• Interview
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  • Hanna Hohenthal
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  • 09.04.2014

Interessenskonflikte in der Medizin

Viele Ärzte pflegen einen engen Kontakt mit der Industrie – daran ist auch nichts verwerflich. Kritisch wird es jedoch, wenn diese Ärzte in der Lehre tätig sind und die Studenten – bewusst oder unbewusst – beeinflussen. Wie groß ist dieses Problem an deutschen Unis? Und sollten Dozenten ihre Interessenskonflikte offenlegen? Hanna Hohenthal sprach mit Pascal Nohl-Deryk, Bundeskoordinator der AG Gesundheitspolitik der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland e.V. (bvmd).

Foto: MEV

> In Münster führte eine Anästhesie Vorlesung zum Anstoß einer Debatte über Interessenskonflikte in der Medizin. Der Dozent sei im Vorstand eines großen Arzneiprodukteherstellers gewesen und habe ein Produkt des Konzerns übermäßig angepriesen. Auch Brötchen sollen von einem Medizinproduktehersteller während der Vorlesung verteilt worden sein. Hältst du das für Einzelfälle an deutschen Universitäten? Und wie bewertest du diese Praktiken?

Ja, das ist in dieser extremen Form ein Einzelfall und nichtsdestotrotz mehr als verwerflich. Ein Dozent der Ergebnisse eines Präparates so hervorhebt und Nebenwirkungen überspringt, wird seinem wissenschaftlichen Lehrauftrag nicht mehr gerecht. Die Lehre muss sich rein nach Evidenz richten und es kennzeichnen, wenn das nicht möglich ist, weil zum Beispiel keine ausreichende Evidenz vorliegt. Wenn man als Universität und Fakultät Wert auf unabhängige Lehre legt, dann sollte dieser Dozent zumindest keine Vorlesungen mehr in diesem Fachbereich halten. Im Idealfall sind solche Interessenkonflikte natürlich von vornherein zu vermeiden.  

 

> In Münster wurde ein Antrag der Studierenden des Fachbereichsrats abgelehnt, der Dozenten dazu verpflichten sollte, Interessenskonflikten offenzulegen. Der Antrag wurde abgelehnt, da die rechtliche Grundlage dafür fehle. Daraufhin wurde ein neuer Antrag eingereicht, der lediglich eine Empfehlung für eine solche Offenlegung beinhaltet. Im April letzten Jahres wurde auch dieser Antrag abgelehnt. Gibt es diesbezüglich neue Entwicklungen?

Soweit ich weiß, gibt es keine weiteren Entwicklungen. Ich finde es aber sehr schade, dass auf die Empfehlungen verzichtet wurde – das war ja schon eine sehr abgeschwächte Form. Ursprünglich lautete der Antrag ja eine Offenlegung zu verpflichten, statt zu empfehlen. Eine Forderung, die auch ich sinnvoller finde. Die Begründung von Seiten der Professoren im Fachbereichsrat lautete, die Dozenten könnten selbst einschätzen, wann sie Studierende über Interessenskonflikte informiere müssten. Das ist in meinen Augen nur eine prima Entschuldigung, um gar nichts zu tun und alle Interessenskonflikte unter den Teppich zu kehren. Das ist das Gegenteil von verantwortlicher Lehre. Die bvmd fordert daher die medizinischen Fakultäten auf, Richtlinien zu Interessenkonflikten zu erarbeiten, durchzusetzen und wissenschaftlich zu evaluieren. In diesen Richtlinien sollte dann auch auf eine solche Offenlegung eingegangen werden.

 

> An der Charité gibt es mit Advert retard® ein Seminar für Studenten zum richtigen Umgang mit den Avancen der Pharmafirmen. Vereine wie Certified Medical Independence und die Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft bieten ebenfalls Seminare an, die auf reges Interesse stoßen. Was wünschst du dir für die Zukunft?

Ich bin begeistert von diesen Seminaren und habe bisher vor allem positive Rückmeldungen erhalten. Gleichzeitig würde ich mir aber wünschen, dass nicht nur besonders interessierte Studierenden, sondern alle über Interessenskonflikte und Beeinflussung aufgeklärt werden. Es könnte ein Teil des Curriculum werden, zum Beispiel im Querschnittbereich 2 in dem es auch um Ethik in der Medizin geht. Weiterhin wären klare Regeln für den Umgang mit Interessenskonflikten von Dozenten wünschenswert, wie oben schon angesprochen. Auch eine Evaluation dieser Maßnahmen ist nötig, nur dann kann sichergestellt werden, dass die Regeln weder zu lasch, noch zu streng sind.

 

Pascal Nohl-Deryk - Foto: Samuel Situmorang

Pascal Nohl-Deryk - Foto: Samuel Situmorang 

 

> Prof. King von der Yale Universität kommt in ihrer Studie zu dem Schluss, dass Medizinstudenten in ihrer Entscheidung für oder gegen ein Medikament von Werbung der Pharmaindustrie beeinflusst werden. Aus Deutschland wurde kritisch angemerkt, dass amerikanische Studenten viel mehr Zeit in Krankenhäusern verbringen als deutsche und so leichter zu beeinflussen seien. (1) (2). Existiert das Problem also in Deutschland überhaupt in einem relevanten Ausmaß? Brauchen wir Richtlinien an unseren Universitäten, wie sie in den USA seit 2002 zunehmend etabliert werden?

