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  • 02.03.2020

Das Avicenna-Studienwerk

Das Begabtenförderungswerk Avicenna-Studienwerk vergibt Stipendien für Studierende. Lokalredakteurin Beyza berichtet in diesem Artikel von ihren Erfahrungen – vom Online-Bewerbungsprozess bis hin zum erfolgreichen Auswahlgespräch.

 

A wie Avicenna, B wie Begabtenförderung, C wie Chancen – das Avicenna-Studienwerk ist das jüngste der 13 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Begabtenförderungswerke in Deutschland. Doch wodurch zeichnet sich das Avicenna-Studienwerk überhaupt aus? Wie läuft eine Bewerbung ab? Und wie stehen deine Chancen auf ein Stipendium?

 

Ein Prozent aller Studierenden in Deutschland erhalten ein Stipendium, wie die Sozialerhebung der Studentenwerke zeigt. Der größte wohl bekannteste Stipendiengeber ist die Studienstiftung des deutschen Volkes. Daneben bestehen auch einige politische (z.B. Friedrich-Ebert-Stiftung) und konfessionelle Werke (z.B. das katholische Cusanuswerk). Seit 2014 vergibt auch das muslimische Avicenna-Studienwerk Stipendien an Studierende und Promovierende. Dieses Studienwerk ist nach dem muslimischen Universalgelehrten Ibn Sina (lat.: Avicenna) benannt, der als Brückenbauer zwischen Orient und Okzident gilt, da er einen maßgeblichen Beitrag an der Verbreitung des Wissens aus dem arabischen Raum in Europa hatte.

 

Wie beinahe jedes Studienwerk besteht das Stipendium beim Avicenna-Studienwerk aus einer ideellen Komponente, die sich am Leitsatz „Fördern. Verbinden. Gestalten.” orientiert, und einer finanziellen Komponente, die sich individuell nach Lebenslage zusammensetzt. Das Zusammenspiel beider Komponenten soll den Studierenden und Promovierenden in der Förderung einen Rahmen für die Entfaltung ihrer muslimischen Idenntität sowie ihres fachlichen Potentials bieten.

 

Ideelle Förderung

 

Neben der finanziellen Förderung fußt das Stipendium auf der ideellen Förderung, deren Ziel es ist, die Stipendiat/innen in ihrer Persönlichkeit, in ihrem Horizont und ihrer Spiritualität zu stärken.

 

Fördern

 

Ein Teil der ideellen Förderung ist ein Bildungsangebot, das sich in Form von zahlreichen Seminaren in ganz Deutschland und Bildungsreisen von Spanien bis Malaysia offenbart. Weiterhin findet ein jährliches Treffen statt, das der Vernetzung und dem Austausch aller Stipendiat/innen dient, und zahlreiche Bildungsmöglichkeiten in Form von Workshops ermöglicht.

 

Verbinden

 

Avicenna verbindet – in Form von Freundschaften über ganz Deutschland. Durch die interne Vielfalt an Studienfächern und Engagements der Studierenden bietet das Avicenna-Studienwerk ein breitgefächertes, bundesweites Netzwerk. Innerhalb des Studienwerks wird von einer „Avicenna Family” gesprochen, da man den Kontakt zu den anderen Stipendiat/innen auch außerhalb von stipendiatischen Bildungsveranstaltungen pflegt. Auch Medizinstudent Hüseyin K. stimmt dem zu: „Die Verbindung der Avicenna-Stipendiaten untereinander spürt man auf unterschiedlichste Art und Weise. Von einfachen Gesprächen bis hin zur Vermittlung von Doktorarbeiten und Praktika – wir unterstützen uns gegenseitig in allen Lebensphasen.”

 

Das Studienwerk fördert derzeit 500 engagierte Studierende und Promovierende aller Fachrichtungen. Die Stipendiat/innen sind bundesweit auf sogenannte Regionalgruppen aufgeteilt, die sich monatlich treffen, Zeit miteinander verbringen und neue Projekte planen. „Ich freue mich auf die Zukunft”, betont Hüseyin, „wer bereits als Student in der Lage ist, zu helfen, was vermag dann ein Absolvent des Avicenna-Studienwerks für einen Beitrag für die Gesellschaft leisten?” Dass auch die Mitarbeiter/innen der Stiftung ein persönliches Umfeld vermitteln, und viele Studierende persönlich kennen, trägt dabei erheblich zur familiären Atmosphäre bei.

 

 

 

Gestalten

 

Das Avicenna-Studienwerk bietet seinen Stipendiat/innen die Möglichkeit, sich selbst im Studienwerk einzubringen, wichtige Ämter zu übernehmen, und das Studienwerk aktiv mitzugestalten. Die Möglichkeit, die Bildungsveranstaltungen mitzubestimmen, ermöglicht den Stipendiat/innen auch, ihre fachlichen und organisatorischen Kompetenzen zu stärken. Stipendiat/innen können auch selbstständig Veranstaltungen planen und eigenständig durchführen. Der Besuch der Bildungsveranstaltungen ist vom Studienwerk gewünscht, aber nicht verpflichtend, und wird von den Stipendiat/innen eher als Bereicherung denn Last empfunden.

 

Finanzielle Förderung

 

Finanziell besteht das Stipendium aus zwei Komponenten: der Studienkostenpauschale von 300 Euro, die unabhängig vom Einkommen der Eltern ist, sowie dem Betrag, den man vom BAföG bekommen würde, aber als Stipendium bekommt, und damit nicht zurückzahlen muss. Es gibt noch weitere Leistungen, wie z.B. einen Familien- oder Kinderkostenzuschlag. Auf die finanzielle Förderung von Promovierenden wird hier nicht näher eingegangen.

