• Bericht
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  • Beyza Saritas
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  • 31.07.2018

Pflegepraktikum auf der Thoraxchirurgie

Krankenpflegepraktikum – 90 Tage, die Medizinstudenten in den ersten zwei Studienjahren in der Pflege ableisten müssen. Drei unbezahlte Monate, in denen du vollzeit tätig bist. Wer nicht vor Studienbeginn einen Teil des Praktikums abarbeitet, der muss bereit sein, seine Semesterferien zu opfern. Doch was hat es mit dem Krankenpflegepraktikum auf sich? Sind die drei Monate wirklich nötig? Und was kannst du aus dieser Zeit mitnehmen?

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Der Wecker klingelt. Etwas widerwillig öffne ich die Augen. Während meine Familienmitglieder noch tief und fest schlafen, ist es für mich Zeit, hellwach zu werden. Die Pflicht ruft: In einer halben Stunde muss ich zur Frühschicht im Krankenhaus antreten. Schlaftrunken begebe ich mich auf den Weg, die Augen kann ich dabei kaum offen halten. Die Straßen sind leer. Das Radio ist auf volle Lautstärke gedreht und hilft mir, wach zu bleiben. Der Radiomoderator liest die Nachrichten vor. Ein wichtiges Thema zur früher Stunde: Unterbesetzung in der Pflege.

Aufgaben am frühen Morgen

Ich muss schon schmunzeln, als ich eine halbe Stunde später im blauen Kasack auf meiner Station stehe. Ein examinierter Pfleger war allein im Nachtdienst. Einer, der für mehr als 50 Patienten zuständig ist. Im Frühdienst sind wir zu dritt – zwei Examinierte und ich als Praktikantin. Die Freude, eine Praktikantin als zusätzliche Hilfe zu haben, ist groß. Nicht so groß wie die Unterbesetzung in der Pflege. Ein letzter Blick auf den Belegungsplan, darauffolgend ein Gähnen. Schon geht es los mit der Morgenrunde: Waschen, Betten und die ersten Medikamente verteilen. 

Nachdem alle Patienten versorgt sind, messe ich Körpertemperatur und Blutdruck. Gelangweilt verdrehen einige Patienten die Augen, als ich das zwanzigste Mal nach Schmerzen und Stuhlgang frage. Im Hintergrund läutet die Schelle. Anfangs noch freudig wahrgenommen, verblasst das Geräusch von Tag zu Tag im Hintergrund. „Ich hole kurz die Schwester“, ein Satz, den ich jetzt schon wie ein Mantra beherrsche. Nach minutenlangem Klingeln ist dies oft das Einzige, was die Patienten hören, wenn wieder einmal die Praktikantin zur Tür hereinkommt.

Warum ein Pflegepraktikum?

Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht über den Nutzen dieses Praktikums nachdenke. Vermutlich werde ich auch nach Praktikumsende weiter darüber philosophieren. Betten schieben, Essen austeilen, dreckiges Geschirr einsammeln und Bettwäsche wechseln. Aufgaben, für die ich keine Ausbildung brauche – die aber dennoch erledigt werden müssen. Aufgaben, die ein erstmal als Belastung angesehener Praktikant ausführen kann, um die Schwestern und Pfleger zu entlasten. Jedenfalls, nachdem man weiß, wo denn die Handtücher und Spannbettlaken sind und nicht wieder und wieder nachfragen muss. Am Gefühl, anfangs eine zusätzliche Belastung zu sein und eher Probleme zu schaffen als helfen zu können, kommt wohl kaum ein Praktikant vorbei.

Zwischen Leben und Tod 

Die Thoraxchirurgie ist ein weitreichendes Gebiet. Da auch einige kardiologische Patienten auf meiner Station liegen, gestalten sich die Krankheitsbilder ziemlich vielfältig. Begriffe wie Stent, PTCA und HK fallen stündlich. Anfangs fühlt man sich etwas verloren in diesem Gewirr von Fachbegriffen. Wenn man jedoch bereit ist, selbst zu recherchieren und nachzufragen, dann gehört man bald auch zu den Leuten, die diese Begriffe auswendig runterrattern.  Beinahe jeden zweiten Tag wird eine Thoraxdrainage gezogen und die Patienten werden von dem Gewusel an Schläuchen befreit. Oft ist die Freude groß, wenn das Drainagesystem nicht mehr überall hin mitgenommen werden muss.

Krankheiten kennen kein Alter – das wird mir besonders bewusst, als ich einen Tag auf der Unfallchirurgie aushelfen muss. Unterbesetzung ist auch hier kein Fremdwort. Während der 16-jährige Patient auf der Chirurgie sich von der lateralen Retinaculumspaltung seines Knies erholt, und darauf hofft, noch viele Jahre gesund und munter zu leben, wird auf meiner Station erfolglos reanimiert. Ein Mensch verlässt diese Welt, während auf der Gynäkologie ein neuer Mensch geboren wird. Leben und Tod, ein unaufhörlicher Kreislauf, der besonders im Krankenhaus präsent ist.

Ich bin gerade dabei, auf eine andere Station zu gehen, als ein lautes Schallen ertönt. Oft wird der Notfallton nur mit dem Lichtschalter verwechselt, öfter gelangen Schwestern außer Puste ins Zimmer der Patienten, um einem entschuldigenden Gesicht gegenüberzustehen. Manchmal aber ist es wirklich ernst. Blass sitzt ein Patient uns gegenüber, übergibt sich und kann vor Schmerzen kaum stillsitzen. In diesen Momenten arbeiten Schwestern und Ärzte Hand in Hand. Ein eingespieltes Team, das nur ein Ziel verfolgt – das Wohl der Patienten.

Abhängigkeit von Mitmenschen

Manchmal gibt es aber auch kurze Augenblicke, in denen nicht so viel Arbeit anfällt. Meist nutze ich diese Zeit, um mehr von den Patienten zu erfahren, den Geschichten hinter den Krankheitsbildern. Eine Patientin wird von ihren Enkeln besucht und blüht dabei auf wie eine verdorrte Pflanze nach einem Regenguss. Wieder wird mir bewusst: Wenn Schmerzmittel nicht mehr helfen, dann tut es manchmal die Liebe. 

Nebenan liegt eine bettlägerige Patientin, die niemand besucht. Sie kann ihre Arme kaum noch bewegen. Auch nicht die Beine oder den Rumpf. Geistig ist sie vollständig gesund, aber ihr Körper verfällt von Tag zu Tag. Gefangen im eigenen Körper, abhängig von Mitmenschen – ich stelle mir vor, wie schlimm es sein muss, in ihrer Situation zu stecken. Wie sehr die Hilflosigkeit einen in den Wahnsinn treiben kann. Daher ertrage ich auch ihr Gemecker darüber, dass das Kissen zu stark gefüllt ist und das Essen nicht gut schmeckt. Auch nachdem die Patientin entlassen wird, denke ich noch oft über sie nach.

Nach acht Stunden auf der Thoraxchirurgie setze ich mich wieder in mein Auto, schließe die Augen. Denke darüber nach, wie die Pfleger und Schwestern das alles schaffen. Die vielen Patienten, die große Verantwortung, die massigen Überstunden. Immer wieder sehe ich, wie die Pfleger, Schwestern und Ärzte an ihre Belastbarkeitsgrenzen stoßen – ein Zustand, der das gesamte Gesundheitswesen durchzieht. Vielleicht liegt auch hier der Nutzen des Praktikums. Realität vermittelt durch das Krankenpflegepraktikum – fernab von Serien wie Grey's Anatomy, Doctor House oder Scrubs. Keine Euphemismen, keine Beschönigungen. Lediglich pure Realität.

 

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