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  • Beyza Saritas
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  • 27.01.2021

Mein Rückblick auf zwei Jahre Medizinstudium

Euphorisch startete ich ins erste Semester – und merkte schon bald, dass die Stoffmenge im Medizinstudium ungeahnte Ausmaße annehmen kann. In den Anfängen des Studiums habe ich mich nicht nur einmal gefragt, ob ich gut genug für das Medizinstudium bin. Hier mein Resümee.

 

 

Vor zweieinhalb Jahren habe ich meine Tätigkeit als Lokalredakteurin der Universität Düsseldorf für Thieme begonnen; kurz, bevor ich mein Medizinstudium aufgenommen habe. Hin und wieder lese ich meinen ersten Artikel, weil er mich an das erinnert, was ich immer sein wollte: Ärztin aus Leidenschaft. Auch, wenn ich mich nach wie vor privilegiert fühle, Medizin studieren zu dürfen, habe ich während meines Studiums menschlicherweise meine Höhen und Tiefen gehabt.

 

Vor dem Studium: Auf dem Weg zum Zulassungsbescheid

Arzt, Pilot, Lehrer – das sind gefühlt die häufigsten Berufe, die man nennt, wenn man im Kindergarten meint, eine derartig weitreichende Entscheidung über seine berufliche Zukunft treffen zu können. Ich war auch eines dieser Kinder. „Wenn ich groß bin, will ich Ärztin werden“, war meine Universalantwort, wenn jemand mich über meine Zukunftspläne ausgefragt hat. Im Kopf hatte ich dabei Schwärme aus Weißkitteln, endlos scheinende Krankenhausflure, und natürlich Pflaster mit Teddybärenmotiv. Wer hätte gedacht, dass Kindheitsträume sich eines Tages bewahrheiten würden?

Über die Jahre ist dieser Traum etwas in Vergessenheit geraten, von Tag zu Tag verblasst. Autorin werden oder journalistisch tätig sein, war mein neuer Plan in der Mittelstufe. Schließlich hatte ich schon immer gerne geschrieben und gelesen. Für Medizin bin ich doch niemals gut genug. Ärztin werden? Ausgeschlossen. Ich habe lange gezögert, es wieder auszusprechen, und erst in der Oberstufe wieder gesagt: „Ich will Ärztin werden.“ Trotz dessen, dass ich immer eine sehr gute Schülerin war, und meine Leistungen in der Oberstufe nur minimal verbessern musste, blieb sie: Die Ungewissheit. Was, wenn ich mich doch nicht genug in dieser und jener Klausur angestrengt habe? Was, wenn ich – kurz vor der Zielgeraden – meine Abiturprüfungen verhaue? Was, wenn ich keinen Medizinstudienplatz bekomme? Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie viele verschiedene Szenarien ich in meinem Kopf durchgegangen bin, um immer wieder auf das gleiche Ergebnis zuzusteuern: Etwas anderes als ein Medizinstudium kam für mich nicht in Frage. Bis ich meine Abiturergebnisse erhalten habe, saß ich praktisch wochenlang auf heißen Kohlen – bis dann die erlösenden Worte meines Oberstufenkoordinators fielen: „Herzlichen Glückwunsch, Sie haben das Abitur mit Bravour bestanden.”

Bevor ich mein Studium aufgenommen habe, ja überhaupt einen Studienplatz hatte, habe ich mein Pflegepraktikum in einem Lehrkrankenhaus der Universität Düsseldorf absolviert. Erstaunlicherweise war dies mein erster Kontakt mit Krankenhäusern, da ich zuvor weder als Patientin noch Praktikantin im medizinischen Bereich unterwegs war. Hier habe ich ganze drei Monate verbracht, zwei Monate in der Thoraxchirurgie/Kardiologie und einen in der Unfallchirurgie. An mein Pflegepraktikum erinnere ich mich gerne zurück: Drei Monate zwischen Leid und Freude. Ich weiß noch, dass ich Gänsehaut am ganzen Körper hatte, als ich das erste Mal mit in den OP durfte. Und selbst nach zwei Jahren erinnere ich mich (gerne) an bestimmte Patienten zurück. Den ein oder anderen Patienten habe ich im Rahmen einer Famulatur sogar wiedergesehen.

