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  • Irmak Güven
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  • 17.05.2021

Ich mach mein Ding – egal was die anderen sagen

"Chirurgie? Machen Sie doch lieber ein Fach, das zur Familienplanung passt." Solche und ähnliche Sprüche müssen sich angehende Ärztinnen immer wieder anhören - so auch Irmak. Klar ist: Es muss sich dringend was ändern, aber sicher nicht ihr Berufswunsch.

 

 

Die sogenannten Patientenpraktika, die im Düsseldorfer Modellstudiengang in die ersten drei vorklinischen Studienjahre integriert worden sind, sind bei Studierenden umstritten. Denn bei den liebevoll mit PP abgekürzten Einblicken in den Alltag einer hausärztlichen Praxis können die Erfahrungen schonmal weit auseinanderklaffen. Ich habe von Komillitoninnen und Kommilitonen gehört, die ein eigenes Praxiszimmer zugewiesen bekommen haben und die Patientinnen und Patienten selbstständig untersuchen durften.

Dann wiederum gab es solche wie mich, die peinlich berührt den lieben langen Tag über die Schulter ihrer Lehrärztinnen und -ärzte lugten und dabei versuchten, besonders professionell – und um jeden Preis nicht gelangweilt – zu wirken. Gelernt habe ich trotzdem einiges: beispielsweise wann eine Überweisung für ein Röntgen-Thorax fällig wird, welche Dinge bei einer Blutentnahme zu beachten sind, um den Kaliumwert nicht versehentlich zu verfälschen und dass ich als angehende Ärztin keinem Lehrarzt Rechenschaft über meine Familienplanung schuldig bin.

Viele Studentinnen werden wahrscheinlich ähnliche Erfahrungen gemacht haben: Kaum äußert man als junge Frauen den Wunsch, Chirurgin zu werden, wird man von den meisten männlichen Kollegen belächelt. Mein PP-Lehrarzt hatte auf ähnliche Weise reagiert, als ich auf seine Frage nach meiner gewünschten Fachrichtung mit "Chirurgie" antwortete. Die Frage nach der zukünftigen Fachrichtung ist häufig die, die Medizinstudierenden gleich zu Beginn eines Praktikums gestellt wird. So weit so gut. Doch mein Lehrarzt ging noch einen Schritt weiter. Ich solle lieber etwas machen, was zu meiner Familienplanung passe. Auf meine Erwiderung, keine Kinder zu planen, versicherte er mir, dass sich das noch ändern werde. Wobei, stockte er, eine Kollegin von ihm sei Chirurgin und habe fünf Kinder. Das könne man ja auch nur als Mann machen, wenn die Frau zuhause bleibe.

An dem darauffolgenden Wochenende habe ich mir lange den Kopf über diese Unterhaltung zerbrochen. Viele Frage schwirrten durch meinen Kopf: Hätte dieser Lehrarzt meinen männlichen Kommilitonen denselben Ratschlag gegeben? Würde er einen Medizinstudenten genauso nach dessen Kinderwunsch fragen wie eine Medizinstudentin? Sind solche Fragen in einem akademisch-professionellen Setting wie diesem angebracht? Rückblickend hätte ich von Anfang an nicht auf diese ermüdend eingefahrene Unterhaltung eingehen sollen. Sie beginnen immer auf die gleiche Weise und enden ähnlich frustrierend.

Denn während das vorliegende Problem vom Wesen her strukturell ist, wird stattdessen der Berufswunsch von aufstrebenden Ärztinnen problematisiert. Sie werden gleichermaßen dafür kritisiert, sich a) Kinder, b) keine Kinder oder c) Kinder und eine Karriere in der Chirurgie zu wünschen. Wie niederschmetternd Multiple-Choice-Fragen sind, bei denen keine der zur Auswahl stehenden Optionen richtig zu sein scheint! Trotzdem werden, so scheint es, veraltete Konventionen beibehalten und weniger der konkreten Entscheidung einer Frau sondern vielmehr den gesellschaftlichen Erwartungen rund um deren Rolle Rechnung getragen.

Die Medizin wird weiblich – das wird zumindest immer wieder suggeriert. Wenn man sich die Erfahrungen Chirurgie-interessierter Medizinstudentinnen anhört, fällt jedoch schnell auf: Trotz jüngster Debatten um genau dieses Thema wird weniger die stockende strukturelle Umsetzung kritisiert sondern diejenigen, die sich davon nicht abhalten lassen wollen. In solchen Situationen ist es umso wichtiger, sich vor Augen zu führen, welche beteiligten Parteien ihre Aufgaben verfehlt haben. Zum Beispiel Kliniken, die ihre Ärztinnen vor die Entscheidung zwischen Karriere und Familie stellen oder Lehrpersonen, die dazu beitragen, den Status Quo beizubehalten und Studentinnen von ihren Zielen abzuraten. Das sind die Dinge, die es zu ändern gilt – nicht meinen Berufswunsch. Ich kann es kaum erwarten, Teil einer Generation von Ärztinnen zu sein, die Rollenbilder neu definiert; die Kompatibilität von Beruf und Familie einfordert; die nicht den Mut verliert und sich den Herausforderungen stellt, um eines Tages zu den Mentorinnen zu werden, die wir selbst gebraucht hätten.

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