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  • Beyza Saritas
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  • 06.03.2019

Der Präpkurs an der HHU

„Na, hast du denn schon an Leichen herumgeschnitten?” – Eine Frage, die jeder Medizinstudierende wohl früher oder später zu hören bekommt. Die Antwort: Ja, das haben wir Medizinstudenten alle gemacht. Denn uns wurde das Privileg zuteil, an einem menschlichen Körper die Anatomie zu lernen und einen Kurs zu besuchen, der wohl jeden Mediziner auf seinem Weg zum Arztsein geprägt hat.


Zwischen Adrenalin und Angst

So grotesk es klingt, anfangs freut sich wohl jeder Medizinstudent auf den Präparierkurs. Nach unzähligen theoretischen Vorlesungen, Fachbüchern und Tagen, die du sitzend in der Bib verbracht hast, ersehnst du dir endlich eine praktische Tätigkeit. Die Vorfreude, endlich Skalpell und Pinzette in der Hand zu halten, ist groß, denn nirgends fühlst du dich dem Arztberuf im ersten Semester näher als im Präparierkurs. Doch wenn der große Tag näher kommt, dann jagt der Gedanke an das Präparieren dir eher einen Schauer über den Rücken – denn oft ist der Präparierkurs, kurz Präpkurs, die erste Begegnung mit einem Toten.

Gedankenwirrwarr: Fragen über Fragen

„Wie werde ich mich dabei fühlen, einen toten Menschen zum ersten Mal zu berühren? Wie erst wird es sein, den toten Körper aufzuschneiden? Wie werde ich mit dem Geruch von Formalin klar kommen? Bin ich emotional stabil genug, um diese Erfahrung zu verkraften? Kippe ich bei dem Anblick des Körperspenders um? Werde ich auch zu denen gehören, die wegen dem Präpkurs das Studium beenden? Wie lässt sich das, was wir machen, ethisch rechtfertigen?”

Fragen über Fragen, die die anfängliche Freude schneller als du denkst durch Angst ersetzen. Ein Kommilitone von mir bringt es auf den Punkt: „Ich glaube, jeder von uns hatte zu Beginn irgendwie Angst. Klar, manche von uns haben davor schon einmal einen Toten gesehen, beispielsweise bei einer Beerdigung. Aber an einem Leichnam zu arbeiten, der extra für die Präparation konserviert wird, ist nochmal etwas ganz anderes. Dieses Gefühl ist zu Beginn eher an einem Horrorfilm dran, als an der Realität.”

Bereits am ersten Tag sollte ich eine Antwort auf meine Fragen erhalten.

Einführung in den offiziellen Präparierkurs

Bevor der offizielle Präpkurs in Düsseldorf beginnt, kannst du dir im Rahmen einer Einführung den Präpsaal anschauen und auch einen ersten Blick auf einen Körperspender erhaschen. Hierfür stehen dir Medizinstudenten aus höheren Semestern zur Seite, die dir bereits aufkommende Fragen beantworten. Trotzdem hatte ich Angst vor diesem Tag; die Nacht davor habe ich kaum ein Auge zubekommen. Die Einführung war weniger schlimm, als ich erwartet hätte – ein Gefühl, das ich mit vielen anderen teilte. Erleichterung. 

Natürlich fühlt es sich irgendwie surreal an, in einem Saal mit ca. 100 Edelstahltischen zu stehen, auf denen grüne Plastikplanen liegen, in denen schemenhaft Körperspender erahnt werden können. Nichtsdestotrotz führen die höheren Semester dich behutsam an die Körperspender und damit das Arbeitsmaterial eines Jahres heran. Die Angst, die man anfangs empfindet, wird dir so eher genommen, als wenn du direkt mit dem Präparieren anfangen müsstest. Daher rate ich dir, das Angebot wahrzunehmen, damit du den offiziellen Start in den Präpkurs gelassener angehen kannst.

