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  • Oleg Spektor
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  • 06.08.2012

Allgemeinmedizin in der Bonner Klinik

Im zweiten klinischen Semester hat der Bonner Medizininstudent seine erste ausführliche Begegnung mit der Allgemeinmedizin. Grund genug für Oleg, dieses spannende und unterschätzte Fach einmal genauer unter die Lupe zu nehmen. Hier erklärt er euch, was den "Hausarzt" ausmacht – und welche Verantwortung er trägt.

Der Unterricht findet in den Seminarräumen des neuen Lehrgebäudes auf dem Bonner Venusberg statt. Es gibt sechs Seminartermine und einen praktischen Termin, bei dem die Seminargruppen ihren Dozenten in seiner allgemeinärztlichen Praxis besuchen und sein Berufsfeld aus der Nähe kennenlernen können. Abgeschlossen wird das Seminar am Semesterende mit einer Multiple Choice Klausur mit größtenteils fallbasierten Fragen und Aufgaben.

In Mittelpunkt jedes Seminartermins steht ein häufiges Beschwerdenbild oder eine bestimmte Behandlungssituation. Abgedeckt werden Bereiche wie Bauchschmerzen, Kreuzschmerzen, Brennen beim Wasserlassen, das metabolische Syndrom, Fieber, aber auch die Sterbebegleitung. Das Erfrischende und Interessante am Unterricht ist die Tatsache, dass hier nicht bloß ein theoretischer Behandlungsablauf eingeübt wird. Es werden vielmehr konkrete Patientenfälle besprochen und dann gemeinsam entschieden, wie am besten verfahren werden muss.

Dieses fallorientierte Lernen ist eine willkommene Alternative, da die Studenten sich hier bereits in der Rolle des Arztes versuchen können und sich die Frage stellen müssen: "Wie würde ich jetzt genau diesen Patienten eigentlich behandeln? Welche Themen würde ich ansprechen? Welche Medikamente und therapeutischen Maßnahmen verordnen? Was muss ich berücksichtigen?" Dabei wird schnell deutlich, dass solche Entscheidungsprozesse nicht ganz so einfach sind, wie häufig angenommen.

Deshalb gibt es Leitlinien, die von der deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) erstellt werden. Solche Leitlinien standardisieren das ärztliche Vorgehen und klären genau, ab wann zum Beispiel ein Fieber oder ein Kreuzschmerz als besonders problematisch einzustufen ist und wann ein Patient in ein Krankenhaus eingewiesen werden muss. Die Leitlinien bieten einen präzisen Behandlungsalgorithmus an und ermöglichen so eine optimale Anamnese, Diagnostik und Therapie. Auf diese Weise wird die Behandlungsqualität gesichert.

 

Wer geht zum Allgemeinarzt?

Wahrscheinlich ist der Allgemeinarzt derjenige Mediziner, dessen Arbeit der breiten Bevölkerung am besten bekannt ist. Die Gründe hierfür liegen auf der Hand: Der Allgemeinarzt ist der erste Ansprechpartner für gesunde und kranke Menschen mit sowohl körperlichen als auch seelischen und sozialen Problemen. Um die Position und Bedeutung des Allgemeinnarztes einschätzen zu können, ist es wichtig zu wissen, dass über 95% aller Behandlungsfälle ambulant erfolgen und 45% aller Fälle allein vom Allgemeinmediziner behandelt werden.

Häufig werden Familien über Generationen hinweg von einem Allgemeinarzt bzw. dessen Nachkommen betreut, so dass hier das so wertvolle Vertrauen zwischen Patient und Arzt nach und nach ganz natürlich wachsen und sich entwickeln kann. Dies steht in krassem Kontrast zu einer klinischen Behandlungssituation, in welcher ein behandelnder Arzt innerhalb von meist einer Woche versuchen muss, ein Vertrauensverhältnis zum Patienten aufzubauen, welches als Grundlage einer erfolgreichen Therapie dienen soll.

Ein Allgemeinmediziner versucht, sich möglichst schnell und urteilsfrei ein Bild von der gesamten Lebenssituation des Patienten zu verschaffen. So gehört zur Anamnese nicht nur die aktuelle Beschwerdensymptomatik, sondern auch die gesamte bisherige Krankheitsgeschichte, das umgebende soziale Feld, die Stärken und Schwächen des Patienten, seine familiäre und berufliche Situation. An dieser Stelle bildet sich bereits ab, wie spannend, aber auch anspruchsvoll der Aufgabenbereich ist: der Allgemeinarzt wahrt wie ein Stratege auf dem Schachbrett den Überblick über die gesamte vorliegende Situation des Patienten, ist aber auch gleichzeitig Ansprechpartner und Vertrauensperson.

 

Fachliches Know-How und Einfühlungsvermögen

Außer der zwischenmenschlichen Komponente ist selbstverständlich auch fundiertes Fachwissen gefragt. Der Allgemeinarzt verfügt über ein festes Arsenal an Werkzeugen, die eine angemessene und bestmögliche Behandlung des Patienten garantieren sollen. Im Mittelpunkt stehen Begriffe wie "Abwendbar gefährlicher Verlauf" und "Abwartendes Offenhalten". "Abwendbar gefährlicher Verlauf" meint, dass ein besonders komplizierter Verlauf mit eventuellen lebensgefährlichen oder langfristig bleibenden Folgen einer Krankheit durch eine angemessene und zeitgerechte Therapie zumeist abgewendet werden kann.

Ursache eines solchen gefährlichen Verlaufs einer Krankheit kann beispielsweise das Übersehen von wichtigen Warn- und Risikofaktoren, den so genannten "Red Flags" sein. So können sich hinter Atembeschwerden zum Beispiel nicht nur banale Infekte der oberen Atemwege, sondern auch ein akuter Herzinfarkt mit nachfolgender Herzinsuffizienz verstecken. Auch Bauchschmerzen nimmt der Allgemeinarzt nicht auf die leichte Schulter, denn hier kann sich eventuell ein akuter Verschluss des Darmlumens verstecken, der schnell behandelt werden muss oder eine Appendizitis, die bei Durchbruch eine gefährlich Entzündung des gesamtem Bauchraums nach sich ziehen kann.

Solche gefährlichen Verläufe können durch eine saubere Anamnese und Diagnostik meist von ungefährlichen Verlaufen getrennt werden. In manchen Fällen ist es aber selbst bei optimaler Vorgehensweise nicht möglich, die Symptome sicher einem Krankheitsbild zuzuordnen. Wenn in einem solchen Fall nicht von einer akut gefährdenden Situation ausgegangen wird, kann der Patient nach Hause geschickt werden, um nach wenigen Tagen wiederzukommen.

 

Abwartendes Offenhalten

Dabei bleibt die therapeutische Aufmerksamkeit des Arztes bestehen und nach wenigen Tagen wird der Zustand des Patienten auf Veränderungen genauestens überprüft. Falls der Zustand sich deutlich ändert, die Beschwerden sich verstärken oder neue Beschwerden hinzukommen, kann der Mediziner aus einer lauernden aufmerksamen Position heraus schnell reagieren. Ein solches Vorgehen wird "Abwartendes Offenhalten" genannt und ist ein weiteres wertvolles Instrument in der allgemeinärztlichen Praxis.

Abschließend bleibt festzuhalten, dass die Allgemeinmedizin ein spannendes und abwechslungsreiches Fach darstellt, welches mich mit seiner Vielseitigkeit herausfordern und begeistern konnte.

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