Diese drei Monate, mein erster Kontakt mit der Welt der Krankenhäuser, hätten mich von dem Studium abschrecken können, aber ganz im Gegenteil – nie habe ich mich derart in meiner Wahl bestätigt gefühlt. An dem Tag, an dem die Zulassungsbescheide für die Abiturbestenquote verschickt wurden, hätte man meinen können, mein Herz springt mir gleich aus der linken Brust. Jede zwei Minuten habe ich mich in irgendeinem Patientenzimmer versteckt, um mein Handy verzweifelt nach der Mail abzusuchen, auf die ich so lange hingearbeitet habe. Ich dachte, dass es mit meiner Abiturnote keinen Zweifel gab, bereits im ersten Verfahren eine Zulassung zu erhalten. Und dann: Es kam nichts. Ich wartete und wartete. Die Minuten und Stunden zogen sich wie ein klebriges Kaugummi. Nichts. Keine E-Mail. Die Enttäuschung fraß mich innerlich auf, obwohl ich wusste, dass ein Großteil der Studenten erst im Auswahlverfahren der Hochschulen zugelassen wird, und die Abiturbestenquote mehr auf Glück als einem logischen Verfahren beruht. So musste ich mich also noch ein paar Wochen gedulden, in denen ich jedoch immer mit der unterschwelligen Sorge lebte, dass ich doch keinen Zulassungsbescheid bekomme. Eines Tages im September, ganz plötzlich im Frühdienst, ploppte dann aber die lang ersehnte Nachricht auf dem Bildschirm meines Smartphones auf.  In diesem Moment fiel die ganze Last der letzten Jahre von mir ab: Ich hatte es geschafft! Endlich erhielt ich die Gegenleistung für meine Mühen der letzten Jahre, endlich hatte sich jede geschriebene Klausur, jede hart erarbeitete Note ausgezahlt. Mit diesem Zulassungsbescheid war der Traum kein Traum mehr, sondern Zukunft. Er wurde greifbar.

 

Erstes und zweites Semester: Chinesisch statt Chemisch

Eingeläutet wurde das Studium ganz klassisch mit der Ersti-Woche, die mir ganz besonders in Erinnerung geblieben ist. Denn auch zwei Jahre später noch sind die Leute, die ich damals kennengelernt habe, meine engsten Freunde an der Uni. Auch das Fach Chemie ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Nicht selten habe ich mich gefragt, ob ich im falschen Studiengang gelandet bin, als ich gemerkt habe, welchen großen Stellenwert dieses Fach im ersten Semester des Medizinstudiums der Universität Düsseldorf hat. Zwar hatte ich bis zum Ende der Oberstufe Chemie belegt, jedoch begrenzte sich mein Wissen auf die Herstellung von Gummibärchen und das Färben von Flammen. Es hätte also keinen Unterschied gemacht, wenn man mich chinesisch statt chemisch gelehrt hätte, denn bereits die ersten beiden Vorlesungen lagen deutlich über dem Chemie-Niveau, dass ich gewohnt war.

Natürlich war mir bewusst, dass ich als Studentin ganz anders gefordert würde, als in der Schulzeit. Dennoch dachte ich nicht, dass ich mich bereits in den ersten Uniwochen derart überfordert fühlen würde. Ich wünschte, ich könnte mein Vergangenheits-Ich einmal durchrütteln und zu klarem Verstand bringen, denn ich habe eine ganze Weile gebraucht, um zu merken, dass meine Lernstrategien aus der Schule reif für die Mülltonne sind. So fing ich an, ellenlange Zusammenfassungen anzufertigen, in der Hoffnung, am Ende noch genug Zeit zu haben, um diese zu lernen. Bisher hatte es doch immer so geklappt, oder nicht? Während meine Chemie-LK Kommilitonen kaum überfordert schienen, befand ich mich also in einer Abwärtsspirale aus Verzweiflung und noch mehr Verzweiflung. Auch wenn du es nicht glaubst – nahezu jeder fühlt sich genauso überfordert, dennoch reden die meisten Studierenden nicht offen darüber, wie es ihnen manchmal im Studium ergeht. Irgendwie, ich kann es mir bis heute nicht erklären, habe ich dieses Fach dann bewältigt. Der Gedanke an diese Zeit löst aber selbst im 3. Studienjahr Unbehagen bei mir aus.