Erster offizieller Tag 

Ausgestattet mit Präpbesteck, Einmalschürzen, Ärmelschonern, einer Packung Einmalhandschuhe, meinem blütenweißen Kittel und einer gehörigen Portion Mut ging es dann auch schon los – der erste Tag des Präparierens. Zuallererst wurden wir von unseren Vorpräparanten aufgeklärt, wie wir die Körperspende an jedem Präptag ein- und auszupacken haben. Wichtig ist, darauf zu achten, dass die Körperspende keinen Schimmel fängt, da bei einem solchen Fall die ganze Mühe umsonst gewesen wäre und die Präparation von vorne aufgenommen werden muss. 

Und ehe wir uns versahen, lag er schon vor uns. Gelbliche Haut, aufgedunsen, die Extremitäten kalt und starr, die Beweglichkeit extrem eingeschränkt – unser Körperspender. Die ersten Schnitte hat unsere Dozentin gesetzt, dann ging es ans Eingemachte. Anfangs noch ganz behutsam und vorsichtig, dann immer gröber und unvorsichtiger, waren wir bald schon dabei, die Haut des Körperspenders zu entfernen. Am ersten Tag des Präparierens ist es vielen von uns schon gelungen, diese Aufgabe vollständig zu erfüllen.

Weitere Tage im Präpkurs

Nachdem die Haut entfernt worden ist, ging es dann auch schon an das mühselige Fettzupfen. Je schmaler dein Körperspender, desto weniger hast du natürlich damit zu tun. In den kommenden Tagen, Wochen und Monaten haben wir uns dann bis auf die Muskeln, Nerven, Arterien und Venen herunter gearbeitet und alles so sauber dargelegt wie möglich. Im Hinterkopf solltest du immer behalten, dass du letztendlich am eigenen Körperspender geprüft wirst; daher sollte dieser natürlich so gut wie möglich präpäriert sein. 

Am Besten teilst du dir mit deiner Gruppe bereits vor dem Präpkurs die Präpgebiete untereinander auf, sodass am Tisch keine große Diskussion darüber entsteht. Schnell wird dir klar werden: Arterien sind nicht rot, Venen nicht blau und Nerven nicht gelb. Und noch schneller wird dir bewusst, dass scheinbar kein Gefäß so aussieht, wie es soll, und dort entlang läuft, wo der Atlas es genau vorhergesehen hat. Den Satz: „Im Prometheus sah das Ganze aber anders aus.”, hörst du die nächsten Wochen sicher mehr als einmal.

Der Sinn des Ganzen

„Der Präpkurs ist unverzichtbar, selbst wenn Gegenmeinungen zu diesem Thema existieren. Kein Atlas, keine Fotografie - nichts könnte ersetzen, was ich in diesem Kurs gelernt habe.” Eine andere Kommilitonin stimmt zu: „Natürlich lernt man einerseits das Fachliche, die Topografie und Lage der Strukturen in ihrer wahren Gestalt. Doch auch menschlich nimmt man enorm viel aus diesem Kurs mit: Demut, Respekt und Dankbarkeit – dafür, dass sich Menschen zu Lebzeiten dazu entschließen, ihren Körper der Wissenschaft zur Verfügung zu stellen, damit wir Medizinstudierenden bessere Ärzte werden können und damit Fortschritt in der Medizin erzielt werden kann.”

Oft lässt der Kurs einen stärker und selbstbewusster werden, und verdeutlicht, wo die eigenen Grenzen wirklich liegen. Der Präpkurs schweißt zusammen – die Devise "Geteiltes Leid ist halbes Leid" bewahrheitet sich auch hier. Alles in allem ist der Präpkurs also eine einmalige Chance, um die menschliche Anatomie in ihrer vollen Komplexität zu lernen und das Fundament deiner ärztlichen Karriere zu bilden – egal ob du Chirurg oder Augenarzt wirst!

 

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