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  • Hanna Hohenthal
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  • 25.08.2014

Interview mit Johannes Bittner - Mitbegründer von "Was hab' ich?"

Patienten werden meist aus ihren Arztbriefen nicht schlau. Das Portal „Was hab' ich?“ hat dies erkannt und bietet eine Übersetzung der Briefe für jedermann kostenlos an. Im Interview erzählt Mitbegründer Johannes von den Anfängen des Portals und wie es sich in Zukunft weiterentwickeln soll.

 

Pressefoto - Foto: ein-satz-zentrale.de

Das Gründertrio der Initiative "Was hab' ich?". Von links nach rechts: Anja Bittner, Johannes Bittner und Ansgar Jonietz.

 

Herr K. schaut ratlos auf den Brief in seiner Hand. Der nette Arzt gestern hatte es ihm doch ganz genau erklärt. Doch jetzt wirbeln die Ereignisse und Gespräche der letzten Wochen in seinem Kopf Durcheinander. Und der Arztbrief hilft ihm leider auch nicht weiter, den versteht vielleicht ein Arzt-Kollege, aber doch nicht er!

 

So wie Herrn K. geht es vielen Patienten. Wenn sie sich allein gelassen fühlen und nicht verstehen, was mit ihnen im Rahmen ihrer Erkrankung passiert, liegt das auch am generellen Zeitmangel in deutschen Kliniken und an Ärzten, die schlecht kommunizieren. Erschwerend kommt die Ausgangssituation hinzu. Schon unter normalen Umständen erinnern wir uns an erschreckend wenig von dem, was wir besprechen. Je länger das Gespräch zurück liegt, desto schwieriger. Dazu kommt dann noch der Stress, den ein Krankenhausaufenthalt oder eine ernste Diagnose mit sich bringt. Und zu allerletzt dann der Arztbrief, der eigentlich an einen anderen Arzt gerichtet ist. Er ist dem Patienten meist völlig unverständlich, aber eben auch das einzige Dokument, das er mit nach Hause bekommen hat.

 

Auf Grundlage dieser Überlegungen gründeten Johannes Bittner, Anja Bittner und Ansgar Jonietz im Jahr 2011 das Internetportal "Was hab' ich?", als gemeinnützige Initiative von jungen Medizinstudenten und Ärzten. Ziel ist es, Arzt und Patient auf Augenhöhe zu bringen, unabhängig und nicht gewinnorientiert. Im Interview erzählt Johannes, wie er und seine Kommilitonen auf die Idee zum Portal kamen und wie es weiterentwickelt wird.

 

> Johannes, als "Was hab' ich?" gegründet wurde, habt ihr alle selbst noch Medizin studiert. Wie seid ihr auf die Idee gekommen?

Gute Ideen entstehen manchmal, wenn man mit offenen Augen durchs Leben läuft. Wer Medizin studiert, wird folgenden Satz kennen: "Du wirst doch Arzt, kannst du mir das mal erklären?" Familie, Freunde, Freunde von Freunden – jeder hat offenbar großen Informationsbedarf, wenn es um verständliche Gesundheitsinformation geht. Wir haben diese Erfahrung aufgegriffen und uns gefragt: Wen fragt Onkel Herbert wegen seines Befundes, wenn sein Neffe nicht Medizin studiert?

 

> Wie ging es nach der Anfangsphase weiter – es wurde ja recht schnell deutlich, dass sich dieses Projekt rasch vergrößern würde, oder?

Am Anfang sind wir mit unserer Idee für einen "Erklärservice für Arztbriefe" sehr schnell in die Phase des Ausprobierens übergegangen. Nach vier Tagen gab es eine einfache Website im Netz, auf der die Patienten ihre Befunde hochladen konnten. Innerhalb kurzer Zeit nahm die Nachfrage nach diesem kostenfreien Angebot so schnell zu, dass wir unsere Freunde und Kommilitonen um Hilfe gebeten haben. Seitdem haben sich insgesamt über 1.100 Medizinstudierende und Ärzte ehrenamtlich für "Was hab' ich?" engagiert, momentan sind es über 200 aktive Befunderklärer aus dem ganzen Land.

 

> Als wir über das Projekt gesprochen haben, wollte ich gleich auf die Ärzte schimpfen, die ihre Patienten allein lassen mit ihrer Diagnose. Du hast jedoch noch auf einen anderen Aspekt hingewiesen: Die generelle Schwierigkeit, sich an Gesprächsinhalte zu erinnern, vor allem in Stresssituationen. Was für Konsequenzen ziehst du daraus in Bezug auf die Informationspolitik für Patienten? Was könnte man verbessern?

In der Tat scheint die mündliche Form der Informationsübermittlung zwischen Arzt und Patient eine wichtige Rolle in dieser Problematik zu spielen. Bis zu 80 Prozent der Informationen, die der Arzt seinem Patienten mitteilt, werden wieder vergessen – und von dem, was hängen bleibt, ordnet der Patient rund die Hälfte der Informationen falsch ein. Der bekannte "Praxishochdruck" spielt also wahrscheinlich auch in Hinblick auf die Merkfähigkeit eine wichtige Rolle.

