kenntnisse erklärst! Alles was du dafür brauchst, ist eine Kamera und ein Konzept. Im Nachhinein ist man immer schlauer als zuvor und weiß, welche Informationen zu welcher Zeit in den Erklärungen auftauchen sollten.

Wenn man selbst ein Script erstellen und sich eine Struktur für die Erläuterungen überlegen muss, lernt man selbst erneut und festigt das Wissen beim Einsprechen. Man kann dabei auch zeichnen oder an Bildern erklären. Und solltest du später bestimmte anatomische Strukturen wiederholen wollen, kannst du sie dir von dir selbst erklären lassen. Wenn dir dieses Konzept besonders gut gelingt, kannst du natürlich auch einen Youtube-Kanal starten und andere an deinen Erklärungen teilhaben lassen?

„Wer bin ich?“

Dabei handelt es sich um eine klassische Abwandlung des beliebten Spiels. Statt B-Prominenten ratet ihr eben anatomische Strukturen. So könnte eine mögliche Raterunde z.B. aussehen:

"Bin ich ein Muskel?"
- "Nein."
"Bin ich ein Nerv?"
- "Jap."
"Innerviere ich sympathisch?"
- "Korrekt."
"Hm, entspringe ich aus dem Plexus sacralis?"
- "Nein."
"Dann gehöre ich zu den oberen Extremitäten?"
- "Ganz genau."
"Bin ich für die Innervation der Unterarmmuskulatur verantwortlich?"
- "Ja, du versorgst die Extensoren."
"Dann bin ich der N. radialis?"
- "Nee, nicht mehr."
"Ich bin ein Zweig davon?"
- "Aha, und welcher?"
"Der N. interosseus?"
- "Und weiter?"
"Hm...posterior."
- "Korrekt!"

„Dem inneren Spieltrieb folgen – mit Brettspielen, Quiz und Co.“

Eine Idee für die kreative und bastelfreudige Lerngruppe, bei der keine Grenzen gesetzt sind. Sei es ein Memory mit Begriffen und Strukturen, sei es eine Runde „Mensch ärgere dich nicht“ durch die Hirnanatomie oder der Blutkreislauf als Würfelspiel: alles ist recht, was Spaß macht und gleichzeitig die gelernten Inhalte festigt.

Und wenn es auch nur ein Quiz ist: schon bei der Vorbereitung vertieft man sich in die Materie und trainiert dann mit seinen Mitstreitern die Wiedergabe. Beliebt: Wetten abschließen, wer die meisten Strukturen kennt! Schauspielerisch Begeisterte können in der Neurologie-Vorbereitung auch auf den „Läsion-o-mat“ zurückgreifen: während ein Student ein Krankheitsbild darstellt (die vielen verschieden neurologischen Erkrankungen mit Paresen, Bewegungs- und Gangstörungen, Tremor und Kleinhirnsyndromen bieten eine Vielzahl von Läsionen!), erraten die Zuschauer die Erkrankung und vergegenwärtigen sich erneut die beteiligten anatomischen Strukturen. Und natürlich gibt es auch einiges zu lachen, denn: Spielen macht Freude – und mit Freude lässt es sich gleich viel besser lernen.

High Level: Performen!

"Einfach (Pfeil)spitze in Anatomie"

Hast du erst einmal alles Wissen in seinem Kopf vereint, gilt es dieses erworbene Wissen auch zu behalten! Dafür eignen sich Spiele in der Lerngruppe, wie beispielsweise das Pfeilspitzenspiel: ein Student mimt dabei den Schützen und der andere die Beute. Nun wird ein fiktiver Pfeil auf den Körper geschossen und der Eintrittswinkel den anderen Spielern gezeigt. Diese haben nun die Aufgabe, alle Strukturen zu benennen, die die Pfeilspitze durchbohrt hat.

Wie genau man dabei ins Detail gehen möchte, bleibt jedem selbst überlassen. Wer schon einzelne Hautschichten benennt oder meint, ein Vater-Pacini-Körperchen aufgespießt zu haben, der muss sich vor keiner Anatomieprüfung mehr fürchten!

Sicher gibt es noch viele andere Wege, um sich die Anatomie besser als mit zermürbendem Auswendiglernen zu erarbeiten! Selbst wenn diese Methoden manchmal mehr Zeit und Aufwand benötigen: letztendlich liegt schon in der Konzeptentwicklung der Lernmethode das Lernen selbst, man strukturiert, ordnet, legt Schwerpunkte fest, behält den Überblick. Man lernt gemeinsam, inspiriert sich gegenseitig und aufkommende Fragen können schnell geklärt werden. Also: Game over für die Anatomiepanik!

alle Bilder: © Christine Zeides

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