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  • Beyza Saritas
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  • 24.06.2020

Drei Leben für eins

Schicksale wie Schlaganfälle und einem darauffolgenden Hirntod sind nichts, was der Einzelne kontrollieren kann. Mit einem Organausweis liegt es jedoch in unserer Hand, ob wir nach einem Hirntod Leben retten wollen.

 

Hast du dich schon einmal gefragt, wie eure erste Begegnung sein wird? Ob er friedlich auf dich zukommt, oder wie eine Bombe in dein Leben einschlägt? Wirst du mit ihm rechnen, auf ihn warten? Oder trifft er dich unvorbereitet; in dem Moment, in dem du am Wenigsten mit ihm gerechnet hättest? Lässt er sich bei dir Zeit, oder kommt er viel zu früh? Sag mir, wann besucht dich der Tod?

Es war ein Tag wie fast jeder andere im November – an einem grauen, wolkenverhangen Morgen, mitten im Klausurstress, erhielt ich die unheilvolle Nachricht: Schlanganfall. Nicht untypisch, denn ein paar Jahre hatte sie bereits auf dem Rücken. Und trotzdem: unerwartet. Schon seit Jahren lebte sie allein, bekam ab und an Besuch von ihren Kindern. Heute vom Tod höchstpersönlich.

Laut dem Deutschen Ärzteblatt ereignet sich in Deutschland etwa alle drei Minuten ein neuer Schlaganfall. Alle neun Minuten stirbt ein Schlaganfall-Patient. Weltweit ist der Schlaganfall die häufigste Ursache für lebenslange körperliche Einschränkung. 85 Prozent aller Schlaganfälle treten jenseits des 60. Lebensalters auf; ihre Häufigkeit nimmt dabei mit steigendem Alter zu.

Sie wollte eigentlich nur ein bisschen frische Luft schnappen, einige Kleinigkeiten besorgen. Marmelade, Brot, vielleicht zwei Packungen Milch. Hatte sie geahnt, dass sie heute Besuch von ihm bekommen würde? Der Schlaganfall riss sie zu Boden, ließ ihren Kopf gegen die harte Bordsteinkante schmettern. Manchmal male ich mir aus, wie es gewesen sein muss. Hat sie ihr Leben noch einmal Revue passieren lassen, so wie im Film? Hatte sie überhaupt genug Zeit dafür? Ich weiß nur, dass es schnell ging: Krankenwagen, Krankenhaus, Koma. Der Tod wollte sie nicht direkt mitnehmen, ließ sich bei ihr Zeit – um genau zu sein, beinahe zwei Wochen.

Bereits die erste Computertomographie des Schädels zeigte, dass im gesamten Gehirn eine Schwellung vorliegt und zusätzlich schwere Schädigungen lebenswichtiger Areale im Hirnstamm. Nach ausführlicher Beratung mit hinzugezogenen Neurologen und Anästhesisten entschieden sich die Ärzte für eine maximale Intensivtherapie, bei der der Patient in ein künstliches Koma versetzt, beatmet und mit hirndrucksenkenden Medikamenten behandelt wird. Eine Operation am Schädel, um den Hirndruck zu senken, kam in diesem Fall nicht mehr in Betracht. Dafür war es bereits zu spät.

Zuerst starb ihr Hirn. Diagnose: Hirntod. Mit dieser Diagnose starb auch meine Hoffnung, dass sie nach dem Schlaganfall vielleicht noch dieselbe Person wäre. Manchmal hilft ein bisschen medizinisches Wissen, seien es auch nur knapp zwei Jahre Medizinstudium, die Lage realistisch einschätzen zu können. Zu wissen, dass es kein zurück gibt, ist schmerzhaft, aber nicht so schlimm, wie in Ungewissheit zu leben. Wacht sie wieder auf? Wacht sie nicht auf? Aber Wissen ist nicht selten eine Bürde; besonders anderen erklären zu müssen, dass es kein Zurück mehr gibt.

