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  • Ildem Gemici
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  • 22.10.2019

Als Frau im Militär - Meine Erfahrungen im Rotkreuz Dienst

"Im Sommer gibt es Besseres als im Militär stramm zu stehen!“ - So lautete die Antwort meiner Familie als ich ankündigte, dass ich dem Rotkreuzdienst beitreten möchte. Recht hatten sie. Doch wie sich später herausstellen sollte, hat Frau in Grün durchaus mehr zu tun, als nur stramm zu stehen.

Bevor ich euch über meinen Weg von Zivilistin zu Rekrutin im RKD, ausgeschrieben Rotkreuzdienst, berichte, stelle ich euch kurz den RKD vor: Seit 1903 ist der Rotkreuzdienst eine Organisation des Schweizerischen Roten Kreuzes. Der Leitspruch ist „jeden Menschen in Not zu pflegen, unabhängig von Nationalität, Herkunft, Religion oder anderer Unterschiede“. Diesen Dienst können nur Frauen leisten, welche eine qualifizierte medizinische Ausbildung absolviert haben, also Ärztinnen, Fachangestellte der Gesundheit, Physiotherapeuten und viele weitere Berufe. Der RKD ist freiwillig und wird in Uniform angetreten. Die Frauen gehören nicht dem Militär an, aber absolvieren die „Grüne Ausbildung“ zusammen mit den Männern im Militär, sprich sie schliessen die militärische Grundausbildung ab um den Sanitätsdienst der Schweizerischen Armee zu unterstützen. Zu den sieben Rotkreuzgrundsätzen gehören: Menschlichkeit, Unparteilichkeit, Neutralität, Unabhänigikeit, Freiwilligkeit, Einheit und Universalität. (Weitere Informationen auf der Webseite www.rkd.ch).

Zurück zu meiner Geschichte: Wir schreiben den Sommer 2014. Ich stehe kurz vor dem Antritt in das neue Semester. In der Hoffnung, dass die ersten Informationen über den Stundenplan schon hochgeladen sind begebe ich mich auf die Webseite der Berner Medizinischen Fakultät, wobei es mich nicht überraschte, dass ich zwei Wochen vor Studienbeginn gähnende Leere auffinde. Das einzige was ich an diesem regnerischen Tag noch tun konnte war die Webseite zu durchstöbern, wobei ein Newsbeitrag vom Jahr 2010 mein Interesse auf sich gezogen hat: „Der Rotkreuzdienst des SRK führt Orientierungsanlässe durch, um über die Ausbildung zur Ärztin im Rotkreuzdienst zu informieren.“. Viele Fragen schwirrten mir durch den Kopf: Was ist ein Rotkreuz-„Dienst“? Wieso steht da „Ärztin“ und nicht Ärzte? Welch Männderdiskriminierung!

Nach einer gefüllten Stunde recherche war ich erfüllt mit Neugier, mehr Fragen und Verwirrung, denn meine Quintesenz: Ich kann einen Dienst wie die Männer im Militär leisten und dabei anderen Menschen helfen! Die Philanthropistin in mir war entzückt, denn nach der Ausbildung kann ich im Ausland den Menschen in Not helfen! Das ist die Gelegenheit meinem Traum einen Schritt näher zu sein! Weniger entzückt war mein innerer Schweinehund, denn wenn man den Soldaten im Zug lauscht, hört man über die elendlangen Märsche und die schweren Rücksäcken, welche weit über 20 kg sind. Der Zweifel kam schneller als gedacht: Was kann mir der RKD überhaupt bieten? So schnell wie die Euphorie gekommen ist, war sie schon wieder weg.

November 2017. Mein alljährliches Geburtstagsessen war angesagt. Dieser ach so normale Abend mit Freunden endete zu meiner Überraschung mit einer Anmeldung an einen unverbindlichen Orientierungsanlass für den RKD. Grund dafür war meine Freundin Elettra. Es hat sich herausgestellt, dass sie seit zwei Jahren diensttaugliche im RKD ist und als überzeugte „Obergefreite“ (einem Rang im Militär) konnte sie mir all meine übrigend Fragen und Zweifel eliminieren. Ihre Begeisterung hat mich so sehr gepackt, dass ich es zumindest versuchen musste.

Die Einladung kam für den Februar 2018: „Nicht jede Frau unter Ihnen ist aus dem richtigen Holz geschnitzt um diese Ausbildung durchzuführen. Schlaft eine Nacht darüber und sendet die definitve Anmeldung nach guter Überlegung uns per Post zu. Nachdem dieser Brief bei uns angekommen ist, gibt es kein Zurück mehr!“ So lauteten die ermahnenden Sätze am Orientierungsanlass von Thomas Zweili, Fachbereichsleiter der Geschäftsstelle RKD. Die Warnung hat mich kalt gelassen, denn nach solch einem Vortrag und den Erfahrungsberichten zweier Frauen war ich gepackt von der Idee mich durch das Schlamm zu wälzen, draussen unter klarem Sternenhimmel zu nächtigen und Hügel, ausgestattet mit 25 kg Gepäck, zu erklimmen. Mein innerer Schweinehund, still wie sonst nie, und nicht mal die Realität, dass ich eine fehlende Kondition habe, konnten mich von der Idee bringen dem RKD beizutreten! Wieso soll ich mich von Herr Zweili davon abhalten lassen? Doch zu meinem Erstaunen konnte ich in dieser Nacht nicht schlafen, denn Herr Zweili hat Zweifel aufkommen lassen. Scheint so, als ob es doch mehr braucht als Wille. Ich könnte die Sommerferien am Strand an einem Mojito schlürfend verbringen. Wieso möchte ich ausgerechnet in Uniform in der unerträglichen Hitze den Sommer verbringen?

Die Disziplin, der starke Wille, die eigenen Grenzen entdecken: dies waren die Gründe, wieso mein Brief doch bei der Geschäftsstelle angekommen ist. Ich wollte etwas für mich tun, meine Grenzen kennen lernen mich mit einer unbequemen Welt vertraut machen. Dinge lernen, die man sonst nirgends lernen kann (wie es die Männer so schön sagen). Erleben, was Kamaradschaft bedeutet. Die Ausbildung besteht nicht nur aus grüner Schule. Wir werden in PHTLS und ATLS geschult. Wir werden auf ein klares und eifaches Denken gedrillt, um in einer Notsituation nicht aus der Ruhe zu geraten. Doch dazu später mehr, denn mich trennte nur noch ein Ereignis vor all dem: die Rekrutierung.

Die Rekrutierung findet in Sumiswald statt und ist der letzte Schritt, bevor man einen Dienst antreten darf. Diese trennt das Spreu vom Weizen mit fünf Tests: Einem Eignungstest am Computer, der medizinischen Kontrolle um zu sehen, ob man körperlich diensttauglich ist, dem Seh- und Hörtest und einer psychologischen Beurteilung. Zuletzt wird man von der Chefin RKD und ihrer Stellvertreterin höchstpersönlich in‘s Verhör genommen und mit diversen Fragen durchlöchert. Sie hat das letzte Sagen und kann einer Karriere im RKD im Wege stehen. Sie selbst hat uns am Ende des Tages die Nachricht verkündet: Jede im Raum war von nun an eine zukünftige Rekrutin. Die Heimreise im Zug war gefüllt mit Gelächter und Ideen, wie es sein könnte. Werden wir es schaffen drei Wochen lang dem Druck stand zu halten oder wird es der einen oder anderen Rekrutin das Wind von den Segeln nehmen?

 

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