• Interview
  • |
  • Beyza Saritas
  • |
  • 22.08.2018

Interview mit Thoraxchirurg Prof. Andreas Granetzny

Lokalredakteurin Beyza war während ihres Pflegepraktikums in der Thoraxchirurgie des Evangelischen Klinikums Niederrhein in Duisburg – einem der akademischen Lehrkrankenhäuser der Universität Düsseldorf. Begeistert vom Chefarzt der Thoraxchirurgie sprach sie im Interview mit ihm über seine Erfahrungen in der Chirurgie und darüber, wie Studenten am Krankenbett lernen.

Prof. Andreas Granetzny © Beyza Saritas


Während des Medizinstudiums oder im Krankenpflegepraktikum trifft man auf eine große Bandbreite an Ärzten – und damit auch auf die verschiedensten Persönlichkeitstypen. Einen besonderen Typus verkörpert der Chefarzt: ein Allrounder unter den Ärzten. Der Aufgabenbereich von Chefärzten umfasst weit mehr als die medizinische Versorgung – zwischen Wirtschaftlichkeit und dem Wohl der Patienten ist ein Chefarzt nicht nur ein Arzt, sondern auch ein Motivator für seine Mitarbeiter. Und das ist wichtig, schließlich ist der Arztberuf von einem besonders fordernden Alltag geprägt.

Während meinem Pflegepraktikum im Evangelischen Klinikum Niederrhein in Duisburg begegnete ich einer solchen Person: Prof. Dr. med. Andreas Granetzny. Nach seinem Medizinstudium an der Universität Leipzig und seiner langjährigen Tätigkeit in der Onkochirurgie in Berlin, wechselte Professor Granetzny an die Universitätsklinik Düsseldorf, wo er in der Herzchirurgie tätig war und sich habilitiert hat. Mehrere Umwege führten ihn zu der Stelle, die er nun seit mehr als 15 Jahren besetzt: den Chefarztposten der Thoraxchirurgie. 

Über 30 Jahre ist Professor Granetzny bereits im Beruf. In einem persönlichen Interview erzählt er mir von sich, seinen Erkenntnissen über das Arztsein und -werden und die Einbindung von Studenten der Universität Düsseldorf in den Krankenhausalltag.

> Die klassische Frage: Warum Thoraxchirurgie?

Natürlich hat es einen Grund, dass ich mich auf die Thoraxchirurgie festgelegt habe, aber man wird ja auch fremdgesteuert durch Zufälle im Leben. Chirurgie wollte ich schon immer machen. Schon als Kind stand für mich nach einer Leistenhernien-OP in meinem siebten Lebensjahr fest, dass ich Arzt werden will. Ich habe dann auch tatsächlich den allgemeinchirurgischen Facharzt gemacht. Danach wollte ich jedoch einen zweiten Facharzt machen und mich auch habilitieren. Damals war es nicht so leicht, eine zweite Facharztstelle zu bekommen. Da ich in meiner allgemeinchirurgischen Zeit jedoch vorwiegend Mammachirurgie gemacht habe, lag es für mich auf der Hand, plastische Chirurgie zu betreiben. Damals gab es aber keine freie Stelle in diesem Bereich. Es war Zufall, dass zu dieser Zeit eine herzchirurgische Assistentenstelle in Düsseldorf frei war, für die ich mich beworben habe. Im Hinterkopf hatte ich jedoch, meinen Schwerpunkt auf die Thoraxchirurgie zu legen. Ich wurde also auch durch Zufälle geleitet. Komplett nach Plan verläuft das Leben sowieso nur selten.

> Was sind die größten Veränderungen der letzten Jahre in der Thoraxchirurgie?