Zunächst ist es natürlich falsch von der Zeit im Krankenhaus auf den möglichen Grad der Beeinflussung zu schließen. Beeinflusst werden kann man auch mit geringer Präsenz, entscheidend ist, dass jemand es versucht. Weitere Anhaltspunkte für die Relevanz der Diskussion, auch in Deutschland, gibt es in einer kürzlich veröffentlichten Studie. In ihrer Dissertation hat sich Cora Koch, eine Medizinstudentin aus Münster, mit der Haltung von Medizinstudierenden bezüglich Geschenken und dem Umgang mit Vertretern pharmazeutischer Unternehmen beschäftigt. Dabei hat sie herausgefunden, dass über 80% der Studierenden bereits Werbegeschenke erhalten oder an einer gesponserten Vorlesung teilgenommen haben. Außerdem halten die Studierenden die eigene Beeinflussbarkeit für geringer, als die ihrer Kommilitonen. Eine inkongruente Auffassung, die es auch unter Ärzten in ähnlicher Weise gibt. Es existiert meines Wissens in Deutschland keine so ausführliche Studie, wie von Prof. King. Die angeführten Erkenntnisse lassen aber vermuten, dass die Ergebnisse durchaus auch auf Deutschland übertragbar sind. Genau deshalb können und müssen wir hier auch etwas tun. Die angesprochenen Richtlinien zum Umgang mit Interessenkonflikten können selbst kein Fehlverhalten verhindern, geben aber einen Rahmen vor. Entsprechend ist damit dann nicht alles getan, sondern es ist nur ein Baustein, zu einem besseren akademischen Umgang. Auch Seminare für Studierende und Dozenten zum Umgang und zur Vermeidung von solchen Konflikten wären ein solcher Baustein.

 

> In einem Paper des Bundestages (3) wird hervorgehoben, dass ein Interessenskonflikt nicht automatisch zu einer Fehlhandlung führe. Interessenskonflikte könnten demnach nicht aufgehoben werden, sondern es müsse für die Risiken sensibilisiert werden. Es wird angemerkt, dass die Zusammenarbeit mit Pharmafirmen wichtig sei und nicht pauschal verteufelt werden dürfe. Deine Meinung dazu?

Es ist natürlich absolut richtig, dass Interessenskonflikte nicht automatisch negative Effekte haben. Jeder der sich damit ernsthaft auseinandersetzt, betont dies auch. Bei Interessenskonflikten muss es um Transparenz gehen, damit jeder sich selbst ein Bild über eine mögliche Verzerrung von Studien, Unterrichtsinhalten oder ähnlichem machen kann. Auch die Zusammenarbeit von Universitäten, Unikliniken und pharmazeutischen Unternehmen auf professioneller Ebene soll nicht behindert werden. Aber diese Unternehmen sind nicht dafür da, für Dozenten und Ärzten Reisen und Veranstaltungen zu bezahlen, das muss über den eigentlichen Arbeitgeber geschehen. Das geht deutlich über die professionelle Ebene hinaus und kann bereits beeinflussen. Schließlich stehen Menschen nicht gerne in der Schuld und versuchen diese, oft auch unbewusst, auszugleichen. Im Falle des Pharmasponsorings ist so ein Ausgleich relativ leicht zu erzielen: durch mehr Verschreibungen und das Einführen neuer Präparate. Überlegungen wie, „Das tut ja keinem weh, die Medikamente helfen ja den Menschen“, beruhigen das eigene Gewissen. Für dieses soziologische Phänomen gibt es sogar einen Begriff, die Reziprozität.

 

> Wie können Studenten aktiv werden, die sich mit der Problematik auseinandersetzen möchten?

Es gibt bereits Initiativen, wie die BuKo Pharma Kampagne oder die No free lunch-Bewegung die in Deutschland durch Mezis (Mein Essen zahl' ich selbst) vertreten wird, die dazu Infomaterialien anbieten und auch zur Mitarbeit aufrufen. Interessierte Studierende sind dort immer willkommen. Außerdem plant meine AG auf diesem Feld stärker aktiv zu werden. Wer sich dabei einbringen möchte, kann sich gerne unter nohp@bvmd.de melden.

 

> Gibt es noch etwas, das du zu dem Thema sagen möchtest?

Ja, es geht mir nicht darum Kontakte zur Arzneimittel- und Medizinprodukteindustrie zu verteufeln. Ich möchte betonen, dass Kontakte und Zusammenarbeit mit der Industrie auch in der medizinischen Forschung wichtig sind. Genauso wichtig, ist aber auch eine Offenlegung dieser Verknüpfungen, um sicher zu stellen, dass die Lehre nicht beeinflusst wird. Ich werbe für einen rationalen Umgang und dementsprechend für Offenlegung und natürlich, wo möglich, für Vermeidung von Interessenkonflikten.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Quellen:    

(1) King M, et al:BMJ (online) 31. Januar 2013 http://dx.doi.org/10.1136/bmj.f264

(2) Eppinger U, Medscape Deutschland Medizinpraxis (online) 6. Februar 2013 http://praxis.medscapemedizin.de/artikel/4900765

(3)  Zu Bentheim A, Mandl A, Aktueller Begriff: Interessenskonflikte in der Medizin, Fachbereich WD 9, Gesundheit, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Wissenschaftliche Dienste Deutscher Bundestag    

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