 

> Gibt es Pläne von eurer Seite diesbezüglich?

Zunächst ist uns wichtig, dass viele (zukünftige) Ärzte sich diese Fakten bewusst machen. Das lernen die ehrenamtlichen Helfer bei "Was hab' ich?" durch die Befunderklärungen ziemlich gut. Wir hoffen, dass jeder aus unserem Team seine Erfahrungen mit in die Praxis nimmt und dort verständlicher und bewusster mit Patienten spricht. Aber wir versuchen auch, die Situation auf andere Art zu verbessern. Da wir gelernt haben, dass Patienten mit schriftlichen Informationen sehr viel anfangen können, überlegen wir derzeit zum Beispiel, wie Patienten nach ihrem Aufenthalt im Krankenhaus einen verständlichen Patientenbrief erhalten können. Außerdem wollen wir mit Projekten wie dem Befunddolmetscher gut verständliche und patientenorientierte Gesundheitsinformationen im Netz platzieren.

 

> Dein Weg nach dem Medizinstudium ist eher ungewöhnlich – was für Vorteile und was für Nachteile siehst du darin?

"Du willst nach dem Medizinstudium gar kein Arzt sein?", "Dafür hast du sechs Jahre lang Medizin studiert?" Doch, ich möchte Arzt sein, und das Studium war auch nicht umsonst. Ich möchte, wie meine Kollegen bei "Was hab' ich?" auch, Patienten dabei helfen, gesund zu werden oder gut mit ihrer Erkrankung umgehen zu können. Innerhalb der ersten dreieinhalb Jahre haben wir rund 20.000 Patienten weiterhelfen können – das ist ein sehr befriedigendes Gefühl. Der Arztberuf ist unheimlich vielfältig, und er besteht in erster Linie sicherlich im direkten Patientenkontakt. Aber wir haben einen anderen Weg eingeschlagen, der sich bisher auch sehr gut anfühlt.

 

> Du schreibst deine Doktorarbeit über dieses Thema: "Vermittlung von Gesundheitskompetenz durch patientenfreundliche Arztbriefe - Hilfe auf dem Weg zu einer besseren Compliance?". Was reizt dich daran, dich auch wissenschaftlich damit auseinander zu setzen?

Wer einen Patienten im Krankenhaus behandelt und nach einer Woche wieder gesund entlassen kann, weiß, dass er das Richtige bewirkt hat. Bei "Was hab' ich?" ist es nicht so einfach: Wir erklären Befunde und sensibilisieren Mediziner für eine gute Kommunikation zwischen Arzt und Patient. Aber wer sagt uns, dass das auch etwas bewirkt? Die Antwort auf diese Frage versuchen wir, wissenschaftlich zu finden – und damit auch gleichzeitig die Antwort auf die Frage, ob wir auch wirklich das Richtige tun.

 

> Die Nachfrage ist groß - wie könnte eine mögliche Weiterentwicklung des Konzeptes aussehen, um noch mehr Menschen helfen zu können?

Die angesprochenen Themen "Befunddolmetscher" und "Patientenbrief" sind solche Weiterentwicklungen. Unser Ziel ist es, Konzepte zu entwickeln, die auch flächendeckend eingesetzt werden können. Mit der "Ausbildung" unserer ehrenamtlichen Mediziner zu guten Kommunikatoren verfolgen wir ein solches Konzept. So schließen an der Uni Hamburg zum Beispiel PJ-Studenten ihren ersten "Was hab' ich?"-Kurs ab. Auch in Dresden wird es zum Wintersemester ein Wahlpflichtfach geben, in dem man durch Befunderklärungen lernt, wie man komplizierte Sachverhalte leicht verständlich formuliert. Daraus gehen dann viele gute ärztliche Kommunikatoren hervor, die in ihrem späteren Berufsleben Multiplikatoren für eine Patientenkommunikation auf Augenhöhe sind.

 

> Interessierte Studenten können bei euch als Übersetzer mitmachen. Dazu bietet ihr Video Tutorials an und für die ersten Übersetzungen steht ein erfahrener Kollege zur Seite. Wie sieht eure Besetzung momentan aus, sucht ihr noch Leute?

Mitmachen dürfen bei uns alle Humanmediziner, die mindestens im achten Fachsemester studieren. Jeder Neuling wird intensiv in das Netzwerk eingeführt und bei seinen Befunderklärungen persönlich betreut. Denn neben dem Service für Patienten sehen wir uns ja auch als Lern-und Ausbildungsplattform. Die Anmeldung ist unkompliziert möglich. Außerdem suchen wir für unsere neuen Projekte derzeit auch festangestelltes ärztliches Personal. Wer also einen Blick über den Tellerrand werfen möchte, sollte sich unsere Stellenausschreibung ansehen.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Kontakt:
Johannes Bittner
"Was hab' ich?" gemeinnützige GmbH
Bertolt-Brecht-Allee 24
01309 Dresden

Homepage: https://washabich.de/ 

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