Das ist zum einen die Orientierung in Richtung minimalinvasiver Thoraxchirurgie, die es zwar schon seit langem gibt, die aber jetzt auch fokussiert ist auf die minimalinvasive onkologische Chirurgie. In Deutschland ist das leider noch nicht so etabliert, wie es sein sollte. Wir arbeiten jedoch daran, diese Methodik auszubauen. Der zweite Aspekt ist ein interdisziplinärer Punkt: Alle Patienten, gerade in der Onkologie, werden gemeinsam im Rahmen von Tumorboardveranstaltungen besprochen. Es gibt also keine Einzelentscheidungen mehr, sondern überwiegend interdisziplinäre Entscheidungen.
Weiterhin ist die Orientierung auf Thoraxzentren auffällig, da besonders in der Thoraxchirurgie die Komplikationsrate mit der Fallzahl sinkt: Je mehr Patienten man operiert, desto geringer werden die Komplikationen. In Deutschland gibt es 14 solcher Zentren, in NRW sind es vier und wir sind eines dieser Zentren - entsprechend stolz sind wir darauf.

> Welche Eigenschaften sollte ein guter Thoraxchirurg haben?

Bei dieser Frage bin ich etwas ambivalent – die Chirurgen bedienen ja auch ein Klischee. Oft geht man von dem Klischee aus, dass Chirurgen stahlblaue Augen haben und nie die Ruhe verlieren. Genauso wie bei Menschen insgesamt verschiedene Persönlichkeitstypen existieren, gibt es auch die verschiedensten Typen bei Chirurgen. Im Endeffekt ist es nur wichtig, dass das Ergebnis im OP stimmt und eine gute Leistung erbracht wird. Wie ich zu diesem Ergebnis komme ist eine individuelle Sache. Solange man professionell ist, die Ruhe bewahrt und seine Erfahrungen einbringt, gibt es viele Wege, die einen zum Ziel bringen. Als Chirurg ist es wichtig, empathisch zu sein – es ist auch unsere menschliche Aufgabe, Patienten zu beruhigen und positiv auf sie einzuwirken.

> Was war die herausforderndste Erfahrung, die Sie in ihrer Karriere gemacht haben?

Der Tod einer vierzigjährigen Patientin im OP war eine negative Erfahrung, die ich nicht so leicht vergessen werde. Die Operation fand eine Woche vor der geplanten Hochzeit statt und die Patientin hatte nur einen gutartigen Tumor, kein Bronchialkarzinom. Im OP gab es jedoch Komplikationen. Letztendlich musste ich den Angehörigen, die von guten Nachrichten ausgingen, berichten, dass die Patientin verstorben ist. Natürlich gibt es auch viele positive Erfahrungen – besonders freut es mich, wenn Patienten, die ein hohes Risiko bei den Operationen hatten, geholfen werden kann.

> Was treibt und motiviert Sie nach so vielen Jahren der Arbeit?

Da kann ich mich eines Klischees bedienen: Mich motiviert, dass wir Menschen helfen und Patienten Zuversicht geben. Die Patienten, die mit einem Bronchialkarzinom zu mir kommen, kommen in der Regel mit ihrer Familie und befinden sich in einer Ausnahmesituation. Nach meinen Sprechstunden gelingt es mir jedoch oft, dass die Patienten anders herausgehen, als sie hineingekommen sind, da ich sie überzeugen konnte, dass ich ihnen helfen kann. Es ist auch besonders schön, wenn sich Patienten nach einer Operation bedanken - in dem Bewusstsein, dass wir ihm das Leben gerettet haben. Uns freut es auch, wenn Patienten uns mitteilen, dass sie nicht gedacht hätten, dass eine solch gute ärztliche Betreuung möglich ist. Da sich so etwas auch herumspricht, haben wir oft Patienten aus den verschiedensten Regionen bei uns zur Behandlung.

> Was würden Sie Medizinstudenten oder jungen Chirurgen, die gerade am Anfang ihrer Karriere stehen, raten?