Einzig in der Anatomie-Vorlesung habe ich mich wirklich wie eine Medizinstudentin gefühlt. Endlich lernen, wie der Mensch aufgebaut ist, wie er funktioniert. „Das ist ja total viel. Wann sollen wir diese Strukturen lernen? Als müssten wir nicht noch tonnenweise Chemie-Vorlesungen nacharbeiten“, sagte eine meiner Kommilitoninnen damals. Nickend habe ich beigestimmt, habe mir im Kopf schon ausgemalt, dass das Lernen all dieser Fächer zum Scheitern verurteilt ist. Zwar hatte und habe ich sehr große Freude an Anatomie, aber wann sollte ich denn neben Chemie noch hierfür lernen? Rückblickend kann ich darüber nur schmunzeln. Das Medizinstudium fordert einen zweifelsohne, und bringt jeden irgendwann an seine Grenzen. Dennoch wird einem schnell bewusst, wie viel man lernen kann, wenn man muss. Aber kann man mir verübeln, dass ich keinen Schimmer davon hatte, dass der Stoff des ersten Semesters rückblickend nur ein winziger Bruchteil dessen sein sollte, der noch auf mich zukommen würde?
 
Weiße Kittel. Metallene Tische. Muskeln, endlose Ursprünge, Ansätze und Knochenpunkte. Nach einem sehr chemischen Start in das erste Semester war es endlich soweit für den Kurs, den jeder Medizinstudent ehrfürchtig erwartet: Präpkurs. Am Ende des ersten Semesters wurde uns das Privileg zuteil, von den Toten lernen zu dürfen. Von Menschen, die ihre Körper der Wissenschaft geopfert haben, um die Lehre der Mediziner von Morgen zu gewährleisten. Mit dem Präppen war aber nicht nur Praxis verbunden, sondern auch eine Menge Theorie. Das Testat über die Bewegungsanatomie ließ nicht lange auf sich warten. Daher habe mit meiner Pendler-Freundin selbst während der Bahnfahrt jede Minute genutzt, um uns gegenseitig zig Muskelusprünge, Nerveninnervationen und Gelenkarten abzufragen. Als wir mit der Praxis konfrontiert wurden, hat man schnell gemerkt, dass Körperspenden wenig mit den Abbildungen aus dem PROMETHEUS gemein haben (den Nervus ischiadicus kann man aber wirklich nicht übersehen!). Zwischen stundenlangem Präppen bis in den Abend, Seminaren und Famulaturreifekursen kam dann auch irgendwann der Punkt, wo ich jegliches Zeitgefühl verloren, und mich morgens um 8 Uhr in der Bib wiedergefunden habe. In der Nacht vor dem Testat habe ich mir natürlich jedes Durchfallszenario ausgemalt, und kaum ein Auge zubekommen – das viele Lernen hat sich aber glücklicherweise ausgezahlt. Letztlich war es dann doch nicht so schlimm, wie anfangs gedacht.

Da ich in den Semesterferien glücklicherweise kein Pflegepraktikum mehr absolvieren musste, konnte ich nach einem anstrengenden ersten Semester etwas verschnaufen. Im neuen Semester erwarteten mich dann die Biochemie und Physiologie, und damit zahlreiche Zyklen und Prozesse, aber nun auch ein tiefergehendes Verständnis für die Funktion des menschlichen Körpers. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich meine heißgeliebten Zusammenfassungen bereits verworfen, und stieg auf digitale Karteikarten um. Und ehe ich mich versah und überhaupt Zeit blieb, um ein wenig über meine Studienzeit zu reflektieren, war ein ganzes Jahr Medizinstudium bereits vorbei.

 

Drittes und viertes Semester: Digital statt real

Nach Monaten wieder Handschuhe anziehen, den metallenen Tisch berühren, das Thoraxschild abklappern. Ein Herz in den Händen halten, über Lungenbläschen streichen. Wieder testiert werden, diesmal Situs. Das letzte Mal in der Anatomie. Bestanden. Aber diesmal sollte nicht alles so glatt laufen, wie ich es von meinem ersten Studienjahr gewohnt war. Manchmal vergisst man beim Studieren, dass einem auch das Leben dazwischenfunken kann: So kam es, dass ich im dritten Semester in einer Blockabschlussklausur durchgefallen bin, weil ein Todesfall in der Familie meine Lernblase plötzlich zum Platzen gebracht hat. Und ja, anfangs fühlt sich Durchfallen an wie das Ende der Welt – letztlich ist es aber auch nur eine Erfahrung, die man im Laufe seines Studiums macht. Zwischen Biochemie, Physiologie, Anatomie und vielen kleineren Fächern blieb aber gar nicht lange Zeit, um der Klausur nachzutrauern. Nach einer erfolgreichen Klausurwiederholung kann ich dennoch sagen, dass ich diese Erfahrung ungern wiederholen möchte – allein des Stresses in den Semesterferien wegen.

Kaum hatte ich die Klausur wiederholt, bedrohte das Corona-Virus nicht nur die Universität Düsseldorf, sondern auch die ganze Welt. Plötzlich hieß es studieren in der Pandemie; sogar von einem Nullsemester war die Rede. Innerhalb kürzester Zeit wurde real zu digital, Vorlesungen und Seminare fanden vor dem Bildschirm statt, der Kontakt mit Dozenten und Patienten wurde immer weniger. Die Motivation zum Lernen suchte man vergeblich.

 

Fünftes und sechstes Semester: Auf dem Weg zum Physikum

Aktuell befinde ich mich auf der Zielgeraden des fünften Semesters. Während ich diesen Artikel schreibe, sitze ich mit einer brühheißen Tasse Tee an meinem Schreibtisch, und warte auf den Lehrarzt, der mit uns – ironischer könnte es kaum sein – digital einen Praxisblock durchzuführen versucht. Eigentlich hätte ich derzeit im Uniklinikum Düsseldorf Anamnesen durchgeführt, Patienten untersucht und Arztbriefe geschrieben. Besonders jetzt merke ich, wie schwer es manchmal ist, Medizin in einer Pandemie zu studieren. Nach zwei Semestern Online-Uni bleibt nur die Vorfreude auf Campusluft, das Sitzen im vollen Hörsaal und den Kontakt mit Patienten.


Fazit: Das Medizinstudium fordert viel, lehrt aber mindestens genauso wenig.

Zwei Jahre Medizinstudium hatten ihre Höhen und Tiefen. Euphorisch startete ich ins erste Semester, und merkte schon bald, dass die Stoffmenge im Medizinstudium ungeahnte Ausmaße annehmen kann. In den Anfängen des Studiums habe ich mich nicht nur einmal gefragt, ob ich gut genug für das Medizinstudium bin, und ob ich das alles jemals bewältigen kann. Ein Gedanke, der vielen meiner Kommilitonen mindestens einmal durch den Kopf gegangen ist. Letztlich bin ich an jeder Herausforderung gewachsen und habe am eigenen Leibe erfahren dürfen, welche ungeahnten (Lern-)Kapazitäten jeder von uns eigentlich hat. Das Medizinstudium fordert viel, lehrt aber mindestens genauso viel.

Mittlerweile bewege ich mich auf das sechste Semester zu, an dessen Ende sich das erste Staatsexamen befindet. Wie knapp die Hälfte des Medizinstudiums vergangen sind? Ehrlich, ich weiß es nicht. Zu Beginn des Studiums dachte ich, dass 12 Semester niemals ein Ende finden würden. Schließlich hat das Medizinstudium die längste Regelstudienzeit unter allen Studienfächern. Ich kann mich noch erinnern, wie ich mich als verzweifelter Ersti mit einigen Kommilitonen aus höheren Semestern über das Studium unterhalten habe. Damals habe ich mir gewünscht, auch bereits so fortgeschritten zu sein. Jetzt bedauere ich auf der einen Seite, dass das Studium so schnell an einem vorbeizieht, auch wenn ich auf der anderen ungeduldig meinen Studienabschluss herbeisehne. Die Studienzeit geht tatsächlich schneller vorbei, als man denken kann.

Und vielleicht liest du diesen Artikel als neugieriger Ersti, so wie ich damals. Durchforstest alle Seiten des Internets nach Erfahrungsberichten, in der Hoffnung nur Positives über das Medizinstudium zu lesen. Auch wenn es zwei Jahre mit Höhen und Tiefen waren: Die Entscheidung, Medizin zu studieren, habe ich nie bereut.

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