Letztlich begriffen auch die anderen den Ernst der Lage. Es würde kein Wiedersehen, keine letzte Umarmung, keine Möglichkeit geben, auszudrücken, wie viel man sich bedeutet. Alle Hoffnung war erloschen. Angeschlossen an ein Gewirr von Schläuchen, wurde sie mechanisch beatmet. Die Wangen waren rosig, der Brustkorb hebte und senkte sich. Hoch und runter. Hoch und runter. Hoch und runter. Im gleichen Rhythmus. Mit den Leichen aus dem Präpkurs hatte das überhaupt nichts zu tun. Und als sich dann reflexartig noch ihre Finger bewegte, flackerte bei dem ein oder anderen noch ein Fünkchen Hoffnung auf. Vergebens.

Wenn scheinbar Tote sich bewegen, kommen nicht selten Zweifel an der richtigen Diagnose auf. Solche Bewegungen werden aber nicht mehr von den Gehirnzellen gesteuert, sondern vom Rückenmark. Es handelt sich hierbei um Rückenmarksreflexe. Viele Patienten bewegen nach ihrem Hirntod Finger und Zehen. Bewegungen solcher Art treten jedoch bei etwa vierzig Prozent aller Hirntoten auf, wie eine argentinische Studie belegt (Neurology, 11. Januar 2000). „Wir haben herausgefunden, dass Bewegungen nach dem Hirntod der Patienten üblicher sind als bisher angenommen", sagte der Neurologe Jose Bueri vom J. M. Ramos Mejia Hospital in Buenos Aires. „Jeder sollte aber wissen, dass diese Bewegungen Rückenmarksreflexe sind und nichts mit irgendeiner Hirntätigkeit zu tun haben."

Der Kampf, der von Anfang an aussichtslos war, dauerte bei ihr knapp zwei Wochen. Nach ihrem Gehirn versagten bald alle anderen Organe. Wäre sie als Organspenderin geeignet gewesen, dann hätten die Ärzte vielleicht nicht so lange gewartet. Dann hätte es nur noch in den Händen der Angehörigen gelegen, ob ihre Organe anderen Menschen zu neuem Leben verhelfen.

Laut der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) ist 2018 erstmals seit dem Jahr 2010 die Zahl der Organspender wieder deutlich gestiegen. Bundesweit wurden im entsprechenden Jahr 955 Menschen nach festgestelltem Hirntod Organe entnommen. Konkret waren es 1.607 Nieren, 395 Herzen, 779 Lebern, 338 Lungen, 91 Bauchspeicheldrüsen und 3 Dünndärme. Im Durchschnitt wurde laut DSO somit von jedem Hirntoten, d.h. Sterbenden im irreversiblen Hirnversagen, drei schwerkranken Patienten eine „neue Lebenschance geschenkt“.

Drei Leben für eins. Wenn ich ehrlich bin, verstehe ich erst jetzt, wie groß die Bedeutung des Organausweises ist, den ich seit zwei Jahren mit mir herumtrage. Nun begreife ich das Privileg, selbst nach seinem Tod noch Menschenleben retten zu können, vollkommen. Aber ich verstehe nach eigener Erfahrung auch, dass die Entscheidung einer Organspende im Falle eines Hirntodes keine Leichte ist. Auch, wenn man begreift, dass das Gehirn tot ist, und der Körper nur noch eine Hülle, die mechanisch am Leben gehalten wird, so fragt man sich manchmal dennoch: Bleibt die Seele? Man zweifelt an Diagnosen, wenn sich plötzlich Finger und Zehen des vermeintlich Toten bewegen. Man fragt sich, ob der Hirntote wirklich damit einverstanden wäre, dass man seine Organe spendet.  

Letztlich sind Schlaganfälle oder ein Hirntod, nichts, was der Einzelne kontrollieren kann. Mit einem Organausweis liegt es jedoch in unserer Hand – in meiner wie auch deiner – ob wir nach einem Hirntod Leben retten wollen. Drei Leben für eins.

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