Egal, welches Studienfach man belegt, man sollte sich im Klaren darüber sein, worauf man sich einlässt. Man sollte nicht nur vom Abitur weg direkt in die Uni gehen, ohne ein Krankenhaus von innen gesehen haben. Außerdem sollten die Studenten sich auf das besinnen, was sie als Anspruch an sich selbst haben und sich vor Augen führen, dass ein weiter Weg vor ihnen liegt. Man braucht eine lange Zeit um zu begreifen, warum man dieses und jenes auswendig lernen muss – und dieser Weg führt auch über den Stolperstein namens Physikum.

> Als akademisches Lehrkrankenhaus der Universität Düsseldorf finden sich regelmäßig Studenten hier ein. Wie finden Sie das?

Ich bin seit den 90er Jahren immer an der Universität Düsseldorf gewesen und habe mich an der studentischen Ausbildung beteiligt – zuerst bei den Hauptvorlesungen, dann bei den Modulen und Tutorien. Durch das neue Curriculum haben wir oft Studenten bei uns. Ich stehe dazu grundsätzlich positiv: Ich habe ja auch einmal studiert. Auch ich hatte gute und schlechte Dozenten – das ist auch ein Anspruch an uns. Wenn man sich Mühe gibt, merken das auch die Studenten. Leider wird jedoch durch die Lehre am Krankenbett auch viel ärztliche Arbeitskraft dort absorbiert, die anderorts vielleicht gebraucht wird. Vom Grundsatz her unterstütze ich diese Lehrweise vollkommen – in der Umsetzung hapert es manchmal jedoch. 

Die Studentengruppen, die oft aus vier bis sechs Studenten bestehen, müssen meistens von einem Arzt begleitet werden, sodass immer einer der Kollegen den ganzen Tag über eine Woche lang ausfällt. Wir rotieren hierbei untereinander und lösen diese Aufgabe, je nachdem, wer auf dem OP-Plan steht, gemeinschaftlich. So lernen die Studenten auch verschiedene ärztliche Charaktere kennen. Was ich jedoch kritisch sehe, ist, dass die Studenten teilweise einen zu hohen Anspruch an die Dozenten haben und wir aber im Umkehrschluss teilweise zu wenig Dankbarkeit spüren – oft wird unser Engagement als selbstverständlich wahrgenommen. Die Lehre macht viel mehr Spaß, wenn sie auf Seite der Studenten wertgeschätzt wird.

> Welche Aufgaben dürfen Studenten grundsätzlich übernehmen? Machen Sie Unterschiede, was die verschiedenen Semester betrifft?

Ich würde die Aufgaben nicht nur abhängig vom Semester machen – es geht eher um die Frage der Eignung und Ambition der Studenten. Bevor ich ein Tutorium anfange, frage ich auch nach, was die Studenten später machen wollen – so wird ja auch deutlich, wer in den OP möchte und wer nicht. Mit dem Ausbildungsstand hat das nichts zu tun.

> Wie stehen Sie zum Modellstudiengang der Universität Düsseldorf? Ist der Modellstudiengang lehrreicher als der Regelstudiengang?

Ich glaube, dass die Zukunft das zeigen wird. Da das System in den letzten Jahren durch die Studiendekanate mehrfach gewechselt wurde, kann man diese Frage wahrscheinlich erst in einigen Jahren richtig beantworten.

> Welche Erfahrung haben Sie mit der fachlichen Qualifikation der Studenten der Universität Düsseldorf gemacht?

Ich halte grundsätzlich nichts von den Rankings, die über die verschiedenen Universitäten vorherrschen. Ich denke, jeder kann ein gutes Studium unabhängig vom Ruf der Universität machen. Die Studenten der Universität Düsseldorf sind überwiegend hochmotiviert und gut vorbereitet auf die Tutorien und auch auf den Unterricht am Krankenbett. 

Schlagworte
Mein Studienort

Medizinstudenten berichten aus ihren Unistädten

Werde Lokalredakteur Die Unistädte auf Google Maps
Medizin im Ausland

Erfahrungsberichte und Tipps aus über 100 Ländern

Erfahrungsbericht schreiben Auslands-Infopakete