 

Das Auswahlverfahren

 

Derzeit besteht das Auswahlverfahren des Studienwerks aus zwei Phasen: der Online-Bewerbung und dem Auswahlgespräch, zu dem man bei Erfolg der Bewerbung eingeladen wird.

 

Der Online-Bewerbungsprozess

 

Zuallererst ist wichtig, dass das Avicenna-Studienwerk in der Regel zweimal pro Jahr neue Stipendiat/innen aufnimmt. Eine Bewerbung ist zum 1. April für das darauffolgende Wintersemester, oder für den 1. Oktober für das darauffolgende Sommersemester möglich. Avicenna fördert sowohl Studierende als auch Promovierende; ich befasse mich in diesem Artikel aber primär mit der Studierendenförderung.

 

Zu Beginn der Bewerbung meldest du dich in dem Avicenna-Bewerberportal an. Schnell merkst du, dass die Bewerbung für ein Stipendium gar nicht so kompliziert ist, wie du anfangs immer vermutet hast. Nachdem du ein paar Informationen über deine Person angegeben hast, kommst du auch schnell zum Motivationsschreiben, das den Hauptkern der Bewerbung darstellt. Hier sollst du  deine Gründe für die Bewerbung beim Avicenna-Studienwerk darlegen, aufzeigen, welche Ziele und Visionen du verfolgst, und verdeutlichen, welchen Mehrwert du für das Studienwerk generierst. Je nachdem, ob du dich in deinem letzten Schuljahr befindest, oder bereits im Studium, sind Gutachten deiner Lehrer/innen oder von Lehrenden der Universität über deine Person nötig. Von da an heißt es nur noch: Abwarten.

 

Die Vorbereitung

 

Wenn man den Online-Bewerbungsprozess erfolgreich überstanden hat, steht der nächste Schritt der Bewerbung an: das Auswahlgespräch. Auch, wenn du anfangs das Gefühl hast, für ein Auswahlgespräch eines Stipendiums müsse man sich tagelang vorbereiten, kann ich nach eigener Erfahrung nur sagen, dass Authentizität und Ehrlichkeit das Einzige sind, das du mitbringen musst. Im Auswahlgespräch wirst du nicht irgendwelche Fakten über das Weltgeschehen abgeprüft; was aber nicht bedeutet, dass eine gesunde Portion Allgemeinwissen schadet. Da es selbstverständlich ist, dass man sich vor einem Auswahlgespräch, ja schon vor der Bewerbung für ein Stipendium, mit dem jeweiligen Studienwerk vertraut gemacht hat, um zu schauen, ob sich die eigenen Ziele mit denen des Studienwerks decken, gibt es eigentlich nur eine Sache die du noch tun kannst: Ruhig bleiben! Solange du das vermittelst, wofür du auch wirklich einstehst, kann eigentlich nur alles gut laufen.

 

 

 

Das Auswahlgespräch

 

Beim Begriff des Auswahlgesprächs läuft dem ein oder anderen bestimmt ein Schauer über den Rücken. Oft macht man sich im Vorhinein unnötig viele Gedanken, malt sich jedes Horrorszenario aus. Welche Fragen werden gestellt? Haben die Fragen einen religiösen Bezug? Will mich die Jury auf das Glatteis führen? Ich für meinen Teil denke gerne an mein Auswahlgespräch zurück, weil es eher einer freundlichen Unterhaltung ähnelte, und ich keine Sekunde das Gefühl hatte, man wolle mir etwas Schlechtes. Auch Fatih C., einem Stipendiaten des Avicenna-Studienwerks, erging es ähnlich: „Ich hatte vor dem Gespräch Bedenken, dass ich das strenge Auswahlverfahren nicht bewältigen kann – letztendlich haben sich diese als völlig falsch erwiesen. Selbst wenn ich nicht in das Studienwerk aufgenommen worden wäre, wäre ich dankbar für dieses bereichernde Gespräch gewesen.”

 

Habe ich überhaupt Chancen?

 

Die Assoziation eines Stipendiums geht oft mit dem eines Überfliegers einher, dem die Einsen nur so hinterher geworfen werden. Das sollte dich keinesfalls abschrecken! Man muss meist kein Überflieger sein, um ein Stipendium zu erlangen, wobei gute bis sehr gute Noten natürlich eine der Anforderungen des Bewerberprofils der meisten Studienwerke sind. Vielen Studienwerken, auch dem Avicenna-Studienwerk, ist besonders wichtig, dass man sich ehrenamtlich innerhalb und/oder außerhalb des Studienwerkes engagiert, und mit den eigenen Fähigkeiten einen Mehrwert für die Gesellschaft generiert. Weiterhin sollte man von den Ideen und Zielen des Studienwerks überzeugt sein, und Interesse daran zeigen, dieses aktiv mitzugestalten.

 

Oft neigt man, vor allem als Kind von Nichtakademikern, dazu, die eigenen Leistungen zu unterschätzen. Auch, wenn dir aufgrunddessen vielleicht mehr Steine in den Weg gelegt werden, gibt es letztlich keine Hürde, die du mit einem klaren Ziel vor Augen nicht bewältigen kann. Durch eine Bewerbung für ein Stipendium verlierst du nichts, sondern gewinnst im besten Fall nur. Meist hast du Fähigkeiten, die du nicht als solche wahrnimmst, die dich aber trotzdem auszeichnen. Wie Avicenna sagte: „Du glaubst dich aus dem Nichts und enthältst das Universum.”

 

Du fühlst dich angesprochen? Die aktuelle Bewerbungsphase für ein Stipendium des Avicenna-Studienwerks läuft noch bis zum 01. April 2020.

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