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  • Beyza Saritas
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  • 18.07.2019

Ein Jahr Medizinstudium – Mein Resümee

Ein Jahr Medizin, zwei Semester, vier Themenblöcke. Vielleicht nicht genau 365 Tage, aber dennoch genug, um daran zu wachsen, einen anderen Blick auf die Dinge zu bekommen und seine Grenzen besser kennenzulernen.

September 2018 – Zusage für das Medizinstudium

12 Jahre Schulbank drücken, auf die allgemeine Hochschulreife, die Kirsche auf dem Sahnehäubchen, hinarbeiten, um ihn dann endlich in der Hand zu halten: den Zulassungsbescheid für das Medizinstudium. Ich glaube, so euphorisch wie an diesem Tag habe ich mich selten gefühlt. Der Zulassungsbescheid war für mich nicht nur ein Stück Papier, sondern auch die Eintrittskarte in mein Traumstudium. Nach dem Abi dachte ich, dass es kaum etwas gäbe, was ich nicht bezwingen kann. Schließlich war das Abitur doch schon eine besondere Leistung, der höchste Schulabschluss Deutschlands. Viel schwerer konnte es doch nicht werden, oder? Ich sollte bald eines Besseren belehrt werden.

Oktober 2018: die harmlosen Anfänge

Erste Vorlesung, 450 fremde Gesichter. Dazwischen ich – vollkommen orientierungslos. Der Sprung vom Klassenverband mit 20 Schülern in eine anonyme Menschenmasse von Hunderten war groß, oft beängstigend. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich nicht, dass man nicht jeden dieser 450 Leute kennen lernen muss (und nach einem Studienjahr auch immer noch nicht kennt). Auch wusste ich nicht, dass einige dieser Menschen nach einem Jahr meine zweite Familie sein werden. Eine Familie mit der ich lache, weine, mit der ich mich über den Professor beschwere, und mehr Zeit verbringe, als mit sonst jemandem.

November 2018: Schlimmer geht immer

Bevor ich mit dem Studium angefangen habe, sagte jeder Student, wie nichtssagend das Abitur sei. Ein schmunzelnder Blick, wenn ich über die Fülle an Lernstoff sprach, die ich für das Abitur gelernt und in den Prüfungen bewältigt hatte, war keine Seltenheit. „Im Studium lernst du für jede Klausur mindestens so viel wie für das Abitur“ – bis zu dem Zeitpunkt, wo die Vorbereitung auf meine erste Klausur in der Uni anfing, dachte ich ehrlich, alle würden maßlos übertreiben, sich bloß anstellen. Plötzlich war ich aber nicht mehr die Schülerin, die mit dem Lernstoff für das Abitur haderte, sondern steckte selbst in der Haut einer Studentin, die nicht wusste, wie sie den Stoff bis zur Klausur jemals bewältigen soll. „Das schaffe ich niemals, dass ist viel zu viel Stoff in zu kurzer Zeit“ – dieser Gedanke schwirrte mir bestimmt nicht nur einmal durch den Kopf. Die Klausuren wurden bestanden, und damit wurden auch die Maßstäbe, die wir aus der Schule mitbrachten, um ein Vielfaches gehoben. Viel war zu diesem Zeitpunkt ein Wort, von dem ich nun wusste, dass es ganz andere Dimensionen als zu Schulzeiten annehmen kann.

Dezember und Januar 2018/2019: die Toten lehren die Lebenden

Abitur, Pflegepraktikum, Studium – dann Treffen mit dem Tod. Ein Wort, welches nicht wirklich in diese Aufzählung passt, aber umso mehr zum Medizinstudium gehört. Der Umgang mit dem Tod ist kein Leichtes, aber eine Erfahrung, die jeder Medizinstudent irgendwann macht. Der erste Kontakt mit einem Toten lässt nicht wenigen von uns das Herz in die Hose rutschen; noch mehr die Tatsache, dass diese Menschen uns in einem Jahr durch die Anatomie begleiten sollen. Meine prägnantesten Erinnerungen an die Wintermonate sind wohl Dunkelheit und Formalin, mehr verbrachte Zeit im gefürchteten Leichenkeller als draußen. Mitgenommen habe ich Mut, und besonders Demut, gelernt Anatomie – in ihrer vollen Schönheit und Komplexität.

Februar und März 2019: Semesterferien – der Schein trügt

Nach einem Semester voller Höhen und Tiefen standen sie endlich an: die ersten Semesterferien. Wer zu diesem Zeitpunkt dachte, man könne sich wie in Schulferien entspannt zurücklehnen, wurde bitter enttäuscht. Für die meisten von uns stand neben dem verpflichtenden Chemiepraktikum noch das Pflegepraktikum an. Ehe man sich versah, waren die Ferien zu Ende, und bedrohlich wartete bereits das zweite Semester - Erholung suchte man vergeblich.

April – Juli 2019: Ende in Sicht

Ein weiteres Semester, und schneller, als man dachte, war es plötzlich zu Ende: das erste Studienjahr Medizin. Zwischen hunderten Gehirnen im Präparierkurs, Physiologiepraktika, aus denen man genauso unwissend hinaus-, wie hinein ging, und Testaten bis zum Abwinken hat man oft gar nicht gemerkt, wie nah das Ende des ersten Studienjahres rückte. Und plötzlich war es soweit: die letzten Klausuren wurde geschrieben, die Reihen der Hörsääle leerten sich. Ein Jahr Medizin war im Flug vergangen.

Um es kurz zu fassen: das erste Jahr war anstrengend, lehrreich – fachlich und menschlich. Ich lernte, dass Grenzen, von denen ich dachte, sie nie bewältigen zu können, keine Grenzen sind. Ich lernte, dass „viel“ ein subjektiver Begriff ist, und besonders im Medizinstudium ungeahnte Ausmaße annimmt. Ich lernte, dass ich nicht mehr alles können kann - und auch nicht muss. Das Wichtigste, was ich aber nach einem Jahr Studium gelernt habe: das Leben und die Menschen neben dem Studium nicht zu vergessen, das Studium selbst aber auch in vollen Zügen zu genießen – eine der vermutlich prägendsten Zeiten meines Lebens!

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