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  • Sophia Mahler
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  • 08.08.2019

Den Vierten habe ich nicht mehr geschafft - Hausärzte am Limit

Montagmorgen, Punkt acht Uhr, Hausarztpraktikum. Als ich einen Fuß durch die Tür des Aufenthaltsraumes setze, fällt es mir direkt auf: das langgezogene, durch dunkle Augenringe gekennzeichnete, mürrisch zur Tür blickende Gesicht des Arztes. Sekunden später ist es wieder wie hypnotisiert auf den Bildschirm vor ihm gerichtet, die Studentin bereits vergessen. Lehre in der Praxis.

 

Ich setze mich an den reichlich gedeckten Frühstückstisch, umgeben von fröhlichen und quirligen Arzthelferinnen. Gespräche über das Wochenendprogramm, den Urlaub, die Kinder. Der Arzt starrt immer noch auf den Bildschirm, als wäre er allein im Raum. „Er braucht noch ein paar Minuten, um wach zu werden” – bemitleidend wandert der Blick der Arzthelferin erst zu ihm, dann zu mir, ich fühle mich sichtlich fehl am Platz. So beginnt mein einwöchiges Hausarztpraktikum, das mich viel mehr lehren soll, als bloß die Untersuchung des Bewegungsapparats.

Müde erhebt sich der Hausarzt von seinem Platz und schlurft zur Kaffeemaschine – kein Hallo, kein Nicken. „Er hatte heute Bereitschaftsdienst” – die andere Arzthelferin streicht mir entschuldigend über die Schulter. Nach und nach leert sich der Raum, bis nur noch er und ich übrig bleiben. Ich krame das Willkommensschreiben meiner Uni aus den Untiefen meiner Tasche hervor, wage mich mit langsamen Schritten in die Höhle des Löwen. „Nicht jetzt”, sagt eine kräftige, aber ruhige Stimme. Ich verstaue das Dokument wieder zwischen Wasserflasche und iPad in meiner Tasche. Am Ende des Praktikums soll es immer noch dort liegen.

Plötzlich löst sich sein am Bildschirm klebender Blick und eine große, hagere Gestalt steht auf. Schnellen Schrittes schreitet er in sein Sprechzimmer: Patient Nr. 1 wartet bereits ungeduldig. Verdutzt darüber, was ich machen soll, folge ich ihm einfach. Wie soll ich denn sonst etwas lernen? Ich setze mich in die linke Ecke des Sprechzimmers auf den Stuhl und beobachte. Tief versunken in seinem schwarzen Schreibtischstuhl, und eher zu sich, als zu mir sprechend, höre ich nur: „Das müssen wir jetzt im Schnellverfahren machen.” Nr. 1 wird behandelt, Nr. 2 und Nr. 3 sitzen uns schon im Nacken. So geht es den ganzen Vormittag: Schnellverfahren. Nr. 1 bekommt die Schmerzspritze, Nr. 2 wird krank geschrieben, Nr. 3 möchte Akupunkturnadeln. Um 12 Uhr weiß ich gar nicht, wie viele Nummern heute schon behandelt wurden, irgendwann habe ich aufgehört zu zählen. Nur Nr. 5 bleibt mir im Gedächtnis – heute ist sein Todestag.

Um 12 Uhr ist vorerst Schluss: Pause, denke ich. Fehlanzeige. Wir fahren los, Hausbesuche machen. Von der Patientin mit COPD bis zur abdominalen Untersuchung ist alles dabei. Dann stehen die Pflegeheime auf dem Plan, und ein Besuch bei Nr. 5. Das Pflegeheim hatte bereits heute morgen angerufen: Die Vitalzeichen von Nr. 5 lägen im Keller, ob der Arzt vorbeikommen könne. „Keine Zeit”, hat er mürrisch geantwortet. Anweisungen gab es am Telefon. Jetzt haben wir Zeit für Nr. 5 – für seine Leichenschau.

Leichenschau in 10 Minuten – als sei nicht eben ein Mensch gestorben. Als ich über seinen Rücken streiche, bemerke ich, wie warm Nr. 5 noch ist. Heute morgen hat er noch gelebt. „Den Vierten habe ich heute Nacht auch nicht mehr geschafft”. Die heutige Bilanz des Arztes: Bereitschaftsdienst, zwei Stunden Schlaf, zwei Tote.

Ohne Gurt, zwischen Handy und Tablet wechselnd, Überweisungen ausfüllend, fahren wir wieder los. Auf dem Weg zur Suchtklinik, die wir als nächstes ansteuern, habe ich Angst, mich bald zu Nr. 5 zu gesellen. Wie lange wird es brauchen, bis ihm die Augenlider zufallen? Den Rasierapparat in der Hand, eine Hand am Steuer, sagt er nur eines: „Keine Zeit”.

Suchtkliniken sind sonderbare Orte, die Menschen dort noch sonderbarer. Es macht mich traurig, zu sehen, wie den Menschen nur noch eine Sache geblieben ist: ihre Sucht. Tiefe Narben zieren die Arme einer Patientin, die wie die anderen auf ihr Substitutionsmittel wartet. Ihre dunklen, blauen Augen blicken mich traurig an, als unsere Blicke sich treffen. Sie hatte nicht so viel Glück wie viele andere, denke ich.

Auch der Anblick des Hausarztes stimmt mich nachdenklich. Wie ich wohl enden werde, frage ich mich diese Woche nicht nur einmal, als ich ihn nach einigen Telefonaten das Handy auf den Tisch werfen sehe. „Komm, wir fahren zurück.” Auf dem Weg zum Praxisstandort, von dem aus unsere heutige Tour begann, leuchtet es wieder auf, wie auch die ganze Woche: Motoröl auffüllen.

Zwischen Energydrinks und Zeitungen, dem Rasierapparat und hunderten Patienten vergehen schließlich die Tage. Am Ende frage ich mich nun, was den Arzt von den Patienten der Suchtklinik unterscheidet. Auch er hat alles geopfert: nur nicht den Drogen, sondern seinem Beruf. Ein Bild der zerbrochenen Familie hängt an seiner Bürowand.

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