• Bericht
  • |
  • Hanna Hohenthal
  • |
  • 29.10.2013

Famulatur im Speckgürtel von Zürich

„In der Schweiz sind alle so nett“ – diesen Satz hörte unsere Lokalredakteurin Hanna häufig, als sie von ihren Plänen in der Schweiz zu famulieren, erzählte. Für vier Wochen ging sie in die Innere Medizin und Notaufnahme in einem kleinen Krankenhaus im Speckgürtel von Zürich. Ob die Eidgenossen wirklich freundlich waren, und was den Schweizer Klinikalltag vom deutschen unterscheidet, berichtet sie euch hier.

Die Luzerner Kapell-Brücke - Foto: H. Hohenthal

 

Eine Famulatur in der Schweiz – das ist fast schon so alltäglich, wie in Köln, Dresden oder Castrop-Rauxel zu famulieren. Auch mich zog es für meinen ersten richtigen Klinikaufenthalt gen Süden, begleitet von Kommentaren wie „Schweiz? Da kriegt man doch richtig viel Kohle!“ und „Hach ja, in der Schweiz, da ist die Ausbildung eh viel besser als hier bei uns – und alle sind so nett!“. Ich famulierte in einem kleinen Krankenhaus mit 150 Betten im Speckgürtel von Zürich. Offiziell war ich auf der Inneren, doch ich konnte frei entscheiden, wo ich mitlaufen wollte. Die erste Woche war ich auf  der Station, danach in der Notaufnahme und dann zwei Tage beim Kardiologen.

 

Mit einem höflichen Umgangston lernt es sich besser

Meine manuellen Fertigkeiten konnte ich leider nicht sehr verbessern – die Pflege legt hier die Zugänge, nimmt Blut ab und kümmert sich um die Blutgasanalysen. Immerhin bekam ich teilweise Bescheid gesagt, dass ich paar Sachen übernehmen könnte, nachdem ich mich zuvor freiwillig dafür gemeldet hatte. Leider ging das aber schnell unter, wenn viel zu tun war.

Was habe ich also gelernt? Zum einen Patienten aufzunehmen. In der Notaufnahme übte ich vor allem die  Anamnese, Untersuchung und Vorstellung des Patienten. Außerdem gab ich Vorschläge für das weitere Prozedere. Durch diese Übungen schwand meine Unsicherheit gegenüber den Ärzten – eine weitere gute Erfahrung. Auch das Briefe schreiben wurde dadurch interessanter: Ich konnte „meinen“ Patienten nochmal Revue passieren lassen und Einblicke bekommen in die Kunst, schnell einen annehmbaren Arztbrief zu schreiben. Bei dem Kardiologen ging es mir vor allem um die geheimnisvolle Welt des EKGs. Er erklärte viel beim Mitlaufen und hielt für die Unterassistenten Tutorien ab. Ich lernte außerdem die Stationsarbeit mit Visiten, Rapporten und dem „Was-hab-ich-Spiel“ kennen. Auch bei den Arbeitszeiten konnte ich die Früh-, Spät- oder Nachtschicht wählen. Nichts Neues, aber immer noch überraschend für uns Deutsche ist der respektvolle und höfliche Umgangston – so lässt es sich viel besser Lernen!

 

Alle sind per Du

Gleich zu Beginn war klar, egal ob Chefarzt, Unterassistentin, Oberärztin oder Mensafrau: Alle sind per Du. Einzige Ausnahme war ein äußerst netter älterer Arzt, bei dem das „Sie“ obligatorisch war. Glücklicherweise wurde ich darauf – rechtzeitig vor dem ersten Fettnäpfchen – von den anderen Assistenten hingewiesen. Die Kompetenzen und Positionen sind aber trotz dem „Du“ klar spürbar.  Ich hatte das Gefühl, man erwirbt sich den Respekt über die eigene Kompetenz und vor allem durch respektvolle Umgangsformen. Das macht das miteinander arbeiten sehr angenehm und produktiv.

Der Umgangston, den man manchmal in deutschen Kliniken erlebt, ist hier nur äußerst schwer vorstellbar. Das Verhältnis zwischen Ärzten und Pflege war angenehm. Es ging professionell und meist gut gelaunt an die Arbeit und ich habe selten jemanden mürrisch oder zynisch erlebt.

 

Die Kehrseite der Medaille

Aber auch in der Schweiz gibt es natürlich unangenehme Seiten im ärztlichen und pflegerischen Alltag. Vertraglich festgelegte wöchentliche Regelarbeitszeit sind 50 Stunden, die Überstunden gehen auch hier – vor allem bei den Assistenzärzten – häufig weit darüber hinaus. Der gesetzlich festgelegte Mindesturlaub beläuft sich auf 20 Tage pro Jahr – vier weniger als in Deutschland. Nicht alle Assistenzärzte sind zufrieden mit ihrer Betreuung. Die Verantwortung und Arbeitsbelastung wirkt auch hier gerade zu Beginn erdrückend. Ausländische Ärzte empfinden den sozialen Einstieg in der Schweiz manchmal als schwierig. Trotz Höflichkeit und freundschaftlichen Arbeitsverhältnissen finden sie nicht den Zugang zu neuen Freundeskreisen. Die Preise für Lebensmittel und Klamotten sind zwar nicht mehr weit vom (süd-) deutschen Niveau entfernt, auswärts essen, Wohnen in der Stadt und Versicherungen sind jedoch große Posten im monatlichen Budget – gerade für Familien.

Die Meinungen gehen auseinander. Für einige deutsche Ärzte ist es das Eldorado, andere geben an, am Monatsende netto nicht mehr übrig zu haben als in Deutschland. Es kommt eben nicht nur darauf an, wie viel man einnimmt, sondern auch, wie viel man ausgibt.

 

Wie bewerbe ich mich?

Sich zu bewerben ist nicht schwer. Schreibt einfach die Kliniken an. Je nach Sprachkenntnissen in der deutschen, französischen oder italienischen Schweiz. Schweizerdeutsch müsst ihr nicht sprechen, aber wenn ihr es versteht, punktet ihr damit. Wichtig ist, dass ihr euch als Famulanten bewerbt, auch wenn es das im Schweiz Curriculum so nicht gibt. Bei mir gab es zu Beginn ein paar Missverständnisse, da ich mich aus Unkenntnis auf eine Unterassistenten Stelle beworben hatte  – die sind den PJlern vorbehalten. Als Famulant bekommt man bis zu 800 CHF pro Monat, das sind ca. 600 EUR. Für ein Zimmer in der Klinik rechnet man mit ungefähr 300 CHF. Ein Sandwich in der Cafeteria kostet 5 CHF, ein Gipferli (Croissant) knapp 2 CHF, die Zugfahrt von Zürich nach Luzern 25 CHF, ein Liter Benzin schwankt um die 1,80 CHF, eine Pizza auswärts ab 15 CHF, eine Stange (ein kleines Bier) 5 CHF. Einige Kliniken zahlen Famulanten jedoch nichts. Je nach Region muss man sich recht früh bewerben. PJ-Plätze sind teilweise zwei Jahre im Voraus ausgebucht, aber auch hier kann man kurzfristig Glück haben, wenn Leute abspringen. Alle weiteren Formalitäten werden von der Klinik geregelt. Auch die Anerkennung von Famulaturen oder PJ Tertialen stellt in der Regel kein Problem dar. Wer sicher gehen möchte, fragt vorher beim zuständigen LPA an.  

Viel Spaß beim Ausprobieren!

Mein Studienort

Medizinstudenten berichten aus ihren Unistädten

Werde Lokalredakteur Die Unistädte auf Google Maps
Medizin im Ausland

Erfahrungsberichte und Tipps aus über 100 Ländern

Erfahrungsbericht schreiben Auslands